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17.10.2017

Grundstein für die neue ägyptische Hauptstadt ist gelegt

Umzug von Ministerien Ende 2018 geplant / Ägyptische und chinesische Bauunternehmen prägen das Bild / Von Oliver Idem

Kairo (GTAI) - Der offizielle Startschuss für den Bau der neuen ägyptischen Hauptstadt ist gefallen. Die Stadt soll als Regierungssitz dienen, aber auch 6,5 Millionen Menschen beherbergen. Dazu sind auch Industrie-, Bildungs- und Versorgungsbauten notwendig. Staatliche und private ägyptische Unternehmen und zwei große chinesische Baufirmen errichten in der ersten Phase Infrastruktur und Gebäude. Moderne Technik, knappe Bauzeiten und hohe Volumina unter einen Hut zu bringen, bleibt eine Herausforderung.

Mit der Grundsteinlegung am 11. Oktober 2017 hat die erste Bauphase für eine neue ägyptische Hauptstadt offiziell begonnen. Zwischen dem Osten von Kairo und dem Suezkanal entsteht ein Verwaltungssitz mit Wohn- und Industriegebieten und umfangreicher Verkehrsinfrastruktur. Die erste Etappe umfasst 168 von insgesamt geplanten 714 Quadratkilometern. Insgesamt sollen 20 Wohnviertel 6,5 Millionen Menschen beherbergen. Die Länge des Straßennetzes gab Wohnungsbauminister Mostafa Madbouly gegenüber der Presse mit 650 km an.

Mit den Arbeiten an der Straßen- und Wasserinfrastruktur und dem entstehenden Großkraftwerk von Siemens und Orascom Construction entsteht eine Infrastrukturgrundlage. Zur Trinkwasserversorgung soll eine Meerwasserentsalzungsanlage in Ain Sokhna errichtet werden. Mit einer Kapazität von 650.000 Kubikmetern täglich ist sie als Hauptquelle der Wasserversorgung eingeplant.

Unter chinesischer Federführung ist eine elektrische Eisenbahn als Verbindung zur Kairoer Vorstadt Al-Salam City vereinbart. Das 255 Millionen US-Dollar (US$) teure Vorhaben soll die Straßen entlasten und täglich 340.000 Fahrgäste versorgen. Die Strecke von 68 km wird mehrheitlich oberirdisch verlaufen. Finanziert wird die Bahnverbindung durch einen chinesischen Kredit mit einer Laufzeit von 20 Jahren. Unklar ist, ob ein internationaler Flughafen entstehen oder ein bestehender Militärflughafen für den Empfang von Delegationen lediglich umgebaut werden soll.

Einem Bericht von Al Borsa zufolge wollen vier private Universitäten Gebäude im Gesamtwert von 250 Millionen US$ auf dem Gebiet der Hauptstadt errichten. Dabei handelt es sich um die japanische, die kanadische und die Sinai-Universität. Das Ministerium für das Höhere Bildungswesen soll neun weitere Anfragen von privaten Universitäten vorliegen haben.

Das ägyptische Außenministerium koordiniert die Organisation von Grundstücken für ausländische Botschaften, deren Umzug an den neuen Standort erwünscht ist. Ein Teil der geplanten Wohnungen soll außerdem für Ägypter vorgehalten werden, die im Ausland leben. Insgesamt leben 9,4 Millionen Ägypter außerhalb der Landesgrenzen.

Der bereits Ende 2018 geplante Umzug einer Reihe von öffentlichen Institutionen und weitere Vorhaben bilden Wachstumspole, um die herum sich die Stadt entwickeln dürfte. Wie sich die praktische Bedeutung von Kairo im Verhältnis zum neuen Verwaltungssitz entwickeln wird, ist noch schwer abschätzbar. Ob sich zum Beispiel auch die Mitarbeiter von Unternehmen und Behörden am neuen Standort ansiedeln oder sich eher Pendlerströme verschieben, dürfte ein wichtiger Aspekt sein. In der anderen Richtung könnte die Nähe zum Suezkanal ein Vorteil sein. Durch umfangreiche geplante Industrieansiedlungen soll die Umgebung der Wasserstraße als Produktions- und Logistikschwerpunkt ausgebaut werden.

Die im Frühjahr 2015 verkündeten Hauptstadtpläne setzten explizit auf moderne und anspruchsvolle Technik. Zugleich wird die neue Stadt in großen Dimensionen geplant. Somit muss sich zeigen, wie sich das Verhältnis von Masse und Klasse während der Bauphasen entwickeln wird und ob die hohen Ansprüche umgesetzt werden können. Zu den Gesamtkosten des Vorhabens schwanken die Angaben seit März 2015 zwischen 45 Milliarden und 85 Milliarden US$. Zur Finanzierung des staatlichen Anteils daran wird vor allem auf Grundstücksverkäufe an Investoren gesetzt. Damit sollen Belastungen für den Staatshaushalt vermieden werden. Im Finanzjahr vom 1. Juli 2016 bis 30. Juni 2017 betrug dessen Defizit 10,9 Prozent. Eine erste Runde von Landverkäufen an Investoren erbrachte 500 Millionen Euro.

