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11.11.2015

Kosovo muss bei seinen konventionellen Kraftwerken handeln

Versorgungsprobleme durch alternde Kapazitäten / Laufzeitverlängerung für Kosova A im Gespräch / Von Jan Triebel

Prishtina (gtai) - Kosovo sieht sich aktuell mit der Frage konfrontiert, wie eine möglichst hohe Rate der Eigenversorgung bei Elektrizität langfristig erzielt werden kann. Vorrangig geht es um ausreichende betriebsfähige Kapazitäten zur Stromerzeugung. Die Frage nach der Rohstoffbasis stellt sich hingegen nicht. Das Land verfügt über recht umfangreiche Vorkommen an Braunkohle. Trotz der damit verbundenen Umweltbelastungen, gilt ein Festhalten an diesem Energieträger als relativ sicher. (Kontaktanschriften)

Wie Mitte Oktober 2015 die Fachkonferenz "Energiemarkt Südosteuropa 2015" in Prishtina zeigte, bleibt in der kleinen Westbalkanrepublik in Fragen der Versorgungssicherheit vor allem die Politik gefordert. Sie sollte möglichst schnell wichtige Entscheidungen treffen, um bei Elektrizität aus lokalen Quellen ein mittel- bis langfristig drohendes Versorgungsdefizit zu verhindern. Denn trotz des relativ problemlosen Rückgriffs auf den Energieträger Braunkohle, dessen Reserven sich nach offiziellen Erhebungen auf gut 12,4 Mrd. t belaufen, ist eine reibungslose und unterbrechungsfreie Stromversorgung keinesfalls gewährleistet.

Neben den Privathaushalten leiden auch die vor Ort tätigen Unternehmen unter den nicht seltenen und zumeist unerwarteten Stromausfällen. In dem von der Weltbank Ende Oktober 2015 veröffentlichten Bericht zur regulatorischen Qualität und Effizienz "Doing Business 2016" schneidet Kosovo in Fragen der Zuverlässigkeit der Stromversorgung daher recht unbefriedigend ab. Genauso wie ein Jahr zuvor auch, erreicht das Land auf einer bestenfalls bis 8,0 Punkte reichenden Skala ein Rating von lediglich 2,0.

Dabei verfügt Kosovo über Kraftwerkskapazitäten mit Schwerpunkt im konventionellen Bereich, die, allein nach ihrer installierten Leistung betrachtet, den Bedarf des Landes bei Elektrizität relativ problemlos decken und zeitweise sogar Stromexporte ermöglichen. Im Wege steht dem jedoch der schlechte bautechnische Zustand der beiden wichtigsten Stromproduzenten im Land, die mit Braunkohle befeuerten Kraftwerke Kosova A und B. Deren Betreiber ist das staatliche Unternehmen KEK.

Technischer Verschleiß der zwei Hauptkraftwerke schreitet voran

Von den ursprünglich fünf Blöcken in Kosova A werden gegenwärtig noch drei genutzt. Die installierte Leistung von A3 bis A5 (in Betrieb seit 1970, 1971 und 1975) bewegt sich zwischen 200 und 210 MW, tatsächlich gefahren können sie nur noch mit jeweils zwischen 100 und 135 MW werden. Einer europaweiten Vereinbarung zum Umweltschutz folgend müsste Kosova A Ende 2017 vom Netz genommen werden. Der Effizienzgrad der Anlage beläuft sich einer Studie der Weltbank zufolge auf 26%.

Mit einem Effizienzgrad von etwa 32% sieht es bei Kosova B und den dort seit 1983 und 1984 genutzten zwei Blöcken von je 339 MW etwas besser aus. Das tatsächlich hier abrufbare Leistungsniveau liegt gegenwärtig zwischen 180 und 260 MW je Block. Eine ins Auge gefasste umfassende Überholung würde die Laufzeit von Kosova B bis über 2030 hinaus verlängern.

Bereits über einen längeren Zeitraum hinweg sind havarie- oder reparaturbedingt nur selten alle Blöcke von Kosova A und B, die durchschnittlich 97% der Elektrizität im Land erzeugen, gleichzeitig verfügbar gewesen. Entsprechend konnte Kosovo seine Stromversorgung im Zeitraum 2000 bis 2014 bisher allein im Jahr 2013 aus eigener Kraft sicherstellen. Der Energieregulierungsbehörde für den kosovarischen Energiesektor ERO zufolge standen in jenem Jahr einem Bruttoverbrauch an Strom in Höhe von 5.520 GWh eine Gesamtproduktion von 5.862 GWh gegenüber.

In allen anderen von der ERO erfassten Jahren hatte es ein Versorgungsdefizit gegeben, das über zumeist recht teure Stromimporte ausgeglichen wurde. Laut dieser Betrachtung war der Negativsaldo mit 922 GWh im Jahr 2000 am höchsten ausgefallen, 2012 mit 153 GWh am niedrigsten. Im letzten Berichtsjahr 2014 hatte Kosovos Stromkonsum das von lokalen Erzeugern generierte Elektrizitätsangebot um 505 GWh übertroffen. Laut ERO wurden zwischen 2000 und 2014 durchschnittlich knapp 8% des Strombedarfs in Kosovo durch Importe abgedeckt.

