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18.09.2019

Investitionen in Taiwan profitieren vom Handelskonflikt

Exporte in die USA ziehen deutlich an / Von Alexander Hirschle

Taipei (GTAI) - Taiwan bekommt die Folgen des Handelskonflikts zwischen den USA und China zu spüren. Doch sind nicht alle Auswirkungen negativ. So steigen die Investitionen der Insel stark an.

In Taiwan werden die Auswirkungen des Handelskonflikts zwischen den USA und China intensiv diskutiert und weisen zahlreiche Facetten auf. Die Republik ist wirtschaftlich eng verquickt mit beiden Ländern, mehr als 50 Prozent aller Exporte gehen in die beiden Destinationen. Darüber hinaus sind zahlreiche lokale Firmen in China investiert. Vor allem Elektronikhersteller haben gigantische Kapazitäten auf dem Festland aufgebaut und fürchten daher die Folgen der Strafzölle auf Produkte "Made in China".

Dennoch ist die Wirtschaft bisher glimpflich davongekommen, einige Beobachter sehen sogar überwiegend positive Effekte. Das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) wird 2019 zwar leicht nachgeben. Nachdem 2018 eine Steigerungsrate von 2,6 Prozent realisiert werden konnte, belaufen sich die offiziellen Prognosen für 2019 auf 2,46 Prozent. Diese wurde im August sogar von zuvor 2,19 Prozent angehoben, unter anderem aufgrund der Auswirkungen des Handelskonflikts wie rückkehrender Investitionen aus China.

China verliert, Taiwan gewinnt Importanteile in den USA

Das Finanzministerium veröffentlichte Ende August in der lokalen Presse die Information, dass Taiwan nach Mexiko und Vietnam bisher der drittgrößte Profiteur des Handelskonflikts sei. Das Ranking wurde gemessen an Marktanteilsgewinnen in den USA. So habe Mexiko im ersten Halbjahr 2019 einen Zuwachs von 0,82 Prozentpunkten an den gesamten US-Importen verzeichnen können, Vietnam in Höhe von 0,61 und Taiwan immerhin noch von 0,35 Prozentpunkten.

Im Gegenzug verringerte sich der Anteil Chinas um 2,56 Prozentpunkte, und die Importe aus dem Reich der Mitte gingen um 12,4 Prozent zurück. Die Veränderungen zugunsten Taiwans und anderer Lieferländer wurden darauf zurückgeführt, dass Importeure in den USA angesichts der nach oben geschraubten Zollsätze und damit verteuerten Waren auf andere Bezugsquellen ausgewichen seien. Dieser Trend habe sich zuletzt sogar noch stärker zugunsten Taiwans intensiviert. Der Anteil Deutschlands an den US-Importen blieb im Betrachtungszeitraum nahezu unverändert.

Die Exporte Taiwans in die USA haben sich gemäß der Statistiken des Finanzministeriums bis Juni 2019 um 17,4 Prozent im Vergleich mit derselben Vorjahresperiode auf 22 Milliarden US-Dollar (US$) erhöht. Nach Angaben des Wirtschaftsministeriums MOEA (Ministry of Economic Affairs) konnten davon vor allem die Sparten Computer, elektronische Erzeugnisse und optische Komponenten profitieren. Auch die lokale Produktion in diesen Bereichen zog in den ersten sechs Monaten 2019 überdurchschnittlich stark an.

Gesamtexporte dennoch rückläufig

Doch ganz so positiv stellen sich die Auswirkungen des Handelskonflikts auf den Außenhandel nicht dar. Denn die Gesamtexporte des Landes gingen im ersten Halbjahr 2019 um 3,4 Prozent im Vergleich zur Vorjahresperiode zurück. Das Minus war damit gravierender als die Prognose für das Gesamtjahr, die noch im Frühjahr zumindest eine Stagnation vorhersah.

Importseitig erhöhten sich die Lieferungen aus den USA um fast 15 Prozent im ersten Halbjahr 2019, während die Lieferungen anderer Länder deutlich nach unten zeigten. Auch die Einfuhren aus Deutschland mussten mit einem Rückgang von 8,0 Prozent Federn lassen.

Strafen für Verschleierung der Produktherkunft werden verschärft

Überraschend zogen die Importe aus China immerhin noch um mehr als 3,3 Prozent an. Allerdings zeigt sich die taiwanische Regierung besorgt über eine zunehmende Handelsumlenkung von chinesischen Erzeugnissen, die von Taiwan importiert um nach einer Verschleierung oder Fälschung der Herkunftszertifikate ("Re-labeling") weiter in die USA exportiert zu werden.

