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18.07.2017

Landwirtschaft in Kasachstan: "Es bedarf mehr Nachhaltigkeit"

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Experte Dr. Diethard Rudert spricht über Chancen und Grenzen des neuen Agrarprogramms / Eigene Landtechnikproduktion noch in den Kinderschuhen

Almaty (GTAI) - Kasachstan verfügt über ein großes, zu weiten Teilen noch ungenutztes landwirtschaftliches Potenzial. Der Deutsch-Kasachische Agrarpolitische Dialog unterstützt die kasachische Regierung dabei, die bestehenden Chancen besser zu nutzen. Projektleiter Dr. Diethard Rudert sprach mit Germany Trade & Invest über das Potenzial der Landwirtschaft in der Steppenrepublik, Entwicklungshürden und die Ziele des im Februar verabschiedeten neuen Agrarprogramms. (Internetadressen)

Kasachstan, der mit 2,7 Mio. qkm neuntgrößte Staat der Erde, hat ein beachtliches landwirtschaftliches Potenzial, das durch verschiedene Hindernisse allerdings nur eingeschränkt genutzt wird. Hierzu zählen unzureichende Finanzierungsmöglichkeiten, veraltete Technik, mangelndes Know-how und die kleinteilige Struktur des Sektors. Ein neues Agrarprogramm zielt auf Änderungen beim System der Subventionen, den Zusammenschluss kleiner Erzeuger zu Genossenschaften, mehr Diversifizierung sowie Steigerungen von Produktion und Export.

GTAI: Kasachstan hat im Februar 2017 ein neues Programm für den Agrarsektor 2017 bis 2021 verabschiedet. Was sind Ihrer Ansicht nach die wichtigsten Punkte des Programms?

Rudert: Das Programm ist nicht vollkommen neu. Aus meiner Sicht ist es eine Anpassung des vorherigen Programms "Agribusiness 2014 bis 2020". Es setzt aber einige neue Prioritäten. Hierzu zählt die Neuausrichtung der Subventionen und die Erhöhung der bereitgestellten Mittel. Notwendig wäre meines Erachtens nach aber eine grundlegende Reformierung des Systems. Es gibt zu viele verschiedene, sich überschneidende und zum Teil widersprechende Subventionen.

Ein weiterer Punkt des Programms betrifft das System der Agrarfinanzierung. Der Kreditzugang für kleine und mittlere Betriebe soll verbessert werden. Weiteres Ziel ist die Diversifizierung der Produktion. Zwar war dies bereits Bestandteil früherer Programme, aber nicht in diesem Maße. Angestrebt ist eine Ausweitung der Produktion in der Landwirtschaft und Nahrungsmittelindustrie. Die Produktionsziele sind dabei politische Vorgaben, die auf mehr oder weniger zuverlässigen Potenzialabschätzungen basieren.

Das neue Programm rückt den Ausbau der Verarbeitungskapazitäten für landwirtschaftliche Produkte sowie die Substitution von Importen und die Steigerung des Exports stärker in den Fokus. Hinzu kommt die Bildung von Genossenschaften. Die Regierung will die Attraktivität von Investitionen in die Land- und Ernährungswirtschaft und in die Herstellung von Landtechnik in Kasachstan erhöhen.

Verstärkter Fokus auf Genossenschaften

GTAI: Ein Ziel des Programms ist der verstärkte Zusammenschluss kleiner Bauern zu Genossenschaften. Halten Sie dies für sinnvoll und denken Sie, dass in diesem Bereich Fortschritte zu erwarten sind?

Rudert: Genossenschaften sind in vielen Ländern der Welt erfolgreich. Auch in Kasachstan ist das ein Weg zur Verbesserung der Situation kleiner Produzenten. Unbedingt ist darauf zu achten, dass die genossenschaftlichen Prinzipien eingehalten werden.

Die gegenwärtige Forcierung der Bildung von Genossenschaften hat meiner Einschätzung nach zwei Ziele: Erstes Ziel ist die Erhöhung der landwirtschaftlichen Produktion für den Markt. Man glaubt, durch die Bildung von Genossenschaften die bisher in der Subsistenzwirtschaft erzeugten Produkte besser in den Markt zu bringen. Derzeit werden in Kasachstan circa 70% der tierischen Produkte, vor allem Milch und Fleisch, in kleinen Hauswirtschaften erzeugt und gelangen kaum auf den Markt. Es ist schwierig, diese Produktion einzusammeln. Eine Lösung sind genossenschaftlich organisierte Milchsammelstellen, was sich jedoch nicht einfach umsetzen lässt. Gründe hierfür liegen in der niedrigen Milchqualität, fehlendem Know-how und mangelnder Erfahrung beim Management. Mit Subventionen allein ist da nichts zu machen. Außerdem besteht die Gefahr, dass Genossenschaften nur formell gegründet werden, um Subventionen abzugreifen.

