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19.10.2016

Katar setzt weiter auf die Schiene

Das Projektgeschäft hat wegen der niedrigen Energiepreise deutlich nachgelassen / Metro und Straßenbahn genießen Priorität

Doha/Dubai (GTAI) - Die Ausgaben für neue Bauprojekte in Katar sind deutlich zurückgegangen. Das Emirat hält aber weiter an den geplanten Schienen-Großvorhaben fest. Teilweise müssen diese jedoch mit geringerem Budget umgesetzt werden. Priorität wird Plänen für die Fußballweltmeisterschaft 2022 eingeräumt. Vor allem die Metro gilt als ausgesprochen wichtig, um die erwarteten Besucherströme zu transportieren.

Das Geschäft in Katar ist wegen der niedrigen Öl- und Gaspreise deutlich zurückgegangen. Vorhaben werden teilweise zurückgestellt, langsamer oder in abgespeckter Form umgesetzt. Priorität wird Vorhaben eingeräumt, die direkt im Zusammenhang mit der WM 2022 stehen. Die geplanten Schienenprojekte werden bislang in der Regel weiter umgesetzt, gelegentlich wurden aber die Budgets reduziert. Branchenunternehmen erwarten, dass Katar 2017 tendenziell eher mehr sparen wird und das ein oder andere Projekt könnte ins Re-Design gehen, um Kosten zu sparen.

Katar hatte im Vorfeld der Fußballweltmeisterschaft (WM) 2022 Milliardeninvestitionen in Schienenprojekte angekündigt. Gebaut werden sollen 400 km Fernstrecke und 260 km Metro- und Straßenbahnstrecken in der Hauptstadt Doha und der Retortenstadt Lusail. Dem ursprünglichen Plan zufolge sollten die meisten der Projekte passend zur WM fertig gestellt werden. Das Fernstreckennetz soll später Teil eines GCC-weiten Schienennetzes zum Personen- und Güterverkehr werden.

Schienengebundene Lösungen zum Transport von Personen oder Gütern werden in der Golfregion bislang kaum genutzt. Die Metro in Dubai war die erste ihrer Art in der gesamten Region. In Katars Hauptstadt Doha beschränkt sich der ÖPNV auf Busse und Taxis, die mangels Alternativen ebenfalls als im weitesten Sinne zum ÖPNV dazugehörig betrachtet werden können und wie die Busse von der staatlichen Verkehrsgesellschaft mowasalat betrieben werden.

Dohas Straßen sind wegen der schnell wachsenden Bevölkerung zunehmend überlastet. Die Pläne zum Bau der innerstädtischen Schienenverkehrsnetze gelten deshalb als ausgesprochen wichtig, um den wachsenden Verkehr zu meistern und werden auch essentiell sein, um die zur WM 2022 erwarteten Besucherströme zu transportieren.

Für die Planung und Umsetzung der Schienenprojekte, die unter dem Namen Qatar Integrated Rail Programme (QIRP) zusammengefasst werden, war zunächst die Qatar Railways Development Company (QRDC) verantwortlich. QRDC war ein Joint Venture (JV) der staatlichen Eisenbahngesellschaft Qatar Railways Company und DB International, ein Tochterunternehmen der Deutschen Bahn. Für das QIRP ist jetzt Qatar Rail zuständig. Qatar Rail ist Eigentümer und Betreiber des katarischen Schienennetzes. DB International beziehungsweise deren Nachfolgegesellschaft DB Engineering & Consulting ist seit Anfang 2015 als sogenannter "Shadow Operator" beratend für die Langstreckenverbindungen des QIRP-Projekts tätig.

Doha Metro

Die Metro in Doha soll bei Fertigstellung 212 km, vier Linien und 109 Stationen umfassen. Das Gesamtauftragsvolumen wurde bei Bekanntgabe mit 21 Mrd. US$ angesetzt, aufgeteilt in zwei Phasen (Phase 1: 17 Mrd. $), die bis 2026 fertig gestellt werden sollten.

Nach derzeitigem Stand wird es zu Beginn drei Linien mit 80 km Strecke und 35 Stationen geben (überwiegend Rote Linie, außerdem Grüne und Goldene Linie). Die Metro soll wichtige Stadtteile miteinander verbinden, unter anderem Education City, die West Bay, den Flughafen und an die Nachbarstadt Lusail angebunden sein. Die erste Phase soll vor der WM 2022 fertig gestellt werden.

Der Bau der ersten Phase kommt gut voran. Die Tunnelarbeiten sind fertig gestellt. Die Tunnelbohrmaschinen lieferte das baden-württembergische Unternehmen Herrenknecht. Derzeit beginnen die Arbeiten am Bau der Stationen, die bis Ende 2017 fertig gestellt werden sollen, bevor 2018 der Innenausbau starten soll. Parallel beginnt ab 2016 die Installation der Systemtechnik, das heißt MEP (Mechanical Electrical Plumbing), Gleisbau, Signaltechnik, Klimatisierung etc. Der Testbetrieb soll ab Mitte bis Ende 2018 stattfinden. Geplante Inbetriebnahme der Metro ist bereits 2019, also deutlich vor der Fußballweltmeisterschaft 2022.

