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05.03.2018

Industrie 4.0 steht in Polen noch vor dem Durchbruch

Unternehmen bleiben skeptisch gegenüber Automatisierung / Von Michal Wozniak

Berlin (GTAI) - In Polen ist nach Angaben der International Federation of Robotics die Roboterdichte binnen zwei Jahren um über 45 Prozent gestiegen. Trotzdem lag sie 2016 mit 32 Robotern pro 10.000 Mitarbeiter bei einem Zehntel des deutschen Wertes, einem Viertel des slowakischen und einem Drittel des tschechischen. Eine von der Regierung angedachte Plattform soll Abhilfe schaffen.

"Polen investiert wenig in die Industrie 4.0. Gewissermaßen dazu gezwungen wurden Unternehmen, die Auslandsaufträge realisieren. Um konkurrenzfähig zu bleiben und den Ansprüchen der Kunden zu genügen, mussten sie moderne IT-Systeme einführen", sagt Wieslaw Paluszynski, stellvertretender Vorsitzender der Polnischen Kammer für Informatik und Telekommunikation.

Dabei behilflich sein soll die Polnische Plattform der Industrie 4.0 (Polska Platforma Przemyslu 4.0), die die Regierung 2018 ins Leben rufen will. "Sie soll technisches Wissen liefern, Erfahrungsaustausch initiieren und Unternehmen bei der Erarbeitung und Implementierung neuer Technologien sowie Businessmodelle, die auf dem Konzept moderner Produktion basieren, unterstützen", unterstreicht Premierminister Mateusz Morawiecki.

Laut einer Umfrage des Forschungsinstituts Kantar Public glauben 54 Prozent der Polen, ihre Arbeit könnte von einem Roboter ausgeführt werden. Diese Einschätzung spiegelt sich nicht in der Unternehmenswirklichkeit wider, wie aus einer im Sommer 2016 unter 106 Firmen durchgeführten Umfrage der Personalberatung Work Service hervorgeht: Knapp 60 Prozent planen keine Automatisierung ihrer Prozesse, nur jedes vierte Unternehmen hat konkrete Pläne dazu. Etwa 7 Prozent der Befragten wollen binnen eines Jahres investieren, knapp 5 Prozent werden etwa doppelt so lange brauchen. Nahezu 8 Prozent sehen die Notwendigkeit, wollen aber erst in "ferner Zukunft" aktiv werden.

Eine ähnliche Studie, in der die Unternehmensberatung EY die kaufmännischen Leiter von knapp 150 Firmen befragt hat, bestätigt dieses Bild. Zweidrittel der Befragten ist die steigende Bedeutung neuer Technologien im Unternehmen bewusst, aber nur 7 Prozent planen binnen eines Jahres auf dem Feld zu investieren. Die größten Hürden sind fehlende Finanzmittel und die mangelnde Kenntnis über bestehende Lösungen.

Kommt Polen spät aber gewaltig?

Laut Marek Remjasz, Leiter Vertrieb bei Industrie Schaeffler Polska, hat sich der Automatisierungsgrad in der polnischen Produktion in den letzten Jahren stark erhöht. Ausschlaggebend für die Entwicklung seien unter anderem EU- und Regierungsförderprogramme, Aktivitäten ausländischer Investoren sowie die aufblühende Start-up-Landschaft gewesen. "Allerdings ist anzumerken, dass die meisten Firmen hierzulande noch nicht einmal Basiselemente der Automatisierung eingeführt haben. Deshalb gehe ich davon aus, dass polnische Unternehmen vielmals gleich zwei Stufen der Industrierevolution parallel umsetzen werden", unterstreicht Tomasz Nowak, Direktor von Kuka Roboter CEE in Polen.

Lücken in der Software-Ausstattung

Polen gehört bezüglich der ERP-Sättigung (Enterprise Resource Planning; Anwendungssoftware, die alle Ressourcen eines Unternehmens verwaltet und steuert) selbst im mittelosteuropäischem Vergleich zu den Schlusslichtern. Nur 16 Prozent der Firmen nutzen laut Eurostat ein solches System in der Produktion - dreiviertel weniger als in Deutschland und halb so viele wie in der Slowakei oder der Tschechischen Republik. Zwar mangele es auch in Polen nicht an Firmen, die sich stark digitalisiert hätten, so Slawomir Kuzniak, Direktor für Produktmanagement beim polnischen ERP-Software-Anbieter BPSC. "Aber unsere Nachbarn sind wesentlich weiter", bemängelt er.

Das Marktforschungsinstitut IDC geht für Polen 2018 von einem lediglich moderaten Zuwachs des Software-Marktes aus. Dieser werde vor allem von fehlenden öffentlichen Aufträgen gebremst. Bei Unternehmen sollen hauptsächlich Bereiche wie das Internet der Dinge (60% der Nennungen), künstliche Intelligenz (36%) und Robotik (24%) auf der Agenda stehen.

Für deutsche Anbieter scheint der Weg geebnet. Das Walldorfer Softwarehaus SAP ist bereits Marktführer bei ERP-Systemen. Der ärgste Verfolger, die Krakauer IT-Firma Comarch, gibt allerdings im Segment der kleinen und mittleren Unternehmen den Ton an - dieses weist den größten Nachholbedarf auf.

Informations- und Kommunikationsbranche wächst verhalten

Die Umsätze der geschätzten 76.000 in Polen tätigen IKT-Unternehmen beliefen sich 2017 laut Prognosen auf bis zu 25 Milliarden Euro, was 6 Prozent des Bruttoinlandsproduktes entspricht. Knapp 30 Prozent dieser Summe entfallen auf Telekommunikationsdienstleistungen, jeweils etwa ein Viertel auf IT-Dienstleistungen und -Produktion. Die restlichen 5 Milliarden Euro generiert der IKT-Großhandel.

Laut dem Branchenunternehmen ABC Data gehören zu den dynamischsten Feldern Lösungen für Tele- und Teamarbeit. Davon profitieren nicht zuletzt Datenverarbeitungscenter: Mit etwa 8.000 Quadratmetern Fläche nahm T-Mobile Polska 2017 die Spitzenposition ein, gefolgt von dem Warschauer Unternehmen ATM, seinem Konkurrent aus Poznan (Posen) Beyond.pl sowie Equinox.

Mehr zu Polen finden Sie unter: http://www.gtai.de/Polen

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