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19.10.2018

Krankenkassen in Frankreich übernehmen ab 2021 Kosten für Hörhilfen, Brillen und Zahnersatz

Nachholeffekte werden Nachfrage antreiben / Von Peter Buerstedde

Paris (GTAI) - Weniger Selbstbeteiligung: Die Sozial- und Zusatzversicherungen in Frankreich werden ab 2021 die Kosten für Hörhilfen, Brillen und Zahnersatz bis zu einer Obergrenze übernehmen.

In Frankreich müssen Patienten bereits ab dem nächsten Jahr weniger für Hörgeräte, Brillen und Zahnersatz zuzahlen: Ab 2019 soll die Selbstbeteiligung an den Kosten für Geräte, Material und Behandlungen schrittweise stärker von der Sozialversicherung sowie von bestimmten Zusatzversicherungen (complimentaires de santé) übernommen werden bis zur vollständigen Kostenübernahme ab 2021. Vorangegangen waren seit September 2017 Verhandlungen zwischen dem Gesundheitsministerium, den Versicherungsträgern sowie Verbänden von Ärzten und Unternehmen. Im Frühjahr 2018 waren für die drei Produktgruppen entsprechende Vereinbarungen geschlossen worden. Die Maßnahmen stehen im Haushalt der Sozialversicherung. Da dieser noch vom Parlament angenommen werden muss, könnte sich an Details der Vereinbarungen noch etwas ändern.

Für die drei Produktgruppen Hörgeräte, Brillen und Zahnersatz wurde jeweils ein voll rückerstattungsfähiger Basisproduktkorb (panier de soins "100% santé") definiert. Dabei wurde festgelegt, welche Eigenschaften die jeweiligen Geräte und Materialien haben müssen, die zum Einsatz kommen. Im Falle von Hörhilfen sind das Geräte mit mindestens zwölf Frequenzkanälen inklusive Testphase von 30 Tagen vor Kauf, vier Jahren Garantie und jährlichen Checkups. 2018 liegt die durchschnittliche Zuzahlung pro Gerät/Ohr bei etwa 850 Euro bei Gesamtkosten von 1.500 Euro. Ab 2019 soll sie für Geräte, die die Kriterien erfüllen, um 200 Euro pro Ohr und 2020 um weitere 250 Euro sinken. Ab 2021 werden die Kosten dann bis zu einer Höchstgrenze von 950 Euro je Ohr vollständig rückerstattet. Kosten für teurere Geräte können von Zusatzversicherungen bis zu einer Grenze von 1.700 Euro je Ohr übernommen werden.

Für Brillen inklusive Gläser müssen Versicherte in Frankreich derzeit etwa 65 Euro zuzahlen. Ab 2020 sollen alle Brillengestelle bis zu einem Preis von 30 Euro rückerstattungsfähig sein. Optiker müssen mindestens 17 derartige Modelle für Erwachsene und zehn für Kinder vorhalten, dies in zwei verschiedenen Farben. Auch rückerstattungsfähige Gläser müssen je nach Sehstörung eine geringe Glasdicke aufweisen, kratzfest und entspiegelt sein. Versicherte können entweder eine voll rückerstattungsfähige Option zu maximal 105 Euro wählen, davon 30 Euro für das Gestell. Alternativ haben sie die Möglichkeit ein Gestell für bis zu 135 Euro bei Gesamtkosten von maximal 210 Euro zu kaufen. Hier muss der Versicherte 35 Euro zuzahlen. Diese Regelungen sollen 2020 wirksam werden.

Einfacher Zahnersatz künftig voll erstattungsfähig

Bei Zahnersatz hat der Patient ab 2021 die Wahl zwischen einer Behandlung mit Materialien, die vollständig rückerstattet werden oder einer zweiten Variante, mit besseren Materialien aber mit Zuzahlung. Besonders hochwertige Behandlungen sind auch möglich, hier sind die Kosten zwar nicht begrenzt, werden aber auch nicht übernommen. Bei der vollständig rückerstattungsfähigen Behandlung wird bei sichtbaren Zähnen Keramik, ansonsten Metall eingesetzt. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums wären unter den neuen Regeln etwa 46 Prozent des heutigen Behandlungsaufkommens voll rückerstattungsfähig, 25 Prozent nur zum Teil. Bei Kindern mit erhöhtem Kariesrisiko wird ab 2021 auch der Auftrag einer speziellen Fluorschicht von den Kassen übernommen.

Die vollständige Rückerstattung bestimmter Geräte und Behandlungen war ein Wahlkampfversprechen von Präsident Emmanuel Macron. Insgesamt sind die Zuzahlungen im französischen Gesundheitswesen bereits jetzt eher gering. 2016 zahlten Patienten in Frankreich nach OECD-Daten 9,8 Prozent der Gesundheitsausgaben direkt aus der eigenen Tasche und damit weniger als etwa in Deutschland (12,4 Prozent), Italien (23,6 Prozent) oder Spanien (23,8 Prozent).

