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08.08.2019

Israels Autotech bleibt in der Spur

Das Land will sich auch als Produktionsstandort profilieren / Von Wladimir Struminski

Jerusalem (GTAI) - Autonomes Fahren mag nicht so nah sein, wie es schien. Für die internationale Kfz-Branche bleibt die israelische Autotech dennoch attraktiv.

Israelische Autotech bleibt ein Anziehungspunkt für internationale Kfz-Hersteller und für Investoren. Beispielsweise nahm die Branche nach Angaben der auf den Wagniskapitalmarkt spezialisierten Wirtschaftsforschungsfirma IVC Research im 1. Halbjahr 2019 Kapital im Rekordwert von 560 Millionen US-Dollar (US$) auf. Dazu trug nicht zuletzt eine im Juni mit einem Gesamtbetrag von 170 Millionen US$ abgeschlossene Finanzierungsrunde der auf Lidar-Technologie spezialisierten Firma Innoviz bei.

Auch nach Feststellung des israelischen Instituts für Export und internationale Kooperation (Israel Export and International Cooperation Institute) hält ausländisches Interesse ungebrochen an. Das erklärte der Direktor des Kfz-Bereichs beim Exportinstitut, Erez Gold, gegenüber Germany Trade and Invest im Juni 2019.

Im Oktober 2018 kam auch die Unternehmensberatung Roland Berger zu einer positiven Beurteilung der Branche. Israelische Autotech, so die deutschen Berater, entwickele sich zu einem "Innovationslabor und Pulsgenerator" für E-Mobilität, autonomes Fahren und Smart Mobility.

Solche Nachrichten gelten in Israel auch deshalb als erfreulich, weil die Markteinführung autonomer Fahrzeuge auf dem Weltmarkt nicht ganz so glatt verläuft, wie ursprünglich erhofft wurde. Dabei war Israels Autotech nicht zuletzt dank der Übernahme des Spezialisten für autonomes Fahren, Mobileye, durch den Intel-Konzern in internationale Schlagzeilen gerückt: Immerhin hatte Intel 2017 für Mobileye 15 Milliarden US$ gezahlt. Als sich später abzeichnete, dass vollautonome Fahrzeuge auf Hindernisse stießen, kam in Israel die Frage auf, ob die einheimische Autotech-Branche Schaden davontragen würde. Das scheint indessen nicht der Fall zu sein.

Eine weitere beruhigende Botschaft hatte im Juni 2019 Intel-CEO Bob Swan. In einem Interview der israelischen Wirtschaftszeitung Globes, betonte er, er bereue die Übernahme von Mobileye keineswegs. In den zwei Jahren seit der Transaktion habe die israelische Firma ihre Größe verdoppelt und bleibe für den Übergang zum autonomen Fahren ebenso wie für andere Bereiche der Konzerntätigkeit wichtig.

Zahlreiche Startups

Laut einem Bericht von Roland Berger waren in Israel im Herbst 2018 rund 500 Startups im Bereich der Kfz-Technologie tätig. Der jüngste und am schnellsten wachsende Autotechsektor ist nach Angaben des deutschen Beratungsunternehmens Smart Mobility, gefolgt von der Technologie für autonomes Fahren. Am langsamsten expandiere die Entwicklung der E-Mobilität.

Zu einer niedrigeren Firmenzahl als Roland Berger gelangt die gemeinnützige israelische Hightech-Organisation Start-Up Nation Central. In ihrer Datenbank waren im Juli 2019 insgesamt 338 Autotechfirmen aufgeführt, wobei die unterschiedlichen Zahlen sowohl von der Definition als auch von der Erfassungsmethode herrühren können.

Ein Schwerpunkt der israelischen Autotechbranche, so Erez Gold vom Exportinstitut, stelle die Entwicklung von Software dar. Dabei käme den israelischen Entwicklern die Tatsache zugute, dass Software generell zu den führenden Hochtechnologiebereichen in Israel gehöre.

