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18.06.2019

Marokko will zum wichtigsten Digitalhub im französischsprachigen Afrika werden

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Digitalagentur soll 2019 auch das Thema künstliche Intelligenz voranbringen / Von Friedrich Henle

Berlin (GTAI) - Marokko hat sich mit einer Digitalisierungsstrategie ehrgeizige Ziele verordnet. Internationale Vergleichsstudien zeigen jedoch, dass weiterhin Nachholbedarf besteht.

Digitalisierungsstrategie

In Marokko steht das Thema Digitalisierung schon seit längerer Zeit auf der politischen Agenda. Im Juli 2016 hat die Regierung die aktuelle Strategie mit dem Namen Maroc Digital 2020 ins Leben gerufen. Bereits 2009 war die Vorgängerstrategie Maroc Numéric 2013 angelaufen. Die aktuelle Strategie soll erstens die Digitalisierung der Wirtschaft voranbringen, zweitens Marokko als regionalen Digitalhub ausbauen und drittens die entsprechenden Rahmenbedingungen im Land verbessern.

Dazugehörige Initiativen untermauern die Bedeutung dieser drei Ziele. Die Regierung möchte die Digitalisierung der Wirtschaft unter anderem durch den Ausbau des E-Government unterstützen. Im Themenfeld regionaler Digitalhub stehen Initiativen im Vordergrund, die Kompetenzen im Business Process Outsourcing für europäische Kunden stärken. Die entsprechenden Rahmenbedingungen will das Land verbessern, indem es die IKT-Infrastruktur ausbaut, durch Fortschritte im Bildungssystem im Bereich Informationstechnologien und durch die Anpassung gesetzlicher und administrativer Auflagen.

Die Strategie Maroc Digital 2020 nennt auch konkrete Ergebnisse, die bis Ende 2020 erzielt werden sollen. Zum einen soll die digitale Kluft schrumpfen, zudem sollen mindestens 50 Prozent der Verwaltungsverfahren digitalisiert sowie mindestens 20 Prozent der marokkanischen kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) an das Internet angeschlossen werden.

Darüber hinaus erwartet die Regierung ein jährliches Wachstum von 5 bis 10 Prozent im Bereich Offshoring von IKT-Dienstleistungen. Marokko soll zudem der wichtigste Digitalhub im frankophonen Afrika und der zweitwichtigste Digitalhub auf dem Kontinent nach Südafrika werden. Dazu dient auch die geplante Verdopplung der ausgebildeten IT-Spezialisten auf 30.000 pro Jahr.

Eine zentrale Rolle bei der Umsetzung der Strategie Maroc Digital 2020 und bei der Politikberatung kommt der Digitalagentur ADD - Agence de développement du digital zu. Im August 2017 wurde im marokkanischen Amtsblatt ihre Gründung gemeldet. Sie soll unter anderem mit den Behörden technische Normen für digitale Produkte und Dienstleistungen festlegen und deren Anwendung überwachen. Im Jahr 2018 war die ADD in erster Linie mit dem Organisationsaufbau befasst. In diesem Jahr sollen nun konkrete Aktivitäten folgen und erste Ergebnisse vorliegen.

Konkreter ist bereits die Förderung von Start-ups. Noch aus der Zeit der Vorgängerstrategie Maroc Numéric 2013 stammt die Gründung des Maroc Numeric Fonds, eines öffentlich-privaten Wagniskapitalfonds, der in marokkanische Start-ups aus dem IKT-Sektor investiert. Seit 2018 befindet sich dieser Fonds in seiner zweiten Phase, für die das Budget auf rund 18 Millionen Euro verdoppelt wurde.

Strategie für künstliche Intelligenz

Marokko verfügt über keine eigene Strategie für künstliche Intelligenz (KI). KI findet auch in der Strategie Maroc Digital 2020 keine Erwähnung. Das Arbeitsprogramm 2019 der Digitalagentur ADD beinhaltet jedoch den Aufbau eines KI-Ökosystems. Im Vordergrund steht hier die maschinelle Generierung und Verarbeitung von natürlicher Sprache, um die digitale Inklusion voranzubringen. Zusätzlich ist geplant, ein staatliches Förderprogramm für Forschung und Entwicklung im Bereich KI aufzulegen. Dieses soll konkrete Anwendungsfälle für KI in verschiedenen Wirtschaftssektoren unterstützen und dafür Auftraggeber, Kunden, innovative Start-ups und Bildungseinrichtungen zusammenbringen.

E-Government

E-Government ist in die Strategie Maroc Digital 2020 eingebettet und wird von der Digitalagentur ADD mit einem eigenen Aktionsfeld "Smart Government" weiterbearbeitet. So ist beispielsweise eine Plattform geplant, um den Datenaustausch zwischen Verwaltungseinheiten sicherzustellen. Die im Export- und Importgeschäft sowie von ausländischen Investoren genutzten Verfahren sollen ebenfalls digitalisiert werden. Geplant ist außerdem eine Plattform für alle Bürger, in der sämtliche Dienstleistungen der öffentlichen Hand integriert werden.

