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20.06.2017

Indonesiens Abfallwirtschaft steckt noch in den Kinderschuhen

Gemeinden fehlt vielfach das Geld für Investitionen / KfW engagiert sich / Von Roland Rohde

Jakarta (GTAI) - Während die indonesische Regierung für viele Milliarden US-Dollar die Verkehrsinfrastruktur ausbaut, vernachlässigt sie die Abfallwirtschaft. Dabei besteht hoher Handlungsbedarf. Rund 50% des Müllaufkommens aus den Haushalten werden illegal verbrannt oder ins Wasser geworfen. Der Teil, der gesammelt wird, landet zu 90% unsortiert auf den Deponien, die oft nur schlecht versiegelt sind. Die Verwendung von Deponiegas und "Waste-to-Energy"-Projekten finden kaum statt. (Internetadressen)

Indonesien hat ein riesiges Müllproblem. Nahezu an allen Stellen des Kreislaufs - von der Abfallvermeidung, über die Einsammlung, Trennung, Deponierung, bis zum Recycling - besteht ein enormer Nachhol- und Modernisierungsbedarf. Das gleiche gilt für die Stromerzeugung aus Müll ("Waste-to-Energy") und die kommerzielle Nutzung von Deponiegas.

An der Situation dürfte sich mittelfristig nicht viel ändern, denn für die Regierung ist das Thema von nachgeordneter Bedeutung. In ihren Augen besitzt stattdessen der Ausbau der landesweiten Verkehrsinfrastruktur und der Kraftwerkskapazitäten oberste Priorität. Das verdeutlicht auch der National Medium Term Development Plan. Er sieht für die Jahre 2015 bis 2019 entsprechende Investitionen in Höhe von fast 300 Mrd. US$ vor und lässt zugleich die Abfallwirtschaft außer Acht.

Haushaltsmüllaufkommen wächst jährlich um 2 bis 4%

Dabei besteht dringender Handlungsbedarf. Laut der Unternehmensberatung Concord Consulting produziert der riesige Inselstaat täglich 175.000 Tonnen (t) Haushaltsmüll. Das kommt aufs Jahr hochgerechnet einem Aufkommen von rund 64 Mio. t gleich. Gemäß dem indonesischen Umweltministerium wächst es jährlich um 2 bis 4%. Bis zum Ende des nächsten Jahrzehnts könnte demnach eine Menge von rund 100 Mio. t pro anno anfallen.

Zunächst müsste einmal die Einsammlungsquote steigen. Laut Angaben des nationalen Statistikamtes liegt sie bereits bei über 80%. Doch andere Quellen zweifeln diesen Wert an. Gemäß Schätzungen von Concord Consulting dürfte ein Wert von 50% realistischer sein. Zudem ist der Müll, der tatsächlich die Deponien erreicht, zu 90% unsortiert. Ein effizientes, zentrales Trennsystem existiert nicht.

Wer durch die Straßen der großen Metropolen fährt, sieht zwar vergleichsweise wenig Müll am Straßenrand liegen. Wer jedoch in einem Hochhaus wohnt oder arbeitet, kann an zahlreichen Stellen rauchende Müllhaufen erkennen. Viele Wohnviertel lagern ihren Müll zentral und verbrennen ihn dann illegal, und zwar Bioabfälle zusammen mit Plastik und anderen Stoffen. Müll aus Häusern, die an einem Fluss oder am Meer liegen, wird auch oftmals ins Wasser geworfen.

In einigen Gemeinde steuert die Müllabfuhr nur 10% aller Haushalte an

Besonders dramatisch ist die Situation auf dem Lande, wo es vielfach keine organisierte Müllabfuhr gibt. Zu diesem Ergebnis kam unter anderem eine Studie der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) aus dem Jahr 2015. Sie beobachtete acht verschiedene Städte und Gemeinden. In sieben davon lag der sogenannte Service Level bei unter 10%.

Nun mag die Auswahl nicht repräsentativ für ganz Indonesien sein. Die nationale Solid Waste Association kommt daher - wenn sie ganze Inseln beziehungsweise Inselgruppen betrachtet - auf wesentlich höhere Werte. Sie liegen in der Regel zwischen 50 und 70%. Dabei muss man aber bedenken, dass auch Haushalte, die die Müllabfuhr benutzen könnten, dies (oft aus Kostengründen) nicht immer tun.

