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31.05.2018

Irland: Brexit beeinträchtigt Unternehmen in vielerlei Hinsicht

Gesamtkonjunktur bleibt jedoch robust / Von Torsten Pauly

Dublin (GTAI) - Für Irland hat das Vereinigte Königreich als Wirtschaftspartner in den vergangenen Jahren an Bedeutung verloren. Diesen Trend wird der Brexit noch verstärken. Da die Verflechtung aber nach wie vor groß ist, stellt der britische EU-Austritt Irland vor große Herausforderungen. Gerade für kleinere Firmen und ländliche Gebiete ist das Vereinigte Königreich oft der wichtigste Auslandsmarkt. Zudem verlaufen Irlands Transitwege zu anderen EU-Märkten meist über Großbritannien. (Kontaktadressen)

Britischer EU-Austritt trifft traditionelle Wirtschaftszweige besonders hart

Das Analyseinstitut Copenhagen Economics prognostizierte im März 2018 in einer Auftragsarbeit für das irische Wirtschaftsministerium, dass der Brexit Irlands Wirtschaftswachstum mittelfristig um bis zu 0,5 Prozentpunkte abschwächen könnte. Demnach wächst das irische Bruttoinlandsprodukt (BIP) bis 2030 im Durchschnitt um 1,7 Prozent im Jahr, wenn Regeln der Welthandelsorganisation greifen. Hat das Vereinigte Königreich am Europäischen Wirtschaftsraum teil - wie Norwegen, Island und Liechtenstein - erwartet das Institut eine Rate von 2 Prozent. Ohne Brexit läge das Jahreswachstum bei 2,2 Prozent. 2017 wuchs Irlands Wirtschaft um 7,8 Prozent, 2018 soll sie laut EU-Kommission um 4,4 Prozent zulegen.

Innerhalb einer Generation hat sich Irland von einer strukturschwachen, stark auf den Binnen- und den britischen Markt ausgerichteten Ökonomie zur offenen Exportwirtschaft gewandelt. Hinter dem Aufschwung steht ein rasanter Anstieg an ausländischen Direktinvestitionen. Der Außenhandel ist von 1997 bis 2017 um 156 Prozent gestiegen. Gleichzeitig hat sich der britische Anteil an Irlands Investitionen, Waren- und Dienstleistungsströmen erheblich verringert.

Durch die Dynamik der vergangenen Jahre ist aber auch eine Schere entstanden: Prosperierenden Zentren mit multinationalen Unternehmen, die für den Weltmarkt produzieren, stehen kleinere Betriebe und Regionen mit deutlich geringerer Wirtschaftskraft gegenüber, die stark ins Vereinigte Königreich liefern. Diese Diskrepanz kann der Brexit noch verschärfen.

Wirtschaftsverflechtungen zwischen Irland und dem Vereinigten Königreich (VK; Anteile in Prozent)
Indikator Anteil
Anteil Warenimporte aus dem VK am BIP (2017) 7,5
Anteil Dienstleistungsimport aus dem VK am BIP (2016) 4,3
Anteil Warenexport in das VK am BIP (2017) 5,5
Anteil Dienstleistungsexport in das VK am BIP (2016) 8,2
Anteil der Direktinvestitionen aus dem VK am Gesamtbestand ausländischer Direktinvestitionen in Irland (2016) 7,7

Quellen: Eurostat; UNO

Zollkontrollen können Handel mit Deutschland stark erschweren

Das Vereinigte Königreich ist Irlands wichtigster Lieferant, auch wenn der Importanteil 2017 mit 28,9 Prozent deutlich geringer war als 15 Jahre zuvor (41,9 Prozent). Zudem war das Vereinigte Königreich 2017 Irlands zweitwichtigster Auslandsmarkt mit einem Anteil von 13,4 Prozent, deutlich weniger als 2002 mit 24,1 Prozent. Dagegen hat sich vor allem die Bedeutung der USA als Absatzmarkt von 17,5 Prozent (2002) auf 27,1 Prozent (2017) erhöht.

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Bei Irlands Austausch von Dienstleistungen war der Anteil des Vereinigten Königreichs 2016 mit 10,5 Prozent ebenfalls merklich geringer als die 18,9 Prozent von 2006. Überdurchschnittlich hoch war die britische Bedeutung beim irischen Im- und Export in der Logistikbranche (Anteil 28,5 Prozent), im Versicherungsgewerbe (25,2 Prozent), im Finanzsektor (24,2 Prozent) und im Fremdenverkehr (21,2 Prozent). Britische Dienstleister könnten Marktanteile an deutsche und andere EU-Wettbewerber verlieren, abhängig von den konkreten Modalitäten nach dem Brexit.

Irlands geographische Lage birgt das in der EU einzigartige Problem, dass mit dem Brexit verbundene Zollabfertigungen auch den Handel Irlands mit allen anderen Mitgliedern verzögern und verteuern können. Bis zu vier Fünftel dieses Frachtverkehrs verlaufen über Roll-on-Roll-off-Fähren und die britische Landbrücke, da diese Verbindung schneller ist als jede direkte Schiffsverbindung mit Mitteleuropa. Völlig offen ist zum Beispiel die Frage, wie es ermöglicht werden soll, auf eine Zollkontrolle auf der Landgrenze zwischen Nordirland und Irland zu verzichten, ohne gleichzeitig eine Zollkontrolle auf der Seegrenze zwischen der irischen Insel und Großbritannien einrichten zu müssen.

