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31.03.2017

Kanada setzt im Gesundheitswesen erfolgreich auf Vernetzung

Allein der Einsatz der elektronische Patientenakte spart jährlich 200 Mio. kan$ / Von Boris Alex

Toronto (GTAI) - Im kanadischen Gesundheitssektor entwickelt sich E-Health zum Schlüsselthema. Die öffentlichen und privaten Investitionen in Ausrüstung und IT-Lösungen dürften in den kommenden Jahren weiter wachsen. Vorbildlich sind zum Beispiel das Smart Hospital mit einem Robotersystem und die Telemedizin. (Kontaktanschriften)

Die Ausgaben für Health-IT machen derzeit 2% der Investitionen im Gesundheitswesen aus. Laut Canadian Institute for Health Information (CIHI) sind die öffentlichen und privaten Gesundheitsausgaben 2016 um fast 3% auf 228 Mrd. kanadische Dollar (kan$: 155 Mrd. Euro; 0,68 Euro = 1 kan$, Jahresdurchschnittskurs) gestiegen. Gut zwei Drittel der Gesamtausgaben entfallen auf den staatlichen Sektor. In Kanada liegt die Zuständigkeit für die Gesundheitsversorgung bei den Provinzen. Jede Provinz hat ein eigenständiges Versicherungssystem mit unterschiedlichem Finanzierungsmodell. Darüber hinaus erhalten sie Zuschüsse von der Bundesregierung in Ottawa.

Die Provinzen wollen ihre Ausgaben für entsprechende Ausrüstung und IT-Lösungen in den nächsten Jahren weiter erhöhen. Die öffentlichen und privaten Ausgaben für E-Health im Jahr 2016 lagen bei knapp 5 Mrd. kan$ (3,4 Mrd. Euro), so eine Schätzung des Canadian Trade Commissioner. Bis 2020 sollen die Investitionen in diesem Segment um jährlich 15% bis 20% zulegen.

Wichtiger Ansprechpartner ist Canada Health Infoway

Die öffentliche Hand will in den kommenden Jahren zusätzliche Gelder für die Digitalisierung des Gesundheitswesens bereitstellen. Canada Health Infoway ist als provinzübergreifende Einrichtung verantwortlich für Vergabe und Finanzierung der Vorhaben, bei denen Gesundheitsdienstleister, Kommunen sowie Vertreter der Medizintechnik- und IT-Branche gemeinsame Lösungen und Produkte entwickeln sollen.

In den vergangenen zehn Jahren sind rund 2,5 Mrd. kan$ an öffentlichen Geldern in entsprechende Schnittstellenprojekte - unter anderem in die Digitalisierung von Krankenakten, die Vernetzung von Gesundheitseinrichtungen und die Entwicklung von telemedizinischen Softwareapplikationen - geflossen. Ottawa hat in ihrem Budget für das Fiskaljahr 2016/17 (1.4. bis 31.3.) 50 Mio. kan$ über einen Zeitraum von zwei Jahren für E-Health-Initiativen eingestellt.

Umstieg auf elektronische Krankenakten schreitet weiter voran

Ein Schwerpunkt beim Ausbau von E-Health in Kanada ist die flächendeckende Umstellung auf elektronische Krankenakten ("Electronic Medical Records"). Hier hat Kanada in den letzten zehn Jahren erheblich Fortschritte erzielt. Laut Canada Health Infoway erfassen inzwischen drei Viertel aller Hausärzte ihre Patienteninformationen elektronisch. Kanadaweit haben rund 260.000 Ärzte, Klinikmitarbeiter und Apotheker Zugriff auf die Datensätze - das entspricht etwa der Hälfte aller Akteure im kanadischen Gesundheitssektor. Canada Health Infoway schätzt, dass durch die Verwendung elektronischer Krankenakten jährlich 200 Mio. kan$ eingespart werden.

Die Vernetzung von Akteuren im Gesundheitswesen, medizintechnischen Geräten und medizinischer Infrastruktur ist das beherrschende Zukunftsthema für E-Health-Dienste in Kanada. Immer mehr Kliniken setzen "Internet of Healthcare Things" (IOHT) auf die Tagesordnung. Der Investitionsbedarf in Ausrüstung und Software für den digitalen Austausch von Informationen zwischen Patienten, Klinikpersonal und der Ausrüstung dürfte daher in den kommenden Jahren deutlich wachsen, so die Einschätzung der Canada's Health Informatics Association (Coach).

