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04.07.2018

Frankreich investiert in die Erneuerung der Bahnnetze

Staatlicher Netzbetreiber SNCF soll saniert werden / Von Peter Buerstedde

Paris (GTAI) - In den kommenden Jahren werden Investitionen in die Erneuerung des französischen Bahnnetzes deutlich ansteigen. Insgesamt sollen bis 2026 voraussichtlich rund 47 Milliarden Euro in die Bahninfrastruktur fließen. Mit den Investitionen will die Regierung zugleich den hochverschuldeten Netzbetreiber SNCF Réseau sanieren. Durch zahlreiche Projekte ergeben sich gute Geschäftschancen für Anbieter von Bahntechnik. (Kontaktadressen)

Der französische Netzbetreiber SNCF Réseau ist eines von drei Teilunternehmen der staatlichen Bahngesellschaft SNCF. Ihm untersteht fast das gesamte Bahnnetz in Frankreich, mit Ausnahme der Metros und Straßenbahnen in verschiedenen Großstädten. Eine Erneuerung des in Teilen maroden Bahnnetzes drängt. Wiederholt haben in der Vergangenheit technische Pannen ganze Bahnhöfe lahmgelegt - wie im Juni 2018 den Pariser Bahnhof Saint-Lazare.

Zudem will die Regierung den hochverschuldeten Netzbetreiber mittelfristig sanieren. Von den insgesamt 54,5 Milliarden Euro Gesamtschulden der Bahngesellschaft SNCF entfielen zum Jahresende 2017 rund 45,2 Milliarden Euro auf SNCF Réseau. Im Rahmen der im Juni 2018 verabschiedeten Bahnreform wird der Staat nun schrittweise 35 Milliarden Euro dieser Schulden übernehmen, sodass bei SNCF Réseau noch rund 12 Milliarden Euro Restschulden verbleiben. Im Gegenzug dazu soll der Netzbetreiber mit dem rentablen Bahnhofsbetreiber SNCF Gares & Connexions zusammengelegt werden.

Ein Großteil der angehäuften Schulden des Bahnnetzbetreibers geht auf den Ausbau der Hochgeschwindigkeitstrassen seit den 1980er Jahren zurück, sowie auf häufige Reparaturarbeiten am maroden Bahnnetz. Erneuerungsinvestitionen, die zugunsten der Hochgeschwindigkeitstrassen vernachlässigt worden waren, sind in den vergangenen Jahren sukzessive angehoben worden - von rund 800 Millionen Euro 2006 auf 2,7 Milliarden Euro 2017. Dies geht aus einem Bericht zur Zukunft des Bahnverkehrs hervor, mit dem die französische Regierung im November 2017 den früheren Chef von Air France-KLM Jean-Cyril Spinetta beauftragt hatte.

SNCF Réseau hat in den vergangenen Jahren etwa gleich viel für die Netzerneuerung aufgewendet wie die deutsche DB Netz (bei etwa gleichgroßem Netz), aber deutlich mehr für Instandsetzungsarbeiten ausgegeben.

Das französische Bahnnetz ist hoffnungslos veraltet

Das Durchschnittsalter des französischen Bahnnetzes wird auf etwa 30 Jahre geschätzt (Deutschland: 17 Jahre). Dies hat in der Vergangenheit zu immer mehr Geschwindigkeitsbegrenzungen geführt, die 2017 auf eine Streckenlänge von 5.500 Kilometern angewachsen sind. Die Signaltechnik ist derart veraltet, dass sie auf der Infrastrukturseite inzwischen der wichtigste Verursacher von Verspätungen im Bahnverkehr ist.

Der größte Teil der künftigen Investitionen in das Bahnnetz beruht auf einem Vertrag zwischen der französischen Vorgängerregierung und SNCF Réseau (Contrat pluriannuel État-SNCF Réseau), der im April 2017 geschlossen wurde. Als Gegenleistung für Effizienzmaßnahmen des Netzbetreibers verpflichtet sich der Staat zu stärkeren Zuschüssen für die Erneuerung des Bahnnetzes und erhöht die Netzentgelte, welche die Bahnbetreiber zu entrichten haben.

