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05.12.2017

Italiens Nationaler Plan für die Industrie 4.0 trägt Früchte

Neue Start-ups und höhere Investitionen für die digitale Zukunft / Deutsch-Italienisches Innovationsforum in Berlin / Von Barbara Kussel

Berlin (GTAI) - Italien treibt die Digitalisierung und den Aufbau der Industrie 4.0 im Eiltempo voran, der Nachholbedarf ist groß. In erster Linie versucht das Land, private Investitionen über Steueranreize zu fördern. Auf europäischer Ebene braucht es eine stärkere Industriepolitik, hieß es auf einer deutsch-italienischen Konferenz zum Thema Digitalisierung und Industrie 4.0 in Berlin. (Internetadressen)

Was die Digitalisierung der Wirtschaft betrifft, gehört Italien - zumindest auf dem Papier - zu den Schlusslichtern in Europa: Im "Index für die digitale Wirtschaft und Gesellschaft" (Desi) der Europäischen Kommission landet Italien auf Platz 25 von 28 EU-Mitgliedern. Nur 6,5 Prozent der kleinen und mittleren Unternehmen verkaufen online, dabei ist der Internet-Verkauf lediglich der allererste kleine Schritt in die Zukunft der digitalisierten Welt. Obendrein dominieren Klein- und Kleinstunternehmen die italienische Wirtschaft, was die Entwicklung nicht leichter macht.

Doch diese Zahlen zeigen nicht, was derzeit passiert. Italien hat zur Aufholjagd geblasen, die Digitalisierung der Wirtschaft in den Fokus der Wirtschaftspolitik gestellt, und im Herbst 2016 den nationalen Plan "Industria 4.0" zur Förderung der Digitalisierung des Landes vorgestellt. Herzstück des Plans sind massive Steuererleichterungen für Investoren, flankiert von weiteren nationalen Maßnahmen wie Investitionen in die Bildung und die Gründung von Clustern. Hinzu kommt ein bunter Strauß individueller Initiativen der italienischen Regionen von der Emilia-Romagna bis Kampanien.

Der Erfolg ist nicht ausgeblieben, die Investitionen steigen, neue Start-ups wachsen fast wie Big Data in der Cloud. Das zeigte das erste Deutsch-Italienische Forum für Innovation und Investition "Investing in Italian Innovation: Digital Solutions and the Challenge of Industry 4.0. Zu dem Forum hatte die italienische Botschaft in Berlin in Zusammenarbeit mit der Italienischen Handelskammer für Deutschland ITKAM (der Camera die Commercio per la Germania), und der Italienischen Agentur für Außenhandel (ICE) eingeladen. An der Veranstaltung am 29. November 2017 in der italienischen Botschaft in Berlin nahmen mehr als 300 Vertreter aus Wirtschaft und Politik sowie aus Institutionen und Universitäten teil. Im nächsten Jahr soll der Dialog erneut stattfinden.

Neugründungen erreichen Höchststand

Die Zahl der Start-ups in Italien erreichte im Oktober 2017 einen Höchststand von 8.054, ein Plus von 35,5 Prozent innerhalb der vergangenen 18 Monate. Die Bruttoanlageinvestitionen verzeichneten in den ersten sechs Monaten 2017 ein Plus von 9 Prozent auf 80 Milliarden Euro im Vergleich zum entsprechenden Vorjahreszeitraum. Insbesondere Investitionen in Maschinen (11,6 Prozent), Elektronik (10,7 Prozent) sowie in Forschung, Entwicklung und Innovationen im verarbeitenden Gewerbe (15,0 Prozent) legten zu.

Im "Digitalen Steuerindex" haben es die Italiener - nach Irland - sogar auf einen zweiten Spitzenplatz in Europa geschafft. Das zeigt die Studie "Steuerliche Standortattraktivität digitaler Geschäftsmodelle. Steuerlicher Digitalisierungsindex 2017", die das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) gemeinsam mit der Universität Mannheim und der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) erarbeitet hat. Der Spitzenplatz hindert Italien nicht daran, Internetriesen wie Google und Facebook stärker in die Steuerpflicht zu nehmen. Entsprechende Pläne werden im nationalen Alleingang vorangetrieben.

