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02.06.2016

Frankreichs chemische Industrie erwartet ein stabiles Jahr 2016

Steigende Investitionen / Von Marcus Knupp (April 2016)

Paris (GTAI) - Im Jahr 2015 ist die Produktion der chemischen Industrie in Frankreich um moderate 0,9% gestiegen. Zwar hat sich die Nachfrage in einigen Industriebranchen wie der Kfz-Herstellung aufgehellt, in der Bauwirtschaft blieb die Lage jedoch angespannt. Der Absatz von Kosmetik und Reinigungsprodukten an Privatkunden ließ gegenüber den Vorjahren überraschend an Dynamik nach. Für 2016 erwartet die Branche ein Wachstum von durchschnittlich 1,0 bis 1,5%, beflügelt von einer besseren Gesamtkonjunktur.

Im Jahr 2015 verzeichnet der Dachverband der chemischen Industrie in Frankreich UIC (Union des Industries Chimiques, http://www.uic.fr) ein gegenüber den Vorjahren deutlich verringertes Wachstum der Produktion um durchschnittlich 0,9%. In den ersten neun Monaten ging der Ausstoß insgesamt leicht um 0,4% zurück, im 3. Quartal war jedoch eine merkliche Belebung zu spüren, die sich zum Jahresende stabilisierte. Positive Impulse kamen vor allem von der Spezialchemie, die von der schrittweisen Erholung der Industrieproduktion profitierte. Einen Produktionsrückgang um 2,7% musste die anorganische Chemie hinnehmen infolge einer etwas verzögerten Nachfrage nach Düngemitteln und weiterhin schwacher Baukonjunktur. Die Produktion in der organischen Chemie ging um 1,6% zurück. Schwächer als in den letzten Jahren hat sich außerdem die Nachfrage der privaten Haushalte nach Kosmetik- und Reinigungsmitteln entwickelt.

Konjunkturentwicklung in der chemischen Industrie Frankreichs (reale Veränderung der Produktion im Vergleich zum Vorjahr in %)
Industriesparte 2013 2014 2015 2016 *)
Chemische Industrie insgesamt 1,3 2,8 0,9 1,0
.Anorganische Chemie 3,5 1,3 -2,7 1,0
.Organische Chemie -2,2 4,8 -1,6 0,5
Spezialchemie 1,0 1,8 9,9 1,5
Seifen, Parfüms, Reinigungsmittel 3,2 4,4 -2,7 1,0

*) Prognose

Quelle: UIC

Das Investitionsvolumen erhöhte sich 2015 nach Angaben der UIC gegenüber 2014 um 5,6% von 3,1 Mrd. Euro auf circa 3,4 Mrd. Euro. Allerdings bleibe die Entwicklung wegen zu geringer Nachfrage und weiter bestehenden Überkapazitäten wenig dynamisch. Etwa drei Viertel der investiven Ausgaben fließe zudem in die Anpassung der bestehenden Anlagen an verschärfte Sicherheits- und Umweltauflagen, die in Frankreich oft noch über den EU-weiten Standard hinausgehen.

Für das Jahr 2016 erwartet der Verband ein weiter moderates Wachstum für die chemische Industrie in Frankreich von 1,0%. Die Bank LCL schätzt die Zunahme der Produktion auf real 1,5%.

Leichter Umsatzrückgang bei Agrarchemikalien

Der Umsatz der 50 in der Union des industries de la fertilisation (UNIFA) vereinigten Unternehmen der Düngemittelbranche, die für 94% der französischen Produktion aufkommen, ist 2015 gegenüber dem Vorjahr leicht gesunken. Dies geht in erster Linie auf die geringere Ausbringung von phosphorhaltigem Dünger zurück, während die Verwendung von Stickstoff-, Kalium- und Magnesiumdünger etwas zunahm. Im laufenden Winterhalbjahr 2016 geht UNIFA erneut von geringfügig höherem Verbrauch von Stickstoffdünger sowie niedrigerer Verwendung von Phosphor und Kalium aus. Den Marktanteil von Biostimulantien auf Algenbasis schätzen Experten für 2016 auf etwa 5%.

