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08.11.2018

Medizintechnikmarkt in Neuseeland im Aufschwung

Zentrale Beschaffung im öffentlichen Gesundheitssektor geplant / Von Heiko Stumpf

Sydney (GTAI) - Die Nachfrage nach Medizinprodukten in Neuseeland profitiert von höheren Gesundheitsausgaben. Für öffentliche Krankenhäuser soll ein zentrales Beschaffungsmanagement eingeführt werden.

Das Absatzvolumen für Medizintechnik in Neuseeland dürfte sich nach Einschätzung des Marktforschungsinstitutes BMI Research im Jahr 2017 auf rund 762 Millionen US-Dollar (US$) belaufen haben. Für das Jahr 2018 wird ein Wachstum von 3,5 Prozent auf knapp 789 Millionen US$ prognostiziert. Bis 2021 könnte eine Gesamtnachfrage von rund 822 Millionen US$ entstehen. Dies schafft Lieferchancen auch für deutsche Anbieter. "Rund 80 Prozent des lokalen Medizintechnikbedarfs wird durch Importe bedient", erklärt die Branchenexpertin Diana Siew vom Auckland Bioengineering Institute im Gespräch mit Germany Trade & Invest.

Das neuseeländische Gesundheitssystem muss eine schnell wachsende Bevölkerung versorgen. Zuletzt legte die Einwohnerzahl um 1,9 Prozent pro Jahr zu und erreichte Mitte 2018 rund 4,9 Millionen. Bis 2038 könnten 5,8 Millionen Menschen in Neuseeland leben. Gleichzeitig wird auch die Gruppe der versorgungsintensiven über 65-Jährigen immer größer. Deren Gesamtanteil könnte von derzeit rund 15,3 Prozent auf 20 bis 22 Prozent im Jahr 2032 ansteigen.

Zudem sind auch in Neuseeland chronische und lebensstilbedingte Krankheiten auf dem Vormarsch. So belegt Neuseeland mit einer Übergewichtigkeitsrate von 30,7 Prozent der über 15-Jährigen den dritthöchsten Wert unter den OECD-Staaten (hinter den USA und Mexiko).

Öffentlicher Sektor bekommt Etatspritze

Dominiert wird der neuseeländische Gesundheitsmarkt vom öffentlichen Sektor. In diesen flossen nach OECD-Angaben im Jahr 2017 etwa 78,6 Prozent der gesamten Gesundheitsausgaben. Finanziert wird das öffentliche Gesundheitssystem im Wesentlichen durch Steuermittel. Dadurch können die Einwohner Neuseelands eine kostenlose Behandlung in den öffentlichen Krankenhäusern in Anspruch nehmen.

Der Besuch von Arztpraxen wird staatlich subventioniert, so dass Patienten nur einen geringen Eigenanteil zahlen müssen. Die Kosten für medizinische Behandlungen, die infolge eines Unfallereignisses erforderlich sind, werden wiederum durch die Accident Compensation Corporation (ACC) getragen, welche sich durch Beiträge von Arbeitgebern und Arbeitnehmern sowie durch Abgaben von Autohaltern bei der Fahrzeuganmeldung finanziert.

Trotz des steigenden Behandlungsbedarfs stagnierten in den vergangenen fünf Jahren die realen öffentlichen Gesundheitsausgaben pro Kopf. Im Staatshaushalt für das Finanzjahr 2018/19 (1. Juli bis 30. Juni) erhöht die Regierung die Mittel für den öffentlichen Gesundheitssektor jedoch um knapp 9 Prozent auf umgerechnet insgesamt 12,7 Milliarden US$ (18,2 Milliarden Neuseeland-Dollar (NZ$); Jahresdurchschnittskurs 2017: 1 NZ$ = 0,7005 US$). Ein Großteil fließt in die Kassen der insgesamt 20 District Health Boards (DHBs). Diese sind für den Betrieb der 85 öffentlichen Kliniken des Landes verantwortlich und kaufen zudem Dienstleistungen für die Primärversorgung ein.

Gesundheitseinrichtungen werden modernisiert und ausgebaut

Nach Einschätzung des Branchenverbandes Medical Technology Association of New Zealand (MTANZ) verfügen die öffentlichen Krankenhäuser über eine gute medizintechnische Ausstattung, da regelmäßig in moderne und hochwertige Ausrüstung investiert wird. Dennoch hat sich in den vergangenen Jahren ein hoher Investitionsstau im neuseeländischen Gesundheitswesen gebildet. Rund 19 Prozent der öffentlichen Einrichtungen befinden sich in einem schlechten Zustand und sind sanierungsbedürftig.

Nach dem 2018 Investment Statement des neuseeländischen Schatzamtes sind in den kommenden zehn Jahren Investitionen in Höhe von 9,9 Milliarden US$ für die Modernisierung der öffentlichen Krankenhäuser erforderlich. Im Haushaltsjahr 2018/19 werden die investiven Mittel der DHBs bereits um 525 Millionen US$ erhöht. Einige wichtige Projekte wie der Neubau des Dunedin Hospitals, das bislang größte Krankenhausvorhaben des Landes, befinden sich bereits in der Planungsphase.