Ägyptische und chinesische Unternehmen führen die meisten Arbeiten aus

An dem Großprojekt sind in- und ausländische staatliche und private Unternehmen beteiligt. Wie es bei Infrastrukturarbeiten in Ägypten nicht selten vorkommt, ist auch das Militär bei der Errichtung der neuen Hauptstadt tätig. Für die Projektentwicklung ist nach Angaben des State Information Service das Unternehmen New Administrative Capital for Urban Development verantwortlich. Mit einem Kapital von schätzungsweise 300 Millionen Euro fungiert es als Holding und setzt sich aus der New Urban Communities Authority sowie der zum Militär gehörenden National Service Products Organization und der Armed Forces National Lands Projects Agency zusammen. Größere ägyptische Unternehmen für den Bau und die Entwicklung sind Orascom, Hassan Allam, Petrojet, Concord for Engineering and Contracting, Talaat Moustafa, Arab Contractors, Wadi El Nile, Misr Concrete Development, Al Abd, Mokhtar Ibrahim und EGYCO. Siemens führte im September 2017 Gespräche, um die Lösungen des Unternehmens in den Bereichen Gebäudetechnik, Energieverteilung und Smart Grids vorzustellen.

Eine Schlüsselrolle spielt China Fortune Land Development mit dem Plan zur Errichtung von Fabriken im Wert von vier Milliarden US$ innerhalb von fünf Jahren. Das Unternehmen zeigt starkes Interesse daran, weitere Projekte in der Hauptstadt umzusetzen und scheint gute Erfolgsaussichten zu haben. Im September 2017 stand laut einem Pressebericht die Unterzeichnung der Verträge kurz bevor. Deren Gesamtvolumen soll 13,5 Milliarden US$ betragen. Früheren Meldungen zufolge geht es um eine Smart City, Infrastrukturvorhaben und Bauten in den Bereichen Industrie, Wohnungen, Bildung und Unterhaltung.

Im Oktober 2017 meldete die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua den Abschluss einer Vereinbarung über den Bau eines Hauptgeschäftsviertels durch die China State Construction Engineering Corporation. Dieses wird aus zwölf Geschäftskomplexen, fünf Wohngebäuden und zwei Hotels bestehen. Afrikas größter Wolkenkratzer mit einer Höhe von 345 Metern wird Teil des Viertels werden. Der Plan sieht vor, die Arbeiten innerhalb von 43 Monaten abzuschließen. Das Unternehmen hätte ursprünglich einen Gesamtauftrag für den Hauptstadtbau erhalten sollen, der aber aufgrund von Differenzen wegen des Quadratmeterpreises und unterschiedlicher Designvorstellungen von der ägyptischen Seite nicht erteilt wurde.

Zu einigen Teilbereichen ist bekannt, welche einheimischen Unternehmen die Arbeiten ausführen. Talaat Moustafa errichtet 69 Gebäude mit 2.096 Wohneinheiten. Auf Concord entfallen 61 Häuser mit insgesamt 1.792 Wohnungen. Petrojet steuert 36 Gebäude mit 1.008 Wohnungen bei. Arab Contractors baute bereits 44 Häuser mit 1.408 Einheiten. Im Straßenbau sind Orascom, Arab Contractors, Concord und die Holding Company for Construction and Development aktiv.

Bedarf an Infrastruktur und Wohnraum reicht über die Hauptstadt hinaus

Der Bau ganzer neuer Städte ist keine Seltenheit in Ägypten, wohl aber die Dimension des Hauptstadtprojekts. Von den 230 Städten des Landes wurden 20 durch die New Urban Communities Authority neu gebaut. Die weiter wachsende Bevölkerung von 95 Millionen Einwohnern laut dem Zensus 2017 und mindestens 500.000 fehlende Wohneinheiten sorgen für eine anhaltend hohe Nachfrage. Der Staat springt insbesondere beim Bau von Wohnungen mit einfachem und mittlerem Standard in die Bresche. Ziel ist dabei auch, ein unkontrolliertes Ausfransen bestehender Städte ins Umland zu verhindern. Auch außerhalb der neuen Hauptstadt besteht Bedarf an Wohnraum mit dazugehörigen Versorgungseinrichtungen, mit Basisinfrastruktur versehenen Industriegrundstücken und einem Ausbau der Verkehrs-, Energie- und Wasserinfrastruktur.

(O.I.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Ägypten Bauwirtschaft, allgemein, Verkehrsinfrastrukturbau, allgemein, Gewerbebau, Wohnungsbau, Wasserversorgung, -gewinnung, Bewässerung

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