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31.05.2018

Luxemburg: Brexit könnte vor allem Dienstleister beeinträchtigen

Auch 2019 soll Austausch mit Ausland kräftig wachsen / Von Torsten Pauly

Luxemburg (GTAI) - Für Luxemburg ist das Vereinigte Königreich ein sehr viel wichtigerer Außenhandelspartner bei Dienstleistungen als bei Waren. Zudem sind britische Direktinvestoren mit einem hohen Kapitalbestand im Großherzogtum engagiert. Daher kann der geplante britische EU-Austritt nennenswerte Auswirkungen auf Luxemburg haben. (Kontaktadressen)

Britischer Lieferanteil bleibt in Luxemburg trotz Währungsabwertung gering

Luxemburg ist eine äußerst offene Volkswirtschaft und muss umso mehr Waren importieren, je mehr das verarbeitende Gewerbe im eigenen Land an Bedeutung verliert. Letzteres steuerte im Jahr 2017 nur noch 5,7 Prozent zur landesweiten Bruttowertschöpfung bei. Daher hat Luxemburg ein hohes strukturelles Handelsdefizit, das sich 2017 auf 6 Milliarden Euro beziehungsweise 10,9 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) summiert hat.

Im Handel mit dem Vereinigten Königreich hat sich 2017 aus luxemburgischer Sicht aber ein Überschuss von 295 Millionen Euro ergeben. Insgesamt hat der bilaterale Warenaustausch 2,5 Prozent des luxemburgischen Außenhandels ausgemacht. Sehr viel bedeutendere Partner sind die Nachbarländer Belgien, das einen Anteil von 26 Prozent hatte, Deutschland (25,1 Prozent) und Frankreich (12,3 Prozent). Auch mit den Niederlanden (4,9 Prozent), den USA (4,5 Prozent) und Italien (3 Prozent) wickelt Luxemburg einen größeren Güterverkehr ab als mit dem Vereinigten Königreich.

Allerdings hat sich der luxemburgisch-britische Außenhandel zuletzt sehr dynamisch entwickelt. Dabei ist Luxemburgs Import (+19,5 Prozent) noch weitaus stärker gestiegen als der Export (+6,3 Prozent). Die starke Abwertung des Pfund Sterling gegenüber dem Euro hat diese Entwicklung gefördert und britische Produkte seit dem Brexit-Referendum am 23. Juni 2016 im Durchschnitt um 12 Prozent günstiger gemacht.

Sehr viel bedeutender als der Außenhandel mit Waren ist für Luxemburg der internationale Dienstleistungsverkehr. Hierbei erwirtschaftet das Großherzogtum traditionell einen sehr hohen Überschuss, der 2017 etwa 41,9 Prozent des BIP entsprochen hat. Dabei hatte das Vereinigte Königreich 2017 einen Anteil von 16,1 Prozent am gesamten Dienstleistungsaustausch und war damit zweitwichtigster Partner nach Deutschland (17,9 Prozent).

Wirtschaftsverflechtungen zwischen Luxemburg und dem Vereinigten Königreich (VK; Anteile in Prozent)
Indikator
Anteil Warenimporte aus dem VK am BIP (2017) 0,5
Anteil Dienstleistungsimport aus dem VK am BIP (2017) 22,8
Anteil Warenexport in das VK am BIP (2017) 1,0
Anteil Dienstleistungsexport in das VK am BIP (2017) 23,1
Anteil der Direktinvestitionen aus dem VK am Gesamtbestand ausländischer Direktinvestitionen in Luxemburg (2016) 13,6

Quellen: Eurostat; Luxemburgisches Statistikamt

Da Luxemburgs Import von Dienstleistungen aus dem Vereinigten Königreich fast so hoch ist wie der Export dorthin, ist der bilaterale Überschuss und damit der Nettobeitrag zur luxemburgischen Wirtschaftsleistung dennoch nicht allzu hoch. Laut einer von Forschern der Rotterdamer Erasmus-Universität initiierten Studie sind 1,1 Prozent des luxemburgischen BIP durch einen Austausch mit dem Vereinigten Königreich geprägt. Damit liegt die Exponiertheit des Landes in der EU auf Rang 13 und somit im Mittelfeld.

Zumindest mittelfristig soll der Brexit die dynamische Konjunktur in Luxemburg nur wenig schmälern. Die EU-Kommission erwartet, dass der Export von Waren und Dienstleistungen 2018 real um 4,8 Prozent wächst und der entsprechende Import um 4,7 Prozent zulegt. Auch 2019 soll die Ein- und Ausfuhr kräftig um jeweils 4 Prozent zulegen.

