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13.06.2019

Kanadas Stromnetze sollen erweitert und modernisiert werden

Insellösungen für den abgeschnittenen Norden des Landes gesucht / Von Daniel Lenkeit

Toronto (GTAI) - Kanadas Stromwirtschaft erwartet in den nächsten Jahren massive Investitionen in die Netze. Wind und Sonne sollen Kohle und Diesel ersetzen.

Markttreiber und -hemmnisse
Treiber Hemmnisse
Technologiefortschritte drücken Produktionspreise für grünen Strom Autarker Versorgungsgedanke der Provinzen behindert Netzintegration
Kampf gegen Klimawandel treibt Dekarbonisierung der Stromerzeugung an Lobby für etablierte fossile Energieträger hemmt schnellere Strommix-Diversifizierung
Fehlender Zugang zum Hauptnetz erfordert Insellösungen im Norden Exporte in die USA von Wasserkraftstrom lukrativer als nationale Netzerweiterung

Versorger und Politik wollen Netze ausbauen und modernisieren

Der kanadische Verband der Elektrizitätsindustrie (CEA) schätzt den Investitionsbedarf für die Erneuerung und den Ausbau der Stromnetze in den nächsten 30 Jahren auf jährlich etwa 15 Milliarden US-Dollar.

Die Übertragungs- und Verteilungsstrukturen müssen laut CEA dringend modernisiert werden. Viele von ihnen stammen noch aus den 40er und 50er Jahren. Unter anderem sind die IT-Sicherheit und Klimaresilienz der aktuellen Infrastruktur unzureichend. Nicht überraschend stammen deswegen sechs der Top 7 Infrastrukturvorhaben 2019 laut dem Magazin ReNew Canada Projekte aus der Stromwirtschaft.

Der CEA glaubt, dass die wachsende Elektrifizierung des Transports, von Gebäuden und der Industrie den Bedarf an grünem Strom sowie die Integration effizienter Speicherlösungen erhöhen und den Netzausbau in Kanada stark beeinflussen.

Zentralregierung und Provinzen setzen zum Teil sehr unterschiedliche Prioritäten in der Strompolitik. Die Bundesstrategie steht vor allem dafür, die kanadischen Stromnetze zu verknüpfen und Energie emissionsfrei zu produzieren. Einige Regionalregierungen setzen dagegen auf eine unabhängige, autarke Versorgung aus regionalen Energieträgern. Einen Überblick zur kanadischen Strompolitik, Regulierung und dem Wettbewerb in den Strommärkten finden Sie unter: http://www.gtai.de/MKT201905278004

Provinzen müssen separat auf Chancen geprüft werden

Kanada verfügt über keinen einheitlichen Strommarkt. Die Provinzen und Territorien haben die Hoheit über ihre jeweilige Strompolitik. Die meisten Provinzen haben ein vertikal integriertes Modell, bei dem ein großer Versorger gebündelt die Erzeugung, Übertragung und Verteilung anbietet. Oft ist deshalb der Wettbewerb eingeschränkt.

Alberta ist hier ein prominenter Ausreißer. Die für Öl und Gas bekannte Provinz betreibt einen offenen Strommarkt und bietet Chancen für unabhängige Energieerzeuger. Die Infrastruktur des Übertragungsnetzes gehört einigen wenigen Unternehmen, wobei die gemeinnützige Organisation AESO mit Regierungsmandat den Übertragungsnetzbetreiber darstellt. Auch Ontario hat seinen Strommarkt vorsichtig liberalisiert und lässt bei der Erzeugung, Übertragung und Verteilung etwas Wettbewerb zu.

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Trotz der Investitionen der vergangenen Jahre in die kanadische Energieinfrastruktur ist die Verknüpfung der einzelnen Netze mangelhaft. Noch immer sind viele Gebiete, gerade im Norden des Landes, nicht angeschlossen oder unterversorgt.

Gute Chancen für Insellösungen

Die nördlichen Regionen Kanadas haben gleichzeitig hohe Anforderungen und Potenziale. Oft abgeschnitten von den Hauptnetzen oder viele Übertragungskilometer entfernt von den bevölkerungsstarken Verbrauchszentren des Landes sind hier Insellösungen gefragt. Technologien für die Stromerzeugung müssen in erster Linie den harschen Bedingungen trotzen. Natürliche Voraussetzungen für Wind- und Solarkraft sind ausreichend vorhanden.

Provinzen wie Alberta und Saskatchewan sowie die dünn besiedelten Territorien Yukon, Northwest Territories und Nunavut leben stark vom Rohstoffsektor, sei es das Öl- und Gasgeschäft, die Forstwirtschaft oder der Bergbau. Häufig wird die Stromversorgung für abgelegene Gemeinden oder für Bergbauprojekte über teure und emissionsintensive Dieselverstromung gesichert. Angebote an "grünen" Kraftwerken, Lösungen für Energiespeicherung oder auch Kraftwärmekopplungsanlagen können hier Alternativen schaffen.

