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10.05.2018

In der US-Chemieindustrie stehen die Zeichen weiter auf Wachstum

Umfangreiche Kapazitätserweiterungen geplant / Petrochemie verzeichnet Rekordwachstum / Von Ullrich Umann (März 2018)

Berlin (GTAI) - In den USA bleibt die Nachfrage nach Chemieprodukten hoch. Der US-Bauboom treibt den Bedarf an Farben und Lacken an. Industriechemikalien setzen auf Erweiterungsinvestitionen. Und die Raffinerien verzeichnen ein Rekordwachstum. Nach einem Preisverfall im Vorjahr hoffen auch die Hersteller von Agrarchemikalien 2018 auf steigende Exportchancen. Laut Branchenverband ACC führt die Senkung der Körperschaftssteuer Ende 2017 zu umfangreichen Investitionen und Kapazitätserweiterungen.

In den USA erzeugen circa 10.000 Unternehmen chemische Waren. Ihr Bruttoproduktionswert lag 2017 bei 786,2 Milliarden US-Dollar (US$), was ein Wachstum von 2,9 Prozent im Vorjahresvergleich bedeutete. Mit Ausfuhren von 221 Milliarden US$ gehört die chemische Industrie 2017 zu den wichtigen Exportbranchen der Vereinigten Staaten. Dem standen Einfuhren im Wert von 271 Milliarden US$ gegenüber.

Das Marktforschungsunternehmen D&B Hoovers prognostiziert der Chemiebranche für die kommenden fünf Jahre ein wertmäßiges Wachstum von durchschnittlich 5 Prozent pro Jahr. Bei dieser Voraussage gehen die Marktforscher sowohl von wachsenden Fertigungsmengen als auch von steigenden Preisen für chemische Produkte aus. Gestützt wird diese Annahme von der aktuell günstigen Weltkonjunktur. Die Nachfrage nach Chemieprodukten bleibt demnach für die US-Hersteller auf den In- und Auslandsmärkten hoch.

Für den Chemiestandort USA sprechen zum einen das inländische Marktvolumen und zum anderen die sich verbessernde Verfügbarkeit von preisgünstigen Kohlenwasserstoffen aus heimischen Quellen.

Angefeuert durch die Ende 2017 erlassene Senkung der Körperschaftssteuer und durch die Gewährung günstiger Abschreibungsmöglichkeiten auf Investitionen ist zudem kurz- bis mittelfristig mit umfangreichen Modernisierungen und Kapazitätserweiterungen in der US-Chemieindustrie zu rechnen.

Nach Angaben des American Chemistry Council (ACC) werden die Investitionen in komplett neue Projekte 2018 im Vorjahresvergleich um 6,3 Prozent anziehen. Die Modernisierungsausgaben steigen laut gleicher Quelle sogar um 38,5 Prozent, ein Großteil der Modernisierungen findet in der Petrochemie statt. Im Jahr 2018 fließen damit 1,26 Milliarden US$ in die Chemiebranche, nicht gerechnet die Investitionen großer Ölkonzerne in Lagerstätten für Kohlenwasserstoffe.

Mengenwachstum in ausgewählten Sektoren der Chemieindustrie (im Vergleich zum Vorjahr, in Prozent)
2017 2018 *)
Insgesamt 0,0 3,6
.Pharmazeutika -1,3 3,5
.Agrarchemikalien 9,2 6,0
.Konsumgüter -2,0 1,4
.Grundchemikalien 0,0 4,7
..anorganische Chemikalien -2,4 3,5
..Petrochemie 1,4 5,6
..Kunststoffharze -0,2 4,6
..Synthesekautschuk -1,3 5,3
..Kunstfaser -0,7 -0,6
.Spezialchemie 3,0 2,3
..Beschichtungen 6,1 2,3
..Sonstige Spezialchemie 1,6 2,3

*) Prognosen

Quelle: American Chemistry Council (ACC), Dezember 2017

Produzenten von Agrarchemikalien leiden unter Überangebot

Für die etwa 700 US-Hersteller von Pestiziden, Herbiziden, Dünger und anderen Agrarchemikalien war 2017 kein besonders gutes Jahr. Zwar stieg die produzierte Gesamtmenge um 9,2 Prozent, womit die Erwartungen sogar übererfüllt wurden. Doch brachen die Einnahmen im Vorjahresvergleich um 14 Prozent auf 34,5 Milliarden US$ ein. Im ersten Halbjahr 2017 kämpfte die Branche mit Einnahmenrückgängen, im zweiten Halbjahr mit Stabilisierungstendenzen. Der seit 2012 andauernde schleichende Preisverfall bei Agrarchemikalien setzte sich 2017 fort.

