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27.11.2018

Massiver Ausbau der Petrochemiekapazitäten in Ägypten

Allein in Tahrir-Petrochemiekomplex fließen 10,9 Milliarden US$ / Von Oliver Idem

Kairo (GTAI) - Vor allem die steigende Erdgasförderung sorgt für mehr Rohstoffe für die ägyptische Petrochemiebranche. Mehrere große Projekte zur Kunststoffherstellung sowie Raffinerievorhaben stehen an.

Laut der Chamber of Chemical Industries beim ägyptischen Industriedachverband FEI erreichte der Produktionswert von Kunststoffen, Gummi und petrochemischen Erzeugnissen 2017 bereits knapp 9,7 Milliarden US-Dollar (US$). Die Wachstumsaussichten für die kommenden Jahre schätzt die Kammer als günstig ein.

Das Ministry of Petroleum setzt auf einen weiteren Ausbau des Downstreamsektors und eine stärkere Selbstversorgung Ägyptens mit Kraftstoffen. Im Oktober 2018 konnten etwa 70 Prozent dieser Inlandsnachfrage aus lokalen Quellen gedeckt werden. Die Egyptian General Petroleum Corporation (EGPC) will für 12,6 Milliarden US$ die Kapazitäten ihrer acht Raffinerien von 38 Millionen auf 41 Millionen Tonnen steigern. Für 2019 sind durch Effizienzsteigerungen und neue Anlagen 42 Millionen Tonnen das Ziel. Das Ministerium erwartet bis Mitte 2020 einen Anstieg der Dieselnachfrage um 1,3 Millionen auf 16,8 Millionen Tonnen und des Benzinverbrauchs um 0,54 Millionen auf 8 Millionen Tonnen.

Ziel des staatlichen Petrochemicals Master Plan 2002 bis 2022 ist ebenfalls der Ausbau der lokalen Erzeugung. In der letzten Phase stehen die Produktion von Propylen und Polyproylen, ein dritter Olefinkomplex sowie Anlagen zur Herstellung von Styrolen und Vinyl im Fokus. Teil der Pläne sind auch Wasch- und Reinigungsmittel, Butadien und Styrol-Butadien-Latex.

Grad der Selbstversorgung bei Kunststoffen variiert stark

Die ägyptische Kunststoffindustrie besteht laut der Egyptian Plastics Exporters and Manufacturers Association aus etwa 3.000 Unternehmen. Das Marktvolumen für Kunststoffe liegt bei schätzungsweise 4,5 Milliarden US$ und die gesamten Investitionen summieren sich auf etwa 5 Milliarden US$. Schwerpunkte der Produktion sind Polyethylen, thermoplastische Kunststoffe und Suspensions-Polyvinylchlorid. In den ersten acht Monaten 2018 waren Kunststoffe laut dem Chemicals and Fertilizers Export Council das wichtigste Exportgut der Branche. Die Ausfuhren summierten sich auf knapp 1,1 Milliarden US$.

Bei Polyethylen- und -propylen, PVC und PET deckten inländische Hersteller im Jahr 2012 lediglich 30 bis 40 Prozent des Inlandsbedarfs. Hingegen war Ägypten bei Acrylpolymer und -glas, Synthesekautschuk, Acrylnitril, Styrolpolymeren, Polyurethan, Polyvinylacetat, Polyester, Ethylenvinylacetat, Polycarbonat, Epoxyden und Polyamiden vollständig auf Einfuhren angewiesen. Trotz ihres Alters dürften diese Zahlen weiterhin grob die Verhältnisse abbilden.

Suche nach Finanzierungsquellen kann Planungsphasen verlängern

Da die petrochemischen Projekte besonders kapitalintensiv sind, befinden sie sich meistens länger in der Studienphase. Oft muss mit verschiedenen Partnern verhandelt werden, um eine Gesamtfinanzierung auf die Beine zu stellen. Laut einem Medienbericht von September 2018 verhandelte Sidi Kerir Petrochemicals (SIDPEC) mit mindestens neun in- und ausländischen Banken, um einen Kredit über 1,2 Milliarden US$ für ein geplantes Propylenwerk in Alexandria zu erhalten. Die staatliche Middle East Oil Refinery (MIDOR) vereinbarte im Oktober 2018 einen Kredit über 1,2 Milliarden US$ mit drei europäischen Banken. Das Geld soll für den Ausbau der Raffinerie verwendet werden, der insgesamt 2,2 Milliarden US$ kosten wird.

