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06.03.2018

Istanbul investiert in Smart-Mobility-Konzepte

Intelligente Systeme sollen Verkehrsmanagement verbessern und Umweltbelastung reduzieren / Von Necip C. Bagoglu

Istanbul (GTAI) - Die Metropole Istanbul ist eine der am stärksten wachsenden Städte der Welt. Dies erfordert umfangreiche Investitionen in den öffentlichen Nahverkehr und in die Digitalisierung der städtischen Dienste. Auch ökologische Konzepte und energieeffiziente Gebäudelösungen spielen bei der Stadtentwicklung eine zunehmende Rolle.

Die knapp 15-Millionen-Einwohner-Metropole Istanbul ist das industrielle, kommerzielle und kulturelle Zentrum der Türkei. Schätzungsweise 35 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) und 40 Prozent der industriellen Produktion entfallen auf die Stadt, in der nahezu ein Fünftel der gesamten türkischen Bevölkerung lebt. Zudem wird mehr als die Hälfte des Warenverkehrs mit dem Ausland über Istanbul abgewickelt. Auch für internationale Investoren ist die Stadt am Bosporus mit großem Abstand der beliebteste Standort der Türkei: 60 Prozent aller ausländischen Unternehmen haben hier ihren Sitz.

Eine Metropole zwischen zwei Kontinenten

Für Verkehrsplaner ist Istanbul eine Herausforderung: Die Stadt ist auf Hügeln erbaut und von Wasser umgeben. Istanbul wird nicht nur durch den Bosporus in einen europäischen und einen asiatischen Teil aufgegliedert. Auch der europäische Teil der Metropole ist durch das sieben Kilometer lange Goldene Horn zweigeteilt - ein Umstand, der die Mobilität der Einwohner erschwert.

Basisdaten Istanbul
Indikator 2016
Einwohner (Mio.) 14,8
Fläche (qkm) 5.461
Bruttowertschöpfung/Kopf (US$) 19.957
Bevölkerungsdichte (Einwohner/qkm) 2.786
Anteil der Haushalte mit Zugang zu Elektrizität(%) 100,0
Elektrizitätsverbrauch pro Kopf (kWh/Jahr) 2.451 *)
Länge des S- und U-Bahnnetzes (km) 260
Abfall pro Einwohner (kg/Tag) 1,30
Anteil der Bevölkerung mit Zugang zu Trinkwasser (%) 100,0
Wasserverbrauch pro Kopf (Liter/Tag) 189

*) 2015

Quellen: Statistikamt TÜIK, Stadtverwaltung Istanbul (IBB)

Ausbau des Stadtbahnnetzes hat Priorität

Istanbuls Stadtplaner wollen einen möglichst großen Teil des Personenverkehrs von den Straßen auf die Schienen verlegen. Nach Angaben der Stadtverwaltung soll deswegen das U- und S-Bahnnetz von derzeit circa 260 Kilometern auf 335 Kilometer bis zum Jahr 2020 ausgebaut werden. Danach ist ein weiterer Ausbau um 650 Kilometer vorgesehen. Bislang wird der größte Teil, rund 78 Prozent, des öffentlichen Personennahverkehrs noch über die Straße organisiert. Der Anteil des Schienennetzes liegt bei 17,6 Prozent. Fähren tragen 4,4% zum öffentlichen Nahverkehr bei.

Ferner investiert die Stadt in Straßentunnel, um die Streckenführungen zu verkürzen. Die Länge der Tunnel soll von derzeit 17 Kilometer bis 2020 auf 68 Kilometer verlängert werden. Danach ist der Bau von weiteren Tunneln mit einer Länge von 127 Kilometern geplant.

Um die Verkehrsinfrastruktur im Großraum Istanbul zu verbessern, soll ein dreistöckiger Unterwassertunnel für Autos und Züge unter dem Bosporus gebaut werden. Dadurch sollen neun Stadtbahnlinien auf dem europäischen und asiatischen Teil miteinander verbunden werden. Die zwei übrigen Etagen sind für Straßenfahrzeuge vorgesehen. Die Auftragsvergabe nach dem BOT-Betreiber-Modell wird für Ende 2018 erwartet.

Digitale Mobilitätslösungen

Zur Umsetzung eines effizienten Verkehrsmanagements kommen in Istanbul bereits intelligente Mobilitätsanwendungen zum Einsatz, die schrittweise ausgeweitet und weiterentwickelt werden. Die wichtigsten Projektträger sind die Stadtverwaltung Istanbul IBB (http://www.ibb.gov.tr) und ihre spezialisierten Tochterunternehmen. Um das Stauaufkommen zu verringern, alternative Strecken aufzuzeigen und den Abgasausstoß zu reduzieren, setzt die städtische Gesellschaft Isbak (Istanbul IT and Smart City Technologies Inc; http://isbak.istanbul) ein intelligentes Signal- und Kontrollsystem ein. Dieses erlaubt den Fahrern, über Mobiltelefone oder Straßentafeln Echtzeitdaten über den Verkehrsfluss und die Mindestfahrtzeiten in wichtigen Stadtteilen, Stadtautobahnen und Bosporusbrücken zu erhalten. Isbak verfügt landesweit über das einzige lizensierte Forschungs- und Entwicklungszentrum für intelligente Transportsysteme.