Ein immens wichtiges Thema, auch in der Diskussion um die Preisgestaltung sind und bleiben die Megafusionen von Dow und DuPont im Jahr 2016, von ChinaChem und Syngenta im Jahr 2017 sowie die andauernde Fusion von Bayer und Monsanto. Die neuen großen "Drei" könnten ihre marktbeherrschende Stellung bei Saatgut und Agrarchemie zu Preisanhebungen nutzen, so die Befürchtungen der Agrarwirtschaft.

Die 2017 registrierten Umsatzrückgänge auf dem US-Markt für Agrarchemie hatten gleich mehrere Ursachen. Neben den leicht schrumpfenden Anbauflächen in der US-Landwirtschaft gaben parallel dazu die Preise für Agrarchemikalien auf den Weltmärkten nach. Dazu führten unter anderem die Rekordernten bei Getreide, die wichtige Anbauländer drei Jahre hintereinander eingefahren hatten. Dadurch sanken zum Beispiel die Weizenpreise und gleichzeitig die Einnahmen der Agrarproduzenten. Diese Mindereinnahmen wirkten sich wiederum negativ auf die Nachfrage nach Agrarchemikalien aus.

Für 2018 werden in den USA steigende Exportchancen bei Agrarchemikalien angenommen, unter anderem bei Stickstoff-, Phosphat- und Kalidünger. Als potenziell wachsende Zielmärkte werden Schwellenländer, darunter Indien, Brasilien, die VR China sowie die Türkei genannt, in denen ein steigender Bedarf vermutet wird.

Auf dem Inlandsmarkt für Agrarchemie bleiben 2018 stagnierende Umsätze die vorherrschende Tendenz. Zumal für die vier wichtigsten Kulturen Mais, Soja, Weizen und Baumwolle weiterhin sinkende Anbauflächen angekündigt wurden. Einzig für Baumwolle wird 2018 mit einer höheren Ernte als im Vorjahr gerechnet.

Der Großhersteller von Agrarchemie, darunter von Phosphat- und Kalidünger sowie Tierfutterzusätzen, Mosaic, hatte 2017 ein Werk am Standort Plant City geschlossen; vorübergehend wie es hieß. Das Werk verfügt über Kapazitäten zur Herstellung von 1 Million Tonnen (t) Phosphorpentoxid, 2 Millionen t Monoammoniumphosphat (MAP) sowie Diammoniumhydrogenphosphat (DAP). Prompt zogen die Preise auf Phosphatdünger in den USA im Herbst 2017 leicht an.

Mosaic erwirtschaftete 2017 Verluste in Höhe von 107 Millionen US$. Im Vorjahr befand sich der Konzern mit 298 Millionen US$ noch deutlich im Plus. Zu den Verlusten beigetragen hatten neben den gesunkenen Preisen auf Agrarchemie auch die 2,5 Milliarden US$ teure Übernahme des brasilianischen Konzerns Vale Fertilizantes S.A.. Letzter firmiert fortan als Mosaic Fertilizantes P&K S.A.. Das Geschäftsjahr 2018 will Mosaic nach eigenen Angaben wieder mit schwarzen Zahlen abschließen.

Veränderungen der Produktionsvolumina (im Vergleich zum Vorjahr, in %)
2017 2018 *) 2019 *)
Agrarchemikalien 9,2 6,0 4,7
davon
.Dünger 9,3 6,4 5,0
.Pflanzenschutzmittel 9,2 5,7 4,5

*) Prognosen

Quelle: ACC, 2018

Bei den Herstellungstechnologien für Agrarchemie geht der Trend zur stärkeren Nutzung von erneuerbaren Energien im Produktionsprozess. Damit soll der CO2-Anteil am Endprodukt sinken. Aktuell sind allerdings noch nicht genügend Mengen an Elektroenergie aus erneuerbaren Quellen am Markt verfügbar, um Großproduktionen damit betreiben zu können. Auch werden die künftigen Produktionsanlagen für Agrarchemie im Umfang schrumpfen, im Gegensatz zu den Großanlagen der Vergangenheit, die vorrangig auf Erdgas als Energiequelle gesetzt haben.

