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28.08.2018

Logistikhubs schießen in Russland wie Pilze aus dem Boden

Investitionen von mehr als 1 Milliarde Euro in Verteilzentren / Von Hans-Jürgen Wittmann

Moskau (GTAI) - Russlands Onlinehandel wächst und mit ihm der Bedarf an Abhol- und Logistikzentren. Die Distributionsketten müssen effizienter werden. Deutsche Firmen bieten Lösungen für Intralogistik.

Russlands Logistikbranche setzt ihre dynamische Entwicklung fort. Bis 2020 wird die Branche voraussichtlich pro Jahr um 7,5 Prozent wachsen, schätzt die Marktforschungsagentur M.A. Research. Innerhalb der vergangenen Dekade lag das jährliche Wachstum im Schnitt bei 8,1 Prozent, wie aus den Daten des russischen Statistikamts Rosstat hervorgeht.

Trotz dieser Wachstumsaussichten ist angesichts neuer drohender US-Sanktionen Vorsicht geboten: Logistikunternehmer sollten die Absicherung der Finanzierung ihrer Dienstleistungen im Auge behalten. Die US-Regierung will im Herbst Dollartransaktionen mit russischen Großbanken unterbinden.

Bisher haben deutsche Unternehmen von dem stabilen Zuwachs profitiert. Der Logistikdienstleister Rhenus startete Ende 2017 neue Sammelgutlinien nach Russland, darunter in die Wolgaregion, den Ural und nach Sibirien. Kühne + Nagel eröffnete im Juli 2018 im Gebiet Moskau ein Ausstellungszentrum auf dem Gelände der Messe Crocus Expo, für die das Bremer Transportunternehmen als offizieller Spediteur fungiert. Bereits Ende Juni 2018 nahm die russische BASF-Tochter im Gebiet Moskau ein Lager mit automatisierten Regalsystemen zur Lagerung und Verteilung von Baustoffen in Betrieb.

Onlinehändler benötigen neue Lagerflächen

Der hohe Bedarf an Lagerkapazitäten und Logistikzentren entsteht vor allem durch den florierenden Onlinehandel. Der russische E-Commerce-Markt hatte 2017 ein Volumen von etwa 15 Milliarden Euro. Das Wachstum beträgt jährlich etwa 20 Prozent, schätzt die Analyseagentur Data Insight. Auch Einzelhandelskonzerne treiben die Entwicklung ihrer Online-Vertriebskanäle voran und investieren in große Abhol- und Logistikzentren. Im 1. Halbjahr 2018 wurden allein im Gebiet Moskau 38,7 Prozent mehr Lagerflächen belegt, sagen die Analysten der Immobiliengruppe CBRE. Vor allem Build-to-Suit-Lösungen sind gefragt.

Der Russische Fonds für Direktinvestitionen (FRPI) und der öffentliche Investitionsfonds Saudi-Arabiens PIF wollen sich diesen Trend zunutze machen. Die Partner planen Investitionen in den Betreiber von Logistikparks im Gebiet Moskau, Professional Logistics Technologies (PLT). Es sollen neue Lagerkapazitäten geschaffen werden, um Lieferketten effektiver abzuwickeln.

Die VTB-Bank reagiert ebenfalls. Sie investiert rund 410 Millionen Euro in den Bau von 40 Logistik- und Verteilzentren für die Russische Post (Potschta Rossii). Diese sollen in den kommenden drei Jahren entstehen. Doch der Handlungsspielraum der VTB ist aufgrund der US-Sanktionen eingeschränkt. Daher plant die Bank, chinesische Investoren mit ins Boot zu holen, um die Finanzierung abzusichern. Der russische Onlinehändler Wildberries baut bis 2019 ein neues Distributionszentrum im Gebiet Moskau. Cainiao, die Tochterfirma des chinesischen Onlinehändlers Alibaba will bis 2019 ein großflächiges Logistikzentrum im Industriepark DSK-500 in Tjumen errichten.

Aktuelle Investitionsprojekte in der Logistikbranche in Russland
Projekt / Standort Investitionen (in Mio. Euro) Fertigstellung Unternehmen
40 Logistik- und Distributionszentren russlandweit 410,9 2021 Potschta Rossii und VTB-Bank, http://www.pochta.ru, http://www.vtb.ru
Ausbau von Logistikterminals / Gebiet Swerdlowsk 273,9 2020 Business-Park Ural-Yuan, http://www.uralyuan.com
Logistikzentrum "Wostotschnyj" / Gebiet Moskau 205,5 2023 Russische Eisenbahn (RZD), http://www.rzd.ru
Großhandels- und Distributionszentrum / Gebiet Moskau 137,0 2019 Miratorg, http://www.miratorg.ru
Logistikzentrum / Gebiet Tula 34,4 k.A. Procter & Gamble, http://www.procterandgamble.ru
Lagerkomplex / Gebiet Rostow 34,2 2019 FM Logistic, http://www.fmlogistic.ru
Produktions- und Lagerkomplex / Gebiet Moskau 27,4 k.A. LG, http://www.lg.com
Bau eines Logistikkomplexes / Gebiet Swerdlowsk 25,0 2019 PromSpezStroj
Produktions- und Lagerkomplex / Gebiet Rostow 6,2 2021 Rost Agro Service
Logistikterminal / Gebiet Rostow 4,7 k.A. Nordkaukasisches Logistikunternehmen OOO "SKLP"
Lagerkomplex / Gebiet Moskau 2,7 2019 OOO "Polnyj Dom"
Lagerkomplex / Gebiet Moskau 2,5 2019 OOO "TB Standart" http://www.standart.pro
Distributionszentrum / Gebiet Swerdlowsk k.A. 2019 Auchan, http://www.auchan.ru

