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05.09.2018

Mehr Wettbewerb auf Tschechiens Schienenwegen

Private Anbieter drängen in den Regionalverkehr / Von Gerit Schulze

Prag (GTAI) - Der Eisenbahnverkehr in Tschechien boomt. Davon profitieren neben der Staatsbahn auch private Anbieter. Der Wettbewerb nimmt zu, mehr Investitionen in Schienenfahrzeuge sind geplant.

Der Wettbewerb auf Tschechiens Schienen hat für Komfortzuwachs gesorgt und mehr Kunden angelockt. Seit fast einem Jahrzehnt steigt die Beförderungsleistung. Die dafür maßgebliche Kennzahl "Personenkilometer" - also das Produkt aus beförderten Passagieren und der dabei zurückgelegten Entfernung - erreichte 2017 einen neuen Höchstwert von 9,5 Milliarden. Insgesamt waren 183 Millionen Reisende in den Zügen unterwegs. Die positive Entwicklung setzte sich im 1. Halbjahr 2018 fort.

Noch dominiert der Staatsbetrieb Ceske drahy (CD) das Geschehen, doch die private Konkurrenz holt auf. Hatte CD 2012 noch einen Marktanteil von 97 Prozent, so sank dieser bis 2017 auf 90 Prozent (berechnet nach Gewicht der Züge und zurückgelegter Strecke). Dahinter lagen RegioJet (8,1 Prozent), Leo Express (1,3 Prozent) und GW Train Regio (0,2 Prozent).

Kennziffern im Schienentransport in der Tschechischen Republik
Bezeichnung 2013 2014 2015 2016 2017
Schienennetz (in km) 9.560 9.559 9.566 9.564 9.567
.davon elektrifiziert 3.216 3.216 3.237 3.236 3.237
Lokomotiven (Anzahl) 1.932 1.895 1.920 2.003 2.010
Waggons für Personenverkehr (Anzahl) 4.298 4.331 4.265 4.059 4.070
Waggons für Gütertransport (Anzahl) 33.289 32.870 32.827 34.596 33.057
Beförderte Personen (in Mio.) 174 176 177 179 183
Leistung im Personenverkehr (in Mio. Personenkilometer) 7.601 7.797 8.298 8.843 9.498
Beförderte Güter (in 1.000 t) 83.957 91.564 97.280 98.034 96.516
Frachtvolumen (in Mio. Tonnenkilometer) 13.965 14.574 15.261 15.619 15.843

Quelle: Ministerium für Verkehr der Tschechischen Republik - Statistisches Jahrbuch Verkehr 2017

Schon bald könnten sich die Marktanteile weiter verschieben. Denn Ende 2019 laufen viele Verträge der Staatsbahn CD mit den Regionalverwaltungen aus und der Streckenbetrieb wird neu ausgeschrieben. Private Bahnbetreiber wie RegioJet, Leo Express, GW Train Region und die Tochtergesellschaft der Deutschen Bahn, Arriva, wollen Angebote einreichen.

Die ersten Verhandlungsrunden mit den Regionalverwaltungen laufen bereits, einzelne Neuverträge für die Zeit ab 2020 wurden ausgehandelt. Oft gehört zu den Bedingungen, dass die künftigen Betreiber ihren Fuhrpark modernisieren oder die Waggons bestimmte Qualitätsanforderungen erfüllen müssen. Deshalb stehen große Investitionen in rollendes Material an.

CD hatte Mitte August 2018 seinen bislang größten Tender für die Anschaffung neuer Regionalbahnen veröffentlicht. Geplant ist der Kauf von 120 Zügen für umgerechnet rund 580 Millionen Euro. Die Waggons sollen barrierefrei, klimatisiert sowie mit audiovisuellen Informationssystemen und Wi-Fi-Signal ausgestattet sein. Mit der Bestellung will sich CD einen Vorteil bei den anstehenden Neuverhandlungen der Verträge mit den Bezirken verschaffen.

Schon zuvor hatte der einstige Monopolist 90 Personenzugwagen für den Fernverkehr ausgeschrieben, die rund 180 Millionen Euro kosten sollen. Einen Vertrag über die Lieferung von 50 Waggons für etwa 120 Millionen Euro konnte sich bereits ein Konsortium aus Siemens und Skoda Transportation sichern. Die ersten Züge sollen 2021 geliefert werden und vor allem im grenzüberschreitenden Verkehr zum Einsatz kommen. Außerdem hat CD von den Österreichischen Bundesbahnen ÖBB 31 Schnellzugwagen für fast 14 Millionen Euro gekauft.

