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15.04.2019

Katar investiert in seine Petrochemie

Der staatliche Öl- und Gaskonzern Quatar Petroleum plant Milliarden-Projekt / Von Robert Espey

Dubai/Doha (GTAI) - Katar investierte in den letzten Jahren relativ wenig in seine eigentlich starke Petrochemie. Nun will das Emirat seine steigende Gasförderung nutzen, um den Sektor auszubauen.

In Katar dürfte 2018 der Anteil der chemischen Industrie an der Wertschöpfung der verarbeitenden Industrie bei real fast 50 Prozent gelegen haben. Mengenmäßig hat die Produktion vermutlich kaum zugelegt, aber die Preise für Chemieprodukte sind gestiegen.

Der Industriestatistik zählte 2017 insgesamt 41 Chemiebetriebe mit 8.925 Beschäftigten. Die Produktion umfasst vor allem anorganische Basischemikalien, gefolgt von Düngemitteln, Pestiziden, Kunststoffen in Primärformen und organischen Basischemikalien.

Mehrere Jahre gab es keine großen Projektstarts im Chemiesektor. Der nationale Öl- und Gaskonzern Qatar Petroleum (QP, https://qp.com.qa) plant nun einen 5 Milliarden US-Dollar (US$) Petrochemie-Komplex am nördlichen Industriestandort Ras Laffan. Das Projekt wird das durch die steigende Gasproduktion gewonnene Ethan als Feedstock nutzen.

Der Petrochemie-Komplex sieht unter anderem einen Ethan-Cracker mit einer Jahresleistung von 1,6 Millionen Tonnen, eine Derivaten-Anlage und ein Ethylenglykol-Werk vor. Das Projekt befindet sich in einer frühen Planungsphase. Mit den technischen Designarbeiten soll in Kürze begonnen und der Betrieb 2025 aufgenommen werden.

Petrochemie mit langer Tradition

Eines der führenden Petrochemieunternehmen des Landes ist die 1974 gegründete Qatar Petrochemical Company (QAPCO, http://qapco.com). Das Joint Venture gehört zu 80 Prozent dem heimischen Industriekonzern Industries Qatar und der Rest gehört Total aus Frankreich.

Die QAPCO-Produktion startete 1981 mit einer Anlage zur Herstellung von Ethylen (Cracker) und einem LDPE-Werk (Low Density Polyethylene). Heute verfügt QAPCO über einen Ethylen-Cracker mit einer Jahreskapazität von 800.000 Tonnen, drei LDPE-Werke mit einer Gesamtkapazität von 780.000 Tonnen und eine Sulfur-Anlage (70.000 Tonnen).

QAPCO ist an vier Chemieunternehmen beteiligt: Qatar Vinyl, Ras Laffan Olefins, Qatar Plastic Products Company und Qatofin. Qatofin besitzt im südlichen Industriegebiet Mesaieed ein LLDPE-Werk (Linear Low Density Polyethylene), das von QAPCO betrieben wird (Jahreskapazität: 570.000 Tonnen). An Qatofin sind neben QAPCO auch Total mit 36 Prozent sowie QP mit 1 Prozent beteiligt.

Gut vernetztes Cluster

Den Feedstock (Ethylen) für die LLDPE-Produktion liefert die Ras Laffan Olefins Company (http://www.rloc.com.qa) über eine 133 Kilometer lange Pipeline. Der RLOC-Ethylen-Cracker kann jährlich 1,4 Millionen Tonnen produzieren. RLOC ist ein Joint Venture aus Qatofin (46 Prozent), der Qatar Chemical Company II (Q-Chem II; 53 Prozent) und QP (1 Prozent). Q-Chem II ist Betreiber des RLOC-Cracker und plant derzeit den Bau einer 50 Millionen US$ Ethan-Speicheranlage. Seit Anfang 2018 liegen Angebote interessierter Firmen vor.

Die Qatar Plastic Products Company (http://www.qppc.net) in der Industriestadt Mesaieed ist Katars größtes Downstream-Unternehmen. Es produziert seit dem Jahr 2000 flexible Polyethylen-Verpackungsmaterialien (Folien, Tüten etc.) sowie WPC (Wood Plastik Composite). Anteilseigner sind QAPCO, Qatar Industrial Manufacturing Company und Stefano Ferretti zu gleichen Teilen. Die Jahreskapazität liegt bei unter 20.000 Tonnen.

Qatar Vinyl (http://qapco.com/qvc) erzeugt seit 1997 Natronlauge (Caustic Soda; Jahreskapazität: 370.000 Tonnen), Ethylendichlorid (EDC; 180.000 Tonnen), Vinylchloridmonomer (VCM; 355.000 Tonnen) und Salzsäure-Lösungen (15.000 Tonnen). QVC-Eigner sind die zu QP gehörende Mesaieed Petrochemical Holding Company (55 Prozent), QAPCO (32 Prozent) und QP (13 Prozent).

