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28.07.2016

Gesundheitsmärkte in Lateinamerika trotzen dem Wirtschaftsabschwung

Weniger von Haushaltseinschnitten betroffen als andere Bereiche / Von Peter Buerstedde

Bonn (GTAI) - Lateinamerika nimmt nur 4% der deutschen Medizintechnikexporte ab, die Gesundheitsausgaben und Einfuhren von Medizintechnik sind dort in den letzten Jahren aber kräftig gestiegen. Der Einbruch bei den Rohstoffpreisen hat die Regierungen vielfach zu Haushaltseinschnitten gezwungen. Der Gesundheitssektor wurde zwar weitgehend verschont, aber der Druck steigt, den Kostenanstieg durch Spar- und Effizienzmaßnahmen zu dämpfen.

Weltweit sind die Gesundheitsausgaben zwischen 2000 und 2013 um 7,2% pro Jahr gestiegen, in Lateinamerika um 9,6%. Dies geht vor allem auf die Ausweitung der öffentlichen Gesundheitsfürsorge auf zuvor unterversorgte Bevölkerungsgruppen zurück sowie auf eine wachsende, kaufkräftige Mittelschicht, die bessere Gesundheitsdienstleistungen nachfragt. Rasant gewachsen sind auch die Importe von Medizintechnik. Die Produktion von Medizintechnik ist in der Region nur schwach entwickelt, und der Großteil des Bedarfs wird importiert. In den zehn Jahren bis 2015 sind die Einfuhren im Durchschnitt zweistellig pro Jahr gestiegen, so in Brasilien (12,3%), Kolumbien (12,5%), Chile (12,0%), Argentinien (14,0%) und Peru (15,0%).

Demografie und Fettleibigkeit treiben Kosten in die Höhe

Die Bevölkerung in Lateinamerika wird in den kommenden Jahrzehnten wachsen und zudem altern. Die Anzahl der Menschen über 65 Jahre wird sich in der Region bis 2030 von 48 Mio. auf 86 Mio. fast verdoppeln. Gleichzeitig sind chronisch-degenerative Krankheiten weiter auf dem Vormarsch. Fettleibigkeit ist vor allem in Mexiko und Chile, aber auch in den anderen Ländern der Region ein wachsendes Problem, das immer stärker auch in den Blickpunkt der staatlichen Gesundheitspolitik rückt.

Importe von Medizintechnik (HS 9018-9022, 9402; in Mio. US$)
Land 2010 2013 2014 2015
Argentinien 428,2 548,8 594,7 740,9
.aus Deutschland *) 12,2 11,9 12,3 9,8
Brasilien 2.210,3 2.820,0 2.809,9 2.350,1
.aus Deutschland *) 13,7 14,0 14,3 12,5
Chile 400,4 632,6 639,4 668,5
.aus Deutschland *) 12,4 14,8 15,6 13,6
Kolumbien 597,6 854,4 975,7 870,2
.aus Deutschland *) 10,2 11,1 9,5 10,0
Mexiko 2.527,2 3.088,0 3.354,1 3.527,4
.aus Deutschland *) 6,4 5,8 5,6 5,2
Peru 210,0 315,1 303,0 302,4
.aus Deutschland *) 13,2 14,7 13,9 11,8

*) Anteil in %

Quellen: Comtrade; Trade Map; Nosis (Argentinien, Kolumbien)

Den Kostendruck dämpfen Sparbemühungen und neue Technologien (mobile und Tele-Medizin). Daher wird der Anteil am BIP nur moderat ansteigen. Lateinamerika gibt bereits viel für Gesundheit aus, jedoch werden die Mittel ineffizient eingesetzt. Daher gelten die möglichen Einsparungen und Effizienzgewinne hier als besonders hoch.

Durch staatlich verfügte Einsparungen kommen die Margen der Anbieter, die in vielen lateinamerikanischen Märkten für Arzneimittel und Medizintechnik sehr hoch waren, immer stärker unter Druck. Konsolidierte Einkäufe von vielen Gesundheitsinstitutionen drücken die Einkaufspreise. Gleichzeitig ergeben sich neue Geschäftsmöglichkeiten durch Betreiberprojekte im Krankenhausbau sowie Dienstleistungsaufträge wie das Outsourcing von Behandlungen und die ergebnisorientierte Vergütung von Leistungen.

