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19.08.2019

Indiens Solarbranche hofft auf neuen Wachstumsschub

Projektpipeline gut gefüllt, aber Ausschreibungen stoßen auf gemischtes Interesse / Von Boris Alex

New Delhi (GTAI) - Indien bleibt bei der Solarenergie hinter seinen Ausbauzielen zurück. Unterstützung bei der Finanzierung und Förderprogramme für die Landwirtschaft sollen für neuen Schwung sorgen.

Der Ausbau der Solarenergien ist in Indien ins Stocken geraten. Zwar zählt das Land weiterhin zu den wachstumsstärksten Solarmärkten weltweit. Doch regulatorische Unwägbarkeiten, Probleme bei der Projektfinanzierung und die schwächelnde Konjunktur drücken auf die Stimmung. Die indische Regierung hat Anfang 2019 eine Reihe von Maßnahmen eingeleitet, um der Branche neuen Schwung zu verleihen.

Ob diese ausreichen, die ambitionierten Ausbauziele bei der Solarstromerzeugung zu realisieren, ist allerdings fraglich.

Im Finanzjahr 2018/19 (1. April bis 31. März) ging der Kapazitätszubau bei Fotovoltaik-Anlagen (PV) gegenüber der Vorjahresperiode um etwa 30 Prozent auf 6,5 Gigawatt zurück. Ursprünglich hätten 11 Gigawatt an neuen Solarkapazitäten ans Netz gehen sollen. Doch statt der anvisierten 10 Gigawatt bei Freiflächenanlagen wurden nur rund 5,8 Gigawatt fertiggestellt. Bei den Aufdachanlagen waren es 732 Megawatt statt der geplanten 1.000 Megawatt.

Kapazitätszubau bleibt weiter hinter Erwartungen zurück

Für das laufende Finanzjahr 2019/20 liegt das Ziel für neue Freiflächenanlagen zwar nur noch bei 7,5 Gigawatt, doch die Zahlen des Ministry of New and Renewable Energy (MNRE; https://mnre.gov.in) zum Kapazitätszubau im 2. Quartal 2019 deuten darauf hin, dass auch dieser Richtwert verfehlt werden könnte. Von April bis Juni gingen PV-Anlagen mit einer Leistung von lediglich 1,1 Gigawatt ans Netz.

Setzt sich diese Entwicklung fort, dürften die von Indiens Premierminister Narendra Modi 2015 ausgerufenen Ziele von insgesamt 60 Gigawatt Freiflächen- und 40 Gigawatt Aufdachanlagen bis zum Ende des Finanzjahres 2022/23 in weite Ferne rücken, so die Einschätzung des Marktforschers CRISIL. Im März 2019 hatten die Analysten ihre Prognose für die bis zum Ende der Programmlaufzeit realisierbaren Solar-PV-Kapazitäten auf 70 Gigawatt nach unten korrigiert - im Juli 2018 lagen die Erwartungen noch bei 79 Gigawatt.

PV-Vorhaben mit einer Leistung von 18 Gigawatt in der Pipeline

Dass Indien trotz der zurzeit schleppenden Entwicklung ein interessanter Wachstumsmarkt für die Solarbranche bleibt, beweist die weiterhin gut gefüllte Projektpipeline. Im März 2019 befanden sich PV-Vorhaben mit einer Kapazität von 18 Gigawatt in Vorbereitung beziehungsweise in der Ausschreibungsphase, schätzt die Unternehmensberatung Bridge to India. Davon entfielen rund 60 Prozent auf die indische Zentralregierung und der Rest auf die Bundesstaaten.

Doch das Interesse an den Tendern fällt sehr unterschiedlich aus. Während manche Projekte deutlich überzeichnet sind, müssen andere wegen Mangels an Bietern oder zu hohen Stromabgabepreisen wieder zurückgezogen werden. Allein im Finanzjahr 2018/19 wurden Ausschreibungen zu PV-Anlagen mit Kapazitäten von insgesamt 8 Gigawatt und einem Investitionsvolumen von umgerechnet 5 Milliarden Euro zurückgezogen. Dies hat zu weiterer Verunsicherung in der Branche geführt.

