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26.11.2018

Mehr smarte Technologien für Russlands Provinzstädte

Regierung verabschiedet Projektplan und stellt Haushaltsmittel bereit / Von Gerit Schulze

Moskau (GTAI) - Russland macht Tempo bei der Einführung von Smart City-Technologien für seine Kommunen. Nach Moskau und Sankt Petersburg rücken nun kleinere Städte in den Blickpunkt.

Moskau und Sankt Petersburg zählen international bereits zu den Trendsettern bei smarten Lösungen für die Stadtorganisation. Für andere Kommunen in Russland gilt das weniger. Während zum Beispiel in den beiden größten Metropolen über 20 Verwaltungsvorgänge per Smartphoneapplikation erledigt werden können, sind es in Nowosibirsk und Kasan laut Forschungsinstitut NIITS nur vier. Carsharinganbieter sind bislang quasi nur in Moskau und Sankt Petersburg präsent. Ähnlich rückständig ist die Provinz bei elektronischer Parkraumbewirtschaftung, digitalem Energiesparmanagement oder Ladesäulen für Elektroautos.

Das regionale Gefälle bei fortschrittlichen Lösungen für die Stadtentwicklung ist also groß. Russlands Bauministerium hat deshalb Anfang November 2018 einen Projektplan "Smart City" verabschiedet, der im Rahmen der beiden nationalen Projekte "Digitalwirtschaft" und "Wohnraum" umgesetzt werden soll. Aus dem föderalen Budget fließen zwischen 2019 und 2024 rund 13 Milliarden Rubel (173 Millionen Euro, 1 Euro = 75,10 Rubel, Stand: 21.11.2018) in das Vorhaben.

Zum Start hat das Bauministerium rund 20 russische Städte ausgewählt, in denen es Pilotvorhaben umsetzen will. Dazu gehören Millionenstädte wie Jekaterinburg und Perm, aber auch kleinere Ortschaften wie das 30.000 Einwohner zählende Kotowsk bei Tambow oder Satka im Ural. Die Liste wird fortlaufend erweitert und soll einmal rund 50 Kommunen umfassen.

Ziel ist es, die Verwaltungen und Infrastruktur der Städte mit Hilfe digitaler Technologien effizienter zu machen. Über Apps und Webportale sollen die Bürger mehr Einfluss auf die Stadtentwicklung nehmen können sowie Informationen zum Energie- und Wasserverbrauch und ihre Nebenkostenabrechnung aufs Smartphone geschickt bekommen. Dazu muss die kommunale Infrastruktur digital aufgerüstet werden.

In jeder Region entsteht ein Kompetenzzentrum für das Thema Smart City. Das Bauministerium plant Schulungen für die Kommunalverwaltungen, um sie auf die neuen Anforderungen vorzubereiten. Ein Bonus-Malus-System soll Anreize für die Rathäuser schaffen. Städte, die bei dem Thema besonders aktiv sind, bekommen höhere Zuwendungen aus dem Staatshaushalt. Für resistente Verwaltungen sind Kürzungen vorgesehen. Das dürfte allerdings auch dazu führen, dass die Projektpipeline künstlich aufgebläht wird und Vorhaben als "smart" deklariert werden, die lediglich der Stadtverschönerung dienen, wie die Sanierung einer Uferpromenade.

Die Roadmap für die Smart City-Konzeption sieht vor, dass 2020 in fünf russischen Städten der öffentliche Nahverkehr testweise mit autonomen Fahrzeugen erfolgt. Mit Internet of Things-Technologien (IoT) sollen in diesen Städten die Energieversorgung und der Transport organisiert und jede zweite Immobilientransaktion elektronisch abgewickelt werden. Weitere Schwerpunkte sind Messungen der Luftverschmutzung und ein besseres Monitoring des Abfallaufkommens.

Intelligente Zähler für Mehrfamilienhäuser gefragt

Bis 2024 will Russland zu den zehn führenden Ländern bei smarten Kommunaltechnologien zählen. Dann sollen 50 Millionen Bürger in Smart Cities leben, also ein Drittel der Bevölkerung. Dort wird der Kontakt mit der Verwaltung komplett elektronisch erfolgen, ebenso das Monitoring kommunaler Entscheidungen, der Infrastruktur und Energieversorgung. Ziel ist es, in den nächsten sechs Jahren 80 Prozent aller Mehrfamilienhäuser mit intelligenten Zählern auszustatten, die Verbrauchsdaten digital übertragen. Jede siebte kommunale Wohnungsverwaltung soll bis 2024 ihre Leitungssysteme mit digitalen Technologien ausrüsten, die Ferndiagnosen ermöglichen.

Im Bauministerium ist Vizeminister Andrej Tschibis zuständig für die Umsetzung des Smart City-Konzeptes. Die Behörde betreibt eine Datenbank https://russiasmartcity.ru, auf der Anfang November 2018 über 200 Projekte registriert waren. Neben Informationssystemen bezogen sich die meisten Vorhaben auf Transportlösungen, Sicherheit und Energieeffizienz.