Signifikante Änderungen gab es beim Kostenrahmen: Die Architekten sollen die Kosten des Innenausbaus der Metrostationen um 40% senken. Dies dürfte sich vor allem auf die Wahl der Materialien und Lieferländer auswirken. Das Geschäftsumfeld ist für die meisten Unternehmen schwieriger geworden. Erfolgsmeldungen gibt es aber weiter. Thyssen-Krupp hat beispielsweise im August den Lieferauftrag für mehr als 500 Rolltreppen und Aufzüge für die Metrostationen gewonnen.

Lusail Light Rail Transit

Der Bau des Straßenbahnnetzes in Lusail (39 km, vier Linien, 25 überirdische Stationen und sieben unterirdische; 6 Mrd. $) wird in zwei Phasen umgesetzt. Die Gelbe Linie soll als erstes parallel zur Metro in Doha Ende 2018 in Betrieb gehen, die restlichen drei Linien sollen 2020 fertig gestellt werden. Die erste Phase des Straßenbahnnetzes ist fast fertig gestellt, die zweite Phase läuft.

Ein JV von QDVC und Alstom hat den Auftrag über 2,7Mrd. $ für die zweite Phase des Projekts erhalten, davon sind 1,0 Mrd. $ für 35 Straßenbahnen vorgesehen, die Alstom liefert. Den Projektmanagementauftrag im Wert von 42 Mio. $ hat im Mai 2016 ein JV von Hill International, ASTAD Engineering Consultancy and Italferr erhalten.

Die Straßenbahn in Lusail gilt wie die Doha Metro als ausgesprochen wichtig für die WM. In Lusail sollen viele der WM-Besucher untergebracht werden. Zudem entsteht hier das größte der acht WM-Stadien, in dem auch das WM Finale stattfinden soll. Die Straßenbahn dürfte deshalb Priorität genießen und bis zur WM umgesetzt werden. Ein Re-Engineering mit dem Ziel Kosten zu sparen scheint jedoch nicht unwahrscheinlich.

Lusail ist eine komplett auf dem Reißbrett geplante Stadt unmittelbar vor den Toren Dohas, in der einmal 200.000 Menschen leben sollen. Lusail befindet sich im Bau und die Firma Dorsch, die für die Infrastrukturarbeiten zuständig ist, rechnet damit, den Großteil ihrer Arbeiten 2017 bis 2018 abgeschlossen zu haben.

Education City: Automated People Mover

Der Bau einer Straßenbahnstrecke in der Education City (12 km; 450 Mio. $), die im Kreis auf dem Universitätsgelände Dohas verläuft, ist fast fertig gestellt. Die Bahn soll Ende 2016 oder Anfang 2017 den Betrieb aufnehmen. Es ist Katars erstes vollautomatisches Straßenbahnsystem. Ein Konsortium von Siemens und dem Bauunternehmen Habtoor Leighton Group ist für Design und Bau verantwortlich.

Msheireb Tram

Im neuentwickelten Stadtgebiet Msheireb in Doha sollen drei Straßenbahnen auf Ringstrecken fahren. Die Umsetzung des Projekts hat sich verzögert. Insiderberichten zufolge sollen Straßenbahnen mit Standardmaßen wegen der zum Teil sehr engen Kurvenführung nicht in Frage gekommen sein, weshalb nach alternativen Möglichkeiten gesucht werden musste. Dem Vernehmen nach soll nun in den USA ein Straßenbahnmodell ausgewählt worden sein, das auch in Vergnügungsparks eingesetzt wird.

Ausschreibung für Instandhaltung und Betrieb der Stadtbahnen läuft

Zurzeit läuft das Angebot für Instandhaltung und Betrieb der Lusail Light Rail und der ersten Metro-Phase über einen Zeitraum von 20 Jahren. Im Paket ist außerdem die Straßenbahn der Education City enthalten. DB International hat sich im JV mit Arriva PLC um den Vertrag für das Gesamtpaket beworben. Das Auswahlverfahren läuft.

Highspeed National Rail Network

Der Bau der nationalen Highspeedstrecke (400 km Gütervekehr, mit einer parallelen Passagierstrecke; 10 Mrd. $) ist in vier Phasen aufgeteilt. Das Design der ersten Phase (156 km von der saudischen Grenze zum Hafen der Industriestadt Mesaieed) wurde an ein amerikanisch-französisches JV, Parsons Corporation und Systra, vergeben. Beratender Betreiber ist DB International.

Mitte 2015 war die erste Phase zur Präqualifizierung ausgeschrieben worden und 25 JV von Bauunternehmen haben sich beworben. Anfang 2016 hat Qatar Rail diese Anbieter zu Gesprächen eingeladen und 18 ausgewählt, die zur Angebotsabgabe eingeladen werden. Qatar Rail arbeitet noch am Zeitplan der Ausschreibung. Die Ausschreibungsunterlagen sollen seit März 2016 zu 80% fertig gestellt sein. DB International hat ein Angebot für die Erstellung der endgültigen Ausschreibungsunterlagen abgegeben. Die Ausschreibung wird für Oktober 2017 erwartet und ab Anfang 2018 soll die Bauausführung beginnen.

Doha Verkehrs-Masterplan 2030

Katar will außerdem den Auftrag für eine langfristige Planung des Verkehrssystems in Doha vergeben. Bei dem Masterplan 2030 sollen Pkw, Metro und Straßenbahn berücksichtigt werden. Die Angebote wurden bereits eingeholt, die Bieter jedoch gebeten, ihre Angebote bis Anfang 2017 zu verlängern, bis der neue Haushalt bekanntgegeben wurde. Von deutscher Seite hat sich DB International um die Planung beworben.

(KP)

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