Im Bereich der Smart Mobility befassten sich israelische Firmen mit einer Reihe von Aufgaben, beispielsweise mit intelligenten Ampeln, die den Verkehr beobachten und im Einklang mit den ihnen vorgegebenen Prioritäten lenken, etwa indem sie Busse des öffentlichen Verkehrs erfassten und ihnen Vorrang gewährten. Solche Ampeln könnten auch zu stadtweiten Netzen zusammengeschlossen werden. Die drei größten Städte im Lande - Jerusalem, Tel Aviv und Haifa - probierten derartige Technologie bereits aus.

Ein Beispiel für intelligente Verkehrssteuerung ist die Firma Intellicon, die ein integriertes System für intelligente Ampelkontrolle und Kommunikation mit Autofahrern entwickelt hat. Intellicon arbeitet unter anderem mit den israelischen Autobahnbau- und -betriebsunternehmen Derech Eretz und Ayalon Highway zusammen. Weitere auf diesem Gebiet tätige Unternehmen sind NoTraffic und Axillion.

Auch israelische Telekommunikationsexpertise findet im Autotechbereich Anwendung. So stellt die Firma EMR Advanced Telematics Fahrzeugsicherheits- und GPS-Ortungsgeräte für die Flottenmanagementbranche her und strebt einen Ausbau ihrer Position auf dem Markt für Carsharing an.

Deutsche Hersteller mit dabei

Die in Israel hochentwickelte Datensicherheitsbranche ist auch im Bereich der Autotech ein wichtiger Akteur. Ein Beispiel bietet die Firma Argus Cyber Security, die Cyberabwehr für Fahrzeuge entwickelt. Das 2017 von der Continental AG für 450 Millionen US$ übernommene israelische Unternehmen ist international aktiv. Im April 2019 vereinbarten Argus und die deutsche T-Systems International GmbH, Teil der Deutschen Telekom, die Errichtung eines gemeinsamen Cyberabwehrcentrums für Fahrzeuge.

Auch andere deutsche Unternehmen der Kfz-Branche sind in Israel im Autotechbereich tätig. Die Daimler AG unterhält ein Forschungs- und Entwicklungszentrum für Fahrzeug- und IT-Sicherheit, die Mercedes-Benz Research & Development Ltd. Tel Aviv. Die VW-Gruppe und BMW betreiben in Israel jeweils ein Technologie-Scouting-Zentrum.

Weitere Kfz-Hersteller, die sich in der israelischen Autotech engagieren, sind, wie aus einer im Juli 2019 vom Exportinstitut veröffentlichten Liste hervorgeht, Ford mit einem eigenen FuE-Zentrum, Renault-Nissan-Mitsubishi mit einem Innovationszentrum, sowie - jeweils von Technologie-Scouts vertreten - Honda, Toyota, Fiat, Hyundai und Volvo. Wie das Exportinstitut ferner berichtete, bauen Investoren für die Zukunft vor, auch indem sie ihre in Israel ausgearbeiteten Neuerungen patentieren lassen.

Allerdings, so Kfz-Bereichsdirektor Gold, wolle sich Israel, zusätzlich zu seiner Rolle als Entwicklungszentrum für Autotech, auch zu einem Produktionsstandort der aus der Forschung und Entwicklung hervorgehenden Produkte entwickeln. Die besten Chancen für eine Autotechproduktionssparte sieht Gold bei technologisch komplexen Produkten, die in Israel entwickelt werden. Bei solchen Produkten könne es für der Hersteller von Vorteil sein, wenn sich das Entwicklungsteam, auf dessen Ideen die Erzeugnisse zurückgehen, in der Nähe der Produktionsstätte befinde. Dagegen habe Israel gegenüber Ländern mit niedrigem Lohnniveau keinen Vorteil bei der Herstellung technologisch weniger anspruchsvoller Produkte wie einfache Sensoren oder Kameras.

Kontaktadressen

Israel Export and International Cooperation Institute https://www.export.gov.il/en Institut für Export und internationale Kooperation
Start-Up Nation Central https://www.startupnationcentral.org Nichtregierungsorganisation zur Förderung des Hightech-Sektors

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll, Ausschreibungen und Entwicklungsprojekten in Israel können Sie unter http://www.gtai.de/israel abrufen.

Dieser Artikel ist relevant für:

Israel Kfz-Teile, -Zubehör (ohne Brennstoffzellen), Elektromobilität, Digitalisierung

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