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31.05.2018

Italien: Moderate Brexit-Risiken

Vereinigtes Königreich viertwichtigster Investor, fünftwichtigster Absatzmarkt und neuntwichtigstes Lieferland / Von Robert Scheid

Mailand (GTAI) - Italien gehört zu den europäischen Ländern, die von einem Brexit relativ wenig betroffen werden könnten. Das Vereinigte Königreich rangiert als Absatzmarkt auf Platz fünf, die Investitionen von dort sind überschaubar. Allerdings können auch minimale Auswirkungen der fragilen Erholung der italienischen Wirtschaft schaden. Zudem sind britische Touristen eine wichtige Einnahmequelle. (Kontaktadressen)

Brexit-Folgen für Italien überschaubar

Italien wird aufgrund der Diversifizierung in Außenhandel und Tourismus sowie der geringen Abhängigkeit von britischen Direktinvestitionen vom Brexit eher wenig betroffen sein. Die italienische Zentralbank kommt in einem Bericht von April 2017 zu dem Schluss: "Es gibt keinen Grund, ernsthafte direkte und unmittelbare Folgewirkungen auf die italienische Volkswirtschaft und das Bankensystem zu erwarten."

In einer weiteren Analyse von August 2017 auf federalismi.it, einem Online-Magazin für öffentliches Recht, werden mögliche Auswirkungen auf das italienische Bruttoinlandsprodukt (BIP) geschätzt. Insgesamt stehen laut der Analyse circa 2,5 Prozent des BIP in einem Dreijahreszeitraum auf dem Spiel. Wichtigste Faktoren sind dabei die wirtschaftliche Ungewissheit und damit verbundene Einschränkung der Investitionsbereitschaft italienischer Unternehmen (1 Prozent des BIP), die Auswirkungen auf den italienischen Bankensektor (1 Prozent des BIP) sowie die Abnahme der Ausfuhren (0,25 Prozent des italienischen BIP) und die Zunahme der Volatilität der Finanzmärkte (0,2 Prozent des BIP). Gleichzeitig präsentiert die Analyse eine Reihe von Chancen für Italien. Italien könnte unter anderem seine Position im Bereich Fintech verstärken.

Wirtschaftsverflechtungen zwischen Italien und dem Vereinigten Königreich (VK; Anteile in Prozent)
Indikator 2017
Anteil Warenimporte aus dem VK am BIP 0,7
Anteil Dienstleistungsimport aus dem VK am BIP (2016) 0,5
Anteil Warenexport in das VK am BIP 1,3
Anteil Dienstleistungsexport in das VK am BIP (2016) 0,5
Anteil der Direktinvestitionen aus dem VK am Gesamtbestand ausländischer Direktinvestitionen in Italien (2016) 12,8

Quellen: ISTAT, Banca d'Italia

Italienische Exportwirtschaft erwartet leichte Einbußen

Für die italienische Exportwirtschaft dürften sich die Brexitfolgen in Grenzen halten. Das Vereinigte Königreich rangiert auf Platz sechs der Handelspartner Italiens und auf Platz fünf der Absatzmärkte. Für das Jahr 2017 gingen laut dem Nationalen Statistikamt (ISTAT) rund 5,2 Prozent der italienischen Ausfuhren nach Großbritannien. Die Anteile Deutschlands und Frankreichs am italienischen Export waren mit 12,5 Prozent und 10,3 Prozent deutlich höher. Auch die USA und Spanien rangieren vor dem Vereinigten Königreich. Insgesamt summierten sich die italienischen Warenexporte nach Großbritannien auf 23 Milliarden Euro. Die Hauptexportgüter bestehen aus Industrieerzeugnissen, darunter Maschinen, Kfz und -Teile sowie chemische Erzeugnisse. Erst danach folgen Konsumgüter wie Modeprodukte und Elektrogeräte sowie Nahrungsmittel.

Seit Anfang der Weltwirtschaftskrise im Jahr 2008 hat die italienische Wirtschaft stark gelitten, das einzige Glanzlicht war der stetige Anstieg der Ausfuhren und die Diversifizierung der Absatzmärkte. Vor diesem Hintergrund konnte Italien die Abhängigkeit von klassischen europäischen Märkten wie dem Vereinigten Königreich reduzieren. Im Jahr 2017 sind die Gesamtausfuhren um 7,4 Prozent gestiegen, die nach Großbritannien sind lediglich um 3,2 Prozent gewachsen.

MKT201805308023.14

Als Lieferland für Italien hat das Vereinigte Königreich nur begrenzte Bedeutung. Insgesamt machten die italienischen Exporte in das Vereinigte Königreich mehr als das Doppelte der Einfuhren von dort aus. Mit Produkteinfuhren im Umfang von 11,4 Milliarden Euro im Jahr 2017 rangiert das Vereinigte Königreich auf Platz neun der Lieferländer Italiens. Zum Vergleich hat Bayern im gleichen Zeitraum Waren im Wert von 12,7 Milliarden Euro in Italien absetzen können. Die italienischen Einfuhren aus Großbritannien sind 2017 im Vorjahresvergleich um 1,3 Prozent gestiegen, während die Gesamteinfuhren aufgrund der Erholung des italienischen Binnenmarkts um 9 Prozent zunahmen.