Wenige Produkte dominieren im luxemburgisch-britischen Außenhandel

Luxemburgs Warenverkehr mit dem Vereinigten Königreich hat sich in den letzten Jahren uneinheitlich entwickelt, ist dabei aber insgesamt zurückgegangen. So war sein Umfang 2017 trotz des jüngsten Anstiegs um 42,1 Prozent geringer als während des bisherigen Höchststandes 2008. Der Brexit dürfte den längerfristigen Abwärtstrend bestärken, was deutschen und anderen EU-Handelspartnern Chancen eröffnen könnte.

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Der luxemburgische Import aus dem Vereinigten Königreich konzentriert sich auf einige Warengruppen. Am bedeutendsten waren Kunststoffe, Lacke und Farbe, Flugzeugteile, elektrische Maschinen, Kfz, sonstige Fertigerzeugnisse sowie Kunststoffe als Halbwaren.

Insgesamt ist der britische Importanteil in vielen klassischen deutschen Liefergruppen gering. Im Jahr 2017 hat Luxemburg zwei Prozent aller eingeführten petrochemischen und chemischen Erzeugnisse aus dem Vereinigten Königreich bezogen. Nur unwesentlich höher war der Anteil bei Produkten der Elektroindustrie sowie der Informations- und Telekommunikationstechnik, Mess-, Regel- und Schalttechnik (insgesamt 2,2 Prozent). Sogar weniger als ein Prozent betrug die britische Lieferquote bei Nahrungsmitteln, Maschinen und Kfz-Teilen.

Auch beim luxemburgischen Warenexport ins Vereinigte Königreich dominieren einige Produktgruppen. Im Jahr 2017 hatten Eisen und Stahl einen Anteil von 24,9 Prozent, Baustoffe 11,8 Prozent, sonstige Fertigerzeugnisse 6,2 Prozent, Straßenfahrzeuge 5,6 Prozent, Kunststoffe als Halbware 5,4 Prozent und Papier sowie Pappe 5,3 Prozent.

Luxemburgischer Warenhandel mit dem Vereinigten Königreich und Deutschland 2017
Vereinigtes Königreich Deutschland
Importe aus...(Mio. Euro) 275,4 4.803,2
Rang in der Importstatistik 8 2
Exporte nach... (Mio. Euro) 564,3 3.392,7
Rang in der Exportstatistik 6 1
Handelsvolumen mit... (Mio. Euro) 839,7 8.195,9
Rang als Handelspartner 7 2

Quelle: Eurostat

Luxemburg ist eine der attraktivsten Standortalternativen zum Vereinigten Königreich

Angesichts des relativ geringen Umfangs sollte ein Rückgang des Warenexports ins Vereinigte Königreich nicht zu einer nennenswerten Verringerung der gewerblichen Produktion in Luxemburg führen. Anders sieht es jedoch im Dienstleistungssektor aus. Dessen Austausch mit dem Vereinigten Königreich ist so intensiv, dass die Ein- und Ausfuhr jeweils etwa 23 Prozent des luxemburgischen BIP gleichkommt.

Innerhalb des luxemburgisch-britischen Handels mit Dienstleistungen dominieren wiederum Produkte des Finanzsektors, der 2017 für 54,8 Prozent der Exporte und sogar für 64 Prozent der entsprechenden Importe verantwortlich war. Sollte der Austausch solcher Dienstleistungen aufgrund von Erschwernissen nach dem Brexit signifikant sinken, so könnte dies in Luxemburg durchaus zu Reduzierungen der betroffenen Geschäftsbereiche führen.

Andererseits könnte der Standort Luxemburg durch den britischen EU-Austritt aber auch gewinnen, falls britische Unternehmen Aktivitäten dorthin verlagern. Das Großherzogtum gilt mit seinem Branchenmix, dem sehr hohen Bildungsniveau, seiner Lage und der hervorragenden Infrastruktur als eine der attraktivsten Optionen für Niederlassungen britischer Investoren in der EU-27.

Somit könnte der Brexit den luxemburgischen Bestand an Direktinvestitionen aus dem Vereinigten Königreich noch zusätzlich erhöhen. Bereits Ende 2016 hatte dieser 467 Milliarden Euro erreicht. Dies entspricht 13,6 Prozent der gesamten in Luxemburg vom Ausland angelegten Summe, womit das Vereinigte Königreich hinter den USA (23 Prozent) den zweiten Rang belegt.

Kontaktadressen

Eine Bestandsaufnahme der möglichen Brexit-Auswirkungen auf 13 europäische Länder finden Sie in der GTAI-Analyse "Der Brexit und seine Folgen" auf: http://www.gtai.de/brexit-zielmaerkte

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht und Zoll zu Luxemburg können Sie unter HYPERLINK "http://www.gtai.de/luxemburg"http://www.gtai.de/luxemburg abrufen.

Unter http://www.gtai.de/brexit informiert Germany Trade & Invest regelmäßig über Aktuelles und Hintergründe zum Brexit.

Dieser Artikel ist relevant für:

Luxemburg Außenwirtschaft, allgemein, Konjunktur, allgemein, Brexit

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