Elektronisches Bezahlverfahren für Nahverkehr

Das städtische Unternehmen für den elektronischen Geld- und Zahlungsverkehr Belbim (https://belbim.istanbul) ermöglicht mit der Integration der Near Field Technology (NFC) in die Istanbulkart elektronische Bezahlvorgänge bei städtischen Parkhäusern, Jachthäfen, Bussen, Bahnen und Schiffen. Das städtische Parkhausunternehmen Ispark (http://ispark.istanbul) betreibt unter anderem auch ein intelligentes Fahrradanmietungssystem (Isbike) mit automatisiertem Zahlungssystem.

Intelligente Haltestellen

Die Istanbuler Verkehrsbetriebe IETT (www.iett.Istanbul) haben an mehr als 800 Punkten intelligente Bus- und Bahnhaltestellen. In Verbindung mit der MobIETT-App können Fahrgäste an den Haltestellen über ihre Mobiltelefone Informationen zu den Warte- und Fahrzeiten sowie etwaigen Störungen abrufen. Für Fahrgäste mit Sehbehinderung gibt es spezielle Karten, die eine Sprachansage ermöglichen.

Für die Entwicklung eines effizienten städtischen Transportmanagementsystems sieht der strategische Plan der IETT für die Jahre 2018 bis 2020 Ausgaben von umgerechnet 817 Millionen Euro vor (3,8 Milliarden Türkische Lira).

Einige Smart-City-Projekte werden mit Hilfe internationaler Institutionen realisiert. So nimmt Istanbul am Projekt "Smart City Service Development Kit and its Application Pilots" (Smart City SDK) teil. Dieses wird vom "ICT Policy Support Programme" der EU als Teil des "Competitiveness and Innovation Framework Programme" (CIP) finanziert. Mit dem Projekt City SDK wird ein länderübergreifendes Dienstleistungsnetz für die teilnehmenden Städte in den Bereichen Mobilität, Tourismus und Bürgerbeteiligung entwickelt.

Energieeffiziente und ökologische Baumodelle gefragt

Istanbul bildet einen wichtigen Bestandteil des im Jahr 2012 gestarteten städtischen Transformationsprogramms. Im Rahmen dieses Programms, das über 20 Jahre läuft, werden erdbebengefährdete Wohnungen und öffentliche Gebäude abgerissen und komplett neu errichtet. Von den insgesamt 400 Milliarden US$, die für das Projekt vorgesehen sind, soll etwa ein Viertel Istanbul zugutekommen.

Das Stadtentwicklungsprogramm wurde in erster Linie unter Sicherheitsaspekten erstellt. Doch geht mit dem Neubau eine architektonische Umgestaltung einher, die den Einzug energieeffizienter und ökologischer Bautechnologien ermöglicht. Grüne Bauten und intelligente Gebäudelösungen gewinnen an Popularität und werden von der Regierung gefördert.

Ausgewählte Großprojekte in Istanbul
Projektbezeichnung Investitionssumme *) (Mrd. Euro) Projektstand Anmerkung
Kanal Istanbul 13,0 In Planung, Streckenverlauf des Kanals bereits festgelegt, noch keine Vergabe von Bauaufträgen, Bedenken und Kritik der Umweltschützer Bau eines 45 km langen, 25 m tiefen Kanals mit elf Brücken parallel zum Bosporus und westlich von Istanbul zur Verbindung des Schwarzen Meers mit dem Marmarameer; Ansprechpartner: Verkehrsministerium (http://www.udhb.gov.tr)
Dritter internationaler Flughafen Istanbul (vier Aufbauphasen) 10,3 Durchführung durch das Konsortium Limak, Kalyon, Mapa, Cengiz, Kolin; Inbetriebnahme des ersten Abschnitts am 29.10.18 geplant, schrittweise Ausbau bis 2028 Bau eines dritten Flughafens in Istanbul/Kemerburgaz auf einer Fläche von 77 Mio. qm für jährlich zunächst 90 Mio., später 200 Mio. Passagiere nach dem BOT-Modell (Laufzeit 25 Jahre); Ansprechpartner: IGA (http://www.igairport.com)
Dreistöckiger Tunnel unter dem Bosporus 3,2 Auftragsvergabe frühestens Ende 2018, Bauzeit von fünf Jahren vorgesehen, vorbereitende Ingenieurstudien, und Beratungsdienste Interkontinentaler Tunnel mit zwei Etagen für Kfz und einer Etage für die Stadtbahn; Ansprechpartner: Verkehrsministerium (http://www.udhb.gov.tr)

*) Gerundete Schätzungen umgerechnet anhand eines Wechselkurses von 1 Euro = 1,10 US$

Quellen: Recherchen von Germany Trade & Invest; Pressemeldungen

Internetadressen

Institution Internetadresse
Smart City Institute http://www.akillisehirenstitusu.com, http://www.novusens.com/en/
Turkish Green Building Institute http://www.cedbik.org/default_eng.asp
Turkish Informatics Foundation http://www.tbv.org.tr/en/

(N.B.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Türkei Urbanisierung, Stadtentwicklung

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