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28.03.2019

Französischer Markt für Gebäudeeffizienz vor Wachstumsschub

Energiesparzertifikate als Förderinstrument immer wichtiger / Von Peter Buerstedde (Februar 2019)

Paris (GTAI) - Frankreichs Regierung fordert und fördert energieeffiziente Gebäude. Eine Zertifizierungspflicht macht es deutschen Handwerkern nicht einfach, an Aufträge zu kommen.

Markttreiber und -hemmnisse
Treiber Hemmnisse
Fördermaßnahmen werden angepasst um Wohnungssanierungen anzutreiben Zertifizierungspflicht für Betriebe behindert deutsche Handwerker
Neue, strengere Wärmeschutzverordnung ab 2020 Unübersichtliche Vielzahl an Förderinstrumenten
Investitionen in Höhe von 4,8 Milliarden Euro für Energieeffizienz in öffentlichen Gebäuden Niedrige Elektrizitätspreise bieten kaum Sparanreize

Aktuelle Themen der Energieeffizienzwirtschaft

Der Markt für energetische Sanierungsmaßnahmen in Gebäuden ist in Frankreich im Umbruch. Er ist in den vergangenen Jahren kräftig gewachsen und bietet mittelfristig gute Perspektiven. Die Regierung will mit mehr und gezielterer Förderung eine deutliche Steigerung der Anzahl und der Qualität von Sanierungsmaßnahmen in Gebäuden erreichen (Siehe GTAI-Bericht: "Frankreich will in der Gebäudeeffizienz einen Gang hochschalten", http://www.gtai.de/MKT201903258004). Eine neue Wärmeschutzverordnung (RE2020) ab Anfang 2021 dürfte dem Markt einen deutlichen Schub verleihen. Doch die häufige Anpassung der staatlichen Förderinstrumente und Energieeffizienzvorschriften schafft auch Unsicherheit für die Akteure des Sektors.

Energieversorgern kommt Schlüsselrolle zu

Beim Thema Energieeffizienz fällt den Energieversorgern eine immer wichtigere Rolle zu. Sie müssen in den kommenden Jahren fast doppelt so viele Energiesparzertifikate (Certificats d'Economies d'Energie, CEE) vorweisen wie in den vergangenen Jahren. Diese kann durch Sanierungsmaßnahmen erreicht werden. Um mehr Haushalte, Unternehmen und Gebietskörperschaften für entsprechende Projekte zu gewinnen, versuchen sich die Energieversorger als zentrale Ansprechpartner zu positionieren. Dabei setzen sie auf einfach strukturierte Angebote, Vermittlungsplattformen sowie auf Kooperationen mit Handwerkern und Herstellern von Baumaterial. Dabei hilft ihnen die Förderpolitik der Regierung, die auf eine Vereinfachung der Förderung abzielt.

Wettbewerbssituation und Marktausblick

Die Branche für energetische Sanierung von Gebäuden hat sich in den letzten Jahren vor allem durch staatliche Fördermaßnahmen entwickelt. Nach Erhebungen des Marktforschungsunternehmens Xerfi hatte der Markt 2017 ein Volumen von etwa 16 Milliarden Euro erreicht, seit 2013 ist er wertmäßig um 30 Prozent gewachsen. Das offizielle Ziel von 500.000 Wohnungssanierungen im Jahr und der Austausch von 600.000 Heizungen auf Heizölbasis bis Ende 2020 versprechen der Branche auch in den kommenden Jahren ein kräftiges Wachstum. Dies dürfte dem erwarteten Abschwung im Wohnungsneubau entgegenwirken. Der Hochbauverband FFB (Fédération Française du Bâtiment) erwartet 2019 einen Rückgang der Bautätigkeit um 0,5 Prozent.

Steigende Preise für Zertifikate machen Vorhaben attraktiver

Nicht nur die Energieversorger, sondern auch Handelsketten wie Auchan und Carrefour müssen, da sie auch Tankstellen betreiben, Energiesparzertifikate vorweisen. Handelsketten belohnen Haushalte, wenn sie energetisch sanieren, mit Einkaufsgutscheinen, Energieversorger wie Électricité de France (EDF), Engie oder Gaz Réseau Distribution France zahlen Prämien für Sanierungsmaßnahmen.

Einige Firmen - wie Engie über ihre Tochterfirma CertiNergy - bieten auch Energieberatungsleistungen an. Hier sind neben den privaten Haushalten auch Gebietskörperschaften und Wohnungsgesellschaften im sozialen Wohnungsbau eine gute Klientel. Sie können durch freiwillige Maßnahmen Zertifikate erlangen und diese dann verkaufen.

Die Energieerzeuger haben auch die Möglichkeit, ihr Zertifikatportfolio auf Partnerunternehmen (délégataires) zu übertragen. Die Partner - wie zum Beispiel Vos Travaux Éco oder Effy - bemühen sich über gut strukturierte Informationsportale und im Verbund mit Handwerksfirmen ebenfalls um Projekte.