Farben und Lacke profitieren vom Bauboom

US-Hersteller von Farben, Lacken und Klebstoffen erwirtschafteten 2017 einen Umsatz von 45,6 Milliarden US$, 5,7 Prozent Zuwachs gegenüber dem Vorjahr. Getrieben wird die Branche durch die gute Konjunktur in den Vereinigten Staaten, vor allem in der Bauwirtschaft und in der Kfz-Industrie. Das Marktforschungsunternehmen Freedonia geht für die Periode 2015 bis einschließlich 2020 von einem jährlichen Anstieg des Verbrauchs an Farben und Lacken allein in der Bauwirtschaft von 3 Prozent aus. Im Jahr 2020 wären das 3,2 Milliarden Liter Farbe nur für Bauzwecke.

Vor allem der Wohnungsbau treibt die Baukonjunktur an. Für das Jahr 2018 wird mit einem Wachstum bei den neu gestarteten Wohnungsbauprojekten von 6 Prozent gerechnet. Die Zahl der Wohnungsbaugenehmigungen erreicht 1,396 Millionen im Jahr 2018. Allein im Januar 2018 schnellten die Baugenehmigungen für Mehrfamilienhäuser um 24 Prozent und für Einfamilienhäuser um 3,7 Prozent auf Vorjahresbasis in die Höhe.

Für Nicht-Wohngebäude wird die Zunahme im Gesamtjahr bei voraussichtlich 2 Prozent liegen. Die Ankündigungen des Weißen Hauses, Investitionen in die Verkehrsinfrastruktur des Landes hochfahren beziehungsweise private Investitionen im Gesamtwert von 1,5 Billionen US$ fördern zu wollen, lassen einen zunehmenden Bedarf an Farben und Lacken aus dem Tiefbau erwarten. Die Investitionen in den Straßenbau sollen 2018 um 5,9 Prozent und in den Bau und in die Sanierung von Brücken um 10,2 Prozent anziehen.

Industriechemikalien erholen sich von Sturmfolgen

US-Unternehmen der Kunststoff- und Gummiindustrie erwirtschafteten 2017 einen Umsatz von 239,7 Milliarden US$, was allerdings einen Rückgang um 0,1 Prozent bedeutete. Verursacht wurde der Rückgang zum Teil durch Hurrikan Harvey, der im August 2017 auf die Golfküste im Süden der USA traf. Die dort zahlreich angesiedelten Hersteller aus den beiden genannten Unterbranchen Petrochemie sowie Kunststoff- und Gummiindustrie mussten dadurch ihre Arbeit unterbrechen beziehungsweise hatten im Anschluss Kapazitäten instand zu setzen.

Der Wiederaufbau und die Reparaturarbeiten kamen jedoch schnell voran. Schon im November 2017 lag die Monatsproduktion der Petrochemie im Großraum Houston um 29 Prozent über dem Vergleichswert vom September. In der regionalen Gummiindustrie lag die Zunahme im gleichen Zeitraum bei 8 Prozent. Im Jahr 2018 werden alle Kapazitäten wieder voll einsatzbereit sein. Kurz vor Reparaturende soll zum Beispiel die Ethananlage des Herstellers Chevron Phillips Chemical´s (CPChem) stehen.

Aus den Sturmfolgen für die Chemieindustrie werden aber auch juristische Rückschlüsse gezogen. So müssen Chemieunternehmen, die Umweltauflagen unterlaufen und sich damit anfälliger als andere Produzenten für die Naturkatastrophe erwiesen haben, mit Strafzahlungen rechnen.

Zu den Reparaturkosten kommen planmäßige Erweiterungsinvestition in die erdgasfördernden und -verarbeitenden Industrien. Im Ergebnis können sich die Ausfuhren von Flüssiggas sowie von Produkten, für die Erdgas ein wichtiges Ausgangsmaterial darstellt, im Laufe der kommenden zehn Jahre verdoppeln. Dazu zählen Polymere, Kunststoffe und verschiedene Produkte der Spezialchemie.

Die Formosa Plastics Corporation kündigte in diesem Zusammenhang im Dezember 2017 den Ausbau der Erzeugung von Polyvinylchloridharz am Standort Baton Rouge im Bundesstaat Louisiana bis 2020 an. Vermarktet wird das Produkt unter dem Markennamen Formolene. Nähere Angaben zur Technologie und zur Investitionssumme wurden jedoch nicht gemacht.

Petrochemie rechnet 2018 mit Rekordjahr

Raffinerien schlossen das Finanzjahr 2017 mit einem wertmäßigen Rekordwachstum von 27,1 Prozent ab. Der Branchenumsatz stieg auf 480,1 Milliarden US$. Dazu beigetragen haben die sich erholenden Weltmarktpreise für Kohlenwasserstoffe sowie steigende Fördermengen bei Erdöl und Erdgas in den USA, was die Versorgung mit Rohstoffen grundlegend verbesserte.

