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21.01.2019

Indiens Handelspolitik soll Exporte fördern

Exportbranchen müssen wettbewerbsfähiger werden / Von Rainer Jaensch

New Delhi (GTAI) - Indien bekennt sich - auch in Replik zu Washingtons Protektionismus - zu offenen Märkten. Der Freihandel soll aber zuvorderst dem indischen Export dienen, der bislang zu kurz kam.

Im Spannungsfeld des sich ausbreitenden Protektionismus, US-amerikanischer Sanktionen und der chinesischen Seidenstraßenexpansion muss sich die indische Handelspolitik neu positionieren. Aus Washington spürt Indien den Druck, seine bedeutende Ölzufuhr aus Iran drastisch zu drosseln. Auf der anderen Seite eröffnet der von den USA entfachte "Handelskrieg" mit China Chancen für Indien. Sein Land werde die Exporte in die USA und andere globale Märkte forcieren, um chinesische Lieferungen zu ersetzen, erklärte Indiens Handelsminister Suresh Prabhu. Und hierbei hat Indien noch genug Spielraum nach oben. Während China 12,8 Prozent der globalen Warenausfuhr stellt, sind es bei Indien gerade einmal 1,7 Prozent.

Wird der Zugang für chinesische Güter und Investitionen in die USA schwieriger, können sich diese teilweise nach Indien umorientieren. Aus Sicht Indiens mag dieses bei den Investitionen gewünscht sein, bei den Importen eher nicht. Hier besteht bereits ein erdrückendes Ungleichgewicht. Chinesischen Lieferungen von 72 Milliarden US-Dollar (US$) standen 2017 lediglich indische Waren im Wert von 12,5 Milliarden US$ gegenüber. Stiegen Indiens Importe aus dem Nachbarland von 2010 bis 2017 um 74 Prozent, nahmen die Exporte um 28 Prozent ab. Neben dem Haupthandelspartner ist für Indien ebenso der Warenaustausch mit anderen wichtigen Ländern defizitär.

Hinter den Erwartungen blieb bisher auch der Handel mit Indiens Freihandelspartnern zurück. So ist das Handelsdefizit mit den ASEAN-Staaten, Südkorea und Japan bis zum Fiskaljahr 2016/17 (1.4. bis 31.3.) auf 24 Milliarden US$ angewachsen gegenüber 15 Milliarden im Jahr 2010/11, als die entsprechenden Freihandelsabkommen in Kraft traten. Auch konnte Indien nach der Unterzeichnung kein stärkeres Exportwachstum in diese Länder verzeichnen als das durchschnittliche.

Begeisterung für Freihandel hält sich in Grenzen

Industrieverbände, Exporteure und Außenhandelsexperten bemängeln, dass die bisherigen Freihandelsabkommen Indiens Handelspartnern mehr genützt haben als der heimischen Industrie. Wichtige Industriezweige einschließlich der Stahlbranche fürchten durch Freihandel Importdumping. Auch die Kfz- und Teileindustrie, die Elektro- und Elektronikbranche sowie die Lebensmittelhersteller zeigen sich skeptisch. Die Regierung steht unter entsprechendem Druck und macht unmissverständlich klar, worin die Priorität ihrer Handelspolitik liegt: in der Exportförderung. So steht es auch im "Foreign Trade Policy Statement 2017". Alle dort empfohlenen Maßnahmen sind auf Exportsteigerung ausgerichtet, von der Qualitätsverbesserung bis zur Vermarktung. Auch sollen mehr global akkreditierte Testlabore eingerichtet werden, da viele indische Produkte bei Qualitätstests durchfallen.

Ferner solle sich die Exportwirtschaft stärker auf die Waren fokussieren, die global zunehmend gefragt sind, wie Verteidigungsgüter, Medizintechnik, verarbeitete Lebensmittel, technische Textilien und chemische Erzeugnisse. Dies gilt auch für Schmuck, Arzneimittel, elektronische Produkte sowie Leder- und Textilwaren. Im Hinblick auf die EU sieht die indische Regierung immenses Potential im Bereich der Informationstechnologie (IT), und zwar vom Export von Dienstleistungen bis zu Investitionen und Technologietransfer. Bei diesen wie auch bei Medizinprodukten werden jedoch die Gesundheits- und Datenschutzanforderungen sowie das komplexe System von Quoten und Tarifen der EU als Hindernis empfunden.