Von ungefähr kommt der Spitzen-Steuerplatz nicht, die steuerlichen Rahmenbedingungen für Unternehmen sind deutlich verbessert worden. Im Jahr 2016 wurde der Körperschaftsteuersatz von 27,4 Prozent auf 24,0 Prozent gesenkt. Hinzu kommen Hyper- und Superabschreibungen (Iper e Super Ammortamento) von 250 beziehungsweise 140 Prozent auf 4.0-Investitionen in Maschinen, Robotik oder Software, um nur einige Beispiele zu nennen. Unter dem Strich würden die Investitionskosten so um rund 15 Prozent gesenkt, hieß es in Berlin.

Steuerliche Anreize im Fokus

Die weitere Liste der steuerlichen Anreize ist lang: Der Return on Investment (RoI, die Kapitalrendite auf Investitionen) kann für bestimmte Investitionen bis zu einer Höchstgrenze von 150.000 Euro binnen 5 Jahren steuerfrei gestellt werden. Es gibt Steuerkredite auf Forschungs- und Entwicklungsinvestitionen und Sonderabschreibungen auf Patente. Auch um Humankapital zu locken, greift Italien in die Steuerkiste und bietet für qualifiziertes Personal, Lehrer und Professoren hohe Einkommensteuervorteile. Geschäftsvisa werden theoretisch binnen 72 Stunden erteilt, künftig sollen es 48 Stunden sein, ein Investorenvisum ist geplant.

Doch damit nicht genug. Das Finanzministerium plant zudem, die Steuerbehörden und die Ansätze der Besteuerung zu reformieren. Bis dato sind die Behörden in einer Matrix- Struktur organisiert, der Unternehmer hat mit verschiedenen Institutionen zu tun. Künftig soll sich die Arbeit der Häuser auf Kundengruppen konzentrieren. Die Unternehmen werden dabei nach Größe klassifiziert und jeweils von einer Organisationseinheit komplett betreut. Weg will man auch von der reinen Ex Post-Betrachtung - hier wird geprüft, ob der Unternehmer in den vergangenen Jahren korrekt Steuern bezahlt hat - hin zu einer ex ante Betrachtung, die im Vorfeld einer Investition klären soll, welche Steuerlast den Investor erwartet.

Auf der Agenda steht auch der Ausbau der Infrastruktur, schließlich haben 70 Prozent der Unternehmen in Italien noch immer keinen Anschluss an das Breitbandnetz. Genauso wichtig sind - nicht nur in Italien - die Themen "Sicherheit" und "Öffnung für Alle". "Es dürfen nicht nur die Starken gewinnen", hieß es in Berlin. Die Digitalisierung muss auch in der Bildung stattfinden - und das lebenslang. Es geht um Wohlstand und Beschäftigung, nicht nur in Deutschland und Italien. "Europa braucht eine stärkere Industriepolitik".

Internetadressen

Bezeichnung Internetadresse Anmerkung
Federazione Nazionale Imprese Elettrotecniche ed Elettroniche (ANIE) http://anie.it Branchenverband Elektrotechnik und Elektronik
Associazione Nazionale Imprese ICT http://www.assintel.it Verband der IT Unternehmen
Ministero dello Sviluppo Economico http://www.sviluppoeconomico.gov.it Ministerium für Wirtschaftliche Entwicklung
Politecnico di Milano http://www.polimi.it Universität Mailand, stark beim Thema Industrie 4.0 engagiert
Camera di Commercio Italiana per la Germania (ITKAM) http://itkam.org Italienische Handelskammer für Deutschland
Agenzia ICE http://www.italtrade.com Italienische Agentur für Außenhandel (in Botschaft integriert)
SPS IPC Drives Italia https://www.mesago.de/de/SPS/Fuer_Aussteller/SPS_IPC_Drives_Italia/index.htm Fachmesse für Automatisierung (22. bis 24. Mai 2018 in Parma)

Mehr zu Italien finden Sie unter: http://www.gtai.de/Italien

(B.K.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Italien Investitionsrecht, Investitionsanreize, Robotik und Automation, Digitalisierung, Start-up

Kontakt

Barbara Kussel

‎+49 228 24 993 356

Suche / Mann mit Lupe | © GettyImages/BernardaSv

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