Neben Genossenschaften sollten unbedingt andere Kooperationsformen wie Maschinenringe und Erzeugergemeinschaften genutzt werden. Der zweite Grund, weshalb die Regierung ihren Fokus auf die Gründung von Genossenschaften richtet, ist sozialpolitischer Natur. Es geht um die Sicherung und den Erhalt eines gewissen Einkommens für große Teile der Landbevölkerung. Inwieweit es damit gelingt, den Übergang von der Subsistenzwirtschaft in die Marktwirtschaft zu erreichen, ist ungewiss.

Wenn Genossenschaften sich als Wirtschaftssubjekte im Markt behaupten sollen, ist es notwendig, technologischen Fortschritt zu realisieren, der unabdingbar mit der Freisetzung von Arbeitskräften verbunden ist. Es ist also notwendig, unbedingt weitere Wertschöpfung im ländlichen Raum anzusiedeln.

Mit Hilfe von Genossenschaften ist Fortschritt möglich. Bei falsch verstandener Förderung von Genossenschaften (top down) kann dies dazu führen, dass der genossenschaftliche Gedanke erneut in Misskredit gerät (Kolchos). Es ist unheimlich viel Aufklärungs- und Überzeugungsarbeit notwendig. Natürlich müssen Genossenschaften in der Anfangsphase auch gefördert werden. Die Umstellung der Subventionsprogramme zielt darauf ab.

Änderung des Subventionssystems

GTAI: Das System der Subventionen für die Bauern soll geändert werden. Wo liegt der Schwerpunkt der neuen Maßnahmen?

Rudert: Man hat bereits begonnen, die bisherige flächenbezogene Subventionierung auf Produktsubventionen umzustellen. Das ist erstmal eine klare Maßnahme zur Produktionssteigerung: Je mehr Produkte ich erzeuge, desto mehr Subventionen bekomme ich. Außerdem kann damit die Erzeugung bestimmter Produkte forciert werden.

Die zweite Veränderung im Subventionssystem betrifft die Empfänger. Nutznießer der bisherigen Subventionen waren fast ausschließlich Großbetriebe, die aus der Privatisierung früherer Staatsbetriebe hervorgegangen sind oder von potenten Investoren - mit guten politischen Kontakten - eingerichtet wurden. Diese waren dank der Subventionen in der Lage, in moderne Technologien zu investieren, das heißt Technik, Saatgut, Düngemittel und so weiter zu kaufen sowie ein gewisses Know-how zu erwerben.

Jetzt sollen vor allem Kleinbetriebe und Hauswirtschaften, die in Genossenschaften organisiert sind, Empfänger der Subventionen werden. Der technologische Fortschritt soll mit diesen Subventionen in die Breite getragen werden. Man darf dabei aber nicht außer Acht lassen, dass damit zunächst erstmal ein technologisches Niveau erreicht wird, das dem von vor 30 oder 40 Jahren entspricht (zum Beispiel Kannenmelkanlagen), das aber durchaus auch heute noch in weniger entwickelten Ländern Standard ist. Die soziale Komponente der Subventionen spielt eine große Rolle.

Diversifizierung der Produktion

GTAI: Vorgesehen ist eine stärkere Diversifizierung der landwirtschaftlichen Produktion. Halten Sie dies für sinnvoll?

Rudert: Das ist eine richtige und notwendige Maßnahme, die auch schon in früheren Programmen stand. Extensiver Weizenanbau in Monokultur mit Brache ist sowohl technologisch als auch vom Management her am einfachsten zu beherrschen, aber nicht nachhaltig und anfällig gegenüber Preisschwankungen und der Witterung. Haupthindernis für die Entwicklung der Tierhaltung, vor allem in Bezug auf die Milchproduktion, ist der Mangel an qualitativ hochwertigem Futter. Fruchtfolgen sind unabdingbar für eine nachhaltige Landwirtschaft. Neben dem Anbau von Futterpflanzen wird deshalb auch der Anbau von Ölfrüchten (Sonnenblumen, Öllein, Soja) und Körnerleguminosen (Erbsen, Linsen) gefördert. Die Diversifizierung fördert die Bodenfruchtbarkeit, dämpft den Einfluss von Ertrags- und Preisschwankungen und trägt zur Entwicklung neuer Wertschöpfungsketten bei.

Importsubstitution und Exportsteigerung

GTAI: Kasachstan will mehr Agrarprodukte exportieren. Sehen Sie hier realistische Chancen und wenn ja, bei welchen Produkten und auf welchen Märkten? Gibt es Defizite beim Veterinärsystem, die Fleischexporte verhindern?

