Suche

19.02.2018

In Ägypten verbessern sich Rahmenbedingungen für Industrieprojekte

Stabilere Versorgung mit Strom, Erdgas und Devisen / Zulieferbasis noch schmal / Von Oliver Idem

Kairo (GTAI) - Industrieunternehmen finden in Ägypten ein wesentlich günstigeres Umfeld vor. Der Devisenmangel ist Geschichte, ebenso die Versorgungsmängel bei Strom und Erdgas. Rechtliche Reformen zielen auf vereinfachte und beschleunigte Abläufe ab. Die Zulieferbasis wächst langsam, hat aber noch einige Lücken. Noch immer sind Bürokratie und Fachkräftemangel zentrale Hemmnisse und die Preise für Strom und Kraftstoffe dürften mittelfristig anziehen. Den Mühen stehen allerdings oft hohe Margen gegenüber.

Ägypten verfügt auf dem afrikanischen Kontinent über eine der breitesten industriellen Grundlagen. Diese ist aber in vielen Zweigen noch ausbaufähig. Ein Aufwärtstrend zeigt sich bereits durch zahlreiche neue Investitionsprojekte und den geplanten Kapazitätsausbau von Raffinerien. Auch die ägyptische Wirtschaft befindet sich auf Wachstumskurs. Die jüngste Prognose des Internationalen Währungsfonds geht von einer Zunahme der Wirtschaftsleistung um 4,8 Prozent für das laufende Fiskaljahr aus (bis Ende Juni 2018). Gegenüber der Vorperiode entspricht das einem Plus von 0,6 Prozentpunkten.

Binnen weniger Jahre soll der Anteil der Industrie am Bruttoinlandsprodukt auf 21 Prozent gesteigert werden. Im vergangenen Fiskaljahr 1. Juli 2016 bis 30. Juni 2017 trug das verarbeitende Gewerbe 16,7 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt in Höhe von 3,4 Billionen ägyptischen Pfund (zu laufenden Preisen) bei. Davon entfielen laut dem Ministry of Planning 12,8 Prozentpunkte auf andere Industriezweige und 3,9 Prozentpunkte auf das Raffinieren von Erdöl.

Privatunternehmen tragen vor allem in den Bereichen Industrie, Landwirtschaft, Bau- und Immobilienwirtschaft, Handel sowie Lagerung und Transport zum Bruttoinlandsprodukt bei. Der Staat dominiert die Wirtschaftszweige Bergbau, Erdöl und Erdgas, Strom und Wasser. Zudem ist das ägyptische Militär ein erheblicher, aber nicht genau messbarer Wirtschaftsfaktor. Es engagiert sich alleine und mit Partnern auch in der Herstellung ziviler Güter. Aktuelle Pläne umfassen laut Medienberichten den Bau von Fabriken für Solarmodule, Landtechnik, Medizintechnik sowie Marmor und Granit. Wichtige Akteure sind das Ministry of Military Production, die Arab Organization for Industrialization und die National Service Products Organization.

Teurere Importe lassen Industriebetriebe nach lokalen Lieferanten suchen

Vor der Kursfreigabe des ägyptischen Pfundes im November 2016 konnten inländische Unternehmen zu günstigen Konditionen Rohstoffe, Vorprodukte und Verpackungen importieren. Die Kehrseite waren Lücken in den Wertschöpfungsketten, da relativ wenig Bedarf an inländischen Zulieferern bestand. Mittlerweile schwenken mehrere große Nahrungsmittelhersteller auf lokale Lieferanten um und auch im Verpackungsbereich setzen Unternehmen stärker auf ägyptische Produkte. Der Vorsitzende der Maschinenbaukammer im Dachverband Federation of Egyptian Industries hält einen Ausbau des inländischen Anteils von circa 60 auf 80 Prozent für möglich. Der Minister für militärische Produktion Mohamed El Assar strebt sogar eine hundertprozentige Nutzung lokaler Komponenten an.

Kritische Stimmen mahnen aber, den Trend zu lokalen Bezügen nicht zu überschätzen. Der Ausbau der Zulieferbasis dürfte Zeit in Anspruch nehmen und erfordert teilweise knappe Fachkräfte. Wenn bereits eingespielte Geschäftsbeziehungen der Zulieferer mit ihren Abnehmern bestehen, kann das Angebot für neue Interessenten knapp sein. Auch das durchgängige Einhalten von erforderlichen Qualitätsstandards ist ein Thema.

Ägypten wirbt intensiv um ausländische Direktinvestitionen. Bislang fließen diese jedoch zu mehr als der Hälfte in den Öl- und Gassektor sowie maßgeblich in den Immobiliensektor und weniger in das verarbeitende Gewerbe. Die ausländischen Direktinvestitionen wuchsen im Fiskaljahr 2016/2017 um 14,5 Prozent auf 7,9 Milliarden US-Dollar (US$). Dieser Anstieg beruhte aber vor allem auf einem von 1,7 Milliarden auf 4 Milliarden US$ gestiegenen Nettozufluss in den Erdölsektor.