Auslieferung von Düngemitteln in Frankreich (1.000 t)
Produktgruppe 2012/2013 2013/2014 2014/2015 Veränderung gegenüber 2013/2014 (%)
Stickstoff (Einnährstoffdünger) 6.020,9 6.230,2 6.318,6 1,4
Phosphor (Einährstoffdünger) 324,9 270,8 259,4 -4,2
Kalium und Magnesium (Einnährstoffdünger) 972,1 628,6 665,6 5,9
Zweinährstoffdünger (PK) 608,4 515,1 480,1 -6,8
Mehrnährstoffdünger (NP, NK, NPK, Organisch-mineralisch) 1.546,7 1.552,5 1.460,5 -5,9
Insgesamt 9.473,1 9.197,2 9.184,2 -0,1

*) Anbausaison für einfache Phosphor-, Kalium- und Magnesiumdünger sowie PK vom 1.5. bis 30.4. des Folgejahres, für Mehrnährstoffdünger vom 1.7. bis zum 30.6. des Folgejahres

Quelle: UNIFA (http://www.unifa.fr)

Das französische Landwirtschaftsministerium hat im November 2015 Details zur Umsetzung des Plans zur Verringerung des Einsatzes von Pflanzenschutzmitteln "Ecophyto 2" vorgestellt. Dieser sieht vor, den Verbrauch bis 2020 um 25% und bis 2025 um 50% zu reduzieren. Bereits der 2009 lancierte Vorgänger des Programms sah eine Verringerung des Einsatzes von Pestiziden bis 2018 um 50% vor. Tatsächlich ist die Ausbringung im Durchschnitt der Jahre 2010 bis 2015 um 5% gestiegen. Experimente auf Versuchsbetrieben in den Jahren 2012 und 2013 haben nach Angaben des Ministeriums jedoch gezeigt, dass eine Verringerung der eingesetzten Menge um 10 bis 12% pro Jahr möglich ist.

Dabei setzt der neue Plan verstärkt auf alternative Methoden wie die Biokontrolle oder Fruchtwechsel sowie auf die präzisere Anwendung der Produkte und die genauere Überwachung der Anbaupflanzen. Unter Beteiligung des nationalen agrarwissenschaftlichen Instituts Inra (Institut national de recherche agronomique) sollen neue Methoden zum biologischen Pflanzenschutz entwickelt und die Branche in Frankreich ausgebaut werden. Ein Schritt hierzu war Anfang 2016 die Übernahme der Sparte Bioline des schweizerischen Konzerns Syngenta durch die InVivo-Gruppe, ein Gemeinschaftsunternehmen von 216 landwirtschaftlichen Genossenschaften in Frankreich. InVivo verfügt mit der Filiale Biotop bereits über ein Standbein auf diesem Feld.

Ein neues Element sieht Ecophyto 2 bei der Kontrolle der Erreichung der Zielwerte vor. Jeder Vertriebspartner erhält eine konkrete Vorgabe entsprechend eines nationalen Referenzwertes und seiner Verkäufe in den letzten fünf Jahren. Um diese Vorgabe zu erfüllen, kann er entweder seine Absatzmenge reduzieren oder ab dem 1.7.16 Zertifikate erwerben, die als Äquivalente für eine geringere Verkaufsmenge akzeptiert werden. Diese Certificats d'économie des produits phytosanitaires (CEPP) erhalten Akteure, die Maßnahmen zur Verringerung des Einsatzes von herkömmlichen Pflanzenschutzmitteln durchführen, wie etwa eine Beratung von Landwirten.

Für die quantitative Bewertung sieht das neue Regelwerk anstelle des bisher verwendeten Indikators Nodu (nombre des doses unitaires de substance phytosanitaires vendues, verkaufte Einheiten von Pflanzenschutzmitteln) die Menge der aktiven Substanzen, gewichtet nach ihrer Gefährlichkeit, vor. Der gesamte Plan kann unter http://agriculture.gouv.fr/plan-ecophyto-2015 heruntergeladen werden. Auf der Internetseite E-Phy hat die nationale Agentur für Ernährungssicherheit (Agence nationale de sécurité alimentaire, ANSES) ein Liste aller in Frankreich zugelassenen Pflanzenschutzmittel zugänglich gemacht (https://ephy.anses.fr).