Steigender Wettbewerb im Energiemarkt Kanadas

Deutsche kleine und mittelständische Unternehmen können an den Ausschreibungen der Provinzen und Territorien teilnehmen. Durch ihr technologisches Know-how haben sie gute Chancen, den kanadischen Markt zu bearbeiten, vor allem in den Bereichen Wind, Solar und Biogas.

Der Windsektor expandiert seit Jahren rapide und neue Kapazitäten werden in der Regel öffentlich ausgeschrieben. Auch Biomasse - von Holz dominiert, aber mit Potenzial in Landwirtschaft und Reststoffverwertung - ist bereits eine wichtige Energiequelle im verarbeitenden Gewerbe und erzeugt insgesamt etwa 2 Prozent des kanadischen Stroms.

Ausländische Firmen haben entlang der ganzen Wertschöpfungskette Gelegenheit, in Kanada aktiv zu werden. Gute Chancen haben Projektentwickler, Komponentenhersteller, Hoch- und Tiefbauunternehmen, Zement-, Stahl- und Metallerzeuger und Anbieter von Elektro- und Regelungstechnik sowie von Instandhaltung für Wind- und Solaranlagen.

Komplettlösungen bei kleineren Erzeugerprojekten üblich

Während bei den Großprojekten die Planung, das Beschaffungswesen und die Konstruktion selten aus der Hand eines Unternehmens kommen, ist dies bei kleineren Projekten (bis zu etwa 300 MW), vor allem bei Solar- und Windkonstruktionen, öfter der Fall. EPC Unternehmen wie Mortenson Construction, Borea Construction (Joint Venture Tochter von Blattner Energy) oder RES Group sind im kanadischen Markt für erneuerbare Energien neben vielen anderen Anbietern aktiv. Das Engineering für kanadische Großprojekte wird häufig von SNC-Lavalin, HATCH oder AECOM durchgeführt.

Zu den führenden Energieversorgern in Kanada gehören unter anderem Hydro One, Hydro Quebec, Enbridge Gas, Manitoba Hydro, BC Hydro, Emera, Enmax, Fortis Inc., Canadian Utilities Limited (ATCO-Tochter), Just Energy Group und TransAlta Corp.

Kosten für grüne Stromerzeugung sinken

Stetig sinkende Technologiekosten für Solar- und vor allem Windenergie lassen diese Erzeugungsmethoden Jahr für Jahr wettbewerbsfähiger werden im Vergleich zu Kohle- und Gaskraftwerken. Fallende Kosten treiben das Wachstum für den grünen Kapazitätszubau in Kanada. Daneben gibt es Bemühungen einiger Provinzen und Territorien, ihren Strom zunehmend emissionsfrei zu generieren.

Unter den nicht grundlastfähigen Energiequellen ist die Windenergie heute die günstigste Option für neue Stromkapazitäten, stellt eine Erhebung des Canadian Energy Research Institutes (CERI) aus 2018 fest. In Alberta und Saskatchewan beispielsweise erzielten die letzten Ausschreibungen Angebotspreise für Windstrom für umgerechnet rund drei US-Dollarcent pro Kilowattstunde.

Nach der CERI Studie rechnen sich Onshore-Windkraftanlagen heute in Kanada schneller als Solaranlagen oder Kernkraftwerke. Sie haben zudem auch geringere Stromgestehungskosten als Kohle- oder Wasserkraftwerke und sind etwa gleichauf mit Gaskraftwerken.

Aktuelles Großprojekt in Kanada
Projekt Unternehmen Status Übertragungsleistung
Wataynikaneyap Übertragungsprojekt, Ontario Wataynikaneyap Power, Fortis Ontario, RES Canada Staatliche Förderung noch benötigt, Fertigstellung 2024 1.800km Übertragungsleitung

Quelle: ReNew Canada Top 100 Projects

Kontaktadressen

Bezeichnung Internetadresse Anmerkungen
Canadian Electricity Association http://www.electricity.ca Interessenverband kanadischer Energieversorger
Energy Storage Canada (ESC) http://www.energy-storage-ontario.squarespace.com/about-us Industrieverband für Energiespeicherung in Kanada
Factsheets der Exportinitiative Energie http://www.german-energy-solutions.de/SiteGlobals/GES/Forms/Listen/Publikation/Publikation_Formular.html?cl2Categories_Typ_name=kurzinformationen Allgemeine Energieinformationen zum Land (teilweise mit Technologie- oder Anwendungsfokus)
Energy Storage Canada Conference http://www.energy-storage-ontario.squarespace.com/events1/2019/energy-storage-in-canada-conference-2019?p Konferenz zur Energiespeicherung, 01.10.-02.10.2019, Toronto

Mehr zu Kanada finden Sie unter: http://www.gtai.de/kanada

Dieser Artikel ist relevant für:

Kanada Strom-/ Energieerzeugung, Solar, Stromübertragung und -verteilung, Strom-/ Energieerzeugung, Wind

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‎+49 228 24 993 244

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