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26.09.2017

Französische Eisenbahnen setzen auf Digitalisierung

Selbstfahrende Züge ab 2021 anvisiert / Von Marcus Knupp

Paris (GTAI) - Die zunehmende Digitalisierung vieler Wirtschaftsbereiche macht auch vor der Eisenbahntechnik nicht halt. Frankreich ist neben Deutschland einer der wichtigsten Standorte der Branche. Entsprechend große Bedeutung hat die Umsetzung von Innovationen im Betrieb der lokalen Eisenbahngesellschaften. Betroffen sind zahlreiche Aspekte von der Zugführung über Dienste für Passagiere bis zu neuen Materialien und einer effizienten Wartungsplanung.

Während selbstfahrende Autos in der öffentlichen Diskussion sehr präsent sind, ist der Betrieb selbstfahrender Züge zumindest in abgeschlossenen Netzen längst Realität. Weltweit sind automatisierte Bahnen, sogenannte People Mover an Flughäfen unterwegs. In Frankreich verkehren seit Jahren mehrere U-Bahnlinien vollautomatisch, darunter die hochfrequentierte Pariser Metrolinie M1 mit einer Kapazität von 725.000 Fahrgästen am Tag. Schwieriger ist die Realisierung des automatischen Betriebs auf der offenen Strecke, wie sie bei der Eisenbahn die Norm ist.

Genau dies will die französische Eisenbahngesellschaft Société Nationale des Chemins de Fer Français (SNCF) in den nächsten Jahren umsetzen. Selbstfahrende Güter- oder Regionalzüge könnten ab 2021 im Rangierbetrieb verwirklicht werden. Ein erster Einsatz selbstfahrender Personenzüge im Regeleinsatz ist für 2022 oder 2023 beim Hochgeschwindigkeitszug Train à Grande Vitesse (TGV) geplant. Der Vorteil ist hier, dass die Schnellzüge in Frankreich auf eigenen Gleisen verkehren, was die Koordination mit anderen Zügen erleichtert. Sehr anspruchsvoll für die Steuerung ist allerdings die Erkennung und Beurteilung von Hindernissen auf der Strecke, etwa die Unterscheidung von Steinen und Laub.

Näher am bereits erprobten Betrieb im Metronetz ist die Automatisierung von S-Bahnen. In diesem Bereich plant die SNCF den Einsatz selbstfahrender Züge auf der Pariser Linie E auf dem zentralen Streckenabschnitt zwischen den Stationen Nanterre und Rosa Parks ab 2022. Die Zugfolge ließe sich hierdurch von 180 auf 108 Sekunden verringern, hofft die Bahngesellschaft. Ein Fahrer soll hier im Gegensatz zu den automatischen U-Bahnen jedoch noch stets an Bord bleiben. Die Steuerung mit dem Namen Nexteo wurde von Siemens entwickelt.

Digitale Vernetzung wird Realität

Etwas weniger komplex und daher näher an der Umsetzung ist die Vernetzung der Züge. Dabei werden ganz unterschiedliche Ziele verfolgt. Ein fast schon klassischer Bereich ist die Installation von Sensoren, die den Betriebszustand einzelner technischer Komponenten wie Bremsen oder Stromabnehmer überwachen und frühzeitig auf notwendige Wartungsarbeiten hinweisen. Auch der Wartungsprozess selbst lässt sich mit spezieller Software erheblich beschleunigen. So hofft das Unternehmen Colas Rail die Produktivität in seinem Bahnbetriebswerk in Grenay bei Lyon durch den Einsatz eines von der Firma Carl Software in Lyon entwickelten digitalen Wartungsmanagement-Systems um 35 Prozent steigern zu können.

Die Firma Traxens aus Marseille hat ein System zur Vernetzung von Seefrachtcontainern entwickelt, das beispielsweise bei den Reedereien CMA CGM (Compagnie Maritime d'Affrètement und der Compagnie Générale Maritime) und MSC (Mediterranean Shipping Company) im Einsatz ist, und dieses auf Güterwaggons übertragen. In Zusammenarbeit mit der SNCF entsteht so eine neue Generation von Güterzügen, bei denen das individuelle Tracking der Ladung ebenso möglich ist, wie die Erhebung von Parametern wie Temperatur und Luftfeuchte im Waggon oder dem Zustand von Bremsen und Gleisen.

Internet im Zug

Große Datenvolumen müssen übertragen werden, um den reibungslosen Internetempfang in einem fahrenden Zug zu garantieren. Zur Realisierung des dazu notwendigen Netzausbaus haben sich die Eisenbahngesellschaft SNCF und die französischen Telekommunikationsbetreiber auf eine gemeinsame Finanzierung geeinigt. Die Telefongesellschaften installieren die Sendemasten entlang der Strecken, die Bahn rüstet ihre Züge mit Wifi-Übertragungsnetzen aus. Ziel ist es, bis 2022 auf 60 Prozent des Streckennetzes einen 4G-Service bereitzustellen. Den Anfang machen die vielbefahrenen Hochgeschwindigkeitsstrecken Paris-Lyon, Lyon-Marseille, Paris-Bordeaux, Paris-Rennes und Paris-Lille, wo der Empfang bereits Mitte 2017 realisiert war. Bis 2018 sollen alle TGV-Linien angeschlossen sein.

Das bedeutet enorme Investitionen für die Telefongesellschaften, die jeweils mehrere Hundert Sende- und Empfangsmasten entlang der Strecken installieren müssen. Dabei konzentriert sich der Marktführer Orange zunächst auf die TGV-Linien. Die Wettbewerber Bouygues Telecom und SFR arbeiten bei der Netzinfrastruktur außerhalb der Ballungsräume zusammen. Sie verfolgen eine Strategie des Ausbaus Region für Region. Die Übertragungssignale werden von den in den Zügen installierten Kommunikationsnetzen aufgenommen und mit einem zuginternen Wifi-Netz den Passagieren zugänglich gemacht.

Zusammenarbeit auf nationaler und europäischer Ebene

Die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit anderen Branchen ist für Yves Ramette, Präsident des Clusters i-Trans mit Sitz in Valenciennes, der Schlüssel für zukünftige Erfolge der Schienenverkehrsindustrie. Unter dem Titel Ultimat betreut i-Trans zum Beispiel die Entwicklung neuer Leichtbaumaterialien für Schienenfahrzeuge. Wichtig für die Stellung im weltweiten Umfeld ist nach Aussagen von Branchenvertretern die weitere Öffnung des innereuropäischen Marktes, um so den Wettbewerb der europäischen Unternehmen untereinander zu fördern und die Umsetzung von Innovationen zu beschleunigen. Eine Vereinheitlichung der relevanten Normungen könnte in den nächsten zehn Jahren erreicht werden, so die Hoffnung im Europäischen Parlament.

(S.K.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Frankreich Internetdienste, Telekommunikations- u. Navigationstechnik (inkl. Mobilfunk), Schienenverkehr

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