Positive Aussichten für Farben und Lacke 2016 in der Bauwirtschaft

Die von der Branchenvereinigung Fipec (Fédération des industries des peintures, encres, couleurs, colles et adhésifs, préservation du bois, http://www.fipec.org) publizierten Zahlen bis 2014 geben die Verbesserung der konjunkturellen Lage in wichtigen Abnehmerbranchen wie der Automobilindustrie im Jahr 2015 noch nicht wieder. In der Bauwirtschaft deutet sich für 2016 ein Ende der Abwärtsbewegung an, so dass hier weiter steigende Verkäufe zu erwarten sind.

Entwicklung des Verkaufs von Farben und Lacken in Frankreich (reale Veränderung in %)
Sparte 2010 2011 2012 2013 2014
Bauwirtschaft +3,0 +7,6 -0,1 -0,8 +2,1
Privathaushalte -1,6 +2,6 -4,3 -3,0 -4,6
Karosseriebau +5,0 -3,0 -10,0 -4,0 -3,0
Rostschutz -0,6 +11,6 -6,0 -2,3 -8,7
Industrie allgemein +15,0 +10,0 -10,0 +0,2 -8,0
Insgesamt +4,1 +5,8 -6,0 -2,0 -4,4

Quelle: Fipec

Die Zahl der Mitgliedsunternehmen von Fipec ist 2014 auf 149 gegenüber 151 im Vorjahr zurückgegangen. Im Durchschnitt waren es 106 Mitarbeiter. Zu den innovativsten Unternehmen der Branche in Frankreich zählt Mäder aus Lille. Spezialisiert auf Farben für die Eisenbahn- und Flugzeugindustrie, vermarktet Mäder ab März 2016 eine Serie neuer Baufarben, bei denen 98% der organischen Bestandteile pflanzlichen Ursprungs sind.

Das 2014 gegründete Unternehmen OliKrom aus Pessac bei Bordeaux hat "intelligente" Pigmente entwickelt, die in Reaktion auf sich verändernde Umweltbedingungen (Temperatur, Licht, Druck) reversibel oder irreversibel ihre Farbe verändern können. Zu den Anwendungen zählt auch das Sichtbarmachen von Beschädigungen, wie sie zum Beispiel die Luftfahrtindustrie nachfragt. Eine Verfärbung könnte etwa auf ein fragiles Flugzeugteil hinweisen. Bis 2020 will OliKrom zum führenden Hersteller von intelligenten Pigmenten werden.

Das aus der ehemaligen Chemiesparte des Ölkonzerns Total hervorgegangene Unternehmen Arkema hat 2015 von seinem früheren Mutterunternehmen den Hersteller von Klebstoffen Bostik übernommen. Arkema denkt Presseberichten zufolge über weitere Aquisitionen in diesem Bereich nach, um die Stellung von Bostik am Markt weiter zu stärken.

Air Liquide durch Übernahme nun größter Industriegashersteller weltweit

Der Hersteller von Industriegasen Air Liquide hat im Herbst 2015 für 13,4 Mrd. US-Dollar den US-amerikanischen Marktführer in der Sparte Airgas erworben. Mit der freundlichen Übernahme rückt der französische Konzern am deutschen Wettbewerber Linde vorbei auf Platz Eins der Weltrangliste und profitiert von der in den letzten fünf Jahren sehr dynamischen Entwicklung auf dem nordamerikanischen Markt. Aus Synergieeffekten insbesondere im Vertrieb erhofft sich Air Liquide Einsparungen in der Größenordnung von 300 Mio. Euro im Jahr.

Das Institut de Chimie in Clermont-Ferrand hat im Februar 2016 bekannt gegeben, eine poröse Flüssigkeit synthetisiert zu haben, die sich zur Aufnahme und Speicherung von Gasen wie Methan eignet. Hieraus lassen sich neue Prozesse entwickeln.

Der Anteil von synthetischem Kautschuk am Verbrauch der französischen Gummiindustrie hat sich 2015 nach Angaben des Fachverbandes SNCP (Syndicat national du caoutchouc et des polymères, http://www.lecaoutchouc.com) um zwei Prozentpunkte auf 67% verringert, 33% entfielen auf Naturkautschuk. Der Gesamtverbrauch lag mit 374.000 t um 3,9% niedriger als 2014. Der Absatz von Reifen erhöhte sich in Frankreich 2015 gegenüber dem Vorjahr um etwa 3,3%.

