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25.04.2018

Irak setzt auf private Investitionen

Projekte auf Wiederaufbaukonferenz präsentiert / Verbesserte regulatorische Rahmenbedingungen / Von Robert Espey

Dubai/Kuwait (GTAI) - Nach einer Phase von vier Jahrzehnten mit verheerenden Kriegen hofft Irak nun auf einen zügigen Wiederaufbau des teilweise schwer zerstörten Landes. Ausländische staatliche Geber, vor allem aber private Investoren sollen einen wesentlichen Beitrag leisten. Gemeinsam mit der Weltbank und dem Internationalen Währungsfonds arbeitet Irak an Wirtschaftsreformen. Auf einer in Kuwait abgehaltenen Konferenz hat Iraks Investitionsförderungsgesellschaft über mögliche Projekte informiert.

Iraks Regierung hat gemeinsam mit der Weltbank eine Schadens- und Bedarfsanalyse nach Ende des gegen die Terrororganisation "Islamischer Staat" geführten Krieges erstellt. Demnach sind zur Finanzierung des Wiederaufbaus 88 Milliarden US-Dollar (US$) erforderlich. Auf einer vom 12. bis 14. Februar 2018 in Kuwait durchgeführten internationalen Konferenz (Reconstruction of Iraq) trafen sich Regierungsvertreter aus über 70 Ländern, Nicht-Regierungsorganisationen und fast 2.000 irakische und ausländische Unternehmer. Aus Deutschland kamen geschätzte 100 Firmenvertreter.

Ausländische Hilfen in Höhe von 30 Milliarden US$ in Aussicht gestellt

Auf der Konferenz wurden von Nicht-Regierungsorganisation Hilfsleistungen in Höhe 330 Millionen US$ zugesagt, davon entfielen 123 Millionen US$ auf Organisationen aus Kuwait, auf das Internationale Rote Kreuz 130 Millionen US$. Staatliche Geber stellen insgesamt 30 Milliarden US$ in Aussicht, zumeist in Form von Krediten. Die Türkei will Kredite von 5 Milliarden US$ zur Verfügung stellen, Kuwait 2 Milliarden US$ und Katar 1 Milliarde US$. Die USA beabsichtigen, Irak-Projekte amerikanischer Firmen mit Finanzierungen von 3 Milliarden US$ zu fördern. Die EU will Leistungen von 400 Millionen Euro bereitstellen.

Deutschland war in Kuwait durch den Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Dr. Gerd Müller, vertreten und kündigte Unterstützung in Höhe von 350 Millionen Euro an. Bereits rund 1 Milliarde Euro sind aus Deutschland nach Irak geflossen, vorwiegend als Flüchtlingshilfe. Auch zukünftig werden deutsche Gelder Flüchtlingsmaßnahmen finanzieren, aber auch in den Wiederaufbau der Infrastruktur, des Gesundheitswesens sowie des Bildungssektors fließen.

Schon vor der Konferenz hatten irakische Regierungsvertreter erklärt, die internationalen staatlichen Hilfen könnten nur einen Teil des Kapitalbedarfs decken. Neben staatlichen Hilfen der Geberländer will Irak deshalb vor allem private ausländische Unternehmen für den Wiederaufbau beziehungsweise die Entwicklung der Wirtschaft gewinnen. Langfristige private Finanzierungen und Direktinvestitionen werden erwartet.

Irak arbeitet an Verbesserung des Investitionsklimas

Zur Verbesserung der weiterhin schwierigen Rahmenbedingungen hat Irak begonnen, ein mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) vereinbartes Reformprogramm umzusetzen. Regulatorische und organisatorische Maßnahmen sollen das Investitionsklima verbessern. Auch Steuer- und Zollvergünstigungen beziehungsweise -befreiungen werden gewährt. Ferner wirbt die irakische Investitionsförderungsgesellschaft (National Investment Commission/NIC; http://investpromo.gov.iq) mit der Chance auf hohe Renditen. Es erscheint jedoch fraglich, ob der in NIC-Präsentationen verwendete Slogan "High Risk, High Return" die Motivation potenzieller Investoren erhöhen kann.

In Irak bleiben die weiterhin instabile und schwer prognostizierbare politische und wirtschaftliche Situation sowie fortbestehende Strukturprobleme (Korruption, Bürokratie etc.) wesentliche Hindernisse für verstärktes privates Engagement. Deshalb ist eine Risikoabsicherung von Finanzierungen und Investitionen dringend erforderlich. Von deutscher Seite wird auf das verfügbare Instrumentarium zur Förderung und Absicherung deutscher Firmen hingewiesen, von Hermes-Deckungen über KfW-Finanzierungen bis zur Förderung durch die DEG - Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft.

Zur individuellen Beratung deutscher Unternehmen steht auch das vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie geförderte deutsche Wirtschaftsbüro Irak (http://irak.ahk.de) zur Verfügung. Das Büro ist der Deutsch-Emiratischen Industrie und Handelskammer (AHK Golfregion; https://vae.ahk.de) angegliedert.

