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24.07.2018

Gummi- und Kunststoffverarbeiter erweitern ihre Werke in Tschechien

Hohe Nachfrage aus der Fahrzeugindustrie und der Bauwirtschaft / Produkte mit mehr Wertschöpfung nötig / Von Gerit Schulze

Prag (GTAI) - Ob Bauwirtschaft, Einzelhandel oder Fahrzeugbau - die wichtigen Abnehmerbranchen der Gummi- und Kunststoffindustrie erleben in Tschechien derzeit einen Höhenflug. Sie gehört zu den stabilsten Wirtschaftszweigen des Landes und verbucht seit acht Jahren in Folge steigende Umsätze. Nach vorläufigen Zahlen des Industrieministeriums erreichten diese 2017 ein Volumen von über 12 Milliarden Euro. Davon entfielen 40 Prozent auf Gummiwaren und 60 Prozent auf Kunststoffprodukte.

Die Umsatzzuwächse der tschechischen Gummi- und Kunststoffindustrie sorgen für mehr Investitionen. Allein 2017 wurden über 800 Millionen Euro investiert. Vor allem große Betriebe bauen ihre Kapazitäten aus. Laut Industrieministerium (MPO) sind knapp 3.600 Unternehmen in der Branche aktiv (darunter auch Selbstständige und Vertriebsfirmen). Die Zahl der Beschäftigten stieg 2017 um rund 4.000 auf 90.000.

Zu den führenden Verarbeitern von Gummi und Kunststoffen gehören Continental Barum (Reifen), Mitas (Reifen für Agrartechnik und Baufahrzeuge), Saar Gummi Czech (Gummidichtungen), Gumotex (Luftmatratzen, Schlauchboote, Kfz-Teile), Fatra (Fußbodenbeläge, Folien) und Viscofan (Kunstdärme).

Bei der Kunststoffproduktion verfügt Tschechien laut der Technologieplattform Plasty über eine Kapazität von über 900.000 Tonnen pro Jahr. Der Inlandsbedarf liegt bei rund 1,2 Millionen Tonnen und ist damit größer als in Österreich. Marktexperten kritisieren, dass die einheimischen Unternehmen zu lange auf Primärformen gesetzt hätten statt auf Spezialprodukte mit höherer Wertschöpfung. Die führenden Hersteller von Standardkunststoffen sind Unipetrol und Synthos.

Die Technologieplattform Plasty (http://www.tp-plasty.cz), die mit Unterstützung von Mitteln der Europäischen Union (EU) und des Industrieministeriums gegründet wurde, soll dabei helfen, die Branche wettbewerbsfähiger und zukunftssicher zu machen. Sie setzt sich unter anderem dafür ein, dass die Betriebe mehr Geld in Forschung und Entwicklung stecken. Das Industrieministerium verzeichnet seit einigen Jahren einen positiven Trend bei den Entwicklungsausgaben. Dazu tragen Fördermittel aus dem EU-Programm OPPIK und aus nationalen Programmen bei.

Bei neuen Produkten empfiehlt Plasty einen Fokus auf die Entwicklung von Nanokompositmaterialien mit hohem Härtegrad, Kratzfestigkeit und langer Lebensdauer; auf neuartige Kunststoffkomponenten für die Kfz-Industrie zur Gewichtsverringerung der Fahrzeuge; auf 3D-Druckverfahren; auf Implantate, Knochen- und Gelenkersatz für die Gesundheitswirtschaft; auf Plastikprodukte aus Recyclingmaterial; auf Biopolyole für die Herstellung von Polyurethan sowie auf neuartige Verpackungs- und Isoliermaterialien.

Ein interessantes Geschäftsfeld könnte die Wiederverwertung von Kunststoffmüll werden. Nach Schätzungen der Technologieplattform entstehen in Tschechien jährlich fast 600.000 Tonnen Plastikabfall, von dem die Hälfte deponiert wird.

Bedeutender Standort für die Reifenproduktion

Das aktuell größte Investitionsvorhaben der Kunststoff- und Gummiindustrie ist die Reifenfabrik von Nexen Tire bei Zatec in Nordböhmen. Das südkoreanische Unternehmen investiert dort fast 900 Millionen Euro und will ab 2019 pro Jahr 11 Millionen Pneus produzieren. Tschechien ist bereits ein wichtiger Standort für die Reifenindustrie. Continental Barum produzierte 2017 fast 21 Millionen Pkw-Reifen, 1,3 Millionen Lkw-Reifen sowie 125.000 Industrie- und Spezialreifen in Otrokovice. 2018 soll die Produktion weiter steigen. Die Trelleborg Gruppe stellt unter anderem Reifen für Landtechnik (Marke Mitas) und Fahrradreifen her. Interesse an einer großen Investition bekundete die chinesische Linglong Tire. Wegen des Personalmangels gilt eine Standortentscheidung zugunsten Tschechiens aber als unwahrscheinlich.

Dafür bauen die bestehenden Kunststoff- und Gummiverarbeiter ihre Produktion aus, besonders die Kfz-Zulieferer. Magna Exteriors vergrößert seine Fabrik für Kunststoffstoßstangen in Liberec. Gumotex will nach einem Großauftrag von Volkswagen die Herstellung von Sonnenblenden in Breclav ausweiten. Rehau Automotive plant, die Produktion von Kfz-Kunststoffteilen in Linhartice auszubauen.

Auch in anderen Sektoren der Kunststoffverarbeitung gehen die Investitionen weiter, etwa bei Bodenbelägen, Isolierfolien und Baustoffen. Das erhöht den Bedarf an Produktionsausrüstungen. Die Einfuhren von Extrudern haben sich 2017 nahezu verdoppelt, wovon besonders deutsche Hersteller profitierten. Auch bei Vakuumformmaschinen und Formen zum Spritzgießen gab es große Importzuwächse.

Tschechische Einfuhr von Kunststoffmaschinen (in Mio. Euro; Veränderung im Vergleich zum Vorjahr in %)
HS Warengruppe 2016 2017 Veränderung 2017/2016
8477.10 Spritzgießmaschinen 129,6 132,1 1,9
.davon aus Deutschland 46,0 52,7 14,6
8477.20 Extruder 11,2 21,4 91,9
.davon aus Deutschland 2,9 13,3 360,0
8477.30 Blasformmaschinen 6,9 6,6 -3,5
.davon aus Deutschland 3,0 2,5 -14,5
8477.40 Vakuumformmaschinen 10,6 11,2 6,2
.davon aus Deutschland 5,4 4,0 -25,5
8477.8091 Zerkleinerungsmaschinen 2,3 1,0 -56,9
.davon aus Deutschland 0,9 0,4 -52,7
8477.8093 Mischer, Kneter, Rührwerke 4,8 4,9 3,1
.davon aus Deutschland 4,1 3,2 -21,0
8477.8095 Schneid-, Spalt- und Schälmaschinen 2,5 4,4 74,8
.davon aus Deutschland 1,4 1,4 -1,4
8480.71 Formen für Kautschuk und Kunststoffe zum Spritzgießen oder Formpressen 223,4 242,9 8,7
.davon aus Deutschland 86,8 89,7 3,4

Quelle: Eurostat

Weitere Informationen zu Tschechien finden Sie unter http://www.gtai.de/Tschechien

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Tschechische Republik Kunststoffe und Gummi, Kunststoff- und Gummimaschinen

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