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11.03.2019

Industrie 4.0: Polen verliert den Anschluss

Kleine und mittelständische Unternehmen investieren kaum / Von Niklas Becker

Warschau (GTAI) - Roboter spielen in Polens Industrie kaum eine Rolle. Viele Unternehmen sind skeptisch. Steigende Lohnkosten und fehlende Arbeitskräfte könnten das ändern.

Im Jahr 2017 haben polnische Industrieunternehmen rund 1.900 Roboter gekauft, ein neuer Rekordwert. Die Zahl der intelligenten Maschinen summierte sich damit auf 11.400, berichtet die International Federation of Robotics. Die jüngste Entwicklung zeigt "definitiv einen positiven Trend, und alles deutet darauf hin, dass dieser in den kommenden Jahren anhalten wird", sagt Jedrzej Kowalczyk, Präsident des Automatisierungsunternehmens Fanuc Polen. Gleichzeitig weist der Experte darauf hin, dass das Tempo, mit dem die Robotik in Polen Fuß fasst, immer noch zu langsam ist. Der Abstand zu anderen europäischen Ländern wächst.

Den Zahlen der International Federation of Robotics zufolge kamen im Jahr 2017 auf 10.000 Beschäftigte 36 Roboter. Im Vergleich zum Vorjahr bedeutet dies ein Anstieg von 4 Maschinen. Der europäische Durchschnitt stieg 2017 hingegen um 7 auf 106 Roboter pro 10.000 Beschäftigte. Auch im regionalen Vergleich hat Polen großen Nachholbedarf: Nachbarland Tschechien kommt auf 119 und die Slowakei auf 151 Roboter pro 10.000 Beschäftigte.

Stärkstes Zugpferd für die Robotik in Polen ist die Automobilbranche. Sie erreichte einen Wert von 165 intelligenten Maschinen pro 10.000 Angestellte. Auch 2017 investierte die Branche mit Abstand am meisten in neue Roboter. Fast ein Drittel der neu installierten Maschinen entfielen auf diesen Sektor. Eine Umfrage von Frost & Sullivan in Zusammenarbeit mit SDCM, dem Verband der Kfz-Teilehändler, zeigt, dass die Verbreitung von Industrie 4.0-Technologien in der Branche weiter steigen dürfte. Rund 24 Prozent der befragten Unternehmen wollen in naher Zukunft Technologien aus dem Bereich Industrie 4.0 einführen, 37 Prozent tun das bereits beziehungsweise sind aktuell dabei, entsprechende Technologien einzuführen.

Industrie 4.0? Nie gehört!

Branchenübergreifend haben 60 Prozent der klein- und mittelständischen Unternehmen (KMU) in Polen noch nichts von Industrie 4.0 gehört. Das ist das Ergebnis einer Umfrage von Siemens in Zusammenarbeit mit dem polnischen Ministerium für Unternehmertum und Technologie. Fast jedem vierten KMU sind diese Technologien zwar ein Begriff, sie beabsichtigen aber nicht, diese einzusetzen. Nur rund 15 Prozent der befragten KMU gaben an, Technologien aus diesem Bereich bereits eingesetzt zu haben oder dies binnen der nächsten drei Jahre zu tun.

Ähnlich klingen die Ergebnisse einer Studie des Beratungsunternehmens ASD Consulting. Die Studie untersucht, inwieweit polnische produzierende Unternehmen bereits in Industrie 4.0-Technologien investieren. Sie kommt zu dem Fazit, dass die meisten produzierenden Unternehmen in Polen noch nicht mit dem digitalen Transformationsprozess begonnen haben.

Im Einzelnen gaben 84 Prozent der befragten Firmen an, Daten bezüglich der Produktion manuell einzuspeisen, dabei erfasst jedes vierte Unternehmen die Ergebnisse sogar noch in Papierform. Weniger als 12 Prozent der befragten Unternehmen nutzen automatisierte Prozesse zur Erfassung digitaler Informationen aus dem Produktionszyklus. Dabei ist diese Vorgehensweise die Grundlage für die Einführung von Industrie 4.0-Technologien, heißt es in der Studie.