Anteil der Bevölkerung mit Zugang zum Mülleinsammlungssystem
Insel(gruppe) Wert
Sulawesi 68
Java 59
Sumatra 48
Bali und Nusa Tengara 47
Kalimantan 46

Quelle: Solid Waste Association

Eine Stadt (Palembang) in der KfW-Studie erreichte jedoch einen Service Level von fast 50%. Das zeigt: Es gibt extreme Unterschiede zwischen den verschiedenen Gemeinden. Viel hängt dabei vom Bürgermeister ab. Dabei gilt durchaus nicht die Regel, dass sich lediglich große Metropolen eine gut organisierte Abfallwirtschaft leisten können. Das Gegenteil ist zuweilen der Fall, wie das Beispiel Jakartas zeigt.

Abfallsystem Jakartas gilt als rückständig

Die Hauptstadt Indonesiens mit ihren rund 10 Mio. Einwohnern verfügt nach Einschätzung von Concord Consulting über ein besonders rückständiges Abfallsystem. Sie lädt ihren Müll in der benachbarten Gemeinde Bekasi auf der Deponie Bantar Gebang ab. Dort kommen täglich 6.000 t Müll an. Anschließend erscheinen private Abfallsammler und durchsuchen ihn nach verwertbaren Rückständen. Die Einführung einer modernen Sortieranlage scheiterte dann auch an ihren Protesten.

Bantar Gebang (wie auch praktisch aller anderen Deponien im Lande) leidet unter einer unzureichenden Versiegelung. Es entstehen große Mengen an Sickerwasser, das in die nahe gelegenen Flüsse läuft. Mit Hilfe von Geldern der Weltbank hat es auf diesem Gebiet bereits einige Verbesserungen gegeben. Dennoch besteht nach wie vor großer Handlungsbedarf.

Das gilt auch für Deponiegas. Bantar Gebang produziert laut Concord Consulting jährlich rund 25.000 t Methangas. Doch die Energieerzeugung mittels des Treibhausgases steckt noch in den Kinderschuhen. Aktuell gibt es landesweit nur zwei entsprechende Kraftwerke, neben Bantar Gebang noch Suwung auf Bali. Sie bringen es auf eine Kapazität von zusammengerechnet gerade einmal 15 Megawatt.

Feuchter Haushaltsmüll wenig geeignet für Wast-to-Energy

Auch die Müllverbrennung und andere Waste-to-Energy Methoden werden kaum genutzt. Als besonders schwierig stellt sich dabei die Qualität des Haushaltsabfalls heraus. Er besitzt einen hohen Feuchtigkeitsgrad. Dadurch erweist sich die Energiegewinnung als wenig effizient.

Der unterentwickelte Stand der Abfallwirtschaft basiert nicht so sehr auf mangelndem Interesse oder fehlendem Bewusstsein. Oft fehlt einfach das Geld. Viele Gemeinden wollen gerne moderne Sortier- und Recyclingmaschinen einsetzen, können dafür aber nicht bezahlen. Sie setzen daher auf internationale Entwicklungshilfeinstitutionen. Diese engagieren sich durchaus auf dem Gebiet, können aber nur punktuell etwas ausrichten.

Die KfW beispielsweise stellte nach eigenen Angaben Ende 2016 eine entsprechende Kreditlinie in Höhe von 150 Mio. $ zur Verfügung. Das weitere Verfahren läuft dann etwa folgendermaßen ab: Das nationale "Public Works"-Ministerium kauft eine Sortieranlage und stellt sie einer bestimmten Stadt zur Verfügung. Wenn dann allerdings später Reparaturen anfallen, fehlt der Stadt meist das Geld dazu, so dass die Maschinen oft nur wenige Jahre laufen.

Internetadressen

Ministry of Public Works and Public Housing Indonesia

Internet: http://pu.go.id (Startseite)

Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW)

Internet: https://www.kfw-entwicklungsbank.de/Internationale-Finanzierung/KfW-Entwicklungsbank/Weltweite-Pr%C3%A4senz/Asien/Indonesien/ (Büro Indonesien)

(R.R.)

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll, Ausschreibungen und Entwicklungsprojekten in Indonesien können Sie unter http://www.gtai.de/indonesien abrufen. Die Seite http://www.gtai.de/asien-pazifik bietet einen Überblick zu verschiedenen Themen in Asien-Pazifik.

Dieser Artikel ist relevant für:

Indonesien Abfallentsorgung, Recycling, Deponie und Abfallaufbereitungsbau

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