Absatz von Reifen in Frankreich (1.000 Stück)
Kategorie 2015 Veränderung (in %)
Pkw (Sommer- und Winterreifen) 27.619 3
SUV 1.537 18
Leichte Nutzfahrzeuge 2.348 -1
Lkw 1.040 4

Quelle: SNCP

Das auf Pflanzenöle spezialisierte Unternehmen Avril will in Zukunft verstärkt aus Raps gewonnene Proteine produzieren. Diese bilden nach Aussage des Unternehmens eine hervorragende Basis für die Herstellung von Holzleimen für die Bauindustrie und könnten dort krebserregende Substanzen ersetzen. Zur weiteren Entwicklung ist die Zusammenarbeit mit dem israelischen Unternehmen Bioploymer Technologies geplant. Mit Dow AgroSciences arbeitet Avril an der Erhöhung des Proteinanteils der Rapskörner um circa 20%.

Steigende Aktivitäten in französischen Raffinerien

Die niedrigen Kraftstoffpreise haben den Absatz von Superbenzin und Diesel in Frankreich 2015 um 0,9% auf 50,53 Mio. Kubikmeter steigen lassen. Der Anteil von Dieselöl am Verkaufsvolumen lag 2015 bei 81,2%. Alle Erdölprodukte zusammen hatten 2015 ein Marktvolumen von rund 60 Mio. t, 1,1% mehr als im Vorjahr. Der gesunkene Preis für Rohöl führte bereits 2014 zu einer deutlichen Steigerung der Aktivität in den französischen Raffinerien, wie das zuständige Generalkommissariat für nachhaltige Entwicklung im Dezember 2015 mittteilte.

Produktion der petrochemischen Industrie in Frankreich (1.000 t)
Produktgruppe 2012 2013 2014
Ethylen 2.362 2.247 2.654
Propylen 1.468 1.396 1.664
C4-Ketten 1.023 957 1.156
Pyrolyse-Benzin für die Herstellung von Aromaten 627 580 678
Pyrolyse-Benzin zum Verkauf 234 267 366
Pyrolyse-Benzin zur Wiedereinspeisung in der Raffinerie 862 579 707
Recycelte Pyrolyse-Benzine 529 625 619
Pyrolyse-Benzin zum Gebrauch 94 71 0
Im Cracker verbrauchtes Schweröl 225 229 184
Schweröl und Teer zur Wiedereinspeisung in der Raffinerie 182 136 161
Im Cracker verbrauchtes Gas 1.259 1.221 1.450
Gas und Hydrogen zur Wiedereinspeisung in der Raffinerie 182 176 173
Verluste und Korrekturen 144 131 109
Gesamte Produktion Dampfphasencracken 9.189 8.614 9.921
Olefine 558 535 543
Grundstoffe für die Aromatenherstellung insgesamt 971 944 1.065
Saldo der petrochemischen Basismaterialien 8.257 8.041 9.082
Veränderung gegenüber Vorjahr (%) -0,6 -2,6 12,9

Quelle: Commissariat général au développement durable (Dezember 2015)

Das 2008 gestartete Projekt FUTUROL, an dem neben den Forschungsinstituten INRA und IFPEN unter anderem auch der Erdölkonzern Total beteiligt ist, arbeitet an der Entwicklung von Bioethanol der 2. Generation. In Reims wurde eine Pilotanlage mit einer Kapazität von 180.000 Litern/Jahr installiert. Eine industrielle Nutzung der Technologie ist für 2018 vorgesehen. Dann sollen bis 180 Mio. Liter/Jahr produziert werden können.

Einen anderen Rohstoff verwendet die ebenfalls für 2018 geplante Bioraffinerie, die das Unternehmen Biométhodes zusammen mit dem norwegischen Papierhersteller Norske Skog an dessen Standort in Golbey in den Vogesen errichten will. Organische Rückstände aus der Papierproduktion sollen dort in Glucose, Pentose oder Lignin umgewandelt werden, die als Basis für Biokraftstoffe oder Bioplastik dienen. Das Investitionsvolumen beträgt 50 Mio. Euro.

(S.K.)

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Frankreich Chemische Industrie, allgemein, Arzneimittel, Diagnostika, Produktionsanlagen für Chemie, Petrochemie und Pharmazie, Kunststoffe und Gummi, Petrochemie, Industriechemikalien, Agrarchemikalien, Farben u. Lacke, Pigmente, Kunststoff- und Gummimaschinen

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