Gesundheitsausgaben (in % des BIP)
Land 2013 2015 *) 2020 *)
Argentinien 7,3 6,9 7,0
Brasilien 8,0 8,5 9,0
Chile 7,3 7,9 8,3
Kolumbien 6,8 6,8 7,0
Mexiko 6,2 6,2 6,4
Peru 5,3 5,5 5,8

*) Schätzung oder Prognose

Quellen: Weltbank; Instituto Brasileiro de Geografia e Estatística; BMI Research; Berechnungen von Germany Trade & Invest

In ganz Lateinamerika belastet das Ende des Rohstoffbooms die Staatshaushalte. Allerdings ist der Gesundheitssektor weniger stark von Kürzungen betroffen, da sich die Regierungen kaum dem gesellschaftlichen Druck nach einer besseren Versorgung verschließen können. Ökonomisch bleibt die Branche daher ein Lichtblick.

In Mexiko versucht der Staat, den Privatsektor über Konzessionen stärker in den Ausbau des Sektors einzubinden, da mit dem schwachen Ölpreis der Staatshaushalt eingebrochen ist. Mitte 2016 haben staatliche Träger trotz Haushaltseinschnitten neue Ausschreibungen gestartet. Medizintechnik weist in Mexiko im Vergleich zum US-Standard im Durchschnitt einen technischen Rückstand von zehn bis 15 Jahren auf.

Peru und Chile bauen Krankenhäuser

Peru und Chile weiten die öffentliche Gesundheitsfürsorge aus. In Peru entstehen zahlreiche neue Krankenhäuser und wird die Telemedizin stärker genutzt. Die neue Regierung will bestehende Ausbaupläne fortführen. Sie möchte aber auch mehr in den Bau kleinerer Kliniken für die primäre Gesundheitsversorgung investieren, um den Druck auf Spezialkliniken zu senken. Die Regierung in Chile will ebenfalls viel in neue Krankenhäuser investieren. Sie hat 2014 nach Engpässen für Versicherte der staatlichen Basiskrankenversicherung den Zugang zu Medikamenten ausgeweitet. Dies beflügelt den Arzneimittelabsatz.

In Kolumbien haben die Krankenkassen in den vergangenen Jahren hohe Schulden gegenüber Gesundheitsdienstleistern angehäuft. Ein Gesetz vom Juni 2016 führt ihnen neue Finanzmittel zu und wird dadurch mehr Anschaffungen von Medizintechnik ermöglichen.

Die schwache Konjunktur in Brasilien drückt auch auf den Absatz von Arzneimitteln und Medizintechnik. Staatliche Leistungen sind vermehrt gefragt, da viele Arbeitnehmer mit ihrem Job auch ihre private Zusatzversicherung verlieren. Der staatliche Sektor dürfte Beschaffungen daher zumindest aufrecht zu erhalten versuchen. Gleichzeitig sind seit 2015 ausländische Beteiligungen an Krankenhäusern möglich. Dies könnte die Konsolidierung unter den privaten, meist regional operierenden Kliniken in Brasilien antreiben und Rationalisierungsinvestitionen nach sich ziehen. Die Währungsabwertung verteuert allerdings Importe. Mittelfristig sind die Aussichten sehr gut, da die Anzahl der Versicherten gestiegen ist, während die Bettenanzahl durch die schwache öffentliche Investitionstätigkeit seit 2009 sogar gesunken ist.

Ebenso wie in Brasilien profitiert in Argentinien die lokale Industrie von der Abwertung der Währung. Argentiniens Medizintechnikmarkt wuchs 2015 kräftig, Importe dafür waren von Devisenbeschränkungen weniger stark betroffen. Private Gesundheitsfirmen zogen Importe vor, um ihre Gewinne vor der Inflation zu schützen. 2016 erlebt der Markt eine Konsolidierung, da der Staat sparen muss und private Unternehmen sich bereits 2015 eingedeckt haben.

Gesundheitsinfrastruktur in Lateinamerika
Land Krankenhausbetten pro 1.000 Einwohner (Jahr) Ärzte pro 1.000 Einwohner (Jahr)
Argentinien 4,7 (2012) 3,9 (2013)
Bolivien 1,1 (2012) 4,7 (2011)
Brasilien 2,3 (2012) 1,9 (2013)
Chile 2,1 (2014) 1,7 (2012)
Ecuador 1,6 (2011) 1,7 (2011)
Kolumbien 1,6 (2014) 1,8 (2014)
Mexiko 1,6 (2014) 2,2 (2014)
Paraguay 1,3 (2011) 1,2 (2012)
Peru 1,5 (2012) 1,1 (2012)
Uruguay 2,5 (2012) 3,7 (2008)
zum Vergleich:
Deutschland 8,2 (2014) 4,1 (2014)
USA 2,9 (2014) 2,6 (2013)

Quellen: OECD Health Statistics 2016; Weltgesundheitsorganisation (WHO), Global Health Observatory Data Repository

(PB)

Dieser Artikel ist relevant für:

Argentinien, Brasilien, Chile, Kolumbien, Lateinamerika Gesundheitswesen allgemein, Medizintechnik, allgemein

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