Laut einer Analyse der italienischen Zentralbank erwarten Experten geringe Einbußen beim Maschinenexport, der circa 20 Prozent der Ausfuhren in das Vereinigte Königreich ausmacht. Kritischer ist die Lage für die Nahrungsmittelbranche. Hier erwartet die Zentralbank ein Minus von etwa 10 Prozent der Ausfuhren. Auch die Modebranche wird laut der Studie mit einem Minus von 8,2 Prozent rechnen müssen. Der Absatz von Kfz und -Teilen dürfte ebenfalls leiden, allerdings geht lediglich ein geringer Anteil der italienischen Kfz-Ausfuhren nach Großbritannien.

Italienischer Warenhandel mit dem Vereinigten Königreich und Deutschland 2017
Vereinigtes Königreich Deutschland
Importe aus...(Mrd. Euro) 11,4 65,3
Rang in der Importstatistik 9 1
Exporte nach... (Mrd. Euro) 23,1 55,9
Rang in der Exportstatistik 5 1
Handelsvolumen mit... (Mrd. Euro) 34,5 121,2
Rang als Handelspartner 6 1

Quelle: Eurostat

Wenige Auslandsinvestitionen in Italien

Laut Daten der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) stammen 1,9 Prozent der auf die Endnachfrage in Italien bezogenen Wertschöpfung aus dem Vereinigten Königreich. Damit liegt das Land weit hinter stark betroffenen Ländern wie Irland (14,4 Prozent). Deutschland bezieht rund 2,3 Prozent aus dem Vereinigten Königreich.

Italien zieht im Vergleich zu den anderen großen Volkswirtschaften in Europa vergleichsweise wenige Direktinvestitionen aus dem Ausland an. Im Jahr 2016 kamen die Direktinvestitionsbestände aus dem Ausland auf 327 Milliarden Euro, weniger als die Hälfte des deutschen Niveaus. Vor diesem Hintergrund sind die Risiken durch einen Brexit relativ gering, auch wenn das Vereinigte Königreich mit 12,8 Prozent der Direktinvestitionen auf Platz vier der wichtigsten Investorenländer kommt. Vor Großbritannien liegen die Niederlande (20,2 Prozent), Luxemburg (18,4 Prozent) und Frankreich (17,3 Prozent).

Laut einer Studie der italienischen Außenhandelsbehörde ICE und des Mailänder Polytechnikums sind 860 Unternehmen mit britischer Beteiligung in Italien tätig. Diese machen im Jahr einen geschätzten Umsatz von 33 Milliarden Euro und beschäftigen 68.500 Mitarbeiter. Die Anzahl der Unternehmen liegt weit hinter Deutschland (2.138) und Frankreich (1.467).

Die britischen Direktinvestitionen konzentrieren sich auf den Bereich Banken sowie Finanz- und Versicherungsdienstleistungen. Die italienische Börse gehört beispielsweise seit 2007 zur London Stock Exchange Group. Einem Bericht der italienischen Zentralbank zufolge gibt es lediglich 16 Bankengesellschaften aus Großbritannien, die Filialen in Italien betreiben. Diese machen nur 0,6 Prozent des Kreditwesens in Italien aus. Unter den 16 Banken sind 11 internationale Bankengruppen mit einem europäischen Sitz in London. Auch andersrum sind kaum Folgen zu erwarten, da italienische Banken im Vereinigten Königreich wenig aktiv sind.

Laut dem italienischen Statistikamt leben rund 30.000 Briten in Italien. Etwa die Hälfte lebt in Mailand, Rom und Florenz. Viel größer sind jedoch die Risiken für die vorwiegend im Zuge der langen Wirtschaftskrise ausgewanderten Italiener. Die Anzahl der im Vereinigten Königreich lebenden Italiener liegt nach Schätzungen des italienischen Generalkonsulats in London bei circa 700.000. Seit dem Brexit-Votum sind die Ankünfte deutlich gesunken, während die bereits etablierten Expats versuchen, zügig ihren Aufenthaltsstatus zu klären.

Kontaktadressen

Eine Analyse der möglichen Brexit-Auswirkungen auf 13 europäische Länder finden Sie in der GTAI-Analyse "Der Brexit und seine Folgen" auf: HYPERLINK "http://www.gtai.de/brexit-zielmaerkte"http://www.gtai.de/brexit-zielmaerkte

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht und Zoll in Italien können Sie unter http://www.gtai.de/italien abrufen.

Unter http://www.gtai.de/brexit informiert Germany Trade & Invest regelmäßig über Aktuelles und Hintergründe zum Brexit.

Dieser Artikel ist relevant für:

Italien Außenwirtschaft, allgemein, Konjunktur, allgemein, Brexit

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