Über 200 prioritäre Investitionsprojekte präsentiert

Ein Konferenztag mit dem Titel "Invest in Iraq" zielte ausschließlich auf die ausländische Privatwirtschaft. Über 200 Projekte wurden vorgestellt. Bei der Auswahl der Projektvorschläge hatte sich die NIC von der Weltbank beraten lassen. Neben rein privatwirtschaftlichen Lösungen werden für viele Projekte Betreibermodelle angestrebt, vor allem BOT (Build Operate Transfer) oder BOO (Build Own Operate).

Aus dem Ölsektor wurden elf Investitionsprojekte präsentiert, darunter fünf Raffinerien. In dem, sich im Aufbau befindlichen Al Faw Hafen soll eine Raffinerie (Kapazität: 300.000 barrel per day) gebaut werden, weitere neue Raffinerien sind in den Provinzen Al Anbar (150.000 barrel per day) und Dhi Qar (150.000 barrel per day) geplant. Bestehende Raffinerien in Doura und Basra sollen instand gesetzt beziehungsweise modernisiert werden. Fünf neue Tanklager für Rohöl oder Ölerzeugnisse sind in Bin Omar, Mosul, Tuba, Aziziya und Samara vorgesehen.

Von den im Industriesektor geplanten Projekten entfällt ein Großteil des Investitionsvolumens auf die Chemie. In Baiji soll eine zu 60 Prozent zerstörte Düngemittelanlage (Harnstoff; Kapazität: 160.000 Tonnen pro Jahr) für geschätzte 500 Millionen US$ instand gesetzt und um eine Produktionslinie erweitert werden. Für 250 Millionen US$ soll ein Düngemittelwerk (420.000 Tonnen pro Jahr) in Abu Al Khaseeb wieder aufgebaut werden. In Qaim steht eine beschädigte Phosphatanlage. Neue Düngemittelproduktionslinien sind für ein Werk in Khor Al Zubair vorgesehen. Weitere Petrochemieprojekte in Al Faw (Ethylen, Propylen etc.) und in der Provinz Basra (Ethylen, Aromaten etc.) werden vorgeschlagen.

Neben der Chemie haben im Industriebereich Projekte aus den Sektoren Baustoffe, Nahrungsmittel, Pharmazeutika und Kfz Priorität. Zur Beseitigung des Zementmangels werden private Investoren zur Instandsetzung und Erweiterung von sieben beschädigten, teilweise inaktiven Zementwerken gesucht. Flachglasprojekte sind in Ramadi (Instandsetzung) sowie in den Provinzen Karbala und Muthana (neue Anlagen) geplant.

In der Nahrungsmittelverarbeitung werden Investitionen in Anlagen zur Herstellung von Fruchtsäften, Tomatenpaste, Speiseöl und Molkereierzeugnissen vorgeschlagen. In der Agrarwirtschaft wird für landesweit etwa 90 Projekte auf Investoren gewartet. Im Kfz-Sektor sind Investitionen in eine Montageanlage für Busse und Kleinbusse (Standort: Erbil) geplant. In der Stadt Sulaimaniyah werden Kapitalgeber für ein Pharmaprojekt gesucht. Irak hat gegenwärtig 26 Pharmawerke, die aber nur maximal 15 Prozent des Bedarfs decken.

Die geplante Instandsetzung und der Ausbau der Verkehrsinfrastruktur erfordert Investitionen in dreistelliger Milliardenhöhe. Zu den wichtige Transportprojekten gehören unter anderen die Flughäfen Mosul, Nasiriya und Erbil (Fracht), zahlreiche Schienenstrecken (910 Kilometer Bagdad-Basra, 228 Kilometer Musaib-Semawa etc.), Straßenbahnen in Erbil, Sulaimaniyah und Duhok, Metro- und/oder Monorail-Systeme in Bagdad, Karbala und Basra, Autobahnen (Bagdad-Basra etc.) sowie die weitere Entwicklung des Al Faw Großhafens.

Zur Verbesserung der in vielen Landesteilen kritischen Stromversorgung werden private Investoren für konventionelle Kraftwerke sowie für Solaranlagen gesucht. In Irak haben derzeit EE-Kraftwerke (Erneuerbare Energien) eine Gesamtkapazität von etwa 500 Megawatt, mittelfristig werden 7.000 Megawatt anvisiert. Vorgeschlagen werden Photovoltaik-Projekte in Al-Hay, Diyala, Abu Gharib, Haditha, Heet, Fallujah und Jissan.

Im Gesundheitswesen sind neue Universitätskrankenhäuser unter anderem in Bagdad, Karbala, Mosul, Al Hillah sowie in Ramadi geplant. Es sollen auch zahlreiche private Hospitäler gebaut werden, vorgeschlagen werden 400 Betten Häuser in Diwanya, Wasit und Haditha sowie ein 100 Betten Krankenhaus in Bagdad. Weitgehend fertiggestellte öffentliche Krankenhäuser in Al Najaf (500 Betten) und Al Hillah (400 Betten) sollen private Betreiber übernehmen. Nach Regierungsangaben verfügt Irak aktuell in öffentlichen Krankenhäusern über etwa 45.000 Betten und 121 private Krankenhäuser bieten rund 4.100 Betten.

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Irak Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein

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