Die 2013 gegründete Mesaieed Petrochemical Holding Company (http://www.mphc.com.qa) kontrolliert auch die Qatar Chemical Company (Q-Chem I und Q-Chem II). An Q-Chem I (seit 1998) und Q-Chem II (seit 2005) sind auch Chevron Phillips Chemical International Qatar Holdings (49 Prozent) und QP (2 Prozent) beteiligt. Die beiden Q-Chem Unternehmen produzieren Ethylen, Polyolefine (Medium/High Density Polyethylene), Normal Alpha Olefin (NAO) und Pyrolysis Gasoline.

Qatar Petroleum ist mit 70 Prozent Haupteigner des Industriemischkonzerns Industries Qatar (http://www.iq.com.qa). Dessen Töchter sind die Qatar Fertiliser Company und Qatar Steel. Industries Qatar hält auch 50 Prozent der Anteile an der 1991 gegründeten Qatar Fuel Additives Company. Die anderen Anteilseigner sind die OPIC Middle East Corporation (20 Prozent) sowie International Octane und LCY Middle East (jeweils 15 Prozent). Es werden Methanol (Jahreskapazität: 500.000 Tonnen) und MTBE (Methyl Tertiary Butyl Ether) produziert.

SEEF Limited (http://www.seef.com.qa), die vollständig zu Qatar Petroleum gehört, betreibt seit 2006 in Mesaieed ein LAB/HAB-Werk (Linear Alkyl Benzene/Heavy Alkyl Benzene) mit einer Jahreskapazität von 100.000 Tonnen. Die benachbarte Raffinerie liefert die notwendigen Vorerzeugnisse (Kerosin, Reformate).

Riesige Düngemittelkapazitäten werden erweitert

An der Qatar Fertiliser Company (QAFCO, http://www.qafco.qa) sind Industries Qatar zu 75 Prozent und Yara Netherland zu 25 Prozent beteiligt. Die 1969 gegründete OAFCO war Katars erstes großes Petrochemieprojekt. Die Kapazitäten wuchsen in sechs Phasen. Die erste Phase ging 1973 in Produktion, die sechste Phase 2012. Die Werke können nun jährlich etwa 3,6 Millionen Tonnen Ammoniak und 7,1 Millionen Tonnen Harnstoff erzeugen. Zur QAFCO gehört auch Qatar Melamine (Jahreskapazität: 60.000 Tonnen).

QAFCO diskutiert seit 2012 eine siebte Ausbaustufe. Vorgesehen sind eine Ammoniak- und eine Urea-Anlage. Die geplante Jahreskapazität des Urea-Werks wird mit 1,5 Millionen Tonnen angegeben. Die Gesamtkosten sollen bei 500 Millionen US$ liegen. Im Januar 2019 wurden interessierte Firmen aufgefordert, sich an einem Präqualifizierungsverfahren zu beteiligen. Es wird erwartet, dass GS Engineering and Construction/Toyo, Tecnimont und die Wuhan Construction Engineering Group Unterlagen einreichen. Die Ausschreibung wird noch 2019 erwartet.

Vorerst keine weiteren Gas to Liquids Projekte

Nach Fertigstellung von zwei GTL-Projekten (Gas to Liquids) ist kein weiteres Vorhaben in aktiver Planung. Das Unternehmen Oryx GTL (http://www.oryxgtl.com.qa) realisierte Katars erstes GTL-Werk für 800 Millionen US$ in Ras Laffan. Oryx GTL ist ein Joint Venture aus QP und der südafrikanischen Sasol, einem international führenden Hersteller synthetischer Kraftstoffe. Nach über fünfjähriger Planungs- und Bauzeit startete 2007 die Produktion. Das Werk wurde von Italiens Technip errichtet. Die Produktionspalette besteht aus Diesel (Kapazität: 24.000 bpd; barrel per day), Naphtha (9.000 bpd), Oxygen (750 Tonnen/Tag) und Nitrogen (9.125 Tonnen/Tag). Das Bremer Unternehmen HGM Energy vertreibt Oryx Dieselkraftstoff in Deutschland.

Pearl GTL ist die größte Gas to Liquids Anlage der Welt

Katars zweites GTL-Projekt, Pearl GTL in Ras Laffan, ist ein Gemeinschaftsvorhaben von QP und Shell (Production Sharing Agreement, 100 Prozent Finanzierung durch Shell). Die Gesellschafter investierten rund 18 Milliarden US$. Die Produktion startete 2011, die volle Leistung wurde Ende 2012 erreicht. Teil des Pearl GTL Projekts war die Erschließung eines Offshore Gasvorkommens (ein Block des North Gas Field), das 1,6 Milliarden cfd (cubic feet per day) nicht-assoziiertes Gas liefert.

Deutsche Firmen (Linde, MAN, LEWA etc.) waren beim Bau der GTL-Anlagen wesentlich beteiligt. Mit zwei Produktionslinien kann Pearl GTL insgesamt 114.000 bpd GTL-Produkte (Diesel, Flugzeugbenzin, Öl für Schmierstoffe etc.) erzeugen. Zusätzlich werden 120.000 bpd NGL (Natural Gas Liquids) und Ethan produziert.

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll und Ausschreibungen in Katar können Sie unter http://www.gtai.de/katar abrufen.

Dieser Artikel ist relevant für:

Katar Produktionsanlagen für Chemie, Petrochemie und Pharmazie, Petrochemie

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