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25.07.2019

Israel forciert digitale Gesundheit

Ausländische Unternehmen zeigen Interesse / Von Wladimir Struminski

Jerusalem (GTAI) - Die Zahl israelischer Firmen im Bereich digitaler Gesundheit steigt rapide. Enge Kooperation zwischen Hightechsektor und Gesundheitsträgern fördert die Umsetzung neuer Technologien.

Digitale Gesundheit nimmt einen immer wichtigeren Platz im israelischen Hochtechnologiesektor ein. Die Zahl der auf diesem Gebiet tätigen Hightech-Unternehmen lag im Juli 2019 bei 531: ein Anstieg von rund 60 Prozent innerhalb von zwei Jahren. Das geht aus der Datenbank der gemeinnützigen israelischen Hightech-Organisation Start-Up Nation Central (SNC) hervor.

Eine Aufschlüsselung der SNC-Zahlen zeigt, dass Künstliche Intelligenz, Datenanalyse und mobile Gesundheit die wichtigsten Teilbereiche der israelischen Digitalgesundheitsbranche sind. Dabei ist ein Teil der Firmen auf mehr als nur einem Gebiet tätig.

Führende Teilbereiche der israelischen Digitalgesundheitsbranche (Stand Juli 2019)
Kategorie Zahl der Unternehmen 1)
Künstliche Intelligenz 204
Datenanalyse 170
Mobile Gesundheit 158
Sensorik 110
Tragbare Vorrichtungen 79
Telemedizin 2) 71
Elektronische Krankenakten 51

1) Inklusive Mehrfachzählungen; 2) Für medizinische Betreuung und nicht nur Informationsübertragung

Elektronische Erfassung fast aller Krankenakten

Beim Ausbau der digitalen Gesundheit kommen Israel mehrere Eigenschaften seines Gesundheitswesens zugute. So sind 99 Prozent aller Krankenakten der israelischen Bevölkerung elektronisch erfasst; zudem verwenden die Krankenhäuser und die vier Krankenkassen des Landes dasselbe Zugriffsystem für die Daten.

Dies, so der Generaldirektor des Gesundheitsministeriums, Moshe Bar Siman Tov, mache Israel zu einem geeigneten Standort zur medizinischen Nutzung von Big Data. Im Rahmen des von der Regierung 2018 beschlossenen Nationalprogramms zur Entwicklung der digitalen Gesundheit würden die anonymisierten Datenbestände mit Hilfe Künstlicher Intelligenz analysiert, um individuell angepasste Behandlungsmethoden ebenso wie präventive Verfahren zu entwickeln.

So etwa habe eine der vier Krankenkassen, Maccabi Health Services, mit Hilfe der Big-Data-Analyse ein Auswertungsverfahren für routinemäßige Blutuntersuchungen entwickelt, mit dem sich das Risiko von Dickdarmkrebs bestimmen lasse. Damit könne die Krankheit in einem sehr frühen Stadium entdeckt werden, in dem sie normalerweise noch unbemerkt bleibe.

Ein anderes Beispiel ist ein von der israelischen Firma Taliaz unter Nutzung genetischer und anderer Informationen entwickeltes Optimierungsverfahren zur Verabreichung von Antidepressiva. Das Verfahren soll eine Erfolgsquote von 70 bis 80 Prozent statt der sonst üblichen 30 bis 40 Prozent ermöglichen.

Im Rahmen des Nationalprogramms wird auch der Einsatz von Telemedizin vorangetrieben. Ein Beispiel ist ein von der israelischen Firma Tyto entwickeltes und von der größten Krankenkasse des Landes, Clalit Health Services, eingeführtes Diagnosegerät, mit dem acht Untersuchungen zu Hause ohne fachliche Hilfe durchgeführt werden können, und zwar für Herzfunktion, Herzschlag, Hals, Lungen, Unterbauch, Ohren, Haut und Körpertemperatur. Das Gerät sendet die Ergebnisse an den behandelnden Arzt. Das Diagnosegerät wird von der Krankenkasse zu einem subventionierten Preis von umgerechnet 125 US-Dollar angeboten; die laufende Nutzung ist kostenlos.