Im Jahr 2018 werden täglich 10,6 Millionen Barrel Erdöl pro Tag sowie 4,2 Millionen Barrel flüssiges Erdgas pro Tag aus heimischen Quellen auf den US-Markt strömen, so die Prognose. Im Vorjahr betrugen die Vergleichswerte 9,3 Millionen Barrel pro Tag bei Erdöl und 3,7 Millionen Barrel pro Tag bei Flüssiggas. Die Prognosen für 2019 belaufen sich auf 11,2 Millionen Barrel Erdöl pro Tag und 4,6 Millionen Barrel Flüssiggas pro Tag.

Technische Neuentwicklungen und Investitionen sowohl in das horizontale Bohren als auch in Schiefergas- und Schieferölbohrungen tragen zu den steigenden Fördermengen bei. Im Ergebnis haben sich die USA von einem Nettoimporteur von Energieträgern zu einem Nettoexporteur entwickelt. Wie der ACC mitteilte, befinden sich aktuell 317 Projekte im Gesamtwert von 185 Milliarden US$ zur Förderung und Verarbeitung von Schelfgas in der Pipeline.

Unter den Förderfirmen hat ein Prozess der Marktbereinigung eingesetzt. Zusammenschlüsse und Übernahmen stehen auf der Tagesordnung. So bahnt sich ein Zusammengehen der Midstates Petroleum Co. Inc. mit der SandRidge Energy Inc. an. Beide Unternehmen verfügen über Förderkonzessionen für Schiefergas und -öl in den Bundesstaaten Texas und Oklahoma. Die Silver Run Acquisition Corp. II geht künftig gemeinsame Wege mit der Alta Mesa Holdings LP sowie der Kingfisher Midstream LLC, die über Förderkonzessionen in Oklahoma verfügen.

Exxon Mobil kündigte Investitionen über 50 Milliarden US$ für die kommenden fünf Jahre in den Ausbau seiner Förderkapazitäten in Texas und New Mexico sowie für eine erweiterte Kohlenwasserstoffverarbeitung entlang der Golfküste an. Diese Ankündigung erfolgte als demonstrative Zustimmung des Konzerns auf die Körperschaftssteuersenkung in den USA.

Auch unter den Raffineriebetreibern sind Marktbereinigungen zu registrieren. So hat die Delek US Holding Inc. die Alon Israel Oil Co. Ltd übernommen. Letzte betreibt Raffinerien in Kalifornien und Texas.

Phillips 66 plant derzeit den Bau eines zweiten Ethan-Crackers, der zusammen mit dem Joint Venture Partner Chevron Phillips Chemical betrieben werden soll. Ein endgültiger Investitionsbeschluss dazu soll bis 2019 gefällt werden. Bis dahin wird die globale Nachfrageentwicklung nach Kunststoffen, insbesondere in Indien und der VR China näher untersucht, wie es in Unternehmensmitteilungen heißt. Das zum Betreiben des Crackers notwendige Erdgas ist inzwischen in den USA günstig zu haben.

Insgesamt werden bis 2019 fünf Ethylen-Cracker gebaut, vier weitere nahmen 2017 den Betrieb auf. Die im Bau befindlichen Anlagen gehören zu den Unternehmen Formosa Plastics (Point Comfort, Texas), Sasol (Lake Charles, Louisiana), Westlake (Axiall)/Lotte (St. Charles, Louisiana), Shintech (Plaquemine, Louisiana) und Shell (Monaca, Pennsylvania). Nach Abschluss aller Bauvorhaben von 2017 bis 2019 werden dem Markt 10,3 Millionen t Ethylen zusätzlich zur Verfügung stehen.

Verbrauch flüssiger Kohlenwasserstoffe (in Millionen Barrel pro Tag)
Segment 2017 2018 *) 2019 *)
Gesamt 19,88 20,33 20,68
davon
.Flüssiggas 2,59 2,88 3,14
.Benzin 9,29 9,33 9,40
.Flugbenzin 1,69 1,72 1,72
.Destillatheizöl 3,95 4,06 4,09
.Leichtes Heizöl 0,36 0,32 0,32
.Sonstige Erdölprodukte 2,00 2,02 2,01

*) Prognosen

Quelle: EIA, Short-Term Energy Outlook, Februar 2018

Dieser Artikel ist relevant für:

USA Chemische Industrie, allgemein, Kunststoffe und Gummi, Petrochemie, Agrarchemikalien, Farben u. Lacke, Pigmente

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