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13.09.2018

Kenias Privatsektor engagiert sich im Gesundheitswesen

Leasinggeschäfte sollen vorübergehend Staatskasse entlasten / Von Martin Böll

Nairobi (GTAI) - Der kenianische Staatspräsident hat die Gesundung des Sektors zunächst zur Chefsache erklärt. Zunehmend springt der Privatsektor ein.

Fragiler Staat mit schwacher Rechtsprechung

Kenia ist eine Präsidialrepublik. Der amtierende Präsident Uhuru Kenyatta wurde 2017 in einer umstrittenen Wahl für eine zweite und letzte Amtszeit gewählt und dürfte diese auch zu Ende führen. Für die 2022 anstehende Wahl bringen sich die ersten Politiker des Landes bereits in Position.

Im letzten "Fragile States Index" der privaten US-amerikanischen Denkfabrik Fund for Peace rangiert Kenia auf Platz 17 (von 178 Ländern) und gehört damit zu den Ländern, die Gefahr laufen, sich in einen gescheiterten Staat zu entwickeln (Platz 1: Südsudan; Platz 178: Finnland). Im Demokratieindex der Economist Intelligence Unit (EIU) wird Kenia als Hybridsystem mit unfairen Wahlen, weit verbreiteter Korruption sowie schwacher und nicht unabhängiger Rechtsprechung geführt.

China bevorzugter Handelspartner

Der kenianische Außenhandel ist vergleichsweise frei. Kenia orientiert sich wirtschaftspolitisch immer mehr Richtung China und bevorzugt Chinesen bei Aufenthalts- und Arbeitserlaubnissen. Im Bereich Medizintechnik und anderen gesundheitsrelevanten Bereichen sind bislang keine nennenswerten Handelshemmnisse bekannt. Die im März 2018 propagierte afrikanische Freihandelszone, der 44 Staatsvertreter zugestimmt haben, dürfte in absehbarer Zeit keine nennenswerten Auswirkungen auf den interafrikanischen Handel haben.

Wohlstandskrankheiten wie Krebs und Diabetes auf dem Vormarsch

Die Krankheitsbilder in Kenia entsprechen dem üblichen Verlauf eines aufstrebenden Entwicklungslandes in Afrika mit zunehmender Lebenserwartung der Bevölkerung. Ansteckende Krankheiten wie HIV/Aids, Malaria und Tuberkulose dominieren zwar weiterhin das aktuelle Krankheitsbild, nehmen tendenziell aber ab, während nicht ansteckende "Wohlstandskrankheiten" wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Krebs zunehmen.

Demografische Eckdaten Kenia
2016 2017 * 2018 *
Bevölkerung gesamt (in Mio.) 48,5 49,7 51,0
Bevölkerungswachstum (in %) 2,8 2,5 2,6
Lebenserwartung bei Geburt .Frauen(in Jahren) k.A. 65,8 k.A.
. Lebenserwartung bei Geburt Männer (in Jahren) k.A. 62,8 k.A.
Anteil der über 65-Jährigen(in %) k.A. 3,0 k.A.
Anteil der unter 15-Jährigen (in %) k.A. 40,0 k.A.

*Schätzung beziehungsweise Prognose

Quellen: Business Monitor International (BMI Research); EIU; IndexMundi

Gesundheitsausgaben Kenia
2017* 2018* 2019*
Gesamt (in Mrd. US$) 4,0 4,3 4,6
.pro Kopf (in US$) 81,1 85,1 87,6
Anteil (staatlich; in %) 61,7 62,0 62,3

*Schätzung beziehungsweise Prognose

Quelle: BMI Research

Krankenhäuser und Ärzte in Kenia
2014 2015 2016
Anzahl Krankenhäuser 548 568 587
.privat 238 247 255
.staatlich 310 321 332
Anzahl Betten 38.681 39.669 40.729
Anzahl Ärzte 9.149 9.657 10.195
.pro 100.000 Einwohner 20 20 20

Quelle: BMI Research; IndexMundi

Gesundheitssektor ist Chefsache

Der kenianische Staatspräsident Uhuru Kenyatta hat den Gesundheitssektor zur Chefsache und zu einer von "vier Säulen" seiner zweiten Amtszeit erklärt. Es geht ihm vor allem darum, möglichst viele Kenianer in der staatlichen Gesundheitsversicherung zu erfassen. Chancen, dass er das Gesundheitssystem nachhaltig verbessern kann, sind allerdings gering. Der Staat hat sich mit großen, überteuerten und volkswirtschaftlich fragwürdigen Infrastrukturvorhaben weit aus dem Fenster gelehnt und kann alte Schulden nur noch mit weiteren Schulden bezahlen. Damit ist der Spielraum für eine finanzielle Unterstützung des Gesundheitssektors sehr gering.