Die nach und nach erfolgende Einführung Wifi-fähiger Diagnose- und Behandlungsgeräte soll deutliche Kostensenkungen im öffentlichen Gesundheitswesen bewirken. So etwa wird angestrebt, die Rekonvaleszenz von Krankenhauspatienten, soweit medizinisch vertretbar, in deren eigene vier Wände zu verlegen - unter Dauerüberwachung durch Sensoren. Das Gesundheitsministerium ist zuversichtlich, dass die Digitalisierungsmaßnahmen auch ein gutes Sprungbrett für den Weltmarkt darstellen werden.

Platz für ausländische Partner

Nach Feststellung der israelischen Consultingfirma T.A.S.C., die sich unter anderem auf Managementberatung für das Gesundheitswesen spezialisiert, liegt Israels Attraktivität als Entwicklungsstandort für digitale Gesundheit nicht nur am hohen Niveau der medizinischen Versorgung oder an der Innovationsfähigkeit des Hightechsektors, sondern zu einem großen Teil auch an deren Zusammenspiel.

Wie Natalia Fryd, Leiterin des Bereichs Gesundheit bei T.A.S.C., im Juli 2019 gegenüber der GTAI erklärte, fördere die Zusammenarbeit zwischen Hochschulen, Krankenhäusern, Krankenkassen und Unternehmen nicht nur die Entwicklung, sondern auch die praktische Umsetzung neuer Technologien. Die Zeit, die zwischen dem Beginn des Entwicklungsprozesses und der praktischen Erprobung in der Krankenbehandlung vergehe, sei in Israel deshalb relativ kurz.

Ein weiterer Vorteil sei die Tatsache, dass israelische Forscher, Mediziner und Vertreter der Gesundheitsträger einander in der Regel kennten und lösungsorientiert kooperieren könnten. Das gelte auch für Hochschulen, die in hohem Maße anwendungsorientierte Forschung betrieben und ihre Erfindungen häufig kommerzialisierten.

Die israelische Branche erweckt auch das Interesse ausländischer Investoren. Im Juli 2019 waren laut Start-Up Nation Central 34 multinationale Unternehmen im Bereich digitaler Gesundheit in Israel tätig. Bei 24 von ihnen handelte es sich um US-amerikanische, drei sind deutsche und zwei sind chinesische Firmen. Jeweils ein Global Player entfiel auf Frankreich, Japan, Kanada, die Niederlande und Singapur.

Ausländisches Wagniskapital spielt ebenfalls eine bedeutende Rolle. Laut NSC waren im Juli 2019 insgesamt 15 ausländische Wagniskapitalfonds, 10 davon unternehmenseigene, in Israel im Bereich der digitalen Gesundheit tätig.

Allerdings, so Natalia Fryd, schaffe das Nationalprogramm Möglichkeiten zum Engagement nicht nur für Großkonzerne, sondern für kleinere ausländische Unternehmen. Diesen stünden unter anderem Wagniskapitalfonds, Consulting-Firmen und spezialisierte Anwaltskanzleien als Ansprechpartner zur Verfügung. Potenzielle Investoren werden von der Behörde für ausländische Investitionen (Foreign Investments and Industrial Cooperation Authority) beraten.

Nach Meinung der israelischen Expertin erleichtert die ähnliche Grundstruktur des Krankenversicherungssystems in Israel und in Deutschland die Kooperation zwischen israelischen und deutschen Partnern auf dem Gebiet digitaler Gesundheit. Die Parallelität fördere die Entwicklung von Lösungen, die in beiden Ländern Anwendung finden könnten.

Kontaktadressen

Institution Internetadresse Anmerkungen
Foreign Investments and Industrial Cooperation Authority https://investinisrael.gov.il/Pages/default.aspx Anlaufstelle für ausländische Investoren
Start-Up Nation Central https://www.startupnationcentral.org Nichtregierungsorganisation zur Förderung des Hightechsektors
T.A.S.C. Consulting https://www.tasc-consulting.com Beratungsunternehmen, unter anderem für die Gesundheitswirtschaft

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll, Ausschreibungen und Entwicklungsprojekten in Israel können Sie unter http://www.gtai.de/israel abrufen.

Dieser Artikel ist relevant für:

Israel Gesundheitswesen allgemein, Digitalisierung

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