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16.04.2019

Hohe Strompreise wirken in Italien als Anreiz für mehr Energieeffizienz

Technologie oft aus dem Ausland / Von Oliver Döhne (März 2019)

Mailand (GTAI) - Italiens Baufirmen sanieren und renovieren mehr, als dass sie neu bauen. Besonders Unternehmen wollen Stromkosten sparen.

Aktuelle Themen der Energieeffizienzwirtschaft

Markttreiber und -hemmnisse
Treiber Hemmnisse
Umfangreiche Förderprogramme Geringes Umweltbewusstsein
Energieeffizienzvorgaben der Europäischen Union (EU) Wenige Gemeinschaftsinitiativen in großen Wohnhäusern
Hohe Stromkosten Wenig Aufklärung

Für die italienische Bauindustrie sind die zahlreichen Fördermaßnahmen für mehr Energieeffizienz im Gebäudebau, angesichts einer ansonsten schwachen Konjunktur, zurzeit eine Lebensversicherung. Laut Branchenverband Ance schaffen diese Maßnahmen pro Jahr ein Geschäftsvolumen von über 20 Milliarden Euro. Zwischen 2008 und 2017 sind die Investitionen in Sanierung und energetische Restrukturierung im Wohnungsbau um 20,3 Prozent gestiegen, während die Baubranche insgesamt um 36 Prozent einbrach.

Ein grundsätzlich steigendes Umweltbewusstsein sehen Marktexperten in Italien allerdings nicht. Neben den Fördermaßnahmen sind die hohen Energiepreise der Hauptanreiz, wobei aber größere Wohnanlagen mit umfangreichen Gemeinflächen und Fassaden noch kaum mit Sanierungen begonnen haben. Vorzeigeprojekte sind kommerzielle Gebäude, deren Betreiber sich um ein grünes Image bemühen oder Kosten sparen wollen.

Da die Baubestand in Italien sehr alt ist, besteht ein hohes Potenzial für Energieeinsparungen. Die Häufung von Umweltkatastrophen der vergangenen Jahre sensibilisiert und erhöht nach und nach die Investitionsbereitschaft in nachhaltige Baustoffe und -technologien. Die Abzugsmöglichkeiten für Energiesanierungsausgaben (vor Steuer) macht Investitionen besonders attraktiv. Die neue Möglichkeit einer Kombination von Seismischen Bonus und Ökobonus für Eigentumswohnungen könnte zu mehr Investitionen in Energieeinsparung führen. Zudem können seit kurzer Zeit künftige Steuererstattungen an Lieferanten oder Installateure abgetreten und auf die Zahlungen angerechnet werden. Deutsche Produkte haben besonders in der Klimatechnik und bei modernen Fensterisolierungen einen guten Namen, allerdings erfolgt die erste Entscheidung über den Preis.

Weitere Informationen finden Sie im Artikel: Italien fördert Energieeffizienz von Gebäuden http://www.gtai.de/MKT201904028004

Wettbewerbssituation und Marktausblick

Installateure wählen Produkte

Laut der staatlichen Akkreditierungsstelle Accredita gibt es in Italien 1.674 offizielle, zertifizierte Energieberater (Consulente Energetico esperto in gestione dell'energia). Dazu kommen die Berater und Zertifizierer der Energieeffizenz-Label-Gesellschaften. KlimaHaus aus Südtirol beschäftigt 710 Berater und 210 Auditoren und im Cened-Netzwerk arbeiten 10.300 anerkannte Zertifizierer. Weitere Netzwerke sind Biosafe, CNR, ENEA, Habitech, Politecnico di Milano und die Universität Bologna. Auch die Energieversorger Energy Serice Operators (ESCo) erweitern die Angebotspalette durch Übernahme spezialisierter Dienstleister.

Haus- und Wohnungsbesitzer wenden sich bei Energieeffizienzmaßnahmen in der Regel nicht an unabhängige Energieberater, sondern an Installateure, die wiederum mit Produkten bestimmter Anbieter arbeiten. Bei umfangreicheren Bau- oder Renovierungsprojekten im Corporate-Bereich kommen die großen Ingenieurs- und Planungsbüros wie One Works (Jahresumsatz 2018: 21,5 Millionen Euro), Renzo Piano Building Workshop 16,3 Millionen Euro), Lombardini22 (12,4 Millionen Euro), Progetto Cmr und Cremonesi Workshop ins Spiel.

Die größten Bauunternehmen, gemessen am Umsatz in Italien, sind Astaldi (Jahresumsatz 2017: 744 Millionen Euro in Italien), Salini-Impreglio (507 Millionen Euro), Cmb (480 Millionen Euro), Cmc, Pizzarotti, Pavimental, Itinera und Salcef. Am meisten wuchsen in den vergangenen Jahren Salcef, Icm, Neosia, Rizzani di Eccher und Colombo Construzioni. Letztere bauten auch Mailands Vorzeige-Green-Project Bosco Verticale.