In Kenia sind 47 halbautonome Gebietskörperschaften, sogenannte Counties, weitgehend selbst für ihr Gesundheitsmanagement verantwortlich. In einigen wenigen Landkreisen hat dies zu einer deutlichen Verbesserung von bestimmten medizinischen Dienstleistungen geführt. Doch die meisten Counties sind überfordert. Der Zentralstaat kann aufgrund seiner Finanzierungslücken die Counties nicht so unterstützen, wie vereinbart. Insgesamt befindet sich das öffentliche Gesundheitssystem in ganz Kenia in einem kritischen Zustand: Es gibt immer wieder Streiks und es fehlt ein zielführendes Management sowie Gesundheitspersonal und Medikamente.

Überweisungen an den Privatsektor ein lukratives Geschäft

Weil viele Patienten im öffentlichen Sektor nicht behandelt werden können, bewilligt der staatliche Versicherungsträger National Hospital Insurance Fund (NHIF) auch Behandlungen im Privatsektor. Der Patient bekommt einen Gutschein und kann damit zu einer Klinik seiner Wahl gehen. Ist die Behandlung teurer als der Wert des Gutscheins, muss der Patient die Differenz aus eigener Tasche zahlen. Für den Privatsektor ist dies ein lukratives Geschäft, mit dem er bis zu drei Viertel seiner Einnahmen erwirtschaften kann, schätzen Marktkenner.

Der Privatsektor kann in zwei Gruppen unterteilt werden. Rein private Kliniken, die schwarze Zahlen schreiben müssen sowie Gesundheitseinrichtungen, die Glaubensgemeinschaften nahestehen oder sich einer sozialen Verantwortung verpflichtet fühlen. Zu letzterer Gruppe zählen auch die beiden führenden Kliniken Kenias, das Aga Khan University Hospital und das Nairobi Hospital, die zwar beide wirtschaftlich geführt werden und einen Gewinn abwerfen, diesen dann aber wieder reinvestieren. Es sind dann auch diese beiden Einrichtungen, die sich modernste Medizintechnik leisten.

Die Leistungsfähigkeit kenianischer Ärzten gilt im afrikanischen Kontext als hoch. Mal abgesehen von einigen wenigen Bereichen wie der Neurochirurgie können in Kenia alle denkbaren medizinischen Leistungen erbracht werden - durchaus auch im staatlichen Sektor. Letzterer hat ein massives Kapazitätsproblem beziehungsweise lange Wartezeiten, während der Privatsektor hohe Preise verlangt.

Leasinggeschäfte sollen Staatskasse entlasten

Mithilfe von Leasinggeschäften soll der öffentliche Sektor mit Medizintechnik ausgestattet werden: Zwei Krankenhäuser pro County erhalten von der Zentralregierung ein Minimum an Medizintechnik wie Röntgen- und Dialysegeräte, Intensivstationen und Labore. Weil dem Staat dafür das Kapital fehlt, wurde ein Leasingvertrag mit einer Laufzeit von sieben Jahren ausgeschrieben. Wichtigste Bedingung waren umfassende Herstellergarantien. General Electric (GE) bekam einen Exklusivvertrag. Obwohl nun jeder Landkreis über zwei Krankenhäuser mit moderner Technik verfügt, heißt das lange noch nicht, dass die Geräte auch zum Einsatz kommen: Es fehlt an Platz, an begleitender Infrastruktur und ausgebildetem Personal.

Deutsche Unternehmen können vor allem bei privaten Nachfragern punkten, die auf Qualität achten und sich an Absprachen und Zahlungsvereinbarungen halten. Bei der Finanzierung von Technik durch Geber kommen oft Lieferanten der jeweiligen Geberländer zum Zuge; bei deutschen Geldern gibt es diese Lieferbindung nicht.

Einfuhr ausgewählter medizintechnischer Produkte Kenia (in Mio. US$)
SITC Produktgruppe 2010 2013 davon aus Deutschland (2013)
774.1 Elektrodiagnoseapparate und -geräte 5,88 9,80 2,64
774.2 Röntgenapparate etc. 7,38 15,73 4,18
741.83 Sterilisierapparate 0,72 2,47 0,19
785.31 Rollstühle 0,69 0,56 0,01
872.1 Zahnmedizinische Instrumente 1,02 1,13 0,23
872.21 Spritzen, Nadeln, Katheter, Kanülen etc. 9,41 13,62 0,71
872.25 Ophthalmologische Instrumente 0,67 1,23 0,30
872.29 Andere Instrumente, Apparate und Geräte 22,96 33,23 5,19
872.3 Therapiegeräte, Atmungsgeräte etc. 3,28 4,82 0,12
872.4 Medizinmöbel etc. 3,28 4,82 0,12
899.6 Orthopädietechnik, Prothetik etc. 3,37 5,04 0,24
Summe 58,66 92,45 13,93

Anmerkung: Comtrade konnte aufgrund einer unzureichenden Zulieferung aus Kenia für 2011, 2012, 2014, 2015 und 2016 noch keine Daten veröffentlichen

Quelle: Comtrade

Führende Lieferländer für den kenianischen Gesundheitssektor sind (in alphabetischer Reihenfolge): China, Deutschland, das Vereinigte Königreich, Indien, Italien, Österreich, Südafrika und die USA. Belastbare Statistiken liegen nicht vor.

