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14.03.2017

Italien investiert in Eisenbahntechnik

Schienenlogistik wird gefördert / Privatisierung der Staatsbahn / Von Robert Scheid

Mailand (GTAI) - Die Nachfrage nach Eisenbahntechnik in Italien steigt. Gründe dafür sind die Erneuerung des Passagier- und Güterzugparks, der Ausbau der Infrastruktur und die Förderung des Schienenverkehrs für den Gütertransport. Deutschland ist ein wichtiges Lieferland von Eisenbahntechnik, hat aber nach der jüngsten Statistik den Spitzenplatz verloren. (Internetadressen)

Der italienische Markt für Eisenbahntechnik ist 2015 stark gewachsen. Jüngsten Zahlen des Branchenverbandes ASSIFER zufolge lag die Binnennachfrage bei 3,8 Mrd. Euro. Dies entspricht einem Plus von 45% im Vergleich zum Vorjahr. In der Krisenphase der italienischen Wirtschaft zwischen 2009 und 2013 war die Binnennachfrage um 20% gesunken. Die Sparte Fahrzeuge macht etwa 70% der Umsätze der Branche im Inland aus. Im Jahr 2015 konnte dieser Bereich ein Umsatzwachstum von 91% verbuchen. Auch die Signalisierungstechnik hat sich positiv entwickelt. Im Gegensatz dazu lag die Sparte Ausrüstung zur Elektrifizierung der Eisenbahnlinien im zweiten Jahr infolge im Minus.

Erste Schätzungen des Verbandes für das Jahr 2016 zufolge ist eine Verlangsamung der Branchenentwicklung zu erwarten. Diese Schätzung basiert vor allem auf dem aktuellen Stand in den Auftragsbüchern. Die Binnennachfrage wird sich voraussichtlich jedoch besser als die Exportnachfrage entwickeln, Grund dafür sind die Investitionspläne der Staatsbahn.

Eckdaten der italienischen Schienenverkehrstechnik (Mio. Euro, Veränderung in %)
2013 2014 2015 Veränderung 2015/2014
Binnennachfrage 2.612 2.603 3.774 45,0
Branchenumsatz 3.059 3.295 4.046 22,8
Ausfuhr 988 1.293 1.020 -21,1
Einfuhr 541 602 748 24,4

Quelle: ASSIFER

Eisenbahninfrastruktur wird ausgebaut

Bei der italienischen Staatsbahnen (Ferrovie dello Stato) und ihrem Schienennetzbetreiber RFI (Rete Ferroviaria Italiana) sind zurzeit Investitionen im Wert von 32 Mrd. Euro geplant oder werden bereits realisiert. Davon wurden 18 Mrd. Euro in den vergangenen zwei Jahren zugewiesen. Im Fokus der Investitionen steht der Ausbau der transeuropäischen Verkehrsnetze.

Die aktuellen Investitionspläne sehen unter anderem vor, die Schienenverbindungen zwischen Triest, Venedig und Ravenna an der Adriaküste mit dem Baltikum sowie das Mittelmeer mit der Hafenstadt Genua über Mailand mit der Nordsee auszubauen. Auch der "Skandinavien-Mittelmeer Korridor" ist für Italien eine Hauptachse, weil er Süditalien über die Apenninenhalbinsel mit Nordeuropa verbindet.

Neue Förderung für den Gütertransport auf Schienen

Die Investitionen in das italienische Schienennetz tragen auch zur Förderung des Güterverkehrs bei. Bisher wird die Logistik vom Straßentransport dominiert, nur 7% der Waren werden auf dem Schienenweg befördert. Die Regierung setzt aber auf den Ausbau des Schienenverkehrs und will den intermodalen Transport forcieren.

Vor diesem Hintergrund hat das Verkehrsministerium das Förderpaket "Ferrobonus" für Schienentransportunternehmen eingeführt. Seit 2017 können die Firmen die Mautgebühren beim Schienentransport um 15% im Norden und um 25% im Süden Italiens reduzieren. Der Gesamtumfang der Förderung in den Jahren 2017 bis 2019 liegt bei 120 Mio. Euro per anno.

Darüber hinaus setzt das Verkehrsministerium auf die Modernisierung des Güterzugparks. Auch die Häfen und deren Anbindungen an das Schienennetz sollen verbessert werden. Nicht zuletzt wird der Abbau der Bürokratie in den Zollämtern durch Digitalisierungsmaßnahmen mit 200 Mio. Euro gefördert. Vertreter des Branchenverbands ASSIFER fordern auch Mittel für die "letzte Meile", die Anbindung der Fabrikhallen an das Schienennetz.