Beim Smart Hospital ist Philips mit an Bord

Das "Smart Hospital" wird in Kanada immer realistischer. Der kanadische Klinikbetreiber Mackenzie Health implementiert derzeit in seinen Krankenhäusern in Toronto ein neues elektronisches Krankenaktensystem. Gleichzeitig wird ein High-Speed-Netzwerk mit einer Geschwindigkeit von 100 Mbit pro Sekunde installiert, um die Klinikdaten schneller zwischen Patienten, Klinikpersonal - das mit mobilen Endgeräten ausgestattet ist - und medizintechnischer Ausrüstung auszutauschen. Laut Mackenzie Health ist es das schnellste Krankenhausnetzwerk in der Provinz Ontario. Als Projektpartner hat die Klinik den niederländischen Hersteller von Medizintechnik Philips mit an Bord.

Ein weiteres Beispiel ist das Humber River Hospital in Toronto, das sich selbst als erstes "vollständig digitales Krankenhaus in Nordamerika" bezeichnet. Neben der Vernetzung von Patienten, Klinikmitarbeitern und Geräten ist beispielsweise auch der Workflow der Medikamentenausgabe vollständig automatisiert. So stellt ein zentrales Robotersystem die individuellen Dosen für die Patienten zusammen. Diese werden dann von fahrerlosen Transportfahrzeugen an das Pflegepersonal ausgeliefert, die wiederum die Medikamente an die Patienten verteilen.

Telehealth-Sitzungen werden viel stärker genutzt

Ein weiterer Schwerpunkt bei E-Health ist die Telemedizin. Um die wachsenden Gesundheitskosten in den Griff zu bekommen, will die kanadische Regierung die telemedizinischen und mobilen Gesundheitsdienste weiter ausbauen. Da ein großer Teil der kanadischen Bevölkerung in abgelegenen Gebieten mit eingeschränkter medizinischer Versorgung lebt, können virtuelle Diagnosen und Behandlungen einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung des Gesundheitssystems leisten, so die Einschätzung von Coach.

Die Zahl der klinischen Telemedizinsitzungen ist in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen. Einer Coach-Studie zufolge wurden 2015 in ganz Kanada rund 600.000 Telehealth-Sitzungen durchgeführt und damit 46% mehr als im Jahr zuvor. Ontario ist beim Ausbau der Telemedizin weiterhin führend. Obwohl in der Provinz nur knapp 40% der kanadischen Bevölkerung leben, wurden dort 2015 drei Viertel aller Sitzungen durchgeführt.

Auch das Spektrum der angebotenen medizinischen Dienstleistungen wird immer breiter. Inzwischen werden etwa 100 klinische Dienste - darunter aus den Bereichen Neurologie, Onkologie, Psychiatrie, Pädiatrie und innere Medizin - angeboten. Die Technik kommt darüber hinaus verstärkt bei didaktischen Sitzungen für Angestellte im Gesundheitssektor und für Patienten zum Einsatz. Hier stieg die Zahl der Sessions um 78% auf knapp 70.000 - davon waren 95% Aus- und Fortbildungssitzungen für medizinisches Personal.

Marktzugang für deutsche Unternehmen dürfte sich verbessern

Die kanadischen Krankenhäuser beziehen ihre medizintechnische Ausrüstungen und externen Dienstleistungen über Ausschreibungen und bedienen sich dabei häufig zentraler Einkaufsgruppen, die für mehrere Hospitäler agieren. Der Marktzugang für deutsche Unternehmen dürfte sich in den kommenden Jahren weiter verbessern. Denn die EU und Kanada haben im Oktober 2016 ein Freihandelsabkommen geschlossen. Im Rahmen des "Comprehensive Economic and Trade Agreement" (CETA) hat sich Kanada unter anderem dazu verpflichtet, öffentliche Ausschreibungen auf Bundes-, Provinz- und Kommunalebene für europäische Unternehmen zu öffnen. Kanada will hierfür eine zentrale Internetplattform einrichten.

Für die Einfuhr und den Vertrieb medizinischer Geräte ist eine Genehmigung durch das Gesundheitsministerium Health Canada erforderlich, geregelt im Food and Drugs Act. Die Lizenzierung eines medizintechnischen Produktes muss beim Medical Devices Bureau (http://www.hc-sc.gc.ca/dhp-mps/md-im/index-eng.php) beantragt werden. Hier finden sich auch alle technischen Normen und Standards, die für eine Genehmigung vorausgesetzt werden.

Kontaktanschriften

Canada's Health Informatics Association (Coach)

11th Floor, 151 Yonge Street, Toronto, OM M5C 2W7

Tel.: 001 647/775 85 55

E-Mail: info@coachorg.com, Internet: http://www.coachorg.com

Canada Health Infoway

150 King Street West, Suite 1300, Toronto, ON M5H 1J9

Tel.: 001 416/979 46 06, Fax: -593 59 11

Internet: https://www.infoway-inforoute.ca

Dieser Artikel ist relevant für:

Kanada EDV-, Telekommunikationsdienstleistungen, allgemein, Gesundheitswesen allgemein, Medizintechnik, allgemein, Elektronik, allgemein, Digitalisierung

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