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05.12.2017

Kasachstans Wirtschaft soll digitaler werden

Bergbau ist Vorreiter bei Digitalisierung / Programm "Digital Kazakhstan" vor dem Abschluss / Von Verena Saurenbach

Almaty (GTAI) - Industrie 4.0 wird in Kasachstan immer mehr zum Thema. Während der Bergbausektor bereits intensiv auf Digitalisierung setzt, soll die vierte industrielle Revolution in anderen Industriebranchen mithilfe digitaler Modellfabriken eingeläutet werden. Das zuständige Kasachische Institut für Industrieentwicklung arbeitet hierbei auch mit Fraunhofer-Instituten zusammen. Bis zur vollständigen Implementierung von Industrie 4.0 ist es aber noch ein weiter Weg. (Kontaktadressen)

In Kasachstan ist Digitalisierung Chefsache. In seiner Ansprache zur Lage der Nation im Januar 2017 hat Präsident Nursultan Nasarbajew die technologische Modernisierung zur Top-Priorität der Zukunft erkoren. Der Regierung gab er gleich die Aufgabe mit auf den Weg, ein spezielles Digitalisierungsprogramm auszuarbeiten. Bis zum Jahr 2050 soll das Land nach eigenen Vorstellungen zu den 30 am meisten entwickelten Staaten weltweit gehören. Und um die kasachische Wirtschaft auf der Weltbühne wettbewerbsfähig zu machen, sind digitale Lösungen gefragt.

Kompetenzzentrum für Industrie 4.0 analysiert die Voraussetzungen

Das Kompetenzzentrum Industrie 4.0 des Kasachischen Instituts für Industrieentwicklung (kurz: KIRI) soll den Weg für die Digitalisierung der Wirtschaft ebnen. In einem ersten Schritt hat das Zentrum die Voraussetzungen der Industriesektoren für die Digitalisierung untersucht. Auf dieser Grundlage sollen bis Jahresende dann sieben Unternehmen verschiedener Branchen ausgewählt werden, die 2018 gezielt betreut werden und als digitale Modellfabriken dienen sollen.

Die Branchen in Kasachstan sind nach den Forschungsergebnissen von KIRI für die sogenannte vierte industrielle Revolution ganz unterschiedlich ausgestattet. Die besten Voraussetzungen hat KIRI zufolge der Bergbau. Rund 40 Prozent der Förderstätten seien bereits mit moderner Technik ausgestattet, was die Integration von Elementen der Industrie 4.0 erleichtern würde.

Bergbau ist Vorreiter in der Industrie

In seinen Lagerstätten Bosschakol und Aktogai setzt das Unternehmen KAZ Minerals beispielsweise Messinstrumente der Schweizer Leica Geosystems ein. Mit speziellen Sensoren werden Verformungen der Grubenwände überwacht. Damit können mögliche Einstürze präziser vorhergesagt werden, die Sicherheit in den Minen wird dadurch erhöht. Zudem werden Produkte von Leica bei der Automatisierung des Transports in der Mine angewendet. Die Datensammlung für Geodäsiearbeiten in der Mine Aktogai übernehmen Drohnen.

Die Eurasian Resources Group (ERG) - eine Bergbau- und Metallurgieholding aus 15 Unternehmen - plant, bis zum Jahr 2025 rund 1 Milliarde US-Dollar in moderne IT-Systeme zu investieren. Bereits heute werden nach eigenen Angaben in den ERG-Unternehmen etwa 90.000 Sensoren und 237 automatisierte Prozessleitsysteme verwendet.

Gründe für die Vorreiterrolle des Bergbaus sieht KIRI unter anderem in der Struktur der Branche. Diese wird von Großunternehmen und Holdings bestimmt, die finanziell besser ausgestattet sind als Betriebe in der verarbeitenden Industrie. Zudem ist die Gefahr von schweren Unfällen im Bergbau höher und die Digitalisierung hilft dabei, diese Risiken zu senken.

Maschinenbau hat noch einen langen Weg zu Industrie 4.0 vor sich

In anderen Industriezweigen, die durch kleine und mittlere Unternehmen geprägt sind, sieht die Lage schon etwas anders aus. Dies ist zum Beispiel im kasachischen Maschinenbau der Fall. KIRI setzt bei seinen Vorhaben in dieser Branche auf Expertise aus Deutschland und arbeitet mit dem Magdeburger Fraunhofer-Institut für Fabrikbetrieb und -automatisierung (IFF) und dem Karlsruher Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) zusammen.