Die Zuzahlungen konzentrieren sich auf Hörgeräte, Seehilfen und Zahnersatz. Studien haben gezeigt, dass die entsprechenden Kosten so hoch sind, dass viele Menschen von nötigen Behandlungen zurückschrecken: So gibt es nach Angaben der Gesellschaft der Hörgeräteakustiker SAIF (Societé des Audioprothésistes Indépendants de France) sechs Millionen schwerhörige Personen, doch nur die Hälfte benutzt Hörgeräte. Vor diesem Hintergrund ist zu erwarten, dass die jüngst beschlossenen Maßnahmen der Regierung die Nachfrage nach Hörgeräten, Seehilfen und Zahnersatz in die Höhe treibt. Da die Zuzahlungen aber bis 2021 schrittweise zurückgefahren werden, könnten viele Patienten Neuanschaffungen zunächst auch aufschieben.

Heimische Industrie unter Druck

Einer Studie über die Optikbranche zufolge verzichten 10,1 Prozent der Menschen, die eine Sehhilfe brauchen - das sind etwa 70 Prozent der Bevölkerung - aufgrund der Kosten und Wartezeiten beim Augenarzt auf Brillen und Kontaktlinsen. Die neuen Erstattungsmöglichkeiten sollen dem entgegenwirken. Doch die Optiker befürchten, dass sich die Marktpreise bei der neuen Erstattungsgrenze einpendeln werden. Das setzt die Branche unter Druck.

Der Präsident der Brillenhersteller der Region Jura, Joël Thierry, kritisiert, dass Hersteller zu einem unhaltbaren Preisniveau "für Produkte die tatsächlich in Frankreich hergestellt werden" gezwungen würden. Der Generaldirektor des weltgrößten Herstellers von Brillengläsern Essilor, Alexandre Montague, befürchtet, dass durch die niedrigeren Obergrenzen, mehr Gläser schlechter Qualität verkauft werden und gleichzeitig mehr Importprodukte auf den Markt kommen. Essilor versucht derzeit einen Zusammenschluss mit der italienischen Luxottica, das ist der weltgrößte Fabrikanten von Brillengestellen, zum Abschluss zu bringen.

Vor allem kleinere Optikerketten und Einzelläden könnten durch geringere Margen aus dem Markt fallen. Der CEO der größten Optikerkette in Frankreich Optic 2000, Didier Papaz, erwartet zwar die Schließung von 200 bis 300 Filialen pro Jahr. Doch im Verdrängungswettbewerb mit kleineren Marktteilnehmern dürfte Optic 2000, so wie andere Ketten - zu denen Krys, Afflelou und Atol gehören -, aufgrund ihrer Einkaufsmacht Marktanteile gewinnen.

Nachholeffekt ab 2020

Jüngsten Zahlen aus dem Jahr 2014 zufolge verzichten 16,8 Prozent der Bevölkerung aus finanziellen Gründen auf Zahnbehandlungen. Das soll sich durch die jüngst beschlossenen Maßnahmen ändern. Ab 2020 dürften Nachholeffekte für einen Nachfrageschub beim Zahnersatz führen, erwarten Beobachter. Doch Franzosen gehen eher selten zum Zahnarzt: Nur knapp 50 Prozent besuchen den Dentisten einmal im Jahr. Zum Vergleich: In Deutschland und dem Vereinigten Königreich sind es mehr als 66 Prozent. Ein Grund für die unregelmäßigen Besuche in Frankreich sind die hohen Kosten: So werden im Jahr 2018 für eine Keramikkrone im Durchschnitt 550 Euro gezahlt, der Patient muss 195 Euro zuzuahlen. In Paris sind es sogar 900 Euro bei einer Zuzahlung von 545 Euro, informiert das Gesundheitsministerium.

Ab 2020 sollen diese Kosten voll erstattet werden. Die Zahnarztverbände erwarten pro Jahr ein Umsatzplus für ihre Zunft von 230 Millionen Euro. Das könnten den Angaben zufolge auch die Investitionen der Dentisten beflügeln.

Weitere Informationen zu Frankreich finden Sie unter http://www.gtai.de/frankreich

Kontaktadressen

Bezeichnung Internetadresse Anmerkungen
AHK Frankreich http://frankreich.ahk.de Berät beim Markteinstieg in Frankreich
Ministère des Solidarités et de la Santé https://solidarites-sante.gouv.fr Gesundheitsministerium
Groupement des industriels et fabricants de l'optique (GIFO) https://gifo.org Verband der Hersteller optischer Geräte
Societé des Audioprothésistes Indépendants de France http://www.saif-audition.fr Gesellschaft unabhängiger Hörgeräteakustiker

Dieser Artikel ist relevant für:

Frankreich Gesundheitswesen allgemein

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