Verbesserungen der Rahmenbedingungen an vielen Stellen

Eine ganze Reihe politischer Entscheidungen und Pläne verbessert den Rahmen für Industrieprojekte in Ägypten. Die Freigabe des Devisenkurses erwies sich als der erhoffte Befreiungsschlag. Seitdem sind die Devisenreserven rund 38 Milliarden US$ hochgeschnellt, was acht Monaten Einfuhrdeckung entspricht. Der Akkreditiv-Rückstau bei den Banken baute sich ab und Repatriierungen sind wesentlich schneller möglich. Seit November 2016 liegt der Eurokurs stabil zwischen 20 und 22 ägyptischen Pfund. Zentralbankgouverneur Tarek Amer stellte im Februar 2018 mögliche Zinssenkungen in Aussicht. Zur Inflationsbekämpfung waren die Leitzinsen in den vergangenen anderthalb Jahren um insgesamt 700 Basispunkte erhöht worden. Für investitionswillige Industrieunternehmen wurde das Zinsniveau zu einem gravierenden Hemmnis.

Das Industrieministerium setzt auf Industriekomplexe und möchte von diesen schon 2018 insgesamt 22 neue eröffnen. Der Schwerpunkt der Wirtschaftszone am Suezkanal liegt auf der Fertigung für den Export. Diese Konzepte wirken auch dem Mangel an voll erschlossenen Industriegrundstücken entgegen. Die Industrial Development Authority berichtet von einem Bedarf von rund sieben Millionen Quadratmetern pro Jahr, während der Staat maximal drei Millionen Quadratmeter zur Verfügung stellen kann. Verkehrsminister Hisham Arafat legt großen Wert auf Bahnanschlüsse für alle Seehäfen und plant drei Trockenhäfen und neue Logistikzonen im Land. Zudem sind der Ausbau und die Erneuerung von Straßen, Brücken, Bahnstrecken und Häfen sowie die längerfristig stärkere Nutzung des Nils für den Gütertransport dauerhafte Arbeitsschwerpunkte.

Einige rechtliche Rahmenbedingungen wurden in den vergangenen Monaten (Stand: Februar 2018) ebenfalls angepasst. Das Industrial Licensing Law vereinfacht Genehmigungsverfahren, und das novellierte Investitionsgesetz beschleunigt Abwicklungsprozesse und soll Investoren mehr Sicherheit bieten. Ein neues Zollgesetz mit Vereinfachungen und Vereinheitlichungen erhielt im Februar 2018 die Zustimmung des Kabinetts. Bereits Ende 2017 veröffentlichte das Industrieministerium seine Industrial Investment Map, die rund 4.100 detaillierte Möglichkeiten für Investitionsvorhaben aufzeigt. Zu den Verbesserungen der letzten Jahre zählt auch die wesentliche Stabilisierung der Erdgas- und Stromversorgung, die 2014 und 2015 etliche Industriebetriebe zur Drosselung ihrer Produktion zwang.

Bürokratie und Fachkräftesituation bleiben Schwachpunkte

Komplett rosig sind die Aussichten für Industrievorhaben aber nicht. Wer auf Zulieferungen aus dem Ausland angewiesen ist, beklagt oft die Dauer und den Aufwand von Zollprozeduren. Der Doing Business Report 2018 der Weltbank sieht Ägypten beim grenzüberschreitenden Handel nur auf Weltrang 170. Ursache dafür sind die Importprozeduren, während das Land beim Export im regionalen Vergleich überdurchschnittlich gut abschneidet. Insgesamt ist die Bürokratie ebenso wie der Fachkräftemangel ein Dauerthema für Unternehmen. Insbesondere fehlt es an systematisch ausgebildeten Technikern.

Mit großer Sicherheit werden mittelfristig die Subventionen für Strom und Kraftstoffe abgebaut und die Preise anziehen. Trotz einiger umgesetzter Schritte kostet Diesel noch immer an der Zapfsäule halb so viel wie seine Erzeugung. Subventionen reißen neue Lücken in den ohnehin angespannten Staatshaushalt. Der ägyptische Staat legt die Preise für Strom, Kraftstoffe und Wasser per Dekret fest und passt die Strompreise üblicherweise zum 1. Juli an.

Von Investoren und Unternehmensvertretern ist immer wieder zu hören, dass Ägypten kein einfacher Markt sei. Wenn es sich aber um ein langfristiges Engagement handele und wesentliche Hürden genommen seien, winkten allerdings oft auch attraktivere Margen als in anderen Ländern.

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll, Ausschreibungen und Entwicklungsprojekten in Ägypten können Sie unter http://www.gtai.de/ägypten abrufen.

(O.I.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Ägypten Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Wirtschaftspolitik, allgemein, Investitionen (Inland), Investitionsklima, allgemein

Funktionen

Manfred Tilz Manfred Tilz | © GTAI

Kontakt

Manfred Tilz

‎+49 228 24 993 234

Suche / Mann mit Lupe | © GettyImages/BernardaSv

Suche

Recherchieren Sie aktuelle Marktanalysen, Wirtschaftsdaten, Zoll- und Rechtsinformationen, Projekte und Ausschreibungen aus über 120 Ländern.

Zur Suche