Suche

25.06.2019

Katars Schienenprojekte mit großen Fortschritten

Metro- und Tram-Netz soll täglich mehr als 700.000 Fahrgäste befördern / Von Robert Espey

Dubai/Doha (GTAI) - In Katars Hauptstadt Doha werden 2020 die erste Phase der Metro und das Lusail Straßenbahnnetz fertiggestellt sein. Die Zukunft der weiteren Schienenprojekte ist aber ungewiss.

Als Teil der langfristigen Entwicklungsplanung, der "Qatar National Vision 2030", entsteht in Doha ein modernes öffentliches Nahverkehrssystem, das aus einem Metro-, Straßenbahn- und Busnetz besteht. Das Ziel, zur Fußballweltmeisterschaft 2022 schon einen Großteil des Nahverkehrssystems fertiggestellt zu haben, wird erreicht. Ein erstes Teilstück der Metro ist bereits in Betrieb.

Im Mai (2019) wurden auf der 40 Kilometer langen, in Nord-Süd-Richtung verlaufenden "Red Line" 13 von insgesamt 18 Stationen eröffnet. Die Züge verkehren im 6-Minuten-Takt zwischen der südlichen Endstation (Al Wakra) und Al Qassar (nördlich des Stadtzentrums). Neben der "Red Line" sind zwei in West-Ost-Richtung verlaufende Metro-Strecken im Bau, die "Green Line" (22 Kilometer; 11 Stationen) und die "Gold Line" (14 Kilometer; 11 Stationen). Bis Ende 2020 sollen die Bauarbeiten abgeschlossen werden, was derzeit realistisch erscheint.

Planung, Beratung, Tunnelbohrtechnik und Design aus Deutschland

Das Deutsche Bahn Unternehmen DB Engineering & Consulting (DB E&C; ehemals DB International) hat für das Metro-Projekt umfangreiche Dienstleistungen erbracht, unter anderem Systemberatung, Betriebs- und Netzkonzeption sowie ingenieurtechnische Planungen. Zudem leistete DB E&C Unterstützung beim Aufbau der katarischen Eisenbahnorganisation (Qatar Rail) und wurde als "Shadow Operator" mit der Systemprüfung für das geplante Schienenfernverkehrsnetz beauftragt. Qatar Rail ist sowohl für schienengebundenen Nahverkehr als auch für die geplanten, aber derzeit auf Eis liegenden Regional- und Fernverkehrsprojekte zuständig.

Für die drei Metro-Linien mussten 111 Tunnelkilometer gebohrt werden. Die unterirdischen Arbeiten wurden von vier internationalen Konsortien durchgeführt. Bei der "Green Line" ging der 1,9 Milliarden Euro Auftrag für den Tunnelbau sowie den Bau von sechs Metro-Stationen an ein Konsortium bestehend aus der PORR Bau GmbH, Saudi Binladin und der lokalen Hamad Bin Khalid Contracting Company. Auf PORR entfielen rund 50 Prozent des Auftragsvolumens. Die SSF Ingenieure AG hat für das "Green Line" Projekt Planungsleistungen erbracht.

Beim Metro-Tunnelbau wurden 21 Herrenknecht-Spezialbohrmaschinen mit einem Schilddurchmesser von 7,1 Metern eingesetzt. Alle unterirdischen Strecken sind als Doppelröhren ausgeführt. Für die "Red Line" wurden über 55 Tunnelkilometer gebohrt, für die "Green Line" rund 33 Kilometer und für die "Gold Line" etwa 23 Kilometer. Die oberirischen Strecken (insgesamt 21 Kilometer) verlaufen ebenerdig oder auf Brücken (Elevated).

Das griechische Unternehmen Consolidated Contractors hat für 1,2 Milliarden US-Dollar die zentrale Metro-Transferstation "Msheireb" (Knotenpunkt der drei Metrolinien) sowie die Station "Education City" (Green Line) gebaut. Ab "Education City" sollen die langfristig geplanten Hochgeschwindigkeitsfernzüge fahren.

Der Auftrag über 4,1 Milliarden US$ für den Gleisbau, die Systemtechnik und das rollende Material der automatischen, fahrerlosen Metro ging 2015 an ein japanisch-französisches Konsortium aus Mitsubishi, Hitachi, Kinki Sharyo und Thales. Diese Unternehmen waren auch beim Bau der 2009 eröffneten fahrerlosen Metro in Dubai federführend.

