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02.03.2018

Malaysia wagt erste Schritte Richtung Industrie 4.0

Ausländische und exportorientierte Firmen sind Vorreiter / Interesse breit gestreut, Implementierung noch gering / Von Rainer Jaensch

Kuala Lumpur (GTAI) - Industrie 4.0 ist auch in Malaysia in aller Munde, wird bislang aber nur in Ansätzen von einzelnen Firmen implementiert. Weitere Unternehmen verfügen über die Voraussetzungen und Bereitschaft für die Einführung smarter Lösungen. Angesichts der stark ausfuhrorientierten Industrie besteht die Notwendigkeit zur Digitalisierung. Obwohl sich der Markt erst in der Entstehung befindet, sind die wichtigen Technologieanbieter bereits vor Ort, darunter namhafte deutsche Firmen.

Im verarbeitenden Gewerbe steht Industrie 4.0 in Malaysia erst am Anfang. Einzelne Unternehmen haben mit Industrie 3.0, zum Beispiel dem Einsatz von Robotern, die Voraussetzungen geschaffen, um die Weiterentwicklung hin zu Industrie 4.0 zu vollziehen und die Roboter miteinander sprechen zu lassen.

Unter den Branchen, die sich hierfür am ehesten öffnen, steht die bedeutende Elektronik- und Elektrotechnikindustrie an erster Stelle. Vor allem bei den multinationalen Halbleiterherstellern sind die Voraussetzungen gegeben. Interesse zeigen auch Unternehmen aus der aufstrebenden Luftfahrttechnik, dem Automobilbau, der Medizintechnik, der Chemie, der Lebensmittelverarbeitung sowie dem Maschinen- und Komponentenbau.

Hohe Qualitätsanforderungen ebnen Weg für Digitalisierung

Überall dort, wo es auf hohe Präzision, Sauberkeit (Reinraum) und Standardisierung ankommt, liegt der Schritt zur intelligenten Produktion nahe. Sie soll die Qualität verbessern und Fehler vermeiden. So denkt beispielsweise der deutsche Spezialglashersteller Schott in seinem Werk in Penang daran, die Inspektion von Glas und Teilen der Glashandhabung zu automatisieren. Denn beim Einlegen von Hand können kleine Fehler, zum Beispiel Verunreinigungen, entstehen, erklärte Peter Berberich, Geschäftsführer der Schott Glas Malaysia, im Gespräch mit Germany Trade & Invest (GTAI).

Vor dem Hintergrund der Qualitätsanforderungen hat auch der lokale Hersteller von Verbundstoff-Flugzeugteilen CTRM bereits ein hohes Maß an Automatisierung und Digitalisierung erreicht. So transportieren fahrerlose Transportfahrzeuge Produkte zu Maschinen. Auch wird das zerstörungsfreie Testen vollständig von Robotern übernommen.

Ein anderer Flugzeugkomponentenbauer, die UMW Aerospace Sdn Bhd, hat im neuen Werk in Serendah südlich von Kuala Lumpur auf intelligente Produktion gesetzt und ein Automatisierungsniveau von über 70 Prozent erreicht. Dort baut die Firma Gebläsegehäuse für die Rolls-Royce-Motoren Trent 1.000 und 7.000.

Nicht nur neue Betriebe werden mit Blick auf Industrie 4.0 errichtet. Unternehmen rüsten auch ältere Fertigungen nach. Bosch beispielsweise stellt in seinen Werken in Penang seit 1972 beziehungsweise 1992 Multimedia-Technologie für Kraftfahrzeuge sowie Elektrohandwerkzeuge her. Die Fabriken werden nun nach und nach mit Industrie 4.0-Komponenten ausgestattet, um Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen, so Simon Song, Managing Director von Bosch Malaysia, gegenüber GTAI.

Digitale Initiativen sind von außen induziert

Potenzielle Anwender von Industrie 4.0 sind in Malaysia multinationale Unternehmen oder lokale Firmen, die für internationale Kunden produzieren. Darunter gibt es drei Arten von Industrieunternehmen, die am ehesten entsprechende Projekte initiieren. Zum einen sind es Hersteller, deren Kunden erwarten, dass Dienste digital erbracht werden, erläuterte Jim Cook, Vice President, Industries and Digital Leadership, SAP Southeast Asia gegenüber GTAI. Ein gutes Beispiel ist Nissan, das zu einem digitalen Unternehmen geworden ist. Dessen Geschäftsmodell erfordert es nun, dass Zulieferer ebenfalls digitalisieren, damit die gesamte Lieferkette einheitlich ist.

