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26.08.2019

Hochkonjunktur in Italiens Schiffbau

Aufträge für 49 Kreuzfahrtschiffe und 379 Luxusyachten / Von Oliver Döhne

Mailand (GTAI) - Italiens Schiffbau erlebt mitten in der Stagnation des Landes goldene Zeiten. Alleine der Fincantieri-Konzern arbeitet Aufträge im Wert von 33 Milliarden Euro ab.

Das Kreuzfahrtgeschäft boomt weltweit und entsprechend voll sind die Auftragsbücher der wenigen Hersteller. Zu ihnen zählt die halbstaatliche italienische Fincantieri-Gruppe, das größte europäische Schiffbauunternehmen, mit Hauptsitz in Triest. Mitte 2019 standen bei Fincantieri 47 Kreuzfahrtschiffe aller namhaften Branchenfirmen in den Auftragsbüchern, davon werden mindestens 13 erst zwischen 2023 und 2027 ausgeliefert. Dazu kommen 29 Patrouillen- und Militärboote sowie 22 Offhore- und Spezialschiffe. Die Aufträge haben einen Gesamtwert von 33,1 Milliarden Euro.

Der Umsatz von Fincantieri lag 2018 bei 5,5 Milliarden Euro, 9 Prozent mehr als im Vorjahr. Das 1. Halbjahr 2019 verlief mit Neuaufträgen über 6 Milliarden Euro und einem Umsatzplus von 12 Prozent auf 2,8 Milliarden Euro noch positiver. Unter anderem gingen Bestellungen von MSC, Oceania, Viking, Princess und Regent Seven Seas ein. Fincantieri macht mehr als die Häfte seines Umsatzes mit Kreuzfahrtschiffen, besitzt aber ein breites Portfolio von Fähren, Yachten bis zu Oil&Gas-Anlagen und sieht in seinem Business Plan 2018 bis 2022 auch folgende Bereiche als vielversprechend an: Kleine FPSO (Floating Production Storage and Offloading), kleinere Flüssiggasschiffe, Küstenfähren für Norwegen, Offshore-Windkraft und Mining-Schiffe.

Chancen für deutsche Zulieferer

Neben Fincantieri sicherte sich im 1. Halbjahr 2019 auch die T.Mariotti-Werft in Genua, gemeinsam mit dem niederländischen Partner Damen, den Auftrag für zwei kleinere ultraluxuriöse Expedition Class-Kreuzfahrtschiffe des Reiseveranstalters Carnival Corporation. Die Schiffe werden unter anderem in der Arktis und Antarktis zum Einsatz kommen. T.Mariotti hat sich mit San Giorgio del Porto zum Unternehmen Genova Industrie Navali (GIN) zusammengeschlossen. Im März 2019 schloss Fincantieri ein Kooperationsabkommen mit GIN.

Fincantieri bezieht nach Angaben eines Unternehmensvertreters rund 5 Prozent seiner jährlichen Käufe von Produkten und Dienstleistungen aus Deutschland. Die wichtigsten Kategorien sind Dieselmotoren, Bordnetzwerk und Rettungsboote. Bei Rettungsbooten punktet besonders das niedersächsische Unternehmen Hatecke, das an Fincantieri neben kleinen Rettungsbooten auch Großraum-Tenderboote liefert, welche die Passagiere auch dort an Land bringen können, wo das Kreuzfahrtschiff nicht direkt anlegen kann. Interessant sind für Fincantieri Zulieferer, die Schlüsselinnovationen in den Bereichen Digitalisierung, Internet of Things und nachhaltige Energie (Batterien, Brennstoffzellen, Flüssiggas) anbieten können.

Rund 46 Prozent aller Luxusyachten in Italien geordert

Ein weiteres Marktsegment, in dem Italien in der Weltklasse liegt, sind Luxusyachten, das betrifft insbesondere die mehr als 24 Meter langen Superyachten. Gemäß Global Order Book 2019 der Organisation Boat International akquirierte Italien Aufträge für den Bau von 379 der 830 global georderten Yachten. Nicht nur bei der Anzahl, sondern auch bei den Bruttotonnen der bestellten Yachten liegt Italien mit einem Anteil von über 30 Prozent vor den Niederlanden und Deutschland auf dem ersten Platz.

Die ersten drei Plätze nehmen im Global Order Book der Yachten die italienischen Werften Azimut Benetti (Umsatz 2018: 850 Millionen Euro, 97 Neuaufträge), Ferretti (650 Millionen Euro, 91 Neuaufträge) und Sanlorenzo (300 Millionen Euro, 77 Neuaufträge) ein. Unter den ersten zwanzig befinden sich mit Overmarine, Palumbo, Baghetto, Italian Sea Group und Cantiere delle Marche weitere fünf italienische Werften. Azimut Benetti ließ im Dezember 2018 die mit 107 Metern größte jemals von einer privaten Werft gebaute Yacht vom Stapel.