Moskau und Sankt Petersburg haben bislang die meisten Projekte angeschoben. Doch auch kleinere Orte wie die Lada-Hochburg Toljatti (15 Vorhaben), die Uralmetropole Jekaterinburg (14) oder die Millionenstädte Perm und Samara (jeweils 10) sind sehr aktiv. Perm erweitert zurzeit den Technologiepark "Morion Digital", in dem sich vor allem Start-ups mit Fokus auf Smart City-Lösungen ansiedeln können. Aktuell sind 30 IT-Firmen auf dem Gelände aktiv.

Bei Kasan entsteht seit 2012 die Satellitenstadt Innopolis, die von Anfang an als Stadt der Zukunft konzipiert wurde (http://www.innopolis.com). Neben einem Universitätscampus und einer Sonderwirtschaftszone für IT-Unternehmen umfasst sie eine Infrastruktur für Elektromobilität und für autonom fahrende Busse sowie Coworking-Büros. In dem Ort sollen einmal 150.000 Einwohner leben.

Kasan selbst gehört ebenfalls zu den Vorreitern bei Smart City. Die Region gilt als Testfeld für Mobilfunk der fünften Generation (5G). Drei Viertel der Bevölkerung haben Zugang zum Breitbandinternet, Patienten können in der tatarischen Hauptstadt ihre Arzttermine online vereinbaren, öffentliche Plätze sind mit WLAN-Hotspots ausgestattet.

Russlands Bauministerium erstellt derzeit eine Liste mit Technologien und Lösungen, die für Pilotprojekte im Bereich Smart City vorrangig benötigt werden. Nach einem Bericht der Wirtschaftszeitung Kommersant zählen hierzu Überwachungskameras, Geräte für die Foto- und Videoregistrierung beispielsweise von Kfz-Kennzeichen, GPS- und Glonass-Tracker für den öffentlichen Nahverkehr, Zähler für den Strom-, Gas-, Wasser- und Wärmeverbrauch, Energiespartechnologien und Chipkarten.

Interesse an internationalen Erfahrungen und Praxisbeispielen

Das Interesse russischer Technologiefirmen an der Zusammenarbeit mit den Städten ist groß. Dazu gehören die Telekomkonzerne Rostelekom, Megafon und MTS, aber auch Staatsholdings wie Rosnano, Rostec oder Rosatom. Zwar kritisieren Experten, dass ein Rückfluss der Investitionen in überschaubaren Zeiträumen selten garantiert sei. Die Zuwendungen aus dem Staatshaushalt versprechen jedoch lukrative Aufträge. Es ist davon auszugehen, dass bei der Auftragsvergabe einheimische Unternehmen im Rahmen der angestrebten Importsubstitution bevorzugt werden. Dennoch bieten sich für Zulieferer und innovative Nischenanbieter Möglichkeiten für neue Geschäfte.

Im Projektplan "Smart City" (russisch: Pasport projekta) ist der Austausch mit internationalen Partnern ausdrücklich erwünscht. Russland will von Best practice-Beispielen in anderen Ländern profitieren und seine eigenen positiven Erfahrungen teilen. Ansprechpartnerin für Kooperationen ist im Bauministerium Maria Derunowa vom Department für städtisches Umfeld (http://www.minstroyrf.ru/about/d/departament-gorodskoj-sredy/).

Pilotstädte für Smart City-Projekte in Russland (Auswahl)
Stadt Region
Dubna Moskauer Oblast
Glasow Republik Udmurtien
Ischewsk Republik Udmurtien
Jekaterinburg Oblast Swerdlowsk
Jelabuga (tatarisch: Alabuga) Republik Tatarstan
Kotowsk Oblast Tambow
Magas Republik Inguschetien
Nischni Nowgorod Oblast Nischni Nowgorod
Nowosibirsk Oblast Nowosibirsk
Nowouralsk Oblast Swerdlowsk
Obninsk Oblast Kaluga
Perm Oblast Perm
Rostow am Don Oblast Rostow am Don
Sarapul Republik Udmurtien
Sarow (geschlossene Stadt) Oblast Nischni Nowgorod
Satka Oblast Tscheljabinsk
Sosnowy Bor Leningrader Oblast
Toljatti Oblast Samara
Tomsk Oblast Tomsk
Ufa Republik Baschkortostan
Weliki Nowgorod Oblast Weliki Nowgorod
Wladikawkas Republik Nord-Ossetien-Alanija
Woronesch Oblast Woronesch

Quelle: Onlineportal Digital Russia (http://d-russia.ru/predstavlen-pasport-proekta-umnyj-gorod.html)

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll und Ausschreibungen in Russland sind unter http://www.gtai.de/russland abrufbar.

Dieser Artikel ist relevant für:

Russland Infrastruktur, Digitalisierung, Urbanisierung, Stadtentwicklung

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