Die zweite Gruppe sind Töchter multinationaler Konzerne, die den Vorgaben aus dem Mutterhaus folgen und ihr Geschäftsmodell digitalisieren, um Produktivität und Betriebseffizienz zu steigern. Als dritte Gruppe nennt Cook lokale Unternehmen, die ambitionierte Pläne haben, um auf ausländischen Märkten wettbewerbsfähig zu sein.

Bis zu 44 Prozent der malaysischen Firmen haben digitale Technologien auf dem Radar, aber nur sieben Prozent haben tatsächlich Budgets zur Implementierung entsprechender Strategien angekündigt. Dies ergab eine Analyse des Anbieters digitaler Lösungen Accenture im Rahmen seines "Digital Performance Index". Die meisten digitalen Initiativen fokussieren sich zudem auf die Beziehung zu Kunden und nicht auf interne Betriebsabläufe und Managementstrukturen. Von den befragten Unternehmen haben 52 Prozent neue digitale Produkte lanciert und bis zu 44 Prozent laufende Produkte digitalisiert. Nur 11 Prozent jedoch verwenden digitale Technologien in ihrem Produktionsprozess oder in ihrer Zulieferkette.

Trotz guter Gründe für die Einführung von Industrie 4.0-Lösungen zögern die Unternehmen mitunter. Zu spüren war dies bei einem Seminar, das die Investitionsförderbehörde Malaysian Investment Development Authority zusammen mit der Wirtschaftsförderung Bayern International im August 2017 im Großraum Kuala Lumpur zu dem Thema veranstaltete. Bei den Teilnehmern, überwiegend aus der verarbeitenden Industrie und teils aus dem Dienstleistungssektor, war eine gewisse Angst vor dem Unbekannten und den Folgen möglicher Arbeitsplatzverluste zu erkennen.

Auch die Kosten der Investitionen, Unkenntnis über die neue Technik und Sicherheitsbedenken führen nicht selten zu einer abwartenden Haltung. Viele vor allem mittelständische Unternehmen wissen nicht, wo und wie sie bei der Digitalisierung ansetzen sollen und welche messbaren Vorteile sie bringt. Somit lassen Firmen lieber die Konkurrenz die digitalen Neuerungen ausprobieren und lernen aus deren Fehlern.

Bei Qualifizierung von Arbeitskräften besteht Handlungsbedarf

Die größte Herausforderung ist jedoch der Mangel an technischem Know-how bei den Arbeitskräften. Die Regierung verspricht Abhilfe beispielsweise durch Bildungsinitiativen. Dies ist aber ein langwieriger Prozess, auch angesichts der strukturellen Bildungsdefizite. Die Privatwirtschaft, vor allem multinationale Unternehmen, wird daher mitunter selbst aktiv. So schließt beispielsweise Bosch Industrie 4.0 in sein Mechatronik-Ausbildungsprogramm ein. Dieses wird im Rahmen des German Dual Vocational Training zusammen mit dem Penang Skills Development Centre und der Deutsch-Malaysischen Auslandshandelskammer organisiert.

Die staatliche Förderagentur Malaysia Digital Economy Corporation wählt zusammen mit dem Industrieverband Federation of Malaysian Manufacturers Firmen aus, die sie gezielt bei ihrer Automatisierung und Digitalisierung unterstützen. Dazu gehört beispielsweise der weltweit größte Gummihandschuhhersteller Top Glove. Dieser muss automatisieren, um seine Abhängigkeit von geringqualifizierten ausländischen Arbeitskräften abzubauen.

Auch wenn Industrie 4.0 in Malaysia erst am Anfang steht, sind die wichtigen Technologieanbieter bereits am Markt vertreten. Einige haben jedoch ihr digitales Know-how für die Region Südostasien in Singapur konzentriert, auch wenn sie über eine Niederlassung in Malaysia verfügen. Oracle hingegen hat ein digitales Hub in Kuala Lumpur aufgebaut.

Technologieanbieter für Industrie 4.0 in Malaysia

Quelle: Recherchen von GTAI

Marktchancen in Malaysia nicht zuletzt für deutsche Anbieter sehen Kenner der sich abzeichnenden Industrie 4.0-Landschaft vor allem auf dem Feld der Datenerfassung, so alle Arten von Sensoren und Kameras. Auch bei industrieller Automation dürften Lösungen "Made in Germany" gute Chancen haben.

(R.J.)

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll, Ausschreibungen und Entwicklungsprojekten in Malaysia können Sie unter http://www.gtai.de/malaysia abrufen. Die Seite http://www.gtai.de/asien-pazifik bietet einen Überblick zu verschiedenen Themen in Asien-Pazifik.

Dieser Artikel ist relevant für:

Malaysia Robotik und Automation, Digitalisierung

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