Für das Doha Metro-System wurden zunächst 75 Kinki Sharyo Züge bestellt. Es folgte im Herbst 2018 eine Aufstockung auf 110 Züge. Das Design der Metro-Züge hat die in Baden-Württemberg ansässige Tricon Design AG entwickelt.

Die ersten 75 Züge sind bereits in Doha, die zusätzlichen 35 sollen 2021 folgen und insbesondere das erhöhte Fahrgastaufkommen während der Fußballweltmeisterschaft abdecken. Jeder Metro-Zug besteht aus drei Wagen, der Gold Class, der Family Class (für Frauen und Kinder) und der Standard Class. Mit den 75 Zügen sollen täglich etwa 650.000 Fahrgäste befördert werden. Das Einzelticket kostet in der Familien- und Standardklasse unabhängig von der Strecke 2 Katar-Riyal (QR; 1 QR = 0,25 Euro), bei Mehrfachfahrten werden pro Tag maximal 6 QR verlangt.

Metro-System soll weiter wachsen

Mit ersten Arbeiten zur Verlängerung der "Red Line" in nördlicher und südlicher Richtung ist Anfang 2019 begonnen worden. Das 800-Millionen-US$-Erweiterungsprojekt sieht im Süden eine Verbindung zum Hafen- und Industriegebiet Mesaieed und im Norden nach Al Khor, wo Katars zweitgrößtes WM-Stadion (Al Bayt; 60.000 Plätze) im Bau ist, vor. Ob die Verlängerungen zur WM 2022 schon in Betrieb gehen können, ist ungewiss. Angebote für zwei Teilaufträge (Civil and Track Works) im Gesamtwert von 480 Millionen US$ liegen seit Januar/Februar 2019 vor. Für den 70 Millionen US$ Teilauftrag für elektrische Anlagen und Signalisierungstechnik haben sich Alstom und Indiens Larsen & Toubro präqualifiziert.

Das im Bau befindliche beziehungsweise teilweise schon fertiggestellte Metro-System wird als erste Phase der Metro-Entwicklungsplanung bezeichnet. Mit der zweiten Phase dürfte erst nach der Fußballweltmeisterschaft begonnen werden. Eine detaillierte Zeitplanung gibt es nicht, als anvisierter Fertigstellungstermin wird 2026 genannt.

Die zweite Phase soll aus einer weiteren Line (Blue Line) und Erweiterungen der "Green Line" und der "Gold Line" bestehen. Die 17,5 Kilometer lange "Blue Line" wird vollständig unterirdisch verlaufen und als halbe Ringlinie zwischen Doha Tower und Airport City North verkehren. Nach Abschluss der weiten Phase soll das Metro-System über eine Gesamtlänge von etwa 300 Kilometern und 98 Stationen verfügen (Phase 1, ohne die begonnene Verlängerung der "Red Line": 76 Kilometer und 37 Stationen).

LRT-Systeme in Msheireb, Eduction City, Lusail und West Bay

Neben der Metro und einem Busnetz gehören LRT-Systeme (Light Rail Transit; Straßenbahnen etc.) zu Katars Nahverkehrsplanung. Dohas erste Tram ging 2018 in Msheireb, einem Stadterneuerungsgebiet in Dohas altem Zentrum, in Betrieb. Es ist eine zwei Kilometer lange Ring-Straßenbahn mit neun Stopps, es verkehren drei Züge. Der Auftrag für Design, Bau und Betrieb der einspurigen Tram-Strecke wurde an das US-Unternehmen TIG/m vergeben, als Unterauftragnehmer ist SNC-Lavalin engagiert. Die Straßenbahn ist batteriebetrieben (mit gasbetriebenem Hilfsgenerator).

Mit großer Verzögerung dürfte in Katars Education City noch 2019 ein Tram-System fertiggestellt werden. Siemens Infrastructure & Cities hat 2012 einen 130 Millionen US$ Auftrag zum Bau eines schlüsselfertigen Tramsystems gewonnen. Das Projekt wird gemeinsam mit der Habtoor Leighton Group realisiert. Auftraggeber ist die Qatar Foundation. Auf der 11,5 km langen Strecke mit 25 Stationen werden 19 Avenio-Züge fahren.

