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06.03.2019

Frankreich forciert das Thema künstliche Intelligenz

Inhalt

Landesweit exzellente Ausbildung in Mathematik gilt als gute Grundlage / Von Peter Buerstedde (Februar 2019)

Paris (GTAI) - Frankreich will beim Thema Digitalisierung ganz vorne mitspielen. In der künstlichen Intelligenz strebt das Land den ersten Platz in Europa an. Die Ausgangslage ist gut.

Digitalisierungsstrategie

Das französische Außenministerium hat am 15. Dezember 2017 die Internationale Digitalisierungsstrategie der Regierung vorgestellt (Stratégie internationale pour le numérique). Darin geht es um die Leitlinien der Entwicklung des Internets auf internationalem und europäischem Niveau. Frankreich spricht sich für Netzneutralität aus. Das Land will einen kostengünstigen und offenen Zugang zum Internet für alle Einwohner sowie eine wirksame Bekämpfung von Cyberverbrechen und Desinformation (Fake News). Gleichzeitig stellt die Strategie das Ziel auf, aus Frankreich einen herausragenden Standort bei der Entwicklung der Digitalisierung zu machen.

Neben diesem Grundsatzdokument gibt es einzelne Strategien und Förderprogramme für Teilbereiche der Digitalisierung, zum Beispiel für Industrie 4.0, Autonomes Fahren, künstliche Intelligenz, Cybersicherheit oder die Cloud-Nutzung in der öffentlichen Verwaltung. Auch andere staatliche Strategien und Förderprogramme sowie Verträge, die der Staat mit Akteuren in einzelnen Branchen geschlossen hat, enthalten in der Regel eine Digitalisierungs-Komponente.

Für die Industrie gibt es viele Förderprogramme. Der 2015 gegründete Verein "Alliance Industrie du futur" ist ein Netzwerk von Unternehmen, Verbänden und staatlichen Akteuren. Er unterstützt Unternehmen bei der Digitalisierung der Produktion, der Ausbildung von Mitarbeitern und bei der Internationalisierung. Im Oktober 2018 hat der Verein das Portal French Num zur Förderung der Digitalisierung in kleinen und mittleren Unternehmen ins Leben gerufen.

Um den Einsatz der Automatisierungstechnik voranzutreiben, ist am 1. Januar 2019 eine Sonderabschreibungsmöglichkeit von zusätzlich 40 Prozent auf die Anschaffung von Robotik, 3D-Druckern und Steuerungssoftware wiedereingeführt worden. Diese Sonderabschreibungsmöglichkeit ist bis Ende 2020 befristet. Hinzu kommen Einzelmaßnahmen zur Förderung der Digitalisierung: Ein Beispiel sind Datenzentren, die eine geringere Stromsteuer zahlen.

Strategie für künstliche Intelligenz

Eine stärkere Förderung der künstlichen Intelligenz (KI) wurde bereits unter der Präsidentschaft von François Hollande erwogen. Doch erst im November 2018 wurde unter Präsident Emmanuel Macron eine entsprechende Strategie vorgestellt. Sie verfolgt explizit zwei Ziele: Frankreich soll nachhaltig eine Position unter den fünf führenden KI-Nationen weltweit einnehmen und zur führenden KI-Nation in Europa aufsteigen.

In der Strategie mit dem Namen Artificial Intelligence (AI) for Humanity geht es um drei Themen. Erstens: Frankreich soll für Fachkräfte und Talente, auch aus dem Ausland, attraktiv sein. Zweitens: Die Forschung soll durch die Bereitstellung von Daten gefördert werden. Drittens: Das Land will eine internationale Debatte über die ethischen Aspekte der KI anstoßen, unter anderem im Rahmen der G7-Präsidentschaft des Landes 2019.

Insgesamt will die Regierung bis zu ihrem Mandatsende 2022 über Kredite und Zuschüsse 1,5 Milliarden Euro für die Erforschung der KI zur Verfügung stellen. Vier Forschungsinstitute in Grenoble, Nizza, Paris und Toulouse werden zu KI-Zentren (Instituts interdisciplinaires d'intelligence artificielle; 3IA) ausgebaut und erhalten dafür Fördergelder. Zusätzlich werden außerhalb der vier Zentren 40 KI-Lehrstühle geschaffen. Die entsprechende Zahl der Doktoranden soll auf 500 pro Jahr verdoppelt werden. In Paris wird ein Supercomputer mit einer Rechenleistung von 10 Petaflops pro Sekunde eingerichtet, dies mit finanzieller Unterstützung von Facebook.

Auch die Kooperation mit Deutschland soll ausgebaut werden. Dazu sind Projektwettbewerbe geplant, die mit 3 Millionen Euro im Jahr gefördert werden. Forschungsinstitute auf beiden Seiten sollen enger vernetzt werden.

E-Government

Die Regierung hat im Oktober 2017 eine Reform der öffentlichen Verwaltung (Action Publique 2022) lanciert. Eine wichtige Komponente der Strategie ist der Ausbau des E-Government. So sollen bis Ende 2022 alle Behördengänge im Internet durchgeführt werden können. Ein Fonds über 700 Millionen Euro soll unter anderem Digitalisierungsprojekte im Rahmen der Reform finanzieren.

Im November 2017 ist eine Interministerielle Abteilung DINSIC (Direction interministérielle du numérique et du système d'information et de communication de l'État) geschaffen worden, die direkt dem Premierminister untersteht. Ihr steht der Staatssekretär für Digitalisierung, Mounir Mahjoubi, vor. Sie soll Digitalisierungsvorhaben in der staatlichen Verwaltung vorantreiben und koordinieren.