Ästhetik und Preis wichtige Kriterien

Fenster und Türen liefern zum Beispiel die einheimischen Agostinigroup, Alpac, CoeLux, Italserramenti, Lualdi und Scrigno. Bei Aluminiumfenstern- und türen (die rund 24 Prozent aller Fenster und Türen ausmachen, 55 Prozent sind aus Holz) hat Schüco einen Marktanteil von rund 25 Prozent und steigerte 2017 seinen Umsatz um 9 Prozent. PVC-Rahmen kommen auch zunehmend zum Einsatz, können sich aber aus Geschmacksgründen noch nicht flächendeckend durchsetzen.

Bei Ausrüstung für Smart Building nennen Marktexperten die Unternehmen Gewiss, Mind, Sysdev und die Universitäten von Brescia und Ferrara als Vorzeigeakteure. Beim Thema Raumkomfort sind es Anemotech, Caimi Brevetti, Domodry, Elica, Gruppo Fantoni, Mycore und Pellini. Als Bremsfaktor für Gebäudeautomatisierung wirkt in Italien oft noch das fehlende Vertrauen potenzieller Kunden, die Fragmentierung der Angebote und die unstrukturierten Vertriebskanäle. Von ausländischen Technologieanbietern wird die Bedeutung eines intensiven Kundenkontaktes, insbesondere bei Hotelprojekten, oft unterschätzt.

Bei Isolierungen und Ummantelungen ist Italien hinter Deutschland und Polen der drittwichtigste Markt in Europa. Bekannte Branchenakteure sind Laterlite, Isotex, AfonCasa, Legnabloc, Celenit, Diasen, Enerpaper, Eterno Ivica, Riwega, Stiferite, Stopflood, Volteco und Leipfinger Bader.

Hightech kommt oft aus dem Ausland

Bei Heiz- und Kühltechnik dominieren, mit einigen Ausnahmen wie Gianni Benvenuto und Riello, ausländische Unternehmen. Die immer beliebteren Wärmepumpen kommen zum Beispiel von Viessmann, Vailllant, Schüco, Mitsubishi oder Daikin, Air-Conditioning auch von Riello. Mikrogeneratoren liefern Viessmann und Solidpower, Kondensationskessel Viessmann, Rinnai, Daikin, Riello, S&P, Thermital, Ariston Thermo, Buderus, Emmetti, Tekno Point oder Riello. Bei PV-Panels sind die einheimischen Firmen Eclipse Italia, XGroup, Suneig Solar und Helios (Kersel Group) erfolgreich.

Zwar gibt es mehrere Anbieter von Gesamtlösungen, in der Realität überwiegen aber Stand Alone-Modelle. In Italien gibt es keine großen Wohnungsbaugesellschaften mit Immobilienbesitz wie in Deutschland, die Wohnungen befinden sich vielmehr im privaten Streubesitz. In größeren finanzkräftigeren Eigentumswohnungen könnten Chancen für Hybridsysteme aus Kondenskessel, hocheffizienter Wärmepumpe und einem intelligenten Kontrollsystem, das die gerade günstigste Technologie auswählt, bestehen. Ein anderes interessantes, wenn auch noch nicht großes, Feld sind Eingriffe in die Gebäudehülle und gleichzeitig in das Heizsystem. Bei gewerblichen Bauten sind Building Management und Building Monitoring Systeme gefragt.

Südtiroler Zertifikat KlimaHaus zunehmend beliebt

Bezüglich Energieeffizienzkriterien gelten die europäischen Kriterien. Nach EU-Vorgabe müssen neue gewerbliche und öffentliche Gebäude ab 2019 und neue Privatwohnhäuser ab 2020 Nahe-Null-Energiehäuser sein. In der Lombardei gilt dies bereits seit 2016 für Wohnhäuser und seit 2019 für öffentliche Bauten. Auch die Region Emilia-Romagna hat das Datum vorgezogen. In Italien gibt es schätzungsweise 850 Nullenergiehäuser, meist Wohnhäuser im Norden. Neben der europäischen Richtlinie, die jedes Land aber im Detail selbst definieren kann, haben sich die einheimischen Zertifizierungsgesellschaften für nachhaltiges und energieeffizientes Bauen etabliert. Für Südtirol ist das KlimaHaus (Casa Clima), für die Lombardei Cened. Landesweit ist Itaca aktiv. Marktexperten berichten davon, dass Zertifikate aus bestimmten Landesteilen in anderen Regionen gelegentlich nicht anerkannt werden.

Zudem sind die deutschen PassivHaus und DGNB sowie Klima:aktiv Haus, LEED, Bream und Minergie in Italien tätig. Laut Experten könnten im Land bis zu einem Drittel der Heiz- und Warmwasserenergie sowie ein Viertel des gesamten Energieverbrauchs in Wohngebäuden eingespart werden. Allerdings ist Energieeffizienz ein Thema für das kaufkräftigere Norditalien. Im Süden dürften eher oder ausschließlich Hotelanlagen mit hohen Energiekosten in Frage kommen.