Um sich als Ansprechpartner zu etablieren, haben sich Handwerker zu Franchiseketten zusammengeschlossen. Beispiele sind Isocomble, FCA und Préservation du Patrimoine. Hinzu kommen Start-ups wie Cozynergy die Paketlösungen anbieten. Auch Franchiseketten und Start-ups arbeiten mit den Energieversorgern zusammen, um ihren Kunden für energetische Sanierungen Prämien anbieten zu können.

Noch versuchen sich viele Firmen auf dem Gebiet der Gebäudeeffizienz zu positionieren. Mittelfristig dürfte es durch die Vereinfachung der Förderung und Netzwerkeffekte zu einer Konzentration in der Branche kommen. Seit 2017 versucht der Staat die Fördermaßnahmen so anzupassen, dass die Zuzahlungen für Haushalte auf ein Minimum sinken und private Anbieter die gesamte Abwicklung und Beantragung der Fördermittel übernehmen.

Anfang 2019 hat die Regierung eine Sonderförderung für den Austausch von Heizungen initiiert, dies zunächst in Zusammenarbeit mit den Unternehmen EDF, Engie, Effy, Total. Durch die Kopplung von Fördermaßnahmen können diese Unternehmen vermögensschwachen Haushalten Angebote zum Austausch von Heizungen machen, bei denen die Zuzahlung auf den symbolischen Wert von 1 Euro begrenzt ist. Alle Haushalte können seit März 2019 für ihren Eigenanteil einen zinsfreien Kredit (Éco-prêt à taux zéro, éco-PTZ), erhalten. In den kommenden Monaten dürften die Energieversorger und andere Anbieter weitere standardisierte Angebote zu festen Preisen einführen.

Zertifizierung behindert deutsche Handwerksfirmen

Als Reaktion auf zahlreiche Betrugsfälle hat der Staat eine Zertifizierung (Reconnu Garant de l'Evironnement, RGE) eingeführt. Seit 2015 müssen Arbeiten, die mit staatlicher Förderung finanziert werden, von zertifizierten Handwerksfirmen durchgeführt werden. Neben der aufwendigen Entsendung von Handwerkern nach Frankreich ist die Zertifizierung ein weiteres Hindernis für deutsche Handwerksfirmen.

Die Regierung plant eine neue Wärmeschutzverordnung, die ab Ende 2020 gelten soll. Diese wird große Auswirkungen auf die Marktentwicklung in vielen Segmenten haben. Unter anderem befürchten die Anbieter von Solar-Warmwasseranlagen, dass künftig ein Großteil der Dachflächen für Fotovoltaik genutzt werden muss.

Es wird auch erwartet, dass die neue Verordnung die Treibhausgasbilanz von Materialien berücksichtigen wird. Damit dürften sich die Absatzchancen für natürliche Dämmstoffe verbessern. Für die großen französischen Baustoffkonzerne Saint-Gobain und Soprema sind das gute Nachrichten, sie haben in den vergangenen Jahren diverse Hersteller von Holzdämmstoffen übernommen.

Sonderkonjunktur bei Wärmepumpen

Der Verband der Anbieter von Heizungen und Klimageräten Uniclima erwartet durch die Sonderförderung für den Austausch von Heizungen Nachfrageimpulse bei Wärmepumpen und Biomasseheizungen. Der Austausch von Fenstern wird über Steuergutschriften weiter vom Staat gefördert. Ab 2020 könnte die Förderung allerdings wegfallen. (Siehe GTAI-Artikel "Frankreich fördert den Einbau doppeltverglaster Fenster", http://www.gtai.de/MKT201901188004).

Kontaktadressen

Bezeichnung Internetadresse Anmerkungen
Germany Trade & Invest http://www.gtai.de/frankreich Außenhandelsinformationen für die deutsche Exportwirtschaft, auch Hinweise zu Ausschreibungen
Exportinitiative Energie http://www.german-energy-solutions.de Informationen zu Veranstaltungen, Markt- und Länderinformationen
Factsheets der Exportinitiative Energie https://www.german-energy-solutions.de/SiteGlobals/GES/Forms/Listen/Publikation/Publikation_Formular.html?cl2Categories_Typ_name=kurzinformationen Allgemeine Energieinformationen zum Land (teilweise mit Technologie- oder Anwendungsfokus)
Deutsch-Französische Industrie- und Handelskammer https://frankreich.ahk.de Anlaufstelle für deutsche Unternehmen
Uniclima http://www.uniclima.fr Verband für Klimatechnik
Energies et Avenir http://www.energies-avenir.fr Verband für nachhaltige Heiztechnik
Fédération Française du Bâtiment (FFB) http://www.ffbatiment.fr Hochbauverband
Confédération de l'Artisanat et des Petites Entreprises du Bâtiment (CAPEB) http://www.capeb.fr Verband des Bauhandwerks
EnerJ Meeting, Paris http://www.enerj-meeting.com Konferenz zu Energieeffizienz
BePositive, Lyon http://www.bepositive-events.com Messe für Gebäudeeffizienz
Interclima, Paris http://www.interclima.com Messe für Klimatechnik

Für tagesaktuelle Informationen zu Energiemärkten und Umwelttechnologien folgen Sie uns auf Twitter: http://www.twitter.com/GTAI_Umwelt

Weitere Informationen zu Frankreich unter http://www.gtai.de/frankreich

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Frankreich Energieeinsparung

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