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31.05.2018

Malta: Brexit wird Wirtschaftsboom nicht bremsen

Präsenz der ehemaligen Kolonialmacht aber noch groß / Von Robert Scheid

Valletta (GTAI) - Die Wirtschaft der ehemaligen britischen Kolonie Malta ist immer noch eng mit dem Vereinigten Königreich verbunden. Als Handelspartner rangiert Großbritannien zwar lediglich auf Platz sechs, doch der Austausch von Dienstleistungen ist von großer Bedeutung. Dies geht einerseits auf Direktinvestitionen aus dem Vereinigten Königreich im Bankensektor zurück. Andererseits spielen Tourismus und Gesundheitswesen eine wichtige Rolle für die Wirtschaft des kleinen Inselstaates. (Kontaktadressen)

Begrenzte Auswirkungen auf das Bruttoinlandsprodukt

Bevor Malta 2004 Mitglied der Europäischen Union (EU) wurde, gehörte es 150 Jahre zum britischen Weltreich und seit der Unabhängigkeit im Jahr 1964 zum Commonwealth of Nations. Der kleine Inselstaat hat vor diesem Hintergrund traditionell sehr enge Wirtschaftsbeziehungen zum Vereinigten Königreich. Im Warenhandel hat sich die Abhängigkeit von Großbritannien in den vergangenen Jahrzehnten stark reduziert, allerdings sind die beiden Länder im Dienstleistungsbereich eng vernetzt. Der Brexit könnte insbesondere in den Bereichen Finanzdienstleistungen und Tourismus Auswirkungen auf die maltesische Wirtschaft haben.

Die maltesische Zentralbank schätzte in einer Analyse von März 2017 die negativen Folgen des Brexits auf das Bruttoinlandsprodukt (BIP) auf 0,24 bis 0,54 Prozent im Dreijahreszeitraum 2017 bis 2019. Das Wirtschaftswachstum des Inselstaates wird für den gleichen Zeitraum bei 12 Prozent liegen, so die Studie. Die makroökonomischen Folgen werden also zumindest in den ersten Jahren überschaubar sein.

Die Tourismusbranche befürchtet vor allem, dass britische Reisende durch die Pfundabwertung preissensibler werden könnten. Allerdings haben die Diversifizierung der Herkunftsländer der Besucher und das starke Wachstum der Branche insgesamt die Abhängigkeit vom Vereinigten Königreich in den vergangenen Jahren reduziert. In den 1980er Jahren kamen fast 80 Prozent der Touristen aus Großbritannien, gegenwärtig sind es noch circa 30 Prozent. Der Anteil der Ausgaben britischer Touristen am maltesischen BIP hat sich ebenfalls reduziert. Im Jahr 2001 machten sie 9,4 Prozent aus, inzwischen liegt der Anteil bei unter 5 Prozent.

Zwischen 2013 bis 2017 sind in Malta die Besucherankünfte aus aller Welt um 45 Prozent auf 2,3 Millionen gestiegen. Diese positive Entwicklung wird sich in den kommenden Jahren fortsetzen, wodurch ein möglicher Verlust von britischen Touristen und deren Ausgaben problemlos ausgeglichen wird.

Wirtschaftsverflechtungen zwischen Malta und dem Vereinigten Königreich (VK; Anteile in Prozent)
Indikator 2017
Anteil Warenimporte aus VK am BIP 3,6
Anteil Dienstleistungsimport aus VK am BIP 13,5
Anteil Warenexport nach VK am BIP 0,7
Anteil Dienstleistungsexport nach VK am BIP 17,6
Anteil der Direktinvestitionen aus dem VK am Gesamtbestand ausländischer Direktinvestitionen Malta 7,0

Quelle: NSO Malta

Tourismus und Finanzdienstleistungen im Mittelpunkt

Die Abhängigkeit Maltas vom Vereinigten Königreich im Außenhandel von Waren hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stark reduziert. In den Jahren direkt nach der Unabhängigkeit Maltas lag das Vereinigte Königreich als maltesischer Absatzmarkt weit vorne und nahm circa 40 Prozent der Ausfuhren auf. Im Jahr 2017 lag der Anteil der maltesischen Warenexporte ins Vereinigte Königreich an der Gesamtausfuhr nach Angaben des Nationalen Statistikamts NSO Malta bei lediglich 2,4 Prozent, Platz zehn in der Rangliste der wichtigsten Abnehmerländer Maltas. Deutschland (12,4 Prozent Anteil), Italien (8 Prozent), Libyen (7,2 Prozent) und Frankreich (7,2 Prozent) stehen weit vorne. Auch Ägypten, Hongkong, Singapur, die USA und Japan rangieren vor dem Vereinigten Königreich. Als Lieferland lag das Vereinigte Königreich im gleichen Zeitraum auf Platz 3 mit einem Anteil von 6,7 Prozent hinter Italien (19,8 Prozent) und Deutschland (7 Prozent).