Indiens Handelspolitik ist nicht eindeutig freihandelsorientiert. Laut des Economic Freedom Index 2018 gilt das Land mit Rang 130 als "überwiegend unfrei". Zwar hat sich Indien gegenüber ausländischen Direktinvestitionen geöffnet, ist aber beim Warenimport noch selektiv. Importzölle werden gezielt zum Schutz heimischer Industriezweige eingesetzt, so beispielsweise die Einführung eines 25-prozentigen Schutzzolls auf Solarpanelen aus China und Malaysia im Juli 2018. Andererseits wird seit Anfang 2019 erstmals der Import von Äpfeln aus Deutschland zugelassen.

Haupthandelspartner Indiens (Handelsvolumen in Mrd. US$ und Veränderung in %)
Länder 2010 2017 Veränderung
China 58,7 84,4 44
USA 42,7 70,1 64
Vereinigte Arabische Emirate 58,3 51,8 -11
Saudi-Arabien 24,9 26,3 6
Hongkong 17,3 26,0 51
Schweiz 22,8 21,4 -6
Deutschland 17,4 20,9 20
Südkorea 13,6 20,5 51
Indonesien 14,3 20,0 40
Singapur 16,3 18,8 15
Australien 13,7 18,2 33
Irak 8,0 16,6 108
Japan 13,1 15,0 15
Malaysia 9,6 14,4 51
Iran 13,6 13,7 1
Insgesamt weltweit 570,4 738,4 29

Quelle: UN-Comtrade

Neue Abkommen sind in Verhandlung

Trotz der vorherrschenden Skepsis ist die Regierung in New Delhi mehrere Freihandelsabkommen eingegangen und in Verhandlungen über weitere. So hat Indien neben den vorgenannten noch weitere entsprechende Abkommen mit Afghanistan, Bangladesch, Bhutan, Malediven, Nepal, Pakistan und Sri Lanka sowie Malaysia in Kraft.

Ein umfassendes Abkommen namens "Regional Comprehensive Economic Partnership" (RCEP) ist im fortgeschrittenen Verhandlungsstadium. Es umfasst neben den zehn ASEAN-Staaten auch Australien, China, Indien, Japan, Südkorea, Neuseeland und damit ein Viertel der globalen Wirtschaftskraft, 30 Prozent des Welthandels und 45 Prozent der Erdbevölkerung. Die indische Industrie befürchtet dadurch beträchtliche Konkurrenz aus dem Ausland, vor allem aus China, so dass im Falle Chinas, Australiens und Neuseelands das Ambitionsniveau geringer und die Übergangsfristen länger ausfallen dürften. Politisch ist das RCEP jedoch von New Delhi gewollt. Nachdem über sieben der 16 Kapitel Einigung erzielt wurde, kann frühestens in der zweiten Jahreshälfte 2019 mit einem Abschluss gerechnet werden. In der ersten Hälfte stehen in Indien Parlamentswahlen an, die jedoch an der Handelspolitik der künftigen Regierung wenig ändern dürften.

Bei den auf Eis gelegten Verhandlungen über ein Abkommen mit der Europäischen Union sind die Positionen in einigen Bereichen weiter auseinander als beim Abbruch der Gespräche 2013. Problembereiche sind Kraftfahrzeuge und -teile sowie Spirituosen. Auch bei der Freizügigkeit des Faktors Arbeit bestehen Differenzen. Indien mit seiner jungen und dynamisch wachsenden Bevölkerung, die nicht vollständig vom Arbeitsmarkt absorbiert werden kann, ist am Export von Arbeitskräften interessiert. Komparative Vorteile gibt es insbesondere bei Pflegepersonal und IT-Experten. Die Aufnahmebereitschaft von Industrieländern, die selber mit Jugendarbeitslosigkeit belastet sind, ist jedoch beschränkt.

Digitalisierung beschleunigt Einfuhrverfahren

"Seit Anfang 2017 hat sich das Importprozedere vereinfacht und beschleunigt", bekräftigte RS. Subramanian, Landesleiter von DHL Express India im Gespräch mit Germany Trade & Invest. An den drei Flughäfen Delhi, Mumbai und Bengaluru, über die der deutsche Logistiker Expressgut nach Indien hereinbringt, ist dieses klar zu sehen. Durch die Einführung der elektronischen Zollabfertigung ist das Verfahren transparenter, effizienter und schneller geworden. Eine Herausforderung bleibt noch die unzureichende Infrastruktur an den Flughäfen, die aber Spielraum für Verbesserungen bietet.

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll und Ausschreibungen in Indien können Sie unter http://www.gtai.de/indien abrufen. Die Seite http://www.gtai.de/asien-pazifik bietet einen Überblick zu verschiedenen Themen in Asien-Pazifik.

Dieser Artikel ist relevant für:

Indien Wirtschaftspolitik, allgemein, Handels-, Zollabkommen, WTO

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