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23.07.2018

In Lateinamerika drängen neue Fintech-Firmen auf den Markt

Traditionelle Geschäftsbanken zunehmend unter Druck / Von Florian Steinmeyer

Mexiko-Stadt (GTAI) - Der Weg zur Bankfiliale könnte in Lateinamerika bald der Vergangenheit angehören. Immer mehr Start-ups bieten Alternativen für Bezahlvorgänge, Finanzierungen oder das Vermögensmanagement an. Damit machen sie den oft sehr vorsichtig agierenden Geschäftsbanken der Region zunehmend Konkurrenz. Für deutsche Fintech-Firmen und Technologieanbieter kann sich die Suche nach Nischen auf dem dynamischen, aber noch jungen Markt lohnen. (Kontaktadressen)

In keiner anderen Branche haben Start-ups in Lateinamerika mehr Erfolg als im Bereich der Finanzdienstleistungen. Von Mitte 2017 bis Mitte 2018 stieg ihre Zahl laut einer Studie der Interamerikanischen Entwicklungsbank (IADB) von gut 700 auf 1.100 Unternehmen. Laut dem lateinamerikanischen Venture-Capital-Verband Lavca flossen 2016 rund 155 Millionen US-Dollar (US$) und damit 31 Prozent des lateinamerikanischen Risikokapitals in das Segment. Gemessen an den getätigten Abschlüssen hatte die Fintech-Branche sogar einen Anteil von 81 Prozent.

Damit machen Finanz-Start-ups etablierten Banken und Vermögensverwaltern zunehmend Konkurrenz. Diese Entwicklung ist in Lateinamerika besonders stark, da dortige Kreditinstitute äußerst konservativ in ihrer Geschäftsstrategie sind. Angehörige des informellen Sektors haben vielfach überhaupt keinen Zugriff auf Bankdienstleistungen. Auch Unternehmen berichten von hohen Hürden für die Finanzierung neuartiger Projekte und teuren Zinsniveaus. Entsprechend beschäftigen sich viele Start-ups damit, alternative Finanzierungen zu vermitteln.

Verteilung der 1.100 Fintech-Start-ups Lateinamerikas nach Segmenten (Juni 2018)
Land Anteil in %
Plattform für alternative Finanzierungen 25,6
Bezahlsysteme 25,2
Management von Unternehmensfinanzen 13,2
Management persönlicher Finanzen 9,8
Anbieter von Technologie 8,0
Trading & Wertpapierhandel 5,5
Sonstige 12,7

Quelle: IADB

Verteilung der 1.100 Fintech-Start-ups Lateinamerikas nach Ländern (Juni 2018)
Land Anteil in %
Brasilien 32,7
Mexiko 25,6
Kolumbien 11,9
Argentinien 10,2
Chile 9,2
Peru 2,3
Ecuador 1,8
Uruguay 1,7
Sonstige 4,6

Quelle: IADB

Interessante Region für deutsche Anbieter und Technologielieferanten

Gleichzeitig ist der Markt noch recht jung. Laut der IADB waren 2017 rund 60 Prozent der Fintech-Firmen drei Jahre oder jünger. Nur 18 Prozent der Unternehmen waren bereits länger als fünf Jahre aktiv. Für deutsche Unternehmen - sowohl Fintech-Anbieter als auch Hersteller von Technologie - kann sich die Suche nach Nischen also durchaus lohnen.

Jüngstes Beispiel dafür wie ein Einstieg organisiert werden kann bietet das spanische Softwareunternehmen Latinia. Der Hersteller von Nachrichtensystemen für die Finanzindustrie gab Mitte Juli 2018 bekannt, 1 Million US$ in den Accelerator Startupbootcamp zu investieren, der in Mexiko ein Fintech-Programm betreibt. Startupbootcamp nutzt die Mittel, um aussichtsreiche Jungfirmen zu unterstützen. Die erfolgreichen unter ihnen sind für Latinia mögliche künftige Partner. 2017 förderte Startupbootcamp 15 Fintech-Start-ups. Innerhalb des laufenden und des kommenden Jahres sollen 30 weitere folgen.

Beispiele für Fintech-Unternehmen in Lateinamerika
Unternehmen Herkunftsland Segment Beschreibung
Aflore Kolumbien Plattform für alternative Finanzierungen Finanzlösungen für informell Beschäftigte
Tienda Pago USA Management von Unternehmensfinanzen Zahlungsabwicklung und -kredite für kleine Einzelhändler
Kubo Financiero Mexiko Plattform für alternative Finanzierungen Vermittlung von Peer-to-Peer-Privatkrediten
RSK Argentinien Anbieter von Technologie Anbieter eines Zahlungssystems auf Basis von Bitcoin
Bitso Mexiko Trading & Wertpapierhandel Trading-Plattform für Privatkunden

Quelle: IADB; Recherche von Germany Trade & Invest

In der 2017 durchgeführten IADB-Befragung stellte sich heraus, dass Software zur Auswertung von Kundendaten (Big Data) das wichtigste technologische Fundament der lateinamerikanischen Fintech-Start-ups ist. Rund 21 Prozent der Firmen gaben an, dass ihr Geschäftsmodell darauf beruhe. Für knapp 19 Prozent der Firmen sind mobile Apps die wichtigste Technologie. 16 Prozent sind auf IT-Plattformen und Programmierschnittstellen angewiesen. Cloudcomputing ist mit 13 Prozent der Nennungen ein weiterer bedeutender Bereich.

Vorreiter Mexiko

In Lateinamerika sticht Mexiko als einziges Land heraus, das ein dezidiertes Fintech-Gesetz verabschiedet hat. Dies ist Ausdruck davon, dass die Branche in Mexiko besondere Bedeutung besitzt. Angetrieben von der Nähe zum Silicon Valley und der starken Informalität der Wirtschaft beschäftigen sich überproportional viele Start-ups mit innovativen Finanzdienstleistungen.

Das im März 2018 von Präsident Enrique Peña Nieto unterschriebene Gesetz regelt im Wesentlichen die Rechte und Pflichten von Fintech-Unternehmen. Dazu gehören unter anderem Crowdfunding-Plattformen, Finanzierungsvermittler und Bezahldienstleister. Zudem ist es Geschäftsbanken nach Prüfung durch die Zentralbank gestattet, mit Kryptowährungen zu handeln. Marktbeobachter gehen mehrheitlich davon aus, dass das Gesetz der mexikanischen Fintech-Branche Impulse verleihen wird.

Kontaktadressen

Bezeichnung Internetadresse Anmerkungen
Latin American Private Equity & Venture Capital Association (Lavca) https://lavca.org Lateinamerikanische Vereinigung für Risikokapital
Inter-American Development Bank (IADB) http://www.iadb.org Amerikanische Förderbank
Startupbootcamp http://www.startupbootcamp.org Accelerator mit Fintech-Programm in Mexiko

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll, Ausschreibungen und Entwicklungsprojekten in Mexiko sind unter http://www.gtai.de/mexiko abrufbar.

Dieser Artikel ist relevant für:

Mexiko, Lateinamerika Finanzwesen, allgemein, Finanzierung, allgemein, Banken, Kreditinstitute, Digitalisierung

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