In Lusail, der im Bau befindlichen Retortenstadt 13 Kilometer nördlich von Dohas modernem Geschäftsviertel (West Bay), ist ein 18 Kilometer Straßenbahnnetz mit vier Linien und 25 Haltestellen im Bau. Mit der Fertigstellung wird 2020 gerechnet, das tägliche Fahrgastaufkommen soll bei 60.000 Passagieren liegen. Die Lusail-Tram bietet an zwei Stationen (Lusail und Legtaifiya) einen Übergang zur Metro. In Lusail ist Katars größtes WM-Stadion (80.000 Sitze) im Bau. Letztlich sollen in Lusail 200.000 Menschen wohnen, 165.000 arbeiten und bis zu 90.000 Besucher Platz finden. Während der WM wird Lusail das Hauptzentrum der Fan-Aktivitäten sein.

Die oberleitungsfreie, fahrerlose Lusail-Tram wird gemeinsam von QDVC und Alstom gebaut. QDVC ist ein Joint Venture aus der staatlichen Qatari Diar Real Estate Investment Company (51 Prozent) und Frankreichs VINCI Construction (49 Prozent). Alstom ist unter anderem zuständig für die Gleisarbeiten, die elektrischen Systeme und die Signaltechnik, zudem liefert Alstom 35 Citadis Züge. Alstom hat eine ähnliche Tram in Dubai (Dubai Marina) gebaut.

Qatar Rail hat mit RKH Qitarat einen 20-Jahres-Vertrag für Betrieb und Wartung der Lusail Tram sowie des Metro-Systems geschlossen. RKH Qitarat ist ein Konsortium aus den französischen Firmen RATP Dev und Keolis sowie der lokalen Hamad Group. Die Hamad Group gehört Sheikh Hamad Bin Suhaim Al Thani, einem Mitglied der Herrscherfamilie.

Das viele Jahre nicht mehr aktive "Automated People Mover"-Projekt im Wert von 450 Millionen US$ im West Bay Bezirk ist seit 2017 wieder im Gespräch. Zuständig ist das Transport & Communications Ministry. Bereits 2012 war ein erster Auftrag für das Projekt an Habtoor Leighton vergeben worden, der Vertrag wurde aber offensichtlich wieder storniert. Jetzt soll eine neue Durchführbarkeitsstudie erstellt werden. Für die Studie sind zwei Firmen im Rennen, das Unternehmen WSP (Kanada) und Aurecon (Süd-Afrika). Dem Vernehmen nach ist noch nicht entschieden, ob es ein schienen- oder straßengebundenes System werden soll.

Pläne für Schienenfernverkehrsnetz auf Eis

Die Planungen für ein Schienenfernverkehrsnetz liegen derzeit auf Eis. Bereits seit 2016 zeigt das Projekt keine Fortschritte mehr. Die Reaktivierung des 5,5-Milliarden-US$-Projekts setzt unter anderem ein (derzeit nicht absehbares) Ende des Mitte 2017 von Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Bahrain und Ägypten gegen Katar verhängten Boykotts voraus.

Als erste Phase des Fernverkehrsnetzes ist eine 156 Kilometer Fracht- und Passagierverkehrsstrecke von Doha zur saudi-arabischen Grenze bei Abu Samra (mit Abzweig zum Hafen- und Industriegebiert Mesaieed für Frachtverkehr) geplant, wo der Anschluss an das seit langem diskutierte GCC-Schienennetz (Gulf Cooperation Council) erfolgen soll. Als weitere Strecken sind eine Verbindung nach Bahrain über eine 40 Kilometer lange Brücke (Qatar Bahrain Causeway) sowie interne Verbindungen nach Dukhan, Al Khor, Ras Laffan und Al Shamal vorgesehen.

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll und Ausschreibungen in Katar können Sie unter http://www.gtai.de/katar abrufen.

Dieser Artikel ist relevant für:

Katar Eisenbahnbau, Schienenfahrzeuge, Schienenverkehr

Funktionen

Kontakt

Thomas Hundt

‎+49 228 24 993 439

Suche / Mann mit Lupe | © GettyImages/BernardaSv

Suche

Recherchieren Sie aktuelle Marktanalysen, Wirtschaftsdaten, Zoll- und Rechtsinformationen, Projekte und Ausschreibungen aus über 120 Ländern.

Zur Suche