Derzeit schneidet Marokko im E-Government Development Index 2018 der Vereinten Nationen weniger gut ab. Der Stand bei den drei Kriterien Online-Angebot, IKT-Infrastruktur und Humankapital reicht nur für Platz 110 unter 193 untersuchten Ländern. Dies stellt zudem eine Verschlechterung um 25 Plätze im Vergleich zur letzten Studie aus dem Jahr 2016 dar und verdeutlicht, dass Marokko beim Thema E-Government noch Nachholbedarf hat. Im Regionalvergleich weist allerdings nur Tunesien in Nordafrika eine bessere Platzierung auf (Platz 80).

Erste Schritte in Richtung papierloser Verwaltung sind sichtbar: Zum 1.1.19 ist die Zollabwicklung vollständig digitalisiert worden. Auch bei der Steuerbehörde haben zum selben Zeitpunkt weitere digitale Prozesse Einzug gehalten. Nach einem Bericht der marokkanischen Wirtschaftszeitung L´Economiste führen diese aktuell aber zu Problemen bei der Anerkennung elektronischer Dokumente durch die Handelsgerichte.

Stärken/Schwächen

Obwohl sich Marokko bereits seit einigen Jahren mit der Digitalisierung auseinandersetzt, lässt die Entwicklung noch zu wünschen übrig. In internationalen Vergleichsstudien erreicht das Land nur mittelmäßige Platzierungen. So steht Marokko im Global Competitiveness Report 2018 des Weltwirtschaftsforums beim Indikator IKT-Einsatz (ICT-Adoption), der häufig als Gradmesser für die allgemeine Technologieverbreitung gesehen wird, auf Platz 93 von 140 Ländern weltweit. Hier hat sich das Land allerdings im Vergleich zum Vorjahr verbessert. Die Gesamtplatzierung von Marokko im Report ist Rang 75.

Zwar hat auch Marokkos mobile Telekommunikationsinfrastruktur noch Luft nach oben. Im regionalen Vergleich aber schneidet das Land in dieser Kategorie gut ab. Im Mobile Connectivity Index 2018 des internationalen Telekommunikationsverbandes GSMA erzielt Marokko 58 von 100 Punkten. Damit gehört Marokko laut Index zu den fünf Ländern in der MENA-Region, die sich im Jahresvergleich am stärksten verbessert haben. Die Mobilfunkbetreiber im liberalisierten Telekommunikationsmarkt sind Maroc Telecom, Médi Telecom und Inwi. Diese erhielten im Jahr 2015 entsprechende Lizenzen zum Aufbau des 4G-Mobilfunknetzes, verbunden mit der Auflage, bis 2020 mit diesem Mobilfunkstandard 65 Prozent der Bevölkerung versorgen zu können. Die Internet-Durchdringungsrate, in erster Linie der zunehmenden Verbreitung von Smartphones geschuldet, betrug Ende September 2018 etwa 67,5 Prozent. Damit steht Marokko an der Spitze der nordafrikanischen Länder. Defizite bestehen jedoch weiterhin in der Versorgung des ländlichen Raums.

Ein wichtiger Standort ist Marokko bereits im IT-Offshoring, insbesondere für europäische Kunden. Das Lohnniveau, ein politisch stabiles Umfeld und Fördermittel sprechen für den Standort.

Ausblick

Beim neuen Mobilfunkstandard 5G scheint auch Marokko in den Startlöchern zu stehen. So hat der Mobilfunkbetreiber Inwi im März 2019 angekündigt, dass Kunden die neue Technologie in Kürze testen können. Partner ist hier der Netzwerkausrüster Huawei.

Weitere Anstrengungen sind jedoch nötig, um die Vorteile der Digitalisierung in Marokko voll auszuschöpfen. Im März 2019 hat Marokko einen Kreditvertrag mit der Weltbank über 700 Millionen US-Dollar unterzeichnet, um speziell die Entwicklung der Digitalwirtschaft sowie die finanzielle Inklusion von Privatpersonen sowie KMU zu unterstützen.

Die Finanzwirtschaft ist einer der Bereiche, in denen die Digitalisierung kurzfristig eine der größten Auswirkungen haben dürfte. Da nur etwa 29 Prozent der marokkanischen Bürger ein Bankkonto besitzen (MENA-Region: 44 Prozent), können mobile Bezahlfunktionen an Bedeutung gewinnen. Die marokkanische Zentralbank und die Regulierungsbehörde für Telekommunikation haben im November 2018 mit einem Gemeinschaftsprojekt den zusätzlichen Standard "m-wallet" ins Leben gerufen, um die Verbreitung mobiler Bezahlfunktionen zu erleichtern.

Kontaktadressen

Bezeichnung Kontakt Anmerkung
Ministerium für Industrie, Investitionen, Handel und Digitalwirtschaft http://www.mcinet.gov.ma -
Open Data-Plattform der Verwaltung http://www.data.gov.ma/fr -
APEBI https://www.apebi.org.ma Marokkanischer Verband für IKT und Offshoring
ANRT https://www.anrt.ma Marokkanische Regulierungsbehörde für Telekommunikation
Maroc Numeric Fund https://mnf.ma/en/ Marokkanischer Wagniskapitalfonds für die Digitalwirtschaft

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll, Ausschreibungen und Entwicklungsprojekten in Marokko können Sie unter http://www.gtai.de/marokko abrufen.

Weitere Informationen zur Digitalisierung sind abrufbar unter http://www.gtai.de/wirtschaft-digital

Dieser Artikel ist relevant für:

Marokko Digitalisierung

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Kontakt

Meike Eckelt

‎+49 228 24 993 278

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