Passagierverkehr wird modernisiert

Sowohl das Hochgeschwindigkeitsnetz als auch das regionale Verkehr werden mit Blick auf den Passagiertransport in den kommenden Jahren modernisiert. Insbesondere im regionalen Schienenverkehr ist der Nachholbedarf groß. Züge sind im Durchschnitt fast 20 Jahre alt, im Süden sind sie noch älter. In 2016 wurden im Rahmen einer Ausschreibung Regionalzüge für 4,5 Mrd. Euro bestellt. Alstom und Hitachi haben den Auftrag gewonnen.

Im Hochgeschwindigkeitsverkehr wurden 2015 und 2016 neue Züge des Modells ETR 1000 des Konsortiums Hitachi Rail Italy (früher AnsaldoBreda) und Bombardier an die italienische Staatsbahnen geliefert. Insgesamt wurden 50 Züge für 1,5 Mrd. Euro bestellt. Diese haben eine maximale Geschwindigkeit von circa 400km/h. Damit die Züge schneller fahren können, wird die Schieneninfrastruktur ausgebaut. Es ist geplant, die Fahrtzeit für die 500 km lange Strecke zwischen Mailand und Rom von gegenwärtig 2 Stunden 50 Minuten auf circa 2 Stunden 20 Minuten zu reduzieren.

Auch die Strecke zwischen Brescia und Padua wird modernisiert. Zudem soll Genua an das Hochgeschwindigkeitsnetz angebunden werden. Auch im Süden (Neapel-Bari) sowie auf Sizilien (Palermo-Messina-Catania) gibt es konkrete Investitionsprojekte. Diese Großprojekte sorgen für eine hohe Nachfrage nach Signalisierungstechnik sowie Elektrifizierungsausrüstung, auch aus Deutschland.

Mit Blick auf die extreme Staatsverschuldung plant die italienische Regierung Privatisierungsmaßnahmen, auch für Teile der staatlichen Eisenbahn Ferrovie dello Stato (FS).

Deutschland verliert Spitzenplatz der Lieferländer

Mit dem wachsenden Markt steigt auch die Nachfrage nach Eisenbachtechnik aus dem Ausland. Zwischen 2012 und 2015 sind die Importe nach Angaben von ASSIFER um 50% gestiegen, dabei lag Deutschland bis 2014 als Lieferland weit vorne. Im Jahr 2015 hat Deutschland seinen Spitzenplatz verloren und landete mit einem Anteil von 23,7% aller importierten Schienenverkehrstechnik auf Platz drei hinter Spanien (28,0%) und Polen (26,9%). Im Jahr 2015 lagen die Einfuhren aus Deutschland bei circa 177 Mio. Euro, 2014 waren es 215 Mio. Euro. Aufgrund des hohen Wertes bei einzelnen Aufträgen für Schienenfahrzeuge gibt es große Schwankungen in der Statistik.

Wichtige Lieferländer von Schienenverkehrstechnik nach Italien (Marktanteil in Prozent)
2013 2014 2015
Spanien 6,5 14,8 28,0
Polen 2,2 8,5 26,9
Deutschland 29,4 35,8 23,7
Frankreich 22,1 15,8 7,1
Österreich 5,2 4,4 3,5

Quelle: ASSIFER

Internetadressen

Ministero delle Infrastrutture e dei Trasporti (Ministerium für Infrastruktur und Verkehr)

Internet: http://www.mit.gov.it

ASSIFER, Associazione Industrie Ferroviarie (Verband der Eisenbahnindustrie)

Internet: http://assifer.anie.it

ART, Autorità di Regolazione dei Trasporti (Aufsichtsbehörde der Verkehr)

Internet: http://www.autorita-trasporti.it

ANSF, Agenzia Nazionale Sicurezza Ferroviaria (Nationale Agentur der Eisenbahnsicherheit)

Internet: http://www.ansf.it

FSI, Ferrovie dello Stato (Italienische Staatsbahn)

Internet: http://www.fsitaliane.it

RFI, Rete Ferroviari Italiana (Italienisches Schienennetz)

Internet: http://www.rfi.it

ITALFERR, Gruppo FSI (Ingenieurdienstleistungen)

Internet: http://www.italferr.it

ITALCERTIFER, Gruppo FSI (Zertifizierung, Prüfung, Ausbildung)

Internet: http://www.italcertifer.com

CEI, Comitato Elettrotecnico Italiano (Italienische elektrotechnische Kommission)

Internet: http://www.ceiweb.it

Expo Ferroviaria 2017 (Internationale Messe der Bahnindustrie)

Internet: http://www.expoferroviaria.com

(R.J.S.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Italien Transport und Verkehr, allgemein, Verkehrsinfrastrukturbau, allgemein, Eisenbahnbau, Schienenfahrzeuge, Schienenverkehr

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