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11.02.2019

Italiens Wasserwirtschaft muss investieren

Großer Bedarf in schwierigem Umfeld / Von Oliver Döhne

Mailand (GTAI) - Druck aus Europa könnte der bislang vernachlässigten italienischen Wasserwirtschaft neues Leben einhauchen. Der Bedarf ist groß, doch es drohen politische Risiken.

Italiener verbrauchen überdurchschnittlich viel Wasser und zahlen pro Liter lediglich 40 Prozent des deutschen Preises. Überdies investiert Italien pro Einwohner nur halb so viel in die Wasserwirtschaft wie Frankreich und auf dem Weg zum Verbraucher geht ein Drittel des Wassers verloren: Diese verschwenderischen Zeiten könnten bald vorbei sein. Dafür sorgt nicht zuletzt die Europäische Union (EU), die Italien bereits mehrfach wegen Verstößen gegen ihre Umweltrichtlinien abgemahnt hat.

Vor diesem Hintergrund stehen Investitionen in die italienische Wasserwirtschaft an: Investitionen in größere Anlagen und hochwertigeres Material werden durch die Tatsache erleichtert, dass zurzeit größere Versorger im Land entstehen. Viele kleine Anbieter schließen sich zusammen. Hinzu kommt, dass sich viele Industrieunternehmen - diese sind nach der Landwirtschaft der größte Wasserkonsument im Land - um einen nachhaltigeren Wasserverbrauch bemühen. Laut einer Untersuchung des Politecnico Mailand wollen vor allem die Hersteller von Papier, Textilien und Lebensmitteln in den kommenden Jahren verstärkt in die Wasseraufbereitung investieren. Sie zählen zu den großen Verbraucherbranchen im Land.

Investitionen könnten deutlich zulegen

Im zivilen Sektor hält die Studie des Politecnico für den Regulierungszeitraum 2020 bis 2023 jährliche Investitionen von 4,3 Milliarden Euro für möglich, vorausgesetzt die Rahmenbedingungen werden stabiler und die Provinzen halten sich an die vorgegebenen Rationalisierungsvorgaben. Das entspräche einem Plus von 30 Prozent gegenüber dem vorangegangenen Regulierungszeitraum 2016 bis 2019. Ein pessimistischeres Szenario geht von 2,7 Milliarden Euro pro Jahr aus. Letzteres könnte eintreten, wenn die Regierungspartei Cinque Stelle ihre Pläne durchsetzt, die Wasserwirtschaft wieder komplett zu verstaatlichen. Die im Gesetzentwurf 52 geplante Wiederverstaatlichung des gesamten Wasserkreislaufs halten viele Branchenexperten jedoch für kontraproduktiv.

Eine Chance für die Branche sehen Experten in der digitalen Transformation. Smart Meter (Intelligente Zähler), Telekontrolle und Sensoren können helfen, Wasserverluste zu senken und den Energieverbrauch bei der Klärung und Aufbereitung zu verringern.

In der italienischen Wasserwirtschaft sind laut Politecnico etwa 450 Technologieanbieter tätig, die etwa 65.000 Angestellte beschäftigen und rund 22 Milliarden Euro Umsatz erwirtschaften. Die meisten Unternehmen beliefern sowohl den zivilen als auch den industriellen Bereich. Die Hersteller von elektrischen und elektro-pneumatischen Komponenten sowie von Mess- und Regeltechnik sind hochspezialisiert, während die Produzenten von Basiskomponenten und Abwasserbehandlungsequipment eher Generalisten sind, heißt es in der Studie.