Warten auf Entscheidung zu Neubau und Sanierung

Mit dem fortschreitenden technischen Verschleiß der Kraftwerksblöcke und ohne, dass moderne Kapazitäten geschaffen werden, dürfte diese Quote schon bald weiter nach oben gehen und für die Verbraucher nicht zuletzt deutlich höhere Strompreise bedeuten. Als Ausweg favorisiert die Regierung in Prishtina mit dem Projekt Kosova e Re weiterhin den Neubau von zwei Kraftwerksblöcken mit jeweils 300 MW. Nach mehreren Jahren der erfolglosen Beschäftigung mit diesem Thema hatte es zwischenzeitlich zwar eine Ausschreibung mit einem Bewerber gegeben. Eine Entscheidung hierzu gibt es aber noch immer nicht. Auch der vom zuständigen Minister für wirtschaftliche Entwicklung, Blerand Stavileci, im Rahmen der Energiekonferenz genannte Termin, bis Ende Oktober 2015 Klarheit zu haben, ist mittlerweile verstrichen.

Doch selbst bei einer zeitnahen Entscheidung, ein erster neuer Block könnte wohl kaum früher als nach acht Jahren ans Netz gehen. Um möglichst kurzfristig für Abhilfe zu sorgen, setzen sich zahlreiche Experten daher ergänzend zu dem Neubauvorhaben für ein umfassendes Upgrade von Kosova A ein. Das diesbezügliche Konzept stammt von der Firma Babcock Borsig Steinmüller. Diese gehört zum Geschäftsbereich Power des deutschen Engineering- und Servicekonzerns Bilfinger.

Mehrere Referenten auf der Energie-Fachkonferenz des Veranstalters Evroenergie machten sich für dieses Herangehen stark und dessen Vorteile deutlich. So brächte das schrittweise Aufrüsten auf den neuesten technologischen Stand bei Kosova A und die daraus resultierende Lebensdauerverlängerung eine deutliche Entspannung bei der Versorgungslage mit sich. Auch käme ein solches Projekt in finanzieller Hinsicht mit einem deutlich reduzierten Budget gegenüber einem völligen Neubau aus. Die vorhandene Infrastruktur, wie beispielsweise Bandanlagen für das Heranführen der Kohle oder Gleisanschlüsse, könnte ohne größere Anpassungen weitergenutzt werden.

Interkonnektor mit Albanien vor Fertigstellung

Besser als für die Kapazitäten zur Braunkohleverstromung sieht es für Kosovos System zur Stromübertragung und -verteilung aus. Dieses gilt unter Fachleuten als vergleichsweise gut ausgebaut, auch wenn hier und da an Umspannwerken und Trafostationen durchaus Modernisierungsbedarf besteht. Als Herzstück der Netzinfrastruktur gelten mehrere 400-kV-Interkonnektoren. Der Netzbetreiber des Landes, KOSTT, verfügt über solche Anbindungen bereits mit allen Nachbarländern bis auf Albanien. Gegenwärtig sind die Netze Albaniens und Kosovos lediglich über eine 220-kV-Linie miteinander verbunden.

Aber auch dorthin wird es demnächst eine 400-kV-Trasse geben. Von der KfW Entwicklungsbank finanziert befand sie sich im Herbst 2015 noch im Bau. Die Anbindung wird voraussichtlich im Jahresverlauf 2016 ihren Betrieb aufnehmen. KOSTT hat die Arbeiten am Teilstück auf kosovarischer Seite inzwischen abgeschlossen. Es führt vom Umspannwerk Kosovo B bis zur Grenze. Der albanische Netzbetreiber OST rechnet damit, seinen Abschnitt des Interkonnektors in naher Zukunft fertigzustellen. Dieser reicht auf albanischem Gebiet bis zum Umspannwerk Tirana 2.

Kontaktanschriften:

Kosovo Energy Corp. (KEK; Kohleabbau, Energieerzeugung)

Rr. Nena Tereze 36, 10000 Prishtina

Internet: http://www.kek-energy.com

Transmission, System and Market Operator (KOSTT; Betreibergesellschaft für die Hoch- und Mittelspannungsnetze)

Rr. Iljaz Kodra p.n., 10000 Prishtina

Tel.: 00381 38/501 60 16, Fax: -50 02 01

E-Mail: info@kostt.com, Internet: http://www.kostt.com

Energy Regulatory Office (ERO; Regulierungsbehörde für den Energiesektor)

Rr. Dervish Rozhaja 12, 10000 Prishtina

Tel.: 00381 38/24 76-15, Fax: -20

E-Mail: info@ero-ks.org, Internet: http://www.ero-ks.org

Evroenergie

Rexhep Mala 33, 10000 Prishtina

Tel.: 00381 38/22 34-81, Fax: -82

E-Mail: info@evroenergie.com, Internet: http://www.evroenergie.com

(T.J.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Kosovo Stromübertragung und -verteilung, Kraftwerksbau, Strom-/ Energieerzeugung, Fossile Energien

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