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28.12.2018

Gebiet Kaluga wird Zentrum der russischen Pharmaindustrie

Auch deutsche Hersteller investieren in der Region / Von Gerit Schulze

Kaluga (GTAI) - Kaluga etabliert sich als neues Zentrum der russischen Pharmaindustrie. Auch deutsche Hersteller produzieren dort bereits, während Maschinenbauer vom Bedarf an Anlagen profitieren.

Die südlich von Moskau gelegene Region Kaluga galt bislang als Hochburg der Kfz- und Elektronikindustrie. Mit Volkswagen, Continental und Samsung haben sich dort namhafte internationale Konzerne angesiedelt.

Ein weiterer Schwerpunkt ist die Pharmabranche, die von der Gebietsverwaltung zum strategischen Industriezweig erklärt wurde, der forschungsintensiv ist und hochqualifizierte Arbeitsplätze schafft. Auch deutsche Unternehmen wissen die Nähe zum Hauptabsatzmarkt Moskau zu schätzen. Vorreiter war die Stada-Tochter Hemofarm, die bereits 2006 in Obninsk eine Fabrik in Betrieb nahm. Die Wissenschaftsstadt (russisch: Naukograd) gilt als Zentrum der Atomphysik mit einem Fokus auf die Nuklearmedizin.

Nach Angaben von Iwan Gluschkow, Direktor für Außenbeziehungen bei Stada Russland, haben sich im Pharmacluster Kaluga schon 62 Unternehmen angesiedelt. Darunter sind zwölf Betriebe mit Lizenz zur Arzneimittelproduktion. Dazu zählen neben Stada weitere internationale Konzerne wie Berlin-Chemie, AstraZeneca und Novo Nordisk sowie russische Hersteller wie Niarmedik und Farmsintes.

Andere Firmen haben sich auf klinische Studien spezialisiert, auf Radiopharmazeutika, auf die Produktion von Substanzen für die Medikamentenherstellung oder auf Verpackungen. Insgesamt soll die Branche im Gebiet Kaluga schon 13.000 Arbeitsplätze sichern und ein Zehntel zum Bruttoregionalprodukt beitragen.

Weitere Investitionsvorhaben stehen bevor. Unter anderem will die russische MirakBioFarma (http://mbpharma.ru) über 10 Millionen Euro in ein Werk bei Malojaroslawez stecken und jährlich bis zu 1 Million Präparate zur Krebsvorsorge produzieren. Eine entsprechende Vereinbarung mit der Gebietsverwaltung wurde im Herbst 2018 unterzeichnet, bis 2020 soll die Fabrik in Betrieb gehen. Schon ein Jahr vorher plant Mir-Farm in der Sonderwirtschaftszone Kaluga den Produktionsstart für Wirksubstanzen. Zwei weitere Investoren stehen in den Startlöchern, berichtet Irina Nowikowa, Geschäftsführerin des Pharmaclusters Kaluga (http://www.pharmclusterkaluga.ru).

Projektmanager und Maschinenlieferanten gesucht

Aufgrund der dynamischen Entwicklung hatte die Deutsch-Russische Auslandshandelskammer (AHK) Ende November 2018 eine Delegationsreise deutscher Unternehmen in die Region organisiert. Das Interesse an der Veranstaltung war groß, denn für den Ausbau der Pharmabetriebe sind Planungs- und Projektmanagement ebenso gefragt wie Granulatoren, Mixer, Trocknungstechnologie, Verpackungsmaschinen, Test- und Diagnostikgeräte, Ventile sowie Schlauch- und Drucklufttechnik.

Beim Besuch der Firmen wurde deutlich, dass deutsche Anlagen weiter hoch im Kurs stehen, wegen des Rubelverfalls und der schwierigen Wirtschaftslage aber zunehmend chinesische Anbieter Aufträge bekommen. Geschäftsmöglichkeiten gibt es dennoch: Zum Beispiel durch die neue Vorschrift in Russland, nach der Arzneiverpackungen ab 2020 mit einem individuellen DataMatrix-Code gekennzeichnet werden müssen. Gesucht sind Anbieter von Track and Trace Technologie, Druckern und IT-Lösungen. Die Stada-Tochter Hemofarm in Obninsk gehört zu den Pilotfabriken bei der Vorbereitung des Projekts.

