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06.03.2019

KMU in Polen stehen bei der Digitalisierung noch am Anfang

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Regierung baut E-Government aus / Von Niklas Becker (Januar 2019)

Warschau (GTAI) - Polen liegt im Digitalisierungsranking der Europäischen Union auf einem der letzten Plätze. Die Regierung will das ändern.

Digitalisierungsstrategie

Die polnische Regierung will eine aktive politische Position bei der digitalen Transformation des Landes einnehmen. Zu diesem Zweck hat sie das Ministerium für Verwaltung und Digitalisierung im Dezember 2015 zu einem reinen Digitalisierungsministerium (DM) umgebaut. Dieses soll die Innovation und den Erwerb neuer Kompetenzen innerhalb der Regierung fördern und als Koordinator des digitalen Transformationsprozesses fungieren. Den Fokus legt das Ministerium dabei auf den Ausbau von E-Government-Dienstleistungen.

Zu den wichtigsten Handlungsfeldern des Ministeriums gehören außerdem die Cybersicherheit und der nationale Breitbandausbau. So obliegt die Betreuung der Strategie zum Ausbau der 5G-Technologie im Land dem Ministerium. Unterstützt wird der Digitalisierungsprozess in Polen durch das europäische Förderprogramm Digital Poland. Die für 2014 bis 2020 bereitgestellten Mittel sollen den Zugang zu High-Speed-Internet, E-Government-Dienstleistungen sowie die digitalen Kompetenzen innerhalb der Bevölkerung fördern.

Strategie für künstliche Intelligenz

Im November 2018 veröffentlichte das DM einen Bericht über den Stand der künstlichen Intelligenz (KI) in Polen (http://www.gov.pl/web/cyfryzacja/sztuczna-inteligencja-polska-2118). In diesem Bericht stellen vier Expertengruppen den Entwicklungsstand in den Bereichen Wirtschaft, Finanzen und Entwicklung, Bildung sowie Ethik und Recht vor. Laut Minister für Digitalisierung soll dieses Dokument der Grundstein für die nationale Debatte und die weitere Entwicklung der KI sein. Am Ende des Berichtes befindet sich auch der Aktionsplan KI für die Jahre 2018 bis 2019. Dieser benennt Sofortmaßnahmen, die zur Entwicklung der KI in Polen ergriffen werden sollten.

Vorgesehen ist beispielsweise, das Ministerium für Wissenschaft und Hochschulbildung bei der Erarbeitung eines Programms zur Förderung von KI in der Wirtschaft zu unterstützen. Auch ein digitaler Innovations-Hub und ein virtuelles KI-Institut sollen eingerichtet werden. Für den Bildungssektor sind verschiedene Maßnahmen und Förderungen angesetzt, um die Bevölkerung über KI zu informieren. Zudem soll eine Rechts- und Ethikabteilung im DM gegründet und ein Katalog mit Ethikkriterien entwickelt werden.

E-Government

Polens Regierung treibt den Ausbau von E-Goverment-Dienstleistungen im Land stark voran. Ziel ist es, dass alle Bürger Dienstleistungen der öffentlichen Verwaltung elektronisch nutzen können. So wird aktuell ein einheitliches Serviceportal für die gesamte Regierungsverwaltung eingerichtet. Auf dem Portal Gov.pl sollen nach und nach alle Ministerien und öffentlichen Stellen integriert werden.

Außerdem werden immer mehr Prozesse der öffentlichen Verwaltung digitalisiert. Neben klassischen Behördendienstleistungen sollen unter anderem auch Konsultationen im Gesetzgebungsverfahren digital stattfinden. Im Jahr 2018 nutzten rund 36 Prozent der Polen öffentliche Verwaltungsdienstleistungen online. Im Jahr zuvor lag der Anteil noch bei 31 Prozent. Vorreiter bei der Digitalisierung von öffentlichen Dienstleistungen ist Warschau. Auch im internationalen Vergleich schneidet Polens Hauptstadt gut ab: Im Ranking der E-Government-Studie 2018 der Vereinten Nation belegt sie den 10. Platz. Berlin als Deutschlands bestplatzierte Stadt landet auf Rang 22.