Quelle: Recherchen von Germany Trade & Invest

Investitionen in Distributionszentren steigen

Um die riesigen Weiten Russlands mit Waren beliefern zu können, müssen neue Logistikhubs und Verteilzentren entstehen. Nur so kann das steigende Transportaufkommen bewältigt werden. Im Jahr 2017 wurden etwa 3,1 Milliarden Tonnen Güter transportiert. In seinen Mai-Dekreten kündigte Präsident Wladimir Putin an, bis 2024 unter anderem die Infrastruktur massiv auszubauen. Entsprechende Projekte sollen über einen etwa 48 Milliarden starken Entwicklungsfonds finanziert werden. Allein im Jahr 2018 gibt die russische Regierung für den Straßenbau etwa 3,7 Milliarden Euro aus, 15 Prozent mehr als im Vorjahr.

Die Entwicklung der Infrastruktur könnte dazu beitragen, Lieferzeiten zu verkürzen. Dies kann die Transportkosten um das Anderthalb- bis Zweifache senken. Der russische Einzelhandelskonzern Magnit verfolgt genau dieses Ziel und will für rund 32 Millionen Euro einen Mega-Logistikhub in Nowosibirsk errichten, von dem aus die sibirischen Regionen beliefert werden sollen. Die Russische Post hat bereits Ende Januar 2018 am Flughafen in Kasan ein neues Logistikzentrum für etwa 58 Millionen Euro eröffnet. In den kommenden Jahren will die Russische Post fünf weitere solcher Zentren einrichten, unter anderem in Sibirien.

Darüber hinaus soll bis 2019 im Sonderentwicklungsgebiet (TOR) Chabarowsk ein Logistikkomplex auf einer Fläche von 15 Hektar entstehen. Außerdem baut die Firma Schade Lagertechnik im Hafen Nachodka in der Region Primorje im Fernen Osten ein neues überdachtes Terminal, um die Staubentwicklung beim Verladen von Kohle zu vermeiden.

Nachfrage nach Intralogistiklösungen wächst

In russischen Lagerhallen sind viele Logistikprozesse nicht mehr zeitgemäß. So beträgt die gesetzlich vorgeschriebene Höchstgeschwindigkeit für Gabelstapler auf dem Betriebsgelände maximal 10 Kilometer pro Stunde und in geschlossenen Räumen sogar nur 5 Kilometer pro Stunde. Längere Ladezeiten verursachen Mehrkosten. Deshalb müssen Lagerlogistiker effizienter kommissionieren und ihre Prozesse optimieren. Viele setzten daher auf halb- oder vollautomatisierte Lagersysteme.

Die dafür benötigte Fördertechnik kommt beispielsweise aus Deutschland. Im 1. Halbjahr 2018 gingen zwar die Exporte im Vergleich zum Vorjahreszeitraum zwar um 5,8 Prozent auf 174,6 Millionen Euro zurück. Jedoch waren die Ausfuhren 2017 um 40 Prozent auf 394 Millionen Euro gestiegen, berichtete der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbauer (VDMA). Daneben lokalisieren manche Hersteller ihre Produktion vor Ort. Der Hamburger Lagertechnikhersteller Jungheinrich hatte im November 2017 im Gebiet Twer mit der Fertigung von Regalen und Lagereinrichtungen begonnen.

Auch russische Unternehmen erkennen das Potenzial, das sich bei der Optimierung von Logistikprozessen ergeben kann. Das Startup RoboCV entwickelt intelligente Roboter für die Intralogistik. Diese erkennen fehlerhaft kommissionierte Palletten, können Hindernisse eigenständig umgehen und befolgen die Straßenverkehrsordnung. Mit der Still GmbH, einem führenden Lieferanten für die intelligente Kontrolle von Intralogistik, plant RoboCV, einen Autopiloten zu entwickeln.

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll und Ausschreibungen in Russland sind unter http://www.gtai.de/russland abrufbar.

Dieser Artikel ist relevant für:

Russland E-Commerce, Logistik / Speditionen

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