Nach Einschätzung von Stada-Manager Gluschkow sind inzwischen alle wichtigen internationalen Hersteller, für die eine lokale Produktion Sinn macht, in Russland präsent. "Die Mehrheit von ihnen produziert hier für den einheimischen Markt." Die nächste Phase der russischen Pharmastrategie ziele darauf ab, den Export ins Visier zu nehmen. Der Pharmacluster Kaluga wolle verstärkt Hersteller von aktiven pharmazeutischen Wirkstoffen gewinnen, um die Wertschöpfung zu vergrößern.

Investoren loben die regionale Verwaltung

Lokale Wirkstoffe und pharmazeutische Rohstoffe würde gern auch Berlin-Chemie sourcen, "wenn das Angebot und die Qualität da wären", sagt Vorstand Christian Matschke. Seit 2014 produziert das Unternehmen in Kaluga, muss seine Ausgangssubstanzen aber vor allem aus China und Indien beziehen. Für den ostdeutschen Pharmahersteller ist Russland einer der wichtigsten Auslandsmärkte. "Wir erreichen mit dem eigenen Werk einen schnelleren Marktzugang", erklärte Vorstand Matschke beim Besuch der AHK-Delegation.

Die Fabrik sei sehr schnell, innerhalb von zwei Jahren, gebaut worden. "Wir sind mit der Region und vor allem dem Gouverneur sehr zufrieden und halten das Gebiet Kaluga für eines der wirtschaftsfreundlichsten in ganz Russland." Derzeit produziert Berlin-Chemie dort 15 rezeptfreie Arzneimittel (OTC) und Generika, geplant ist eine Erweiterung auf 22 Präparate.

Beim Bau der Fabrik mussten einige russische Besonderheiten berücksichtigt werden. So hat die Fabrik ein eigenes Heizkraftwerk zur Wärme- und Dampferzeugung, eine Notstromversorgung sowie eine Wasserreinigungsanlage. Die Ausrüstungen für Tablettenpressung, Beschichtung und Verpackung hat überwiegend die italienische IMA Group geliefert (Berlin-Chemie gehört zum Menarini-Konzern). Einige Anlagen wie Mischer, Granulierer und Container kamen vom Münsterländer Maschinenbauer L.B. Bohle.

Neben Kaluga profilieren sich südlich von Moskau auch Obelensk und Podolsk als Standorte für die Arzneimittelproduktion. Beide liegen im Moskauer Gebiet. Obolensk profitiert vom örtlichen Institut für angewandte Mikrobiologie (http://www.obolensk.org). Dort erweitert zurzeit das Unternehmen Firn-M (http://firnm.ru) seine Produktion von Grippepräparaten (Tropfen, Sprays, Salben). Die Biotech-Firma ist sehr an einer Zusammenarbeit mit deutschen Ausrüstungslieferanten interessiert, erklärte Vizedirektor Sergej Korowkin beim Besuch der AHK-Delegation.

Das gilt auch für Petrovax in Podolsk, einem Spezialisten für Impfstoffe, vorgefüllte Spritzen, Ampullen, Medikamente und Kosmetika. Das Unternehmen baut derzeit eine dritte Produktionslinie und plant drei weitere Linien. Nach Firmenangaben kauft Petrovax seine Produktionsanlagen überwiegend in Deutschland, Italien und China ein.

Herstellung von Arzneimitteln boomt seit einem Jahrzehnt

Russlands Arzneimittelmarkt hat in den vergangenen zehn Jahren ein stürmisches Wachstum erlebt. Ausgelöst durch die Regierungsstrategie Pharma-2020, die im Jahr 2009 gestartet wurde, sind die Absatzzahlen von 300 Milliarden Rubel auf aktuell rund 1 Billion Rubel gestiegen (13,2 Milliarden Euro). Der Marktanteil russischer Hersteller ist laut Industrieministerium von 20 Prozent (2009) auf etwa 30 Prozent gestiegen - bei deutlich gewachsenem Volumen. Russische Pharmabetriebe erwarten für 2018 einen Produktionswert von umgerechnet fast 4 Milliarden Euro.

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll und Ausschreibungen in Russland sind unter http://www.gtai.de/russland abrufbar.

Dieser Artikel ist relevant für:

Russland Arzneimittel, Diagnostika, Produktionsanlagen für Chemie, Petrochemie und Pharmazie

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