In den vergangenen Jahren sind viele italienische Unternehmen von größeren Konzernen aus Frankreich oder Japan übernommen worden. Deutsche Produkte haben besonders in der Klimatechnik und bei modernen Fensterisolierungen einen guten Namen. Allerdings fällt die Entscheidung in Italien meist über den Preis. Laut Marktkennern hängt der Wille eines Wohnungsvermieters oder -verkäufers, in qualitativ hochwertige Energieeffizienzausrüstung zu investieren, stark von der derzeitigen Lage am Immobilienmarkt ab und ist insgesamt eher gering.

Gebäudeeffizienzprojekte in Italien
Projekt Unternehmen Status Technologie
Sanierung Ex-Unilever Turm, Mailand Coima Fertigstellung 2022 Smart Building; International well Building; Certificate; standard Nearly Zero Consumption Building; Leed Gold; Cradle to Cradle
Energetische Sanierung des Quattro-Porte Gebäudes von Commerzbank Real, Segrate Plan Studio Läuft Building Management System; Building Monitoring System
Bau-Unipol Turm, Mailand Porta Nuova Mario Cucinella Architects Fertigstellung 2020 Smart Building; Regenwassersammelsystem
Sanierung Torre Galfa, Mailand CMB-UnipolSai Assicurazioni Fertigstellung 2019 Geothermie, SMART Building und Building Management System
Neuer Campus Bocconi-Universität, Mailand Studio SANAA Fertigstellung 2019 Near Zero Energy Building, Halbtransparente Fassade, PV-Panels, natürliche Belüftung und Beleuchtung
Sanierung Arcadia Center, Volkswagen Leasing & Bank Gmbh Headquarters, Mailand Architetti Giuseppe Tortato Prelios Fertigstellung Ende 2019 Leed Silver; Open BIM
Bau Torre Milano Grattacielo Ecosostenibile Maggiolino, Mailand Impresa Rusconi Fertigstellung 2022 Smart Building
Sanierung Stadtviertel Policlinico, Mailand Stefano Boeri Architetti Fertigstellung 2022 Eine nachhaltige und grüne Stadterneuerung
Sanierung Stadtviertel SeiMilan, Südwest Mailand Mario Cucinella Architects Fertigstellung 2021 Smart Building; grüne Stadterneuerung; Regenwassersammelsystem

Adressen wichtiger Nichtregierungs-Stakeholder (NGOs, Verbände, Forschungsinstitute) und Messedaten

Bezeichnung Internetadresse Anmerkungen
Germany Trade & Invest http://www.gtai.de/Italien Außenhandelsinformationen für die deutsche Exportwirtschaft, auch Hinweise zu Ausschreibungen
Exportinitiative Energie http://www.german-energy-solutions.de Informationen zu Veranstaltungen, Markt- und Länderinformationen, etc.
Auslandshandelskammer Italien https://Italien.ahk.de Anlaufstelle für deutsche Unternehmen
AIEE- Associazione Italiana Economisti dell'Energia http://www.aiee.it Italienischer Verband der Energiekonzerne
FIRE (Federazione Italiana per l'uso Razionale dell'Energia) http://fire-italia.org Italienischer Verband für den rationalen Energieverbrauch
Rete Irene http://www.reteirene.it Netzwerk von Unternehmen für die energetische Gebäudesanierung
Legambiente http://www.legambiente.it Forschungsinstitut
Energieeffizienzreport der Energy & Strategy Group des Mailänder Polytechnikums HYPERLINK "http://www.energystrategy.it/report/eff.-energetica.html"http://www.energystrategy.it/report/eff.-energetica.html Think Tank
EnergyMed http://www.energymed.it Fachmesse für erneuerbare Energien und Energieeffizienz; Neapel 28. bis 30.3.19
KEY ENERGY http://www.keyenergy.it Leitmesse für nachhaltige Energie und Mobilität; Rimini Fiera 5. bis 8.11.19
Klimahouse 2020 http://www.fierabolzano.it/klimahouse Fachmesse für energieeffizientes und nachhaltiges Bauen mit Kongress Zukunft Bauen; Bozen 22.bis 25.1.20
Fire - Federazione Italiana per L'uso Razionale dell'Energia http://www.fire-italia.org Verband für den verantwortungsvollen Umgang mit Energie

Weitere Informationen zu Italien finden Sie unter http://www.gtai.de/Italien.

Dieser Artikel ist relevant für:

Italien Strom-, Energieerzeugung, allgemein, Stromübertragung und -verteilung, Gewerbebau, Energieeinsparung, Wohnungsbau

Funktionen

Kontakt

Barbara Kussel

‎+49 228 24 993 356

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