Rudert: Die Ablösung von Importen und der Export von Agrarprodukten stehen im Mittelpunkt der Agrarpolitik Kasachstans. Entsprechend politisch dominiert sind die Vorgaben im Programm. Exportanstrengungen und Importablösung sollte man deshalb im Zusammenhang sehen. Extremstes Beispiel ist meines Erachtens das Ziel, die Produktion von Rübenzucker massiv auszuweiten und damit Importe weitgehend zu ersetzen. Bei Betrachtung der Weltmarktpreise ist das wenig zielführend. Die Zuckerproduktion aus Zuckerrüben ist in Kasachstan nach Schätzungen derzeit sechzehnmal teurer als der Import von Zucker. Riesige Investitionen in Agrartechnik (Spezialmaschinen), Transportkapazitäten und Zuckerfabriken (die nur drei Monate im Jahr arbeiten) sind notwendig. Ganz zu schweigen vom notwendigen Know-how hinsichtlich Ackerkultur, Fruchtfolge und dem Bedarf an Betriebsmitteln wie Saatgut, Pflanzenschutz und Düngung sowie Bewässerung. Sirup für die Ernährungswirtschaft kann man heutzutage auch mit biotechnologischen Verfahren aus Getreide herstellen. Da braucht es keinen Zucker.

Der Export von Getreide und Mehl ist derzeit vor allem ein Mengen orientierter Export. Zukünftig ist eine stärkere Qualitätsorientierung notwendig. Aufgrund der agroklimatischen Bedingungen können in Kasachstan ausgezeichnete Getreidequalitäten produziert werden. Das muss aber durch entsprechende Technologien jedes Jahr gesichert werden, auch wenn die Witterung ungünstig ist. Die Qualitätssicherung nach der Ernte (Transport und Lagerung) gehört auch dazu.

Potenziale gibt es meines Erachtens nach beim Export von ökologisch erzeugter Sonnenblumensaat und Öllein. Wünschenswert wäre hier die Verarbeitung vor Ort und der Export des Öls, um mehr Wertschöpfung im Land zu halten. Hierzu fehlen im Moment Verarbeitungskapazitäten und die Zertifizierung. Bei den tierischen Produkten hat vor allem hochwertiges Rindfleisch eine Chance, wobei auch der Biomarkt ein perspektivreiches Segment darstellen kann. Aufnahmefähigster Markt für kasachische Agrarprodukte wird wahrscheinlich China werden.

Hinsichtlich der Lebensmittelsicherheit und Veterinärsituation wurde bereits einiges geleistet und in den meisten Fällen ist Kasachstan in der Lage die notwendigen Nachweise zu erbringen. Ein Problem könnten die neuen Regeln der EU hinsichtlich der Rückverfolgbarkeit mit elektronischen Systemen werden. Nachweise in Papierform werden bei Exporten in die EU seit diesem Jahr nicht mehr akzeptiert und die Übergangsfristen werden weiter beschränkt.

Mangelndes Know-how ist großes Hindernis

GTAI: Wo sehen Sie die größten Schwachpunkte der Landwirtschaft in Kasachstan? Setzt das neue Agrarprogramm bei diesen Schwachstellen an?

Rudert: Mangelndes Know-how ist eines der Haupthindernisse für die Entwicklung des Sektors. Das beginnt mit dem Mangel an Berufsausbildung in der Landwirtschaft und Verarbeitungsindustrie und setzt sich in der Ausbildung an den Colleges und Universitäten fort. Allerdings gibt es erste Beispiele zur dualen Berufsausbildung von Mechatronikern für Agrartechnik mit Unterstützung der deutschen GIZ.

In den Großbetrieben fehlen qualifizierte Bedienkräfte für die moderne Landtechnik und auch dem mittleren Leitungspersonal fehlen oft ausreichende landwirtschaftliche Fachkenntnisse. Die Kenntnisse in den Kleinbetrieben und Hauswirtschaften beruhen nur auf eigenen Erfahrungen. Auch der Kenntnis- und Erfahrungsstand bei den Mitarbeitern des Ministeriums und der Verwaltungen muss verbessert werden.

Zweiter Schwachpunkt ist der schwierige Zugang zu Finanzierungen, besonders für kleine und mittlere Unternehmen. Mangelnde Kreditwürdigkeit, hohe Zinsen, fehlende Kenntnisse und Erfahrungen der Landwirte bei der Beantragung von Krediten sind Hürden für Finanzierungen. Kommerzielle Banken tun sich schwer mit Finanzierungen für die Landwirtschaft. Beratung erschöpft sich meist in der Bereitstellung von Informationen, ohne richtige individuelle Beratung. Businesspläne werden meist nur formell erarbeitet, um Subventionen beantragen zu können, und halten kaum einer Prüfung stand. Das Programm benennt die wichtigsten Schwachstellen.