Zudem stellen die befragten Unternehmen ihr Vorgehen kaum in Frage: Nur ein Viertel von ihnen bewertet die eigene Datenerhebung als schlecht oder sehr schlecht. Fast jedes zweite Unternehmen findet sie "ausreichend" und jedes vierte "gut" oder "sehr gut".

Unternehmen sind weiterhin skeptisch

Ein entscheidendes Hindernis bei der Einführung von Technologien aus dem Bereich Industrie 4.0 liegt laut Ergebnissen der Siemens-Umfrage im finanziellen Bereich. Etwa 64 Prozent der befragten KMU gaben an, dass sie kein Geld für innovative Investitionen haben. Auf einen fast ähnlich hohen Anteil kommen zeitliche Gründe. Mehr als die Hälfte der KMU berichten, dass ihnen entsprechend ausgebildete Fachkräfte fehlen.

Tomasz Haiduk, Direktor der Abteilung für Prozessindustrie und Antriebe bei Siemens Polen, sieht das Problem auch in der Eigentümerstruktur. Da die Unternehmen oft von einer Person verwaltet werden, bliebe im Rahmen der täglichen Arbeit zu wenig Zeit, sich um neue Technologien zu kümmern oder Finanzmittel zu beschaffen. Zudem sind viele Eigentümer noch nicht ganz von den Vorteilen digitaler Lösungen überzeugt, meint Haiduk.

Arbeitskräftemangel zwingt Firmen zum Umdenken

Die niedrigen Arbeitskosten in Polen sind nach Einschätzung von Experten ein Grund für die skeptische Einstellung zur Industrie 4.0. Fanuc Chef Kowalczyk ergänzt: "Auch die Möglichkeit billige Arbeitskräfte aus dem Ausland zu beschäftigen, sorgt dafür, dass Investitionen in die Automatisierung auf später verschoben werden."

Es sind die niedrigen Löhne, die Unternehmen dazu bewegen, einen neuen Mitarbeiter einzustellen, anstatt eine Maschine zu kaufen, ist Przemyslaw Ruchlicki, Automatisierungsexperte der Polnischen Handelskammer, überzeugt. Polnische Unternehmen werden in moderne Technologien investieren, wenn es sich für sie lohnt. Ruchlicki erwartet, dass dies alsbald soweit sein wird. Im Jahr 2018 stiegen die Gehälter in Polen um rund 7 Prozent und damit deutlich stärker als in den Jahren zuvor. Auch für 2019 wird ein deutliches Plus erwartet, das voraussichtlich aber unter dem Niveau von 2018 liegen wird.

Ein zusätzlicher Faktor für die Nachfrageentwicklung nach Maschinen dürfte der zunehmende Arbeitskräftemangel in Polen sein. Die Arbeitslosenquote erreichte Ende 2018 den niedrigsten Stand seit 28 Jahren. Für die Firmen im Land bedeutet das zunehmende Schwierigkeiten bei der Rekrutierung von Beschäftigten. Wie das zehnte Arbeitsmarkt-Barometer des Unternehmens Work Service zeigt, hatte 2018 bereits jedes zweite Unternehmen Probleme bei der Personalgewinnung. Automatisierung und Robotik von Produktionsprozessen könnte für viele Unternehmen die Antwort auf diese Entwicklung sein.

Neue Industrieplattform soll die Entwicklung vorantreiben

Unterstützung bei der Einführung von Technologien auf dem Gebiet Industrie 4.0 soll in Zukunft auch von der Regierung kommen. Im Dezember verabschiedete das polnische Parlament ein Gesetz zur Gründung der Stiftung "Industrieplattform der Zukunft". Diese soll die Unternehmen bei ihrem digitalen Transformationsprozess unterstützen.

Die Stiftung soll nicht nur Branchenkenntnisse zur Verfügung stellen, sondern auch das Bewusstsein der Führungskräfte zum Thema Industrie 4.0 stärken. Jadwiga Emilewicz, Ministerin für Unternehmertum und Technologie, will, dass die Stiftung zu einer Steigerung der Produktivität der Firmen beiträgt.

Mehr Informationen zu Polen finden Sie unter http://www.gtai.de/Polen oder tagesaktuell unter http://www.twitter.de/gtai_polen

Dieser Artikel ist relevant für:

Polen Robotik und Automation, Digitalisierung

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