Technikanbieter in der italienischen Wasserwirtschaft (Umsatz in Milliarden Euro)
Marktsegment Umsatz Hauptanbieter
Basiskomponenten (unter anderem Ventile, Rohre) 7,1 Watts, KSB, Effebi, Rubinetterie bresciane, Elster, Dalmine, Marcegaglia, Brugg, Fitt, Saint Gobain Pam
Abwasserbehandlung (unter anderem Filter) 3,8 Honeywell, Culligan, Saint Gobain Pam, Verind, De Nora
Elektrische und elektro-pneumatische Komponenten (unter anderem Pumpen) 5,7 Xdab, Ebara, Xylem, Grundfos, Pentair
Mess- und Regeltechnik (unter anderem Durchflusssensoren, Füllstand- und Druckmessgeräte) 6,2 ABB, Siemens, Schneider Electric, RT, Honeywell, Maddalena, Greiner, Krohne

Quelle: Water Management Report des Politecnico Mailand (Januar 2019)

Größe der Wasserversorger nimmt zu

Zuständig für die Wasserwirtschaft sind die lokalen Verwaltungen. Ihnen ist freigestellt Inhouse-Lösungen zu wählen, öffentlich-private Partnerschaften zu bilden oder über Ausschreibungen Konzessionen an private oder teilweise private Unternehmen zu vergeben. Um die teilweise sehr kleinenStrukturen mit entsprechend niedriger Investitionskraft aufzulösen, sind die Provinzen per Gesetz (Sblocca Italia) angehalten, einen einzigen Versorger zu beauftragen, was aber noch nicht landesweit der Fall ist. Landesweit soll es noch immer rund 700 Versorger geben.

Doch die Konsolidierung kommt voran, und mit ihr Investitionsspielräume und Skaleneffekte. Die größten 100 Versorger bedienen rund 70 Prozent der Haushalte, die größten zehn rund die Hälfte. Laut der Hera-Gruppe, einem Versorger mit Sitz in Bologna, sind rund 41 Prozent der Italiener Kunden von lokalen Inhouse-Anbietern, 19 Prozent von Unternehmen mit starker oder überwiegend öffentlicher Beteiligung, 17 Prozent von öffentlich-privaten Partnerschaften und etwa 5 Prozent von reinen Privatanbietern.

Die größten Wasserversorger Italiens
Unternehmen Versorgte Personen (in Millionen) Anzahl Kläranlagen Region
Acea 8,5 830 Lazio, Kampanien, Toskana, Umbrien
Acquedotto Pugliese 4,1 184 Apulien
Gruppo Hera 3,6 469 Emilia Romagna, Marche, Venetien, Friuli Venezia Giulia
Ireti 2,6 1.171 Emilia Romagna, Ligurien, Piemont
Gruppo CAP 2,5 40 Lombardei (außer Mailand)
SMA Torino 2,2 412 Turin
Società Risorse Idriche Calabresi 2,0 Keine Angabe Kalabrien
ABC Napoli 1,7 Keine Angabe Neapel
Abbanoa 1,6 360 Sardinien
MM - Metropolitana Milanese 1,4 3 Mailand

Quelle: Water Management Report des Politecnico Mailand (Januar 2019)

Ein weiterer Vorteil von größeren integrierten Utility-Anbietern ist, dass sich Schnittstellen zur Energiewirtschaft nutzen lassen, da viele der Unternehmen sowohl in der Wasser- als auch in der Abfall- und in der Energiewirtschaft tätig sind. Ein noch kaum genutztes aber vielversprechendes Feld ist laut Experten die energetische Nutzung von Klärschlamm.

Der italienische Markt gilt als schwierig, weil sich Genehmigungsvorgänge lange hinziehen können und kein optimaler Zugang zu Finanzierungen besteht. Hinzu kommt, dass das Verwaltungspersonal auf Kommunalebene nicht immer gut informiert ist. Gleichzeitig ist es jedoch in viele wichtige, eigentlich unternehmerische Entscheidungen eingebunden. Oft ist auch von Intransparenz die Rede. Laut Marktexperten sabotieren in einigen Landesteilen lokale Akteure den Konsolidierungsprozess.

Weitere Informationen zu Italien finden Sie unter www.gtai/Italien.de

Dieser Artikel ist relevant für:

Italien Energie, Wasser, Wärme, allgemein, Wasser-, Hafenbau, Wasserversorgung, -gewinnung, Bewässerung, Abwasserentsorgung

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