MKT201807038001.14

Der Vertrag sieht im Zeitraum von 2017 bis 2026 rund 27,9 Milliarden Euro für die Erneuerung des Bahnnetzes vor. Etwa 4,5 Milliarden Euro sollen in die Sanierung der Schieneninfrastruktur fließen. Dabei geht es um die Sicherheit bei Bahnübergängen, die Ausstattung von Strecken mit Verkehrsleitsystemen (ERTMS), die behindertengerechte Gestaltung von Bahnsteigen und den Lärm- und Umweltschutz. Weitere 1,8 Milliarden Euro sind für Systeme zur effektiveren Inspektionen des Streckennetzes und den Austausch von veralteten Weichen vorgesehen (Programm Vigirail).

Ein Leuchtturmprojekt ist die Einführung eines Verkehrsleitsystems auf der am meisten befahrenen Hochgeschwindigkeitsstrecke von Paris nach Lyon für rund 600 Millionen Euro. In der sogenannten Innovationspartnerschaft Argos werden die Firmen Siemens, Thales, Alstom und Ansaldo STS für SNCF Réseau digitale Stellwerke entwickeln. Im Frühjahr 2019 will der Netzbetreiber Projekte auswählen, aus denen bis 2023 Prototypen hervorgehen sollen. SNCF Réseau wird nach eigenen Angaben für etwa 300 Millionen Euro jährlich 15 Stellwerke austauschen.

Staat und Regionen finanzieren Modernisierung regionaler Strecken

Die genannten Investitionen betreffen die stärker befahrenen Strecken des Bahnnetzes. Kleinere Regionalstrecken werden separat über Verträge zwischen den Regionen, dem Zentralstaat und SNCF Réseau modernisiert. Hier werden alle fünf Jahre Investitionen im Rahmen von CPER (Contrats plan État-Région) vereinbart. Für den Zeitraum 2015 bis 2020 waren etwa 12 Milliarden Euro von insgesamt 28 Milliarden Euro für die Instandsetzung der Schienennetze vorgesehen.

Der Staat hat sich explizit von Vorschlägen zur Schließung unrentabler Regionalstrecken, wie im Spinetta-Bericht vorgesehen, distanziert und wird daher nach Meinung von Beobachtern die Strecken auch über das Ende der derzeitigen Planperiode hinaus unterstützen. Im Vertragsdokument zwischen Staat und SNCF Réseau vom April 2017 werden die Investitionen aus den Regionalplänen bis 2026 fortgeschrieben. Die Investitionssumme könnte sich bei gleichbleibenden Zuwendungen von 2017 bis 2026 auf rund 11,8 Milliarden Euro belaufen. Wichtige Projekte sind hier die Erneuerung der Regionalstrecken (RER) und die Erweiterung der Linie RER E im Großraum Paris sowie der Ausbau des wichtigen Verkehrsknotenpunktes Lyon.

Weitere 200 Millionen Euro an zusätzlichen Mitteln hat die Regierung im Rahmen der Eisenbahnreform zugesagt, die am 14. Juni 2018 verabschiedet wurde. Insgesamt könnten die Investitionen bis 2026 rund 47 Milliarden Euro erreichen. Nach Aussagen von Mitarbeitern von SNCF Réseau arbeitet der Netzbetreiber mit diesen Investitionsvolumina an der Grenze seiner Kapazitäten zur Netzerneuerung. Um die Störungen für den Bahnverkehr zu minimieren ist das Unternehmen dazu übergegangen, Streckenabschnitte länger zu schließen, um die Arbeiten zu konzentrieren. Häufigere kürzere Unterbrechungen hatten den Verkehr vor allem im Großraum Paris in den vergangenen Jahren stark beeinträchtigt.

Weitere Informationen zu Frankreich finden Sie unter http://www.gtai.de/frankreich

Kontaktadressen

Bezeichnung Internetadresse Anmerkungen
AHK Frankreich http://frankreich.ahk.de Berät beim Markteinstieg in Frankreich
SNCF Réseau http://www.sncf-reseau.fr Netzbetreiber

Dieser Artikel ist relevant für:

Frankreich Verkehrsinfrastrukturbau, allgemein, Schienenfahrzeuge

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