Die indische Regierung will den Investitionsstau unter anderem durch verbesserte Rahmenbedingungen bei der Projektfinanzierung auflösen. Im Februar 2019 hatte der für Wirtschaftsfragen zuständige Kabinettsausschuss beschlossen, PV-Vorhaben mit Kapazitäten von insgesamt 12 Gigawatt über das Finanzvehikel des Viability Gap Funding mit 1 Milliarde Euro unterstützen. Das Investitionsvolumen für die Projekte schätzt die Regierung bis zum Ende des Finanzjahres 2022/23 auf insgesamt 6 Milliarden Euro.

Indien legt Förderprogramm für Solarenergie in der Landwirtschaft auf

Für zusätzlichen Schub soll das ebenfalls im Februar 2019 initiierte Förderprogramm "PM KUSUM" sorgen. Es zielt auf die Solarstromerzeugung in der Landwirtschaft ab. Bis 2022/23 sollen auf Agrarland netzgebundene Freiflächen-PV-Anlagen mit einer Kapazität von 10 Gigawatt entwickelt werden. Des Weiteren wird die Anschaffung von 1,75 Millionen freistehenden solarbetriebenen Bewässerungspumpen sowie die Umrüstung von einer Million bislang netzgebundenen Bewässerungspumpen auf Solarbetrieb finanziell unterstützt.

Dabei erhalten Landwirte jeweils 30 Prozent der Anschaffungskosten von der Zentralregierung sowie vom jeweiligen Bundesstaat. Voraussetzung ist, dass die Ausrüstung in Indien gefertigt wurde. Mithilfe der Solarpumpen könnten weitere Erzeugungskapazitäten von 17 Gigawatt geschaffen werden, so die Berechnung der indischen Regierung. Für das Förderprogramm stehen bis Ende 2022/23 öffentliche Mittel von umgerechnet 4,3 Milliarden Euro zur Verfügung.

Schutzzölle auf PV-Ausrüstung erschweren Projektkalkulation

Die zum Teil einschneidenden Änderungen an den regulatorischen Bedingungen für die Solarindustrie hat den Projektentwicklern 2018 das Leben schwer gemacht. Vor allem die Einführung - beziehungsweise die Diskussion - von Schutzzöllen (safeguard duty) in Höhe von 25 Prozent auf importierte Solarzellen und -module im Juli 2018 hat die Projektkalkulation für die Developer erschwert. Zum 30. Juli 2019 wurde der Zoll auf 20 Prozent abgesenkt und ab 30. Januar 2020 gilt nur noch ein Satz von 15 Prozent.

Der gewünschte Effekt, die indischen Hersteller von Ausrüstung für die Solarindustrie zu stärken, hat sich allerdings bislang nicht eingestellt. Der Anteil der importierten PV-Zellen und -Module liegt weiterhin bei etwa 90 Prozent, so die Einschätzung von Bridge to India. Trotz der Schutzzölle liegen die lokalen Produkte preislich um 10 bis 20 Prozent über den chinesischen Erzeugnissen.

Umstritten ist auch die Entscheidung des Finanzministeriums zur Besteuerung von Solarprojekten. Dabei wurde festgelegt, dass 70 Prozent des Projektvolumens als Ware mit 5 Prozent und die restlichen 30 Prozent als Dienstleistung mit 18 Prozent besteuert werden. Die Projektentwickler sehen das Verhältnis hingegen bei 90 zu 10 Prozent und haben die Entscheidung angefochten. Die zuständige Behörde Goods and Service Tax Council prüft nun die Steuerstruktur von Solarprojekten.

Bundesstaat Andhra Pradesh annulliert Stromabnahmeverträge

Kopfzerbrechen bereitet der Branche auch die derzeitige Entwicklung im südindischen Bundesstaat Andhra Pradesh. Die im Juni 2019 neu gewählte Regierung unter Führung des Ministerpräsidenten YS Jaganmohan Reddy will sämtliche Infrastrukturprojekte der Vorgängerregierung auf den Prüfstand stellen. Im Zuge dessen wurde auch eine Reihe von Stromabnahmeverträgen annulliert, sie sollen nun nachverhandelt werden. Ziel ist es, die Abnahmepreise zu drücken und die Laufzeit der Verträge von in der Regel 25 Jahren auf fünf Jahre zu reduzieren.

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll, Ausschreibungen und Entwicklungsprojekten in Indien können Sie unter http://www.gtai.de/indien abrufen. Die Seite http://www.gtai.de/asien-pazifik bietet einen Überblick zu verschiedenen Themen in Asien-Pazifik.

Dieser Artikel ist relevant für:

Indien Strom-/ Energieerzeugung, Solar, Stromerzeugungs- und -verteilungstechnik

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