Bei Fähren, die sonst kaum noch in Italien gebaut werden, konnte das Unternehmen Visentini aus Porto Viro im Po-Delta in den vergangenen Jahren einige größere Projekte akquirieren und ausliefern, darunter zwei kombinierte Passagier- und Ladefähren für Balearia. Als nächstes steht eine kombinierte Personen- und Auto/Lkw-Fähre für Corsica Linea in den Auftragsbüchern, mit Option auf eine weitere. Genova Industrie Navali stellt für die italienische Bahn zwei Zugfähren her, die auf der Meerenge zwischen Messina und Palermo zum Einsatz kommen werden.

Verschiedene Branchencluster in Italien

Bei großen Luxussegelyachten ist Perini Navi aus Viareggio einer der renommiertesten Akteure der Welt. Neben den genannten Highend-Produzenten mit eigener Designabteilung, die in der Regel nur Auftragsarbeiten übernehmen, ist landesweit eine Vielzahl von Herstellern kleinerer Yachten und Motorboote aktiv, die sowohl an der Küste als auch an den norditalienischen Seen beheimatet sind. Die größten Branchencluster liegen in Ligurien, Venetien und Friaul-Julisch Venetien sowie in der Emilia-Romagna, sind aber punktuell in allen Landesteilen zu finden. Im Yachtbau ist die Toskana ein wichtiger Standort.

Fincantieri besitzt Produktionsanlagen in Montefalcone, Triest (Friaul-Julisch Venetien), Marghera (Venetien), Muggiano, Riva Trigoso, Sestri Ponente/Genua (Ligurien), Ancona (Marken), Castellammare di Stabia (Kampanien) und Sizilien (Palermo) sowie in Vietnam, Norwegen, den USA, Rumänien und Brasilien. Castellammare (bei Neapel und Ancona) ist auf Fähren spezialisiert, Muggiano auf Yachten, Riva Trigoso auf Militärschiffe, Palermo auf Reparaturen und Umwandlungen und die anderen Werften schwerpunktmäßig auf Kreuzfahrschiffe.

Ausrüstungslieferanten steigern Umsatz um 8 Prozent

Der italienische Schiffbau ist nicht einheitlich in einem Verband organisiert, sondern wird zurzeit durch zwei, zum Teil konkurrierende Verbände vertreten: Ucina (als Teil des nationalen Industrienetzwerks Confindustria) und Nautica Italiana (als Teil des Luxusgüterverbands Altagamma), die auch jeweils eigene Branchenmessen veranstalten, sich aber offenbar bald wieder zu einem Verband zusammenschließen wollen.

Nach Zahlen von Ucina legte der Umsatz der italienischen Schiffbauindustrie 2018 um 9,5 Prozent auf rund 4,2 Milliarden Euro zu und setzte damit seinen seit 2014 andauernden Aufschwung eindrucksvoll fort. Dabei wuchs das Geschäft der Werften um 10,4 Prozent auf etwa 2,7 Milliarden Euro und das der Ausrüstungslieferanten um 7,8 Prozent auf rund 1,5 Milliarden Euro. Nautica Italiana gibt für 2018 für seine Mitglieder einen Umsatz von 1,8 Milliarden Euro an.

Auch für 2019 erwartet die Branche ein weiteres Plus. In der Umfrage von Ucina erwarteten 63 Prozent der Befragten 2019 ein Umsatzplus, darunter 25 Prozent einen Zuwachs bis 5 Prozent, 14 Prozent ein Plus zwischen 5 und 10 Prozent und 14 Prozent mehr als 10 Prozent Umsatzwachstum.

Auswahl aktueller Schiffbestellungen in italienischen Werften
Projekt/Auftrag Werft Auftraggeber Geplante Fertigstellung
2 Ro-Pax Schiffe mit LNG-Antrieb (1. fester Auftrag, 2. Option für einen Auftrag) Visentini Corsica Linea 1. bis 2022, 2. k.A.
2 Ro-Ro Zugfähren Mariotti/ San Giorgio del Porto (GIN) Blueferries (RFI) 1. bis Juni 2020, 2. k.A.
2 Expedition Class Ships Mariotti Seabourn (Carnival) 1.Juni 2021, 2.Mai 2022
10 Kreuzfahrtschiffe Fincantieri Viking 2021-2027
2 Allura Class-Kreuzfahrtschiffe Fincantieri Oceania (Norwegian Cruise Line) 2022-2025
6 Leonardo Project-Kreuzfahrtschiffe Fincantieri Norwegian Cruise Line 2022-2027
2 LNG-Kreuzfahrtschiffe Fincantieri Tui Cruises 2024 und 2026
4 Kreuzfahrtschiffe Fincantieri Virgin Voyages 2020-2023
4 Kreuzfahrtschiffe Fincantieri Silversea Cruises 2020-2023
5 Kreuzfahrtschiffe Fincantieri Carnival(1 Costa Asia, 1 Cunard Line, 2xPrincess, 1 P&O Australia) 2023-2025
4 Kreuzfahrtschiffe Fincantieri Monfalcone MSC 2023-2026
1 Explorer-Class Kreuzfahrtschiff Fincantieri Regent Seven Seas Cruises 2023
1 Pinnacle Class Kreuzfahrtschiff Fincantieri Marghera Holland America Line 2021

Quelle: Recherche von Germany Trade & Invest

Weitere Wirtschaftsinformationen zu Italien unter http://www.gtai.de/italien

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