Wesentlich wichtiger für die Schätzung der Brexitfolgen ist die Betrachtung der Dienstleistungsimporte und -exporte. Darunter fallen beispielsweise Finanzdienstleistungen und Tourismus, zwei Branchen die einen entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung der maltesischen Wirtschaft haben. Die Dienstleistungsexporte in das Vereinigte Königreich sind aber zum großen Teil Ausgaben britischer Touristen auf Malta. Der Anteil dieser Ausgaben am maltesischen BIP liegt bei 4,9 Prozent.

Maltesischer Warenhandel mit dem Vereinigten Königreich und Deutschland 2017
Vereinigtes Königreich Deutschland
Importe aus...(Mio. Euro) 398,0 420,9
Rang in der Importstatistik 3 2
Exporte nach... (Mio. Euro) 77,8 399,9
Rang in der Exportstatistik 10 1
Handelsvolumen mit... (Mio. Euro) 475,8 821,0
Rang als Handelspartner 3 2

Quelle: NSO Malta

Vereinigtes Königreich ist viertwichtigster Investor

Laut Daten des nationalen Statistikamts NSO Malta stammen 7 Prozent der Auslandsdirektinvestitionen aus dem Vereinigten Königreich. Damit rangiert das Land auf dem vierten Platz hinter Deutschland (17,4 Prozent), den Niederlanden (12,2 Prozent) und Irland (7 Prozent). Die Finanzbranche ist der wichtigste Treiber von Auslandsdirektinvestitionen: mehr als 98 Prozent aller Direktinvestitionen konzentrieren sich auf den Bereich Finanzen und Versicherungen. Maltesische Unternehmer sehen die Lage jedoch relativ gelassen, denn britische Unternehmen sind mit ihren globalen Investitionsplänen bereits seit dem Brexitvotum vorsichtiger geworden. Bisher wurde Malta dadurch kaum betroffen.

Im Finanzsektor liegen die Risiken (gemessen an Garantien und Kreditderivaten durch britische Tochtergesellschaften in Malta) laut einer Studie von der Ratingagentur S&P bei 58 Prozent des BIP. Nur die Finanzzentren Luxemburg und Schweiz sind nach diesem Maßstab einem noch höheren Risiko ausgesetzt. Maltas hoch entwickelter Finanzdienstleistungssektor erwirtschaftet 12 Prozent des BIP und beschäftigt circa 10.000 Mitarbeiter. Während die Folgen für ausländische Finanzdienstleister, die in Malta tätig sind, noch nicht eindeutig feststehen, besteht für die maltesischen Banken durch die Unabhängigkeit von der internationalen Finanzwelt keine Gefahr.

Die Stimmung in Maltas Finanzbranche ist verhalten positiv. Experten sprechen, wie an anderen Orten in der EU, von der Chance, zusätzliche britische und multinationale Unternehmen ins Land zu locken. Für Malta sprechen verschiedene Standortvorteile, so zum Beispiel die günstige Steuergesetzgebung und der Gebrauch von Englisch als Amts- und Geschäftssprache. Als Grund für die enge Verflechtung der Finanzbranche mit dem Vereinigten Königreich wird außerdem das in Malta vorhandene Verständnis sowohl des europäischen als auch des britischen Rechtssystems genannt. Allerdings stößt die Branche bezüglich der Verfügbarkeit von Fachkräften an ihre Grenzen.

Laut dem maltesischen Statistikamt leben rund 30.000 Ausländer auf Malta. Circa 9.000 sind Briten, etwa ein Drittel davon sind Pensionäre. Im Jahr 2016 waren 3.985 Briten auf Malta berufstätig. Damit stammen 17,6 der ausländischen Arbeitskräfte und 1,8 Prozent der Gesamtbeschäftigten aus dem Vereinigten Königreich. Im gleichen Jahr kam Großbritannien auf Platz zwei der Länderrankings für Anträge auf die maltesische Staatsbürgerschaft. In Großbritannien wiederum leben etwa 31.000 Malteser und weitere 1.000 Studenten, die nach dem Brexit-Votum verunsichert sind. Über den Aufenthaltsstatus hinaus blicken viele britische und maltesische Staatsbürger verunsichert in die Zukunft der Kooperation im Gesundheitswesen. Es besteht seit Jahrzehnten ein Abkommen zwischen beiden Ländern über die Nutzung der jeweiligen Gesundheitssysteme.

Kontaktadressen

Eine Bestandsaufnahme der möglichen Brexit-Auswirkungen auf 13 europäische Länder finden Sie in der GTAI-Analyse "Der Brexit und seine Folgen" auf: http://www.gtai.de/brexit-zielmaerkte

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht und Zoll in Italien können Sie unter http://www.gtai.de/malta abrufen.

Unter http://www.gtai.de/brexit informiert Germany Trade & Invest regelmäßig über Aktuelles und Hintergründe zum Brexit.

Dieser Artikel ist relevant für:

Malta Außenwirtschaft, allgemein, Konjunktur, allgemein, Wirtschaftsbeziehungen zu anderen Ländern, Regionen, Brexit

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