Ein Strom- und Gasaustausch mit den restlichen 27 EU-Ländern ist wegen fehlender Direktleitungen mittelfristig nur durch das Vereinigte Königreich möglich. Eine Stromtrasse nach Frankreich geht frühestens 2025 in Betrieb. Ein groß angelegter Elektrizitätsexport ist aber Voraussetzung, um das mit 30 Gigawatt riesige Potenzial für Offshore-Windparks vor den Küsten Irlands zu realisieren.

Deutsche Hersteller bedienen den irischen und britischen Markt zudem oft mit identischen Produkten beziehungsweise Verpackungen und über parallele Lieferketten. Es ist für öffentliche Akteure und private Unternehmen gleichermaßen problematisch, dass ein Jahr vor dem Brexit noch keine konkreten Handelsmodalitäten für die Zeit des tatsächlichen Verlassens des Binnenmarktes durch die Briten feststehen.

Irischer Warenhandel mit dem Vereinigten Königreich und Deutschland 2017
Vereinigtes Königreich Deutschland
Importe aus...(Mio. Euro) 22.181,1 7.330,2
Rang in der Importstatistik 1 4
Exporte nach... (Mio. Euro) 16.240,6 9.828,2
Rang in der Exportstatistik 2 4
Handelsvolumen mit... (Mio. Euro) 38.421,1 17.159,3
Rang als Handelspartner 2 3

Quelle: Eurostat

Irland ist eine Top-Standortalternative zum Vereinigten Königreich

Der Brexit wird sich mit großer Wahrscheinlichkeit negativ auf den Auslandsabsatz und damit auch auf die Produktion irischer Hersteller auswirken. Das Ausmaß unterscheidet sich je nach Branche. Das Institut Copenhagen Economics erwartet, dass die Erzeugung von Rindfleisch am stärksten beeinträchtigt wird, und zwar bis 2030 um insgesamt 11 Prozent zurückgehen wird, wenn das Vereinigte Königreich dem Europäischen Wirtschaftsraum beitritt, und sogar um 23 Prozent, wenn nach dem Brexit WTO-Tarife gelten. Stark betroffen sind auch Milchverarbeiter mit Einbußen von 8 bis 18 Prozent, sonstige Nahrungsmittel (10 bis 21 Prozent), Hersteller elektrischer Maschinen (8 bis 10 Prozent), sonstige Maschinenbauer (2 bis 10 Prozent), Holz- und Papierverarbeiter (2 bis 5 Prozent) sowie die Chemie- und Pharmaindustrie (1 bis 5 Prozent). Alle anderen Zweige des verarbeitenden Gewerbes erzeugen bis 2030 insgesamt 4 Prozent weniger, wenn ab 2019 WTO-Regeln greifen. Gerade bei Agrarprodukten und verarbeiteten Nahrungsmitteln dominieren nicht multinationale Investoren, sondern inländische Firmen zu 80 bis 100 Prozent.

Im Jahr 2016 stammten 7,7 Prozent des Bestandes an ausländischen Direktinvestitionen in Irland aus dem Vereinigten Königreich, das damit an vierter Stelle lag hinter den USA mit einem Anteil von 29,1 Prozent, den Niederlanden (13,6 Prozent) und Luxemburg (8,6 Prozent). Noch 2006 war der Anteil des Vereinigten Königreichs (13,8 Prozent) höher als jener der USA (7,7 Prozent).

Der Brexit könnte zu einer Investitionswelle aus dem Vereinigten Königreich führen, denn Irland gilt mit der englischen Landessprache, ähnlichen Gepflogenheiten und einem wirtschaftsfreundlichen Umfeld inklusive einer niedrigen Besteuerung als eine der attraktivsten EU-Alternativen zum britischen Standort. Die Auswirkungen auf Irland können aber ambivalent sein. Neue Investoren brächten zwar oft gut dotierte Jobs. Doch in Dublin und anderen Zentren kann eine zusätzliche Nachfrage auch die angespannte Lage auf dem Arbeits- und Immobilienmarkt verschärfen. Die Zahl irischer Staatsbürger steigt wegen des Brexits bereits jetzt rasant, mit unklaren Auswirkungen. Allein 2017 haben 779.000 Menschen im Vereinigten Königreich einen irischen und damit EU-Pass erhalten. Dies entspricht 16,3 Prozent Einwohner Irlands 2017.

Kontaktadressen

Eine Analyse der möglichen Brexit-Auswirkungen auf 13 europäische Länder finden Sie in der GTAI-Analyse "Der Brexit und seine Folgen" auf: http://www.gtai.de/brexit-zielmaerkte

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht und Zoll zu Irland können Sie unter http://www.gtai.de/irland abrufen.

Unter http://www.gtai.de/brexit informiert Germany Trade & Invest regelmäßig über Aktuelles und Hintergründe zum Brexit.

Dieser Artikel ist relevant für:

Irland Außenwirtschaft, allgemein, Konjunktur, allgemein, Brexit

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Charlotte Schneider

‎+49 228 249 93 279

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