GTAI: Wo sehen Sie noch ungenutztes Potenzial in der Landwirtschaft in Kasachstan?

Rudert: In vielen Bereichen ist ein Umdenken notwendig, etwa in Bezug auf Qualitätsbewusstsein. Die Erfolge sollten auch von den politisch Verantwortlichen weniger an Hektarzahlen und Tonnen gemessen werden. Wichtig sind Nachhaltigkeit und langfristiges Denken statt schnellem Geld oder politischer Erfolgsmeldung. Hinzu kommt die Entwicklung mittelständischer Unternehmen im Verarbeitungsbereich.

Der Staat sollte sich mehr auf die Sicherung stabiler Rahmenbedingungen konzentrieren und weniger direkten Einfluss auf betriebliche Entscheidungen nehmen, es herrscht noch zu viel Planwirtschaft. Das Bodenrecht muss reformiert werden. Das Moratorium bis 2021 ist Stillstand und führt zu illegalen Praktiken, die keine Sicherheiten für Investitionen bieten. Wichtig ist ferner der Einsatz Ressourcen schonender Methoden, in Bezug auf die Böden und die Wassernutzung. (Anmerkung der Redaktion: Im Sommer 2016 hat der Präsident ein Moratorium in Bezug auf Änderungen beim Bodengesetz erlassen. Hintergrund waren Proteste der Bevölkerung wegen Ängsten um einen Ausverkauf landwirtschaftlicher Flächen an (chinesische) Investoren. Die vorgesehene Ausweitung der Pachtverträge auf mehr als zehn Jahre für Ausländer wurde fallengelassen und generell der bis zum Ende des Jahres 2015 gültige Zustand beibehalten. Das zunächst bis Jahresende 2016 gültige Moratorium des Präsidenten wurde auf Vorschlag der eingesetzten Kommission durch das Parlament bis 2021 verlängert.)

Aufbau einer eigenen Landtechnikproduktion

GTAI: Welche Entwicklung erwarten Sie bei der Nachfrage nach Landtechnik? Halten Sie die Pläne zum Aufbau einer eigenen Landtechnikproduktion in Kasachstan für aussichtsreich?

Rudert: Der Bedarf an Landtechnik ist riesig. Bei den großen Betrieben werden Ersatzinvestitionen notwendig, teilweise wachsen die Betriebe auch. Die kleinen und mittleren Betriebe nutzen hauptsächlich Alttechnik, die schon lange ersetzt werden müsste. Hauswirtschaften haben praktisch keine Technik. Die entstehenden Genossenschaften brauchen eine Erstausrüstung. Wenn sinnvolle Finanzierungen gegeben sind, besteht ein hoher Bedarf. Das Programm orientiert sich in erster Linie auf Technik aus der Eurasischen Wirtschaftsunion, westliche Technik hat aufgrund ihrer Qualität und Leistungsvorteile trotz des hohen Preises Chancen bei den Großbetrieben, die diese Technik meist schon kennen.

Mit Nachdruck versucht der Staat eine eigene Landtechnikindustrie zu etablieren. Im Moment wird dabei das Rad zum zweiten Mal erfunden und das zurzeit noch in geringerer Qualität. Vielleicht wäre zunächst eine Lizenzfertigung von Ersatzteilen oder Zulieferteilen der bessere Weg, um Produktionserfahrungen zu sammeln. Auch die Montage von Maschinen ähnlich der Automobilindustrie wäre denkbar. Für eine eigene Landtechnikproduktion fehlen auch Zulieferer von Normteilen und Baugruppen.

Die großen internationalen Hersteller verfügen meines Erachtens nach über ausreichende Produktionskapazitäten, um den kasachischen Markt zu versorgen. Wenn eine eigene Landtechnikindustrie entstehen sollte, dann betrifft das wahrscheinlich nur eine sehr begrenzte Anzahl von Maschinenarten und Geräten.

Interview: Fabian Nemitz, Almaty

Internetadressen

Deutsch-Kasachischer Agrarpolitischer Dialog

Internet: http://www.agrardialog-kaz.de

Deutsches Agrarzentrum (DAZ)

Internet: http://www.daz-kasachstan.net

Termin

Feldtag des DAZ: 27.7.17 in Tschaglinka (Gebiet Akmola)

(N.M.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Kasachstan Land- und Forstwirtschaft, Fischerei, allgemein, Geschäftspraxis allgemein

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Kathleen Beger

‎+49 228 24 993 283

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