Unzureichende Rahmenbedingungen verhindern lokale Produktion

In Kenia gibt es Unternehmen, die in begrenztem Umfang Arzneimittel herstellen. Grundsätzlich können diese auch kleine Chargen für ausländische Auftraggeber produzieren sowie in begrenztem Umfang medizinische Verbrauchsmittel, wie Wattebäusche, herstellen. Ansonsten lohnt sich die Produktion medizinischer Geräte angesichts der kleinen Marktgröße nicht. Zudem kann man in Kenia mehr Geld mit Importen als mit einer lokalen Produktion verdienen. Es ist deshalb kein Wunder, dass es neben einigen wenigen gut etablierten Händlern auch eine Vielzahl von Importeuren gibt.

Afrika erfahrenes Vertriebsteam von Vorteil

Der Verkauf von Medizintechnik in Kenia erfordert ein gut eingeführtes, afrikaerfahrenes und aktives Vertriebsteam, das im ständigen Austausch mit seinen Kunden ist. Eine Beratung sollte möglichst vor einer geplanten Ausschreibung erfolgen. Am besten schneiden Anbieter von speziellen Hightechgeräten ab, wenn sie ein Alleinstellungsmerkmal in die Tenderspezifikation des Kunden einbauen. Bei öffentlichen Ausschreibungen sind Unregelmäßigkeiten dem Vernehmen nach an der Tagesordnung. Zudem hat der öffentliche Sektor als Schuldner einen schlechten Ruf.

Kenianische Entscheidungsträger erwarten auf einschlägige Messen und Veranstaltungen eingeladen zu werden. Einladungen nach Deutschland sind wegen der Visaproblematik mitunter schwierig. Sehr viel einfacher ist da ein Besuch auf der Messe "Arab Health" in Dubai, die sich mittlerweile zu einem Pflichttermin für Anbieter und Nachfrager etabliert hat.

Das für Normen zuständige Kenya Bureau of Standards erkennt international übliche Regelungen an. Medizinische Geräte und Ersatzteile sind bei der Einfuhr lizenzpflichtig. Mittlerweile fallen alle medizinischen Geräte und Ersatzteile unter das Pre-Export Verification of Conformity to Standards-Programm, was den Import verteuert und die Lieferzeit verlängert.

Ob man in Kenia nun leicht oder schwer Geschäfte machen kann, ist eine Betrachtungsfrage. Im Ease-of-Doing-Business-Ranking der Weltbank rangiert Kenia auf dem 80. Platz (von 190 Ländern), was im afrikanischen Kontext sehr gut ist. Das Geschäftemachen in Kenia ist dem Ranking zufolge einfacher als in Südafrika.

Marktakteure
Bezeichnung Internetadresse Anmerkungen
Germany Trade & Invest http://www.gtai.de/kenia Außenhandelsinformationen für die deutsche Exportwirtschaft
AHK Kenia http://www.kenia.ahk.de Anlaufstelle für deutsche Unternehmen
Exportinitiative Gesundheitswirtschaft http://www.exportinitiative-gesundheitswirtschaft.de Portal der Exportinitiative des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie
Ministry of Health http://www.health.go.ke Gesundheitsministerium
Kenya Bureau of Standards http://www.kebs.org Zulassungsstelle
Kenya Medical Supplies Authority http://www.kemsa.co.ke Staatliche Beschaffungsstelle
Kenya Medical Association http://www.kma.co.ke Verband niedergelassener Ärzte
The East African Medical Journal http://www.ajol.info Fachpublikation
Africa 2018 Medexpo (zusammen mit der Dentexpo) http://www.expogr.com/kenyamed Fachmesse für Medizintechnik, Gesundheit, Pharmazie, Pflege, Augenoptik, Dentalmedizin und -technik
Medic East Africa http://www.mediceastafrica.com Fachmesse für Medizintechnik, Gesundheit, Pharmazie, Pflege

(M.B.)

Weiterführende Informationen unter http://www.gtai.de/gesundheitsmaerkte-afrika und http://www.gtai.de/kenia

Dieser Artikel ist relevant für:

Kenia Gesundheitswesen allgemein, Medizintechnik, allgemein, Arzneimittel, Diagnostika

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Katrin Weiper

‎+49 228 24 993 284

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