Bei der Auswahl von Vorzeigeunternehmen stützte sich KIRI unter anderem auf den vom IFF Magdeburg entwickelten "Industrie 4.0-CheckUp". Mit Vor-Ort-Begehungen und persönlichen Interviews wurde der Reifegrad der Unternehmen in Bezug auf die Einführung von Industrie 4.0 gemeinsam bewertet. Im Jahr 2018 sollen die deutschen Erfahrungen zudem bei der Einrichtung der Modellfabriken genutzt werden.

Burghard Scheel, Kuratoriumsvorsitzender des IFF Magdeburg, sagt Kasachstan einen langen Weg bei der vierten Industrierevolution voraus: "Viele Unternehmen befinden sich gerade noch irgendwo zwischen zweiter und dritter industrieller Revolution". Hemmschuh für die technologische Modernisierung in Kasachstan ist laut Scheel unter anderem die schwache systematisch angewandte Forschung. Zudem wäre die Privatisierung ein Schlüssel, denn Innovation profitiere von einer aktiven Privatunternehmerschaft, die stärker wettbewerbsorientiert arbeitet als der Staatssektor.

Schaffung einer digitalen Seidenstraße

Eines der Probleme bei der Digitalisierung der Wirtschaft ist nach Meinung von KIRI auch die unzureichende IT-Infrastruktur, vor allem in ländlichen Gegenden. Einige Minen und Lagerstätten sind Hunderte Kilometer von größeren Städten entfernt. Für eine effiziente Digitalisierung ist der Zugang zu schnellem Internet aber unerlässlich.

Auch hier möchte die Regierung ansetzen: Eine sogenannte digitale Seidenstraße soll Schwerpunkt des neuen Branchenprogramms werden. Dabei ist das Ziel, vor allem den ländlichen Raums besser an das schnelle Netz anzuschließen. Nach Aussagen des Ministers für Information und Kommunikation, Dauren Abayev, sollen über 1.700 ländliche Siedlungen mit zwei Millionen Bürgern einen Breitbandzugang erhalten. Bis jetzt haben laut Abayev 122 Städte und 1.200 ländliche Siedlungen Zugang zu schnellem Internet.

Internetverbreitung in Kasachstan
2015 2016
Haushalte mit Internetzugang (in %) 82,2 84,4
Internetnutzer (in %) 72,9 *) 76,8

*) Angabe für die Altersgruppe zwischen 6 und 74 Jahren

Quelle: International Telecommunication Union (ITU)

Der Anteil der Internetnutzer soll nach Regierungszielen bis 2021 auf 81 Prozent steigen. Laut IKT-Entwicklungsindex der ITU nutzten im Jahr 2016 rund 77 Prozent der Kasachen das Internet.

Branchenprogramm soll bis Jahresende stehen

Die Regierung beschäftigte sich 2017 intensiv mit dem Branchenprogramm "Zifrowoi Kasachstan" (Digital Kazakhstan). Der Umsetzungszeitraum wurde auf die Jahre 2017 bis 2021 festgelegt. Im September stellte die Regierung das ausgearbeitete Programm vor, der Präsident gab es allerdings zur Nacharbeit wieder zurück. Seiner Meinung nach seien die Ziele des Programms nicht genau erkennbar gewesen. Das Programm soll nun bis Ende des Jahres finalisiert werden.

Kontaktadressen

Kasachisches Institut für Industrieentwicklung

ul. Dostyk 18, Businesszentrum "Moskwa", 19. Stock, 010017 Astana

Zuständig für Industrie 4.0: Viktor Chernokov, stellvertretender Vorsitzender des Instituts

T +7 7172 799926-1040 (Kompetenzzentrum Industrie 4.0)

info@kidi.gov.kz

http://www.kidi.gov.kz

Fraunhofer-Institut für Fabrikbetrieb und -automatisierung (IFF)

Sandtorstraße 22, 39106 Magdeburg

T +49 391 4090-0; Fax: +49 391 4090-596

ideen@iff.fraunhofer.de

http://www.iff.fraunhofer.de

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Dieser Artikel ist relevant für:

Kasachstan Robotik und Automation, Digitalisierung

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Kathleen Beger

‎+49 228 24 993 283

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