Krankenhausprojekte in Neuseeland (Auswahl)
Name Investitionssumme (in Mio. US$)*) Projektstand Anmerkungen
Dunedin Hospital 980 Planung, Bau ab 2019 in mehreren Phasen, Dauer 7 bis 10 Jahre Ersatzneubau für die Klinik in Dunedin
Nelson Hospital Redevelopment 105 Planung, geplanter Baubeginn 2020 Ersatzneubau für die Klinik in Nelson
North Shore Hospital Redevelopment 157 Planung Ersatzneubau für die Klinik in Waitemata mit Fokus auf elektive Chirurgie

*) umgerechnet anhand des Jahresdurchschnittskurses 2017: 1NZ$ = 0,7005 US$

Quellen: Ministry of Health; New Zealand Infrastructure Pipeline

Langfristig müssen in Neuseeland auch neue Bettenkapazitäten geschaffen werden. Insgesamt verfügten die öffentlichen Krankenhäuser Neuseelands im Jahr 2017 über rund 11.100 Betten. Die vier für den oberen Teil der Nordinsel mit dem Großraum Auckland verantwortlichen DHBs haben 2018 einen gemeinsamen Northern Region Long Term Investment Plan vorgestellt, der bis 2036/37 einen zusätzlichen Bedarf von insgesamt 1.600 Betten ermittelt.

Zu den angedachten Maßnahmen gehören der Ausbau der beiden Krankenhäuser Waitakere (300 Betten) und Whangarai (90 Betten) sowie eine neue Klinik im Großraum Auckland mit rund 400 Betten. Insgesamt werden die erforderlichen Investitionsausgaben der vier DHBs im Zeitraum 2017/18 bis 2036/37 auf durchschnittlich 450 Millionen US$ pro Jahr geschätzt.

Privatsektor verzeichnet Zulauf

Auch der private Krankenhaussektor Neuseelands befindet sich auf Wachstumskurs. Die in der New Zealand Private Surgical Hospitals Association vertretenen Betreiber verfügten 2017 zusammen über 39 Krankenhäuser mit 1.445 Betten. Daneben gibt es einige Betreiber von Tageskliniken. Die Zahl der Privatversicherten wächst konstant und erreichte Mitte 2018 eine Anzahl von knapp 1,4 Millionen (+1,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr). Marktführer ist die Southern Cross Medical Care Society. Diese hält einen Marktanteil von 62 Prozent für private Krankenversicherungen und betreibt 14 eigene Kliniken. Im Jahr 2018 startete der Bau des North Shore Surgical Centre in Auckland.

Ein wichtiger Anreiz für den Abschluss einer privaten Krankenversicherung liegt in der Vermeidung von Wartezeiten. Für Operationen beträgt diese im öffentlichen Sektor teilweise bis zu 300 Tage. Die privaten Krankenhäuser fokussieren sich deshalb stark auf elektive Eingriffe. So werden etwa 50 Prozent aller planbaren Operationen in privaten Einrichtungen durchgeführt.

Zentrale Beschaffungsstelle und neue Zulassungsregelungen geplant

Weitreichende Veränderungen ergeben sich für den Vertrieb von Medizintechnik. Bislang wurde die medizintechnische Ausrüstung für den öffentlichen Sektor durch die DHBs beschafft. Bis 2019/20 wird diese Aufgabe bei der staatlichen Pharmaceutical Management Agency (Pharmac) zentralisiert. Die Pharmac schließt dabei nationale Rahmenverträge mit festen Preisen für bestimmte Medizinprodukte. Für Wundmaterial wurde bereits ein erstes Market Share Agreement vereinbart, das den beteiligten Herstellern einen festen Marktanteil zuweist.

Über das nationale Beschaffungsmanagement sollen bis 2025 Einsparungen von insgesamt rund 700 Millionen US$ erzielt werden. Der Markt für Medizinprodukte dürfte sich dadurch konsolidieren. Während in den vergangenen Jahren rund 260 Anbieter in Neuseeland präsent waren, rechnen Branchenkenner nach der vollständigen Übernahme durch die Pharmac mit einem Rückgang auf 60 bis 80 aktive Medizintechnikunternehmen. Der Privatsektor ist in der Beschaffung von Medizintechnik weiter frei. Ein gewisses Mitspracherecht haben jedoch die Ärzte, welche in der Regel nicht bei den privaten Kliniken angestellt, sondern selbstständig sind.

Medizintechnische Geräte müssen in Neuseeland bei der Medicines and Medical Devices Safety Authority (Medsafe) registriert werden. Derzeit arbeitet die Regierung an dem Therapeutic Products and Medicines Bill, welcher die Zulassung umfangreicher regeln soll. Branchenkenner erwarten, dass eine CE-Kennzeichnung oder eine Zulassung in den USA oder Australien anerkannt wird. Künftig dürften jedoch erstmals Zulassungsgebühren für Medizintechnik zu entrichten sein.

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht und Zoll in Neuseeland können Sie unter http://www.gtai.de/neuseeland abrufen. Die Seite http://www.gtai.de/asien-pazifik bietet einen Überblick zu verschiedenen Themen in Asien-Pazifik.

Dieser Artikel ist relevant für:

Neuseeland Gesundheitswesen allgemein, Medizintechnik, allgemein

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