Ausgewählte Petrochemieprojekte in Ägypten
Projektbezeichnung Investitionssumme (in Mio. US$) Projektstand Anmerkung
Tahrir (Raffinerie- und Petrochemiekomplex) in Ain Sokhna 10.900 Bau hat begonnen Projektträger Carbon Holdings; umfasst insgesamt neun Anlagen
Petrochemiekomplex in El Alamein 7.500 Studien sollten Ende November 2018 abgeschlossen sein Projektträger Egyptian Petrochemicals Holding Company (ECHEM)
Raffinerie- und Petrochemiekomplex in Suez 6.100 Bau hat begonnen Projektträger Ministry of Petroleum
Petrochemiekomplex in Suez 3.000 frühe Studienphase Projektträger Ministry of Petroleum
Anlage für Propylen und Propylenderivate in Alexandria 2.000 Vorplanung Projektträger SIDPEC
Anlage für Polypropylen in Alexandria 1.700 Studienphase Projektträger SIDPEC
Ausbau einer PVC-Fabrik in Port Said 1.300 Durchführung Projektträger TCI Sanmar Chemicals
Anlage zur erhöhten Methangasgewinnung (Phase 2) in Alexandria 600 Durchführung Projektträger Egyptian Natural Gas Company (GASCO)
Ausbau des Propylen- und Polypropylenkomplexes in Port Said 450 Auswertung der Angebote Projektträger Egyptian Propylene & Polypropylene Company (EPPC)
Anlage zur Produktion von Polypropylen aus Gas 200 Studienphase Projektträger ECHEM

Quellen: MEED Projects (November 2018); Pressemeldungen

Die Umsetzung der Vorhaben bietet Chancen für ausländische Unternehmen, mit ihrer Expertise zum Zuge zu kommen. MEED Projects nennt bislang einen deutschen Bewerber: ThyssenKrupp ist ein Bieter um den Hauptauftrag beim EPPC-Projekt in Port Said. Das Unternehmen konkurriert dabei mit Samsung Engineering.

Breitere lokale Rohstoffbasis begünstigt das Wachstum der Produktion

Petrochemieunternehmen in Ägypten erhalten Rückenwind durch die massive Erschließung von Erdgasvorkommen. Ende September 2018 wurde zunächst die Selbstversorgung erreicht und damit die kostspielige Umwandlung von importiertem Flüssiggas beendet. Der Verbrauch wächst zwar, aber die Erkundung und Ausbeutung neuer Vorkommen nimmt noch schneller zu. Ende 2018 oder Anfang 2019 stehen neue Ausschreibungen zur Erdöl- und Erdgasexploration im Roten Meer und im Süden Ägyptens an. Im November 2018 erreichte die Tagesförderung in Ägypten 184 Millionen Kubikmeter Erdgas.

Der Ausbau der inländischen Kraftstoffproduktion hat für Ägypten auch fiskalische Bedeutung. Damit kann die Importabhängigkeit reduziert und das Land unabhängiger von den schwankenden Erdölpreisen werden. Zudem sieht der Staatshaushalt für das Fiskaljahr 1. Juni 2018 bis 30. Juni 2019 knapp 4,4 Milliarden Euro Kraftstoffsubventionen vor. Dauerhaft höhere Erdölpreise als die optimistisch kalkulierten 67 US$ pro Barrel könnten diesen Kostenblock noch weiter anschwellen lassen. Vor dem Hintergrund eines Haushaltsdefizits von voraussichtlich 8,4 Prozent trägt eine stärkere Selbstversorgung mit Kraftstoffen auch zur Stabilisierung der Staatsfinanzen bei.

Kontaktadressen

Bezeichnung Internetadresse Anmerkungen
Ministry of Petroleum http://www.petroleum.gov.eg Erdölministerium
Federation of Egyptian Industries http://www.fei.org.eg Industriedachverband mit Chamber of Chemical Industries
Egyptian Plastic Exporters and Manufacturers Association http://www.epema.org Branchenverband
Chemicals and Fertilizers Export Council http://www.cec-eg.com Exportverband
Plastex http://www.plastex-online.com Fachmesse in Kairo; nächster Termin 9. bis 12.1.2020

Weiterführende Informationen zu Ägypten unter http://www.gtai.de/aegypten

Dieser Artikel ist relevant für:

Ägypten Chemische Industrie, allgemein, Kunststoffe und Gummi, Petrochemie

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