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27.11.2017

Italien investiert 175 Milliarden Euro in die Energiewende

Neue nationale Strategie eröffnet Geschäftschancen / Von Robert Scheid

Mailand (GTAI) - Italien hat Anfang November eine neue nationale Energiestrategie vorgestellt. Der Fahrplan setzt revidierte Energieziele bis 2030, die über die auf EU-Ebene definierten Ziele hinausgehen. Vorgesehen sind Großinvestitionen in diversen Bereichen von der nachhaltigen Energieproduktion über das herkömmliche Strom- und Gasnetz bis hin zum Transportsektor. Der Energieverbrauch soll deutlich reduziert werden, das Thema Energieeffizienz spielt eine wichtige Rolle.

Beim Thema nachhaltige Energie gehört Italien zu den Vorreitern in Europa. Mit der jetzt vorgestellten "Strategia Energia Nazionale 2017" (Nationale Energiestrategie) hat die Regierung neue Ziele gesetzt und den Fahrplan für den Zeitraum bis 2030 skizziert. Der Staat plant Investitionen im Wert von 175 Milliarden Euro, davon 110 Milliarden Euro für die Energieeffizienz, 35 Milliarden Euro für erneuerbare Energien, und 30 Milliarden Euro für die Strom- und Gasinfrastruktur.

Mit diesen Investitionen strebt Italien an, die europäischen Klimaschutzziele zu übertreffen. Bereits 2015 konnte das Land mehr als ein Drittel des Stromkonsums durch erneuerbare Energiequellen decken. Mit der neuen Strategie sollen bis zum Stichjahr 2030 rund 55 Prozent des Strombedarfs aus erneuerbaren Energien stammen.

Auch was den gesamten Energieverbrauch betrifft, hat Italien ehrgeizige Ziele: Im Bereich Wärme/Kälteerzeugung erreichte Italien 2015 eine erneuerbare Energienquote von 19 Prozent, die sich bis 2030 auf 30 Prozent erhöhen soll. Im Transportsektor lag die Quote 2015 bei 6 Prozent, im Jahr 2030 sollen es 21 Prozent sein. Insgesamt stammten 2015 etwa 17,5 Prozent des Endenergieverbrauchs aus erneuerbaren Energien. Die neue Strategie soll diesen Leitindikator auf 28 Prozent - und damit um einen Prozentpunkt über das europäische Ziel hinaus - erhöhen.

Kohleausstieg bis 2025

Der Plan sieht auch eine Umstellung der Energieversorgung vor. Italien hat bereits nach der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl den Atomausstieg vollzogen und mit einem Volksentschied im Jahr 2011 die Wiedereinführung von Atomkraft abgelehnt. Jetzt plant die Regierung die Abschaffung der Kohlekraft bis 2025. Im Jahr 2015 hatten Kohlekraftwerke einen Anteil von 16 Prozent an der Stromerzeugung.

Damit die Energieversorgung gesichert werden kann, setzt die Regierung vermehrt auf Erdgas. Dabei werden unter anderem neue Gaspipelines wie die Trans-Adria-Pipeline (TAP) gebaut, weitere Investitionen in das Gasnetz werden erfolgen. Erdgas soll zudem im Transportbereich eine wichtigere Rolle spielen; bereits jetzt gibt es mehr als 1 Million erdgasbetriebene Autos auf den Straßen Italiens.

Kritiker des vorgestellten Plans weisen auf den Widerspruch hin, dass Italien durchaus auf importiertes Gas setzt, gleichzeitig aber die Reduzierung der Abhängigkeit von Energieimporten als Ziel definiert. Konkret sieht die Strategie vor, die Energieimporte von 76 Prozent (2015) auf 64 Prozent (2030) des Bedarfs zu verringern.

Im Bereich der erneuerbaren Stromerzeugung setzt Italien vor allem auf den Ausbau von Wind- und Solaranlagen sowie auf das Repowering von alten Anlagen. Auch hier sind Branchenkenner teils skeptisch, da Förderinstrumente zum Teil noch diskutiert werden. So wartet die Branche beispielsweise auf das neue Erneuerbare Energiegesetz für den Zeitraum 2017 bis 2020 sowie auf ein neues Gesetz zur Förderung der Umwandlung von Biogas in Biomethan und dessen Einspeisung in das Erdgasnetz.

Für die nachhaltige Mobilität werden öffentliche Verkehrsmittel und Sharing-Dienste stärker als bisher gefördert. Obwohl auch hier die Details noch nicht fest stehen, ist klar, dass neue Abwrackprämien für den Austausch alter Fahrzeuge gegen emissionsarme Fahrzeuge, darunter Elektro- und Gasfahrzeuge, im Fokus der Förderung stehen.

Maßnahmen für die Energieeffizienz werden verstärkt

Es sind vor allem auch Maßnahmen zur Energieeffizienz, mit denen Italien zum Vorreiter in Sachen Klimaschutz in Europa werden will. Der Gesamtenergieverbrauch, der 2015 bei 116 MTOE (Millionen Tonnen Erdöläquivalenten) lag - und in den letzten Jahren durch die Wirtschaftskrise bereits rückläufig war - soll bis 2030 auf 108 MTOE reduziert werden. Ein Drittel der Ersparnisse wird den Plänen zufolge im Wohnungsbereich realisiert werden, weitere 25 Prozent im Transportsektor, 22,5 Prozent im übrigenTertiärsektor und 15 Prozent im verarbeitenden Gewerbe.

In jedem Einzelbereich setzt die Regierung auf eine Mischung aus neuen Initiativen und alten Maßnahmen. Einwohner werden weiterhin auf die bewährten Abschreibungen von 50 bis 65 Prozent der Investitionen in effizienzsteigende Renovierungsvorhaben zurückgreifen können. Gleichzeitig soll die Wirksamkeit der einzelnen Sanierungsmaßnahmen überprüft und angepasst werden.

Es ist vorgesehen, dass öffentliche Gebäuden systematischer als bisher saniert werden. Auch sogenannte Energieleistungsverträge sollen stärker gefördert werden. Mit diesen Verträgen können beispielsweise Ladenbetreiber Energy Service Companies (ESCOs) beauftragen. Diese machen dann Vorschläge, wie die Energieeffizienz der Läden verbessert werden kann. Für die Industrie soll das System der Weißen Zertifikate, hierzu gehören zum Beispiel CO2-Zertifikate, verbessert werden. Auch Energie-Audits für Kleinunternehmen stehen auf der Agenda.

(R.J.S.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Italien Wirtschaftsförderung, Industriepolitik, Kleine und mittlere Unternehmen (KMU), alternative Energien

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