Die Übersendung der Jahresabschlüsse der Unternehmen erfolgt beispielsweise seit Oktober 2018 nur noch digital. Auch die Beschäftigten übermitteln ihre Steuererklärung digital an das Finanzministerium. Krankmeldungen gehen ebenfalls seit Oktober 2018 vom Arzt digital an den Arbeitnehmer und die Sozialversicherung. Das Mitführen des Pkw-Fahrzeugscheins ist nicht mehr notwendig. Dieser ist für die Polizei und andere Behörden digital einsehbar.

Stärken/Schwächen

Im EU-Ranking des Index für digitale Wirtschaft und Gesellschaft (DESI) 2018 der Europäischen Kommission belegt Polen den fünftletzten Platz. Den größten Nachholbedarf hat das Land bei der Integration der Digitaltechnik. Ein Grund für das schlechte Abschneiden sind die geringen Ausgaben der Unternehmen für Digitalisierung. Nach Angaben des Analysezentrums SpotData sind die Ausgaben in den letzten Jahren zwar stetig gestiegen, waren im europäischen Vergleich jedoch gering. Im Jahr 2017 waren es rund 12 Milliarden Euro. Um den gleichen Anteil am Bruttoinlandsprodukt zu erreichen wie beispielsweise die Unternehmen in Tschechien, wären Investitionen von rund 19 Milliarden Euro nötig. Die Wirtschaft Polens ist von Kleinunternehmen geprägt. Viele dieser Unternehmen sehen laut SpotData digitale Ausgaben als Kosten und nicht als Investition und sind daher zurückhaltend.

Der Rückstand in puncto Digitalisierung bietet nach Ansicht von Experten die Möglichkeit, mehrere Entwicklungsstufen zu überspringen und in bestimmten Bereichen sogar Technologieführer zu werden. Polen sollte SpotData zufolge die neuesten Lösungen implementieren oder entwickeln. Ein Beispiel für diese Entwicklung ist der Fintech- und Mobile Banking-Sektor in Polen. Das Land genießt den Ruf eines guten Testgebiets für neue Finanzdienstleistungen. Neben der Marktgröße und der Offenheit der Bevölkerung gegenüber digitalen Bezahldienstleistungen spielen die gut qualifizierten Fachkräfte eine wichtige Rolle.

Ausblick

Polens Rolle als Fintech-Markt könnte durch die Gründung von sogenannten Regulierungssandkästen ("sand boxes") durch die Polnische Finanzaufsichtsbehörde Ende 2018 gestärkt werden. Junge Unternehmen können so neue Technologien für den Finanzsektor in einem sicheren Umfeld testen. Nach Ansicht von Marcin Petrykowski, Regionaldirektor Mittelosteuropa (MOE) bei S&P Global Ratings, hat Polen Chancen, langfristig führendes Fintech-Zentrum in der MOE-Region zu werden.

Zudem wird der Digitalisierung und der KI in der Produktion eine große Bedeutung zukommen. Der hohe Anteil der Industrie an der polnischen Wertschöpfung sowie der steigende Fachkräftemangel im Land werden zu einem starken Automatisierungsbedarf führen.

Kontaktadressen

Bezeichnung Kontakt Anmerkung
Ministerium für Digitalisierung http://www.gov.pl/web/cyfryzacja
Centralny Osrodek Informatyki http://www.coi.gov.pl Öffentliche Institution, untersteht dem Ministerium für Digitalisierung, zuständig für die Digitalisierung Polens
Naukowa i Akademicka Siec Komputerowa (NASK) http://www.nask.pl Forschungsinstitut mit Ausrichtung Internet und Cybersicherheit, untersteht dem Ministerium für Digitalisierung
Thinktankcyfrowy.pl http://www.thinktankcyfrowy.pl/index.html Initiative privater Firmen zur Unterstützung der Digitalisierung
Krajowa Izba Gospodarki Cyfrowej DigiCom http://ekig.pl Kammer der digitalen Wirtschaft

Weitere Informationen zu Polen können Sie unter http://www.gtai.de/polen abrufen.

Mehr zum Thema Digitalisierung finden Sie unter http://www.gtai.de/wirtschaft-digital

Dieser Artikel ist relevant für:

Polen Robotik und Automation, Verwaltung, Administration, Digitalisierung

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Fabian Möpert

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