Aus diesem Grund wurde Ende August ein Zusatz zum Foreign Trade Act vom Kabinett ausgearbeitet, der die Strafen für ein solches Vorgehen wie etwa Bußgelder stark erhöhte. Auch eine Whistle-Blowing-Klausel ist bei den neuen Bestimmungen vorgesehen. Vor Inkrafttreten der neuen Regeln müssen diese noch vom Parlament "Legislative Yuan" verabschiedet werden.

Angst vor rückläufigen Bestellungen aus China

Parallel dazu steigt die Unsicherheit in Bezug auf die künftigen geschäftlichen Perspektiven. Lokale Produzenten fürchten rückläufige Bestellungen aus China, die zusammen mit Hongkong 2018 für 41 Prozent der taiwanischen Auslandslieferungen verantwortlich zeichnen und bis Juni 2019 um 9 Prozent im Vergleich mit derselben Vorjahresperiode zurückgingen. Vor allem Maschinenbauer sowie kleine und mittlere Firmen könnten hiervon künftig betroffen sein und fordern von der Regierung finanzielle Unterstützung.

Am stärksten betroffen sind die Firmen, die in China selbst investiert sind. Nach Einschätzung des Ministeriums MOEA im August dieses Jahres dürften vor allem Hersteller von Laptops und Telekommunikationsausrüstungen zu den Verlierern zählen. Auch Maschinenbauer müssten sich auf rückläufige Bestellungen einstellen. Die taiwanischen Investitionen im Reich der Mitte zeigten bis Juli 2019 mengenmäßig um 13 Prozent, wertmäßig sogar um 56 Prozent nach unten. Aus diesem Grund haben zahlreiche Firmen begonnen, ihre Produktionsketten zu diversifizieren und Kapazitäten wieder ins Heimatland zurück zu verlagern.

Taiwanische Firmen drängen zurück in den Heimatmarkt

Die Regierung hatte Anfang 2019 das Programm "Action Plan for Welcoming Overseas Taiwanese Businesse to Return to Invest in Taiwan" aufgesetzt, um diesen Prozess zu unterstützen. Die Initiative wurde zu einem unerwarteten Erfolg. Das ursprüngliche Ziel von Investitionen in Höhe von 8 Milliarden US$ im Gesamtjahr 2019 wurde schon im Mai übertroffen und aus diesem Grund vom MOEA auf 16 Milliarden US$ nach oben geschraubt.

Beobachter gehen sogar davon aus, dass bis Ende des Jahres fast 20 Milliarden US$ von "heimkehrenden" Firmen investiert werden. Auch für deutsche Lieferanten von Kapitalgütern und Materialien können sich hier perspektivisch gute Absatzchancen ergeben.

Als unmittelbares Resultat erhöhten sich die Ausrüstungsinvestitionen im ersten Halbjahr um 7,2 Prozent und wiesen damit eine dreifach höhere Dynamik auf als das BIP. Noch 2018 hatte die Investitionstätigkeit nur ein leichtes Plus von etwas mehr als 2 Prozent erreicht. Für das Gesamtjahr 2019 wird nun vom Wirtschaftsministerium ein Zuwachs von 6 Prozent prognostiziert.

Aber Taiwan erhofft sich auch, als Investitionsstandort für Firmen aus anderen Ländern und nicht zuletzt China selbst an Attraktivität zu gewinnen. Zwar gibt es einen klaren Trend in der Region, Produktionskapazitäten eher nach Südostasien zu verlagern - wobei vor allem Vietnam aktuell über eine große Anziehungskraft verfügt. Aber Taiwan bietet nach Einschätzung von Industrievertretern ein gutes Gesamtpaket, das sich zusammensetzt aus relativ moderatem Lohnniveau, einer gut funktionierenden Infrastruktur, eingespielten Lieferketten und verlässlichen Geschäftsstrukturen.

Importanteile an den gesamten US-Einfuhren (in Prozent; Differenz in Prozentpunkten)
Land 1. Halbjahr 2018 2. Halbjahr 2019 Differenz
China 20,29 17,73 -2,56
Mexiko 13,71 14,53 0,82
Kanada 12,98 12,80 -0,18
Japan 5,69 5,90 0,20
Deutschland 5,06 5,04 -0,02
Südkorea 2,87 3,17 0,30
Vietnam 1,85 2,46 0,61
Taiwan 1,76 2,11 0,35

Quelle: Ministry of Finance

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll, Ausschreibungen und Entwicklungsprojekten in Taiwan können Sie unter http://www.gtai.de/taiwan abrufen. Die Seite http://www.gtai.de/asien-pazifik bietet einen Überblick zu verschiedenen Themen in der Region.

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Taiwan Außenhandel / Struktur, allgemein, Investitionen aus dem Ausland / Joint Ventures, Wirtschaftsbeziehungen zu anderen Ländern, Regionen

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