Seit dem 1. Oktober 2018 werden der Richtlinie der Europäischen Union (EU) folgend öffentliche Beschaffungsverfahren via Internet abgewickelt, ein Meilenstein auf dem Weg zum E-Government. Die Strategie gibt weitere Etappenziele vor. Noch 2019 soll die Einschreibung in Wahllisten, ab 2020 die Anmeldung von Schülern für die Sekundarstufe und ab 2021 die Unternehmensgründung gänzlich per Internet ermöglicht werden. Ab 2019 wird mit der Ausstellung ärztlicher Rezepte per Internet experimentiert.

Frankreich ist bei der Bereitstellung öffentlicher Daten über Programmschnittstellen (Application Programming Interface; API) oder Datenbanken ein Vorreiter in Europa. Portale wie data.gouv.fr oder api.gouv.fr erlauben einen Zugang zu zahlreichen Datensätzen. Das Datenportal FranceConnect ermöglicht es Nutzern, Dokumente, die für verschiedene Verwaltungsschritte gebraucht werden, nur einmal hochladen zu müssen.

Stärken/Schwächen

Die einst stark entwickelte Telekommunikationsindustrie in Frankreich ist eine gute Ausgangsbasis für neue Anbieter von Digitalisierungslösungen. Die Firma Gemalto ist Weltmarktführer bei SIM-Karten für Handys und gleichzeitig ein wichtiger Anbieter für Lösungen in der Cybersicherheit. Französische Forscher waren zudem Pioniere bei der Entwicklung von Übertragungstechnologien im Niedrigfrequenzbereich, denen bei der Digitalisierung in Industrie, Transport und im städtischen Raum künftig eine wichtige Rolle zukommen könnte. Das Unternehmen Sigfox etwa hat in verschiedenen Ländern Niedrigfrequenznetze aufgebaut.

In Frankreich gibt es zudem einige erfolgreiche Firmen, die Lösungen für die Digitalisierung anbieten. Ein prominentes Beispiel ist das Softwareunternehmen Dassault Systèmes. Es gehört zur Dassault Unternehmensgruppe, die auch das Kampfflugzeug Mirage baut. Dassault Systèmes ist als Anbieter von Software für die Produktentwicklung und Simulation weltweit gut positioniert. Das Unternehmen will seine Softwareplattform als Standard für die Industrie 4.0 etablieren.

Im Raum Paris ist in den vergangenen Jahren ein dynamischer Start-up-Sektor mit einem starken Segment an Unternehmen entstanden, die sich mit der für die Digitalisierung in der Industrie wichtigen Datenanalyse befassen. Auf der Abnehmerseite spielen fortschrittliche Anwender in der Industrie eine große Rolle. Die Luftfahrtindustrie mit Airbus sowie die Kfz-Industrie mit Renault und PSA und den großen Zulieferern Valeo und Faurecia sind bei der Digitalisierung der Produktion in Frankreich Vorreiter.

Auch die Maschinenbaubranche und der Mittelstand setzen auf die Digitalisierung. Anders als in Deutschland sind beide Segmente in Frankreich aber sehr viel schwächer entwickelt. Insgesamt ist der Automatisierungsgrad der französischen Industrie geringer als im Nachbarland Deutschland - gleiches gilt für die Robotik. Vor diesem Hintergrund ist die Nutzung von Industrie-4.0-Anwendungen durchaus nicht einfach.

Ausblick

Die Mathematikausbildung in Frankreich ist exzellent. Das hat dazu beigetragen, dass zahlreiche Start-ups im Bereich der Datenanalyse (Big Data) entstanden sind. Auch die Bereitstellung von öffentlichen Daten im Internet ist in Frankreich weit verbreitet. Das zentralisierte Gesundheitssystem verfügt über einen der größten Datensätze an Gesundheitsinformationen weltweit. Diese Daten sollen nach Regierungsplänen für Analysezwecke aufbereitet werden.

Auch im Bereich der Simulationstechnik ist die Entwicklung in Frankreich weit fortgeschritten. Hier kann das Land auf Erfahrungen bei der Entwicklung von Videospielen zurückgreifen. Große Entwicklerfirmen wie Ubisoft und Gameloft sind bei Spielern und Branchenkennern weltweit bekannt. Hinzu kommen Erfahrungen mit Simulationen für die Flugzeugentwicklung, die bei Dassault Systèmes gesammelt werden konnten. Es wird erwartet, dass der Simulationstechnik im Rahmen der Digitalisierung eine immer wichtigere Rolle zukommen wird. Frankreich könnte auch hier in der ersten Liga mitspielen.

Kontaktadressen

Bezeichnung Kontakt Anmerkung
Direction interministérielle du numérique et du système d'information et de communication de l'État (DINSIC) http://www.numerique.gouv.fr Interministerielle Abteilung für Digitalisierung
Alliance Industrie du Futur (AIF) http://www.industrie-dufutur.org Netzwerk für Industrie 4.0
France Num http://www.francenum.gouv.fr Portal für die Digitalisierung von kleinen und mittleren Unternehmen
AI for Humanity http://www.aiforhumanity.fr Webportal der KI-Strategie
Portail de la Transformation de l'Action publique http://www.modernisation.gouv.fr Portal für die Modernisierung der staatlichen Verwaltung
BPI France http://www.bpifrance.fr Staatliche Entwicklungsbank
DataFrance https://datafrance.info Portal für Zugang zu öffentlichen Daten
FranceConnect https://franceconnect.gouv.fr Portal für die Erfassung von Nutzerdaten für öffentliche Dienstleistungen

Nähere Informationen zu Frankreich finden Sie unter http://www.gtai.de/frankreich.

Mehr zum Thema Digitalisierung unter http://www.gtai.de/wirtschaft-digital .

Dieser Artikel ist relevant für:

Frankreich Verwaltung, Administration, Digitalisierung

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