Züge werden mit neuer Signaltechnik ausgerüstet

Ein großes Investitionsvorhaben ist die Ausstattung der Züge mit dem europäischen Sicherheitssystem ETCS (European Train Control System). Damit will die Europäische Union die signaltechnische Ausrüstung der Züge in den transeuropäischen Netzen standardisieren und vereinfachen. CD hatte bis Mai 2018 sechs Ausschreibungen für ETCS gestartet und kündigte an, das System in rund 470 Wagen nachzurüsten. Die Kosten dafür werden auf über 180 Millionen Euro geschätzt.

Auch die Konkurrenz schläft nicht. RegioJet schafft derzeit 16 neue Züge des rumänischen Herstellers Astra Vagoane Calatori an sowie vier Lokomotiven vom Typ Bombardier Traxx. Im Juni 2018 hatte das Unternehmen eine Ausschreibung für den Regionalverkehr im Bezirk Usti nad Labem gewonnen und sich gegen CD, aber auch gegen Leo Express und Arriva durchgesetzt. Ab 2019 soll RegioJet zehn Jahre lang Verbindungen zwischen Usti nad Labem, Bilina, Most und Zatec betreiben.

Konkurrent Leo Express hat bei Alstom 15 Dieseltriebwagen der Modellreihe Lint langfristig angemietet. Die Waggons sind modern ausgestattet mit Wi-Fi, USB-Steckern und Klimaanlagen und für Geschwindigkeiten bis zu 120 Kilometern pro Stunde einsatzbereit. Das Unternehmen will sich nach eigenen Angaben mit diesen Triebwagen bei den anstehenden Ausschreibungen der Bezirke bewerben und sie auf Regionalstrecken einsetzen. Außerdem hatte die Privatbahn vor zwei Jahren beim chinesischen Hersteller CRRC drei Züge (Triebwagen) bestellt, die 2018 geliefert werden sollen.

Aktuell verhandelt Leo Express mit dem Bezirk Pardubice über den Zugverkehr auf zwei Strecken, darunter auch eine Verbindung nach Polen. In Deutschland hat Leo Express nach der Insolvenz des Start-ups Locomore im Sommer 2017 dessen Zugverkehr auf der Strecke Stuttgart-Berlin übernommen. Die Tschechen kooperieren dabei mit der FlixBus-Tochter FlixTrain. Seit Juli 2018 betreibt Leo Express eine Zugverbindung von Prag ins polnische Krakow. Außerdem ist ein Zugverkehr zwischen Prag und Berlin geplant.

GW Train Regio (GW), eine Tochtergesellschaft des südböhmischen Bus- und Transportunternehmens CSAD Jihotrans, hat im Juli 2018 den Vertrag mit der Bezirksverwaltung Hradec Kralove über den Zugverkehr zwischen Trutnov und Svoboda nad Upou verlängert. Damit kann das Unternehmen die Strecke auch über den 31. Dezember 2018 hinaus betreiben. Agenturberichten zufolge bekommt GW 2019 auf dieser Strecke Zuschüsse von umgerechnet 3,40 Euro pro Zugkilometer. Vertragsbedingung ist jedoch, die eingesetzten Dieseltriebwagen (Baureihe 816) zu modernisieren. Geplant sind neue Sitze, Toiletten, Infotafeln, Steckdosen und Wi-Fi-Signal.

Staatsbahn CD verliert Aufträge in Südböhmen und Prag

In Südböhmen fährt GW seit Dezember 2017 auf drei Strecken, die zuvor von CD bedient wurden. Der Vertrag hat laut Medienberichten eine Laufzeit von 15 Jahren. Die Regionalverwaltung zahlt für die Personenbeförderung umgerechnet 87 Millionen Euro und spart etwa 10 Prozent im Vergleich zur bisherigen Vergütung der Staatsbahn CD.

Auch die Stadt Prag wechselt ab Dezember 2018 für die Strecke von Roztoky nach Hostivar den Betreiber. Statt CD wird künftig Arriva diese Trasse befahren.

Einen weiteren Aufschwung könnte Tschechiens Personenverkehr auf der Schiene durch die geplanten Rabatte für einige Bevölkerungsgruppen erleben. Ab 1. September 2018 gilt auf allen innerstaatlichen Bus- und Bahnlinien ein Nachlass von 75 Prozent für Schüler und Studenten sowie für über 65-Jährige, in Zügen jedoch nur in der 2. Klasse. Dafür müssen 2019 rund 230 Millionen Euro Steuergelder aufgebracht werden.

Mehr Informationen zu Tschechien finden Sie unter http://www.gtai.de/tschechische-republik

Dieser Artikel ist relevant